Kein Verständnis des 2. ohne Kenntnis des 1. Vatikanischen Konzils

Vortrag von P. Peter Gumpel im Rahmen einer Tagung über Pius XII.

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Von Britta Dörre

ROM, 25. November 2011 (ZENIT.org). - Im Rahmen der Tagung über Papst Pius XII. und dessen Rolle bei der Vorbereitung des 2. Vatikanischen Konzils „Sulla via del Concilio Vaticano Secondo: la preparazione sotto Pio XII“ („Auf dem Weg zum 2. Vatikanischen Konzil: Vorbereitungen unter Pius XII.“) legte der Postulator im Seligsprechungsprozess von Pius XII.,  Pater Peter Gumpel SJ, in einem äußerst fundierten Vortrag die Situation in und außerhalb der Kirche zwischen dem Ersten und Zweiten Vatikanischen Konzil dar.

Schon der Titel des Kongresses warf die erste Fragestellung auf: zwar sei der Zielpunkt, das Zweite Vatikanische Konzil, genannt, doch der Startpunkt fehle.

Ausgangspunkt, so Pater Peter Gumpel S.J, sei das Erste Vatikanische Konzil (1869-1870), das am 30.10.1870 nicht unterbrochen, sondern dessen Fortsetzung lediglich aufgeschoben wurde. Grundsätzlich habe damit stets die Idee der Vollendung und des Abschlusses des Konzils bestanden.

Die Situation der Kirche im 19. Jahrhundert war bestimmt durch Probleme mit den Anglikanern und Protestanten. Eine ernste Gefahr stellten zusätzlich die äußerst einflussreichen und geheim agierenden Freimaurer dar. Doch auch die Lage außerhalb der Kirche erwies sich nicht als weniger problematisch.

In den Naturwissenschaften hatte man große Fortschritte verzeichnen können. Die fortschreitende Industrialisierung führte zu einer Änderung der sozial-ökonomischen Strukturen. Es war der Beginn der Urbanisation. Extremer Liberalismus und Materialismus, die den Arbeitnehmern keine Rechte zugestanden, drängten die Menschen in den Sozialismus, Kommunismus und Atheismus, das heißt, in eine der Katholischen Kirche feindlich gesonnene Position.

Diesen vielgestaltigen Problemen musste sich die Katholische Kirche stellen. Das Verfassen von Enzykliken reichte nicht mehr aus, um sich dem nicht nur in den Universitäten verbreiteten Liberalismus und Rationalismus zu stellen. Es bedurfte eines Konzils, das nach einigen Vorbereitungen am 8.12.1869 einberufen wurde.

Gleich zu Beginn gab es Schwierigkeiten. Das Dokument, in dem die zu entscheidenden Punkte zusammengestellt worden waren, wurde wegen seiner Länge, Ausführlichkeit, seines professoralen Charakters und seiner mangelnden Eignung als Konzilsdokument von der Kommission abgelehnt. Die überarbeitete Fassung präsentierte sich deutlich straffer, in neun Kapitel gegliedert. Aus Zeitgründen sollten zunächst nur die ersten vier Kapitel in dem Konzil behandelt werden.

Die zu diskutierenden Fragen beinhalteten unter anderem den Punkt „Konstitution“, der sich mit der Jurisprudenz des Papstes als Nachfolger Petri befasste. In diesem Zusammenhang wurde der Begriff der Unfehlbarkeit nicht ausdrücklich erwähnt. Eine Erörterung hätte zwangsläufig die Frage aufgeworfen, ob es sich dabei um ein persönliches Privileg des Papstes oder um ein an die Kirche gebundenes handle. Aus diesem Grund zögerte man, diesen Punkt zu problematisieren.

Dass die Frage der Unfehlbarkeit schließlich doch in den Themenkatalog eingefügt wurde, ist auf eine Indiskretion der Presse zurückzuführen, die sogenannten Döllinger-Artikel. Da die Diskussion über die Unfehlbarkeit nunmehr zu einer öffentlich geführten geworden war, nahm sie die Konzilskommission per Abstimmung als weiteren Punkt an. Die 55 Mitglieder, die der Unfehlbarkeit konträr gegenüberstanden, verließen aus Protest das Konzil, das bereits 1870 unterbrochen werden sollte.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, welche Umstände gut 50 Jahre später zur Wiederaufnahme der Vorbereitungen des Konzils führten.

Unter dem Pontifikat Pius XI. hatte die italienische Regierung ein kirchenfeindliches Dokument veröffentlicht. Papst Pius XI. erteilte dennoch im Februar 1922 den Segen „Urbi et Orbi“. Die Situation war gespannt, und die römische Frage bedurfte einer Lösung.

Man begann deshalb systematisch die Dokumente des Ersten Vatikanischen Konzils zusammenzustellen. Erschwerend dabei kamen die seitdem verstrichene Zeitspanne und die Tatsache hinzu, dass fast alle Teilnehmer des Ersten Vatikanischen Konzils bereits verstorben waren.

1929 schließlich kam es zwischen der italienischen Regierung und dem Vatikan zum Abschluss der Lateranverträge. Das Konkordat enthielt allerdings eine Klausel, die vor allem während des Pontifikates von Papst Pius XII. relevant werden sollte. Die Klausel legte als „conditio sine qua non“ die Neutralität des Vatikans in politischen Angelegenheiten fest. Papst Pius XII. war es deshalb auf der Grundlage des Vertrags untersagt, öffentlich in politischen Angelegenheiten zu intervenieren.

Wegen der politischen Situation in den 30er Jahren war die Idee der Wiederaufnahme des Konzils in weite Ferne gerückt. Die Lage nach dem Zweiten Weltkrieg war katastrophal. Es bedurfte eines materiellen und spirituellen Wiederaufbaus. Wie Pater Peter Gumpel S.J. abschließend darlegte, brach für die Kirche nach dem Ende der konstantinischen Phase der Frühling ein. Bis dato waren große Beiträge geleistet worden, aber noch keine Entscheidung getroffen worden.

Das Konzil wurde schließlich von Papst Johannes XXIII. im Jahr 1959 angekündigt.