Kein Platz in der Herberge

Lage der Christen in Pakistan weiterhin kritisch

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MÜNCHEN, 19. Dezember 2011 (ZENIT.org/KIN). - Im November 2011 reiste eine Delegation des weltweiten katholischen Hilfswerks Kirche in Not nach Pakistan, um sich über die Lage der Christen vor Ort zu informieren. In dieser Reportage berichtet Kirche in Not-Mitarbeiterin Eva-Maria Kolmann über die verzweifelte Lage der Menschen im Land.

Vor zweitausend Jahren wurde zu Bethlehem ein Kind geboren. Seine Eltern wickelten es in Windeln und legten es in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz war. Zweitausend Jahre später irgendwo in der Provinz Sindh in Pakistan: In einem der zahlreichen Elendslager, in denen die Opfer der diesjährigen verheerenden Flutkatastrophe hausen, hängt an einem Bettgestell unter freiem Himmel ein gefaltetes Tuch. Plötzlich streckt sich daraus ein Händchen hervor. Das hellblaue Tuch ist eine Wiege. Das Baby bewegt sich, spielt mit seinen Händen, blinzelt, schaut um sich. So ähnlich muss es gewesen sein, als die Hirten einst das Christuskind fanden. Nur, dass es hier nicht einmal ein Dach über dem Kopf hat. Der Vater nimmt den kleinen Jungen stolz auf den Arm. Man sieht, dass die Eltern das Kind lieben und sich darüber freuen, obwohl sie nichts haben. Vielleicht denken sie aber nicht einmal, dass sie „nichts“ haben, denn sie haben ihre Kinder – und sie haben überlebt.

Millionen Menschen wurden durch die Überschwemmungen der Jahre 2010 und 2011 obdachlos. Die ganze Region ist von Elendsquartieren überzogen. Unter an Stöcken befestigten Stoff- und Plastikfetzen hausen ganze Familien. Einige Lager sehen besser aus. Hier haben internationale Hilfsorganisationen Zelte gestiftet. Aber die meisten der Flutopfer haben kaum einen Schutz gegen die Kühle der Nacht, Regen, Sonne und die schwirrenden Mücken. Von einem Dach über dem Kopf kann keine Rede sein, im besten Fall von einigen Tüchern, im schlechtesten Fall von zerfetzten Lumpen. Die Menschen leben zusammen mit dem wenigen Vieh, das sie retten konnten. Frauen stehen bis zu den Knien in schmutzigen Tümpeln und schöpfen mit Tonkrügen und Kanistern brackiges Wasser.

Immer wieder sieht man von der Straße aus eingestürzte Lehmhütten – das Zuhause dieser Menschen, das nicht mehr da ist. 1,9 Millionen Häuser und 10.000 Schulen wurden durch die Fluten zerstört oder schwer beschädigt, 5,3 Millionen Arbeitsplätze vernichtet. Schon 2010 waren 10 Millionen Kinder von den Überschwemmungen betroffen, darunter 2,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren. Die meisten Familien waren schon vorher arm. Jetzt leben sie in unvorstellbarem Elend. Schon vorher hat in Pakistan eines von zehn Kindern nicht seinen fünften Geburtstag erlebt. Nun ist die Todesrate bei unter fünfjährigen Kindern auf eine halbe Million im Jahr gestiegen. Die meisten davon sterben an Krankheiten, die eigentlich behandelbar wären. Viele sind unterernährt. Jedes einzelne von ihnen hat ein Gesicht und einen Namen.

Aber es gibt auch Hoffnungszeichen. Unter einem Baum sitzt eine Schulklasse und lernt das Alphabet. Fünfundzwanzig buntgekleidete kleine Mädchen und knapp dreißig Jungen sitzen im Kreis und wiederholen aus voller Kehle, was der Lehrer ihnen vorspricht. Ihre Familien haben durch die Flut alles verloren, aber langsam fangen sie an, an die Zukunft zu denken und selbst ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Hier unter diesem Baum wurde erst wenige Tage zuvor mit dem Unterricht begonnen. Langsam geht das Leben weiter. Ein kleiner Junge treibt Ziegen an der Schulklasse vorbei. Fröhlich winkt er. Am Eingang des „Dorfes“, das nur aus elenden Notunterkünften besteht, verkauft ein Händler auf einem einfachen Tisch Zwiebeln, Süßigkeiten und Gewürze. Dass er großen Umsatz damit macht, ist nicht anzunehmen. In Erdlöchern schwimmen ein paar Frösche. Die Menschen essen, was sie kriegen können.

Das Baby in dem Elendslager hatte es jedoch noch gut. Denn seine Eltern haben es lieb. Dieses Glück hat nicht jedes Kind. In dem Ort Kunri führt uns Pfarrer James Kajo in ein bescheidenes Häuschen neben dem Schwesternkloster. Als wir eintreten, fällt der erste Blick auf das Bett. Dort liegt auf einem blauen Kissen ein winziges Etwas in einem blütenweißen Wolljäckchen. Ein braunes Gesichtchen schaut unter einem Mützchen hervor. Vielleicht ein Püppchen? Plötzlich bewegt sich das "Püppchen". Mein Gott, das ist ja ein Baby! Wie klein es ist ... Aber es ist wunderschön, mit feinen Gesichtszügen und lebhaften Augen. Was Pfarrer James uns nun erzählt, lässt uns den Atem stocken. Das Baby sollte von seinen hinduistischen Eltern getötet werden, weil es "nur" ein Mädchen ist. Normalerweise hält in solchen Fällen die ganze Familie dicht, und das Kind "stirbt einfach". Da in Pakistan viele Babys sterben, fällt es niemandem auf. Viel häufiger werden kleine Mädchen jedoch schon vor der Geburt abgetrieben.

Dieses Baby hatte Glück im Unglück, denn es wurde im Krankenhaus geboren. Pfarrer James erfuhr davon, dass das Kind ungewollt war, und rettete die Kleine. Bei Teresa, der Frau des Katecheten, ist die kleine Regina, wie sie nun heißt, in guten Händen. Sie wird geliebt und umsorgt. Getauft werden sollte Regina wenige Tage nach unserem Besuch. An ihrem Kissen hat Teresa bereits ein kleines Kreuz und einen Rosenkranz befestigt, damit das Baby beschützt wird. Shontif, die dreißigjährige Schwester des Priesters, hat ebenfalls bereits drei ungewollte Kinder bei sich aufgenommen.

Für Regina ging die Geschichte gut aus. Ob das kleine Baby, das wir in dem Notlager in seiner hellblauen Wiege gefunden haben, diesen Winter überleben wird, werden wir nie erfahren. Aber noch heute spielt sich millionenfach unter den Augen einer gleichgültigen Weltöffentlichkeit das Drama von Bethlehem ab. Noch heute gibt es für Millionen Menschen keinen Platz in der Herberge. Und vielleicht ist uns heute das Christuskind begegnet. Irgendwo in einem Elendskamp in der Provinz Sindh in Pakistan.