Keine Angst vor der Psychologie!

Ein Kommentar zum jüngsten Dokument der Kongregation für das Katholische Bildungswesen über die Aufnahme und Ausbildung von Priesteramtskandidaten

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Von Franz Joseph Baur



WÜRZBURG, 11. November 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Schon an Timotheus ist die Mahnung ergangen: „Leg keinem vorschnell die Hände auf und mach dich nicht mitschuldig an fremden Sünden.“ Denn manchmal liegen die Misslichkeiten nicht auf der Hand, sondern „kommen erst hinterher“ (1 Tim 5, 22–24). Heute liest sich das so: „Can. 1052 CIC stellt fest, dass der Bischof vor der Weihespendung die moralische Sicherheit gewonnen haben muss, dass der Kandidat geeignet ist. Dies soll aufgrund positiver Argumente erwiesen sein. Bei begründetem Zweifel darf er die Weihe nicht vornehmen.“ Auch dass manche Unzulänglichkeit erst „hinterher“ in ihrer Auswirkung sichtbar wird, findet Beachtung: „Irrtümer bei der Entscheidung über die Echtheit der Berufung sind nicht selten, und manche psychischen Mängel..., die für den Priesterberuf ungeeignet machen, treten erst nach der Priesterweihe in Erscheinung. Sie zur rechten Zeit zu erkennen, könnte manche dramatische Situation vermeiden helfen.“ Das sind Zitate aus den jüngsten „Leitlinien“ der römischen Bildungskongregation „für die Anwendung der Psychologie bei der Aufnahme und Ausbildung von Priesterkandidaten“.

Jedoch ist es nicht Angst vor Fehlentscheidungen, von wo aus die Leitlinien konzipiert sind. Vielmehr legt das Dokument eine positive Sicht der Berufungsklärung zugrunde. Es atmet einen Geist des Vertrauens und des Verstehens, zugleich des Realismus und des Respekts. Weder besteht gegenüber dem Priesterkandidaten eine Hermeneutik des Verdachts, noch wird die Psychologie vorwiegend als Instrument zur Entlarvung und Behebung von Störungen gesehen. Menschenkenntnis ist verlangt, Menschenkenntnis auf der Basis des christlichen Menschenbilds, also Menschenkenntnis einschließlich des Glaubens an Gottes Ruf und Gottes Gnade. Wenn diese Menschenkenntnis wissenschaftlich systematisiert, auf breite Erfahrung gestützt, methodisch reflektiert und durch Forschung vertieft zur Verfügung steht, dann umso besser. Deshalb gilt: Keine Angst vor der Psychologie!

Zugleich realistisch und respektvoll wird die Berufung des Priesters gesehen. Der erste Respekt gebührt Gott, denn „jede christliche Berufung kommt von Gott, ist Geschenk Gottes“, wie die Leitlinien gleich im ersten Satz betonen. Deshalb steht die geistliche Dimension am Anfang und am Ende, und das Urteil über die Berufung, das der Kirche obliegt, wird kraft ihrer geistlichen Autorität getroffen. Es ist nicht aus der Zuständigkeit des Bischofs oder Regens an die Kompetenz eines Psychologen übertragbar. „Wohl wissend um das erstaunliche und komplexe Geflecht menschlicher und geistlicher Dynamik der Berufung“ schließt der Respekt vor der geistlichen Dimension, die am Anfang und am Ende steht, gewissermaßen ein Mittelstück ein, nämlich die menschliche Basis von „psychischer und besonders affektiver Ausgeglichenheit“, die es dem Berufenen möglich macht, dem Ruf Folge zu leisten und im Dienst der Kirche tätig zu sein. Hierbei ist es schlicht realistisch, wenn die Leitlinien daran erinnern, dass ein Defizit in dieser menschlichen Basis nicht übersprungen werden kann: „Man darf dabei nicht annehmen, dass darin die Gnade die Natur ergänzt“, wird Papst Johannes Paul II. zitiert.

Wirklichkeitsnah sind die Leitlinien auch deshalb, weil sie den einzelnen Menschen immer in seiner Lebensgeschichte, immer in einer Dynamik sehen, und nie auf etwas festlegen, was als Stärke oder Schwäche einfach da ist oder nicht da ist. Die menschliche Persönlichkeit, in der und durch die sich eine geistliche Berufung verwirklicht, ist folglich nicht einfach gegeben, sondern stellt sich dem Einzelnen stets als Aufgabe zum Wachsen und Reifen dar. Es sind einerseits hohe Ideale, die der Priesterberuf verlangt, und es sind andererseits die Kinder unserer Zeit, geprägt von belastenden Deformationen der heutigen Mentalität, im Einzelfall auch noch von individuellen Schicksalen und Verwundungen, die sich auf den Weg zu diesen Idealen machen. Die erwünschte Reifung auf diesem Weg kann natürlich nicht durch psychologische Maßnahmen bewirkt werden. Das wäre vermessen und wird auch nicht beansprucht. Die Psychologie kann aber hilfreich sein für die Beurteilung und Diagnose von Hemmnissen, für eine eventuelle Therapie im Fall gravierender Störung und für die Unterstützung in der normalen Entwicklung und Reifung.

Leitlinien geben bedeutet, aus der grundsätzlich positiven Erwartung an den Nutzen psychologischer Beratung einige Regeln für das Heranziehen von Psychologen abzuleiten. Solche konkreten Leitlinien gab es bislang nicht. Aber man hat in der Priesterausbildung schon eine Reihe von Erfahrungen mit psychologischer Arbeit gemacht. Die Bildungskongregation war klug genug, sich hier Zeit zu lassen, manches Experiment mit anzuschauen und erst nach langer Beratung ihr klärendes und wegweisendes Wort zu sprechen. Am weitesten vorgeprescht, was die Einbeziehung der Psychologie betrifft, waren die Priesterseminare in den Vereinigten Staaten. Nachdem in Deutschland erst später, langsamer und in geringerem Umfang mit der Psychologie in der Priesterausbildung gearbeitet wurde, bedeuten die Leitlinien hierzulande keine Maßregelung, sondern eine Bestätigung der Arbeit, eher sogar eine Ermutigung zum Ausbau auf diesem Feld. Es stehen auch zunehmend geeignete Psychologen – oft sogar Priester – zur Verfügung, die ihre Arbeit bewusst in den Gesamtzusammenhang einer christlichen Anthropologie stellen. Denn das ist einer der wichtigsten Leitsätze: Der psychologische Experte muss „von einem Menschenbild geleitet sein, das offen die christliche Vorstellung von der menschlichen Person, der Sexualität, der Berufung zum Priester und zum Zölibat teilt“. Wenn also ein Priesterkandidat von seinem Gottesglauben erzählt, von seiner Opferbereitschaft und von seinem Bemühen um die zölibatäre Lebensform, dann soll der Psychologe darin kein Probleme sehen, von denen der Klient zu befreien ist, sondern Ideale und Werte, die es zu verwirklichen lohnt.

Außer der Rücksicht hin zur geistlichen Dimension nennt das Dokument noch weitere Grenzen, die zu respektieren sind. Die Seminarerzieher haben die spezifisch psychologische Fachkompetenz, die sie selbst nicht besitzen, zu achten und folglich das laienhafte Anwendungen spezieller Methoden auf eigene Faust zu unterlassen. Vor allem wird auf eines immer wieder hingewiesen: Die persönliche Integrität und Intimität des Priesterkandidaten ist unbedingt zu schützen. Die Anwendung der Psychologie darf nur geschehen, wenn der Kandidat gut darüber informiert ist und freiwillig und ausdrücklich vorher zugestimmt hat. Außerdem wird der Umgang mit dem Ergebnis streng auf die Berufungsklärung eingeschränkt und genauen und transparenten Regeln unterworfen, die einen unbefugten oder willkürlichen Gebrauch ausschließen.

Folgt man den Leitlinien, kann es prinzipiell keinen Gegensatz zwischen dem Wohl des Kandidaten und dem Wohl der Kirche (das heißt ihrer Verantwortung für die Auswahl geeigneter Priester) geben. Das heißt für den Kandidaten, dass er nicht auf seine subjektive Überzeugung, berufen zu sein, pochen und der Kirche „seine persönlichen Bedingungen“ für den Weg der Klärung und Ausbildung „aufzwingen“ kann, etwa ob es ihm guttut oder nicht, sich einer psychologischen Beratung zu unterziehen. Vermag er sich nicht von sich aus zur „aufrichtigen und vertrauensvollen Offenheit“ durchzuringen, vermag er als direkt Betroffener nicht in „Demut und Bereitwilligkeit die Normen und Bedingungen der Kirche anzunehmen“ (wobei die Leitlinien hier eine gemeinsame Verantwortung für das Vertrauensklima zwischen Alumnen und Seminarerziehern anmahnen), dann wird er sich nicht freiwillig auf die psychologische Beratung einlassen. Sie wird dann nicht stattfinden. Aber das hat Konsequenzen im Sinn der oben schon zitierten kirchenrechtlichen Bestimmung: Dann ist fraglich, ob die erforderliche positive Feststellung der Eignung des Kandidaten getroffen werden kann.

Zu solchen Konflikten kommt es in der Praxis tatsächlich. So gehen die Leitlinien nicht umsonst auch auf den Fall ein, dass ein Kandidat nach der Entlassung oder dem freiwilligen Austritt, der einer Entlassung womöglich zuvorkommt, in einem anderen Seminar um erneute Aufnahme bittet. Hier wird weitgehende Transparenz angemahnt. Doch sind der Konflikt und der Versuch einer Umgehung der offenen und kooperativen Berufungsklärung, auch mit Hilfe der Psychologie, die Ausnahme. Unter Priesterkandidaten und Priestern in Deutschland sind inzwischen viele, deren positive Erfahrungen mit der psychologischen Beratung sich herumgesprochen haben.

An sich arbeiten und an sich arbeiten lassen

Deshalb besteht grundsätzlich die vertrauensvolle Bereitschaft zur Anwendung der Psychologie, sowohl bei den Alumnen wie auch bei den Seminarverantwortlichen, sei es im Rahmen des Aufnahmeverfahrens im Seminar, sei es für besondere Fälle oder Situationen während der Ausbildung, sei es mit einem fest angestellten und von der Kirche für diese Arbeit beauftragten Experten (der freilich nicht Mitglied im Ausbildungsteam ist), sei es mit einem losen Pool von Ansprechpartnern. Ja, es besteht sogar vielfach ein ausdrückliches Interesse, während der Ausbildung nicht nur theoretische humanwissenschaftliche Kenntnisse im Studium zu erwerben, sondern die Psychologie auch in der unmittelbaren Praxis an der eigenen Seele zu erfahren. An Menschenkenntnis, wie sie der zukünftige Seelsorger braucht, kann er nur gewinnen, indem er an sich selbst arbeitet und arbeiten lässt. Diesen Aspekt kennt die deutsche Rahmenordnung für die Priesterbildung. Die Leitlinien sprechen ihn nicht ausdrücklich an. Aber er fließt in die Ausbildung der Priesteramtskandidaten als wertvolles Nebenprodukt ein, wenn sie den Leitlinien folgt und mit der dort gewiesenen Klugheit die Zusammenarbeit mit einer Psychologie von der dort gewiesenen Güte sucht. Das ist in Deutschland auf breiter Linie der Fall.

[Der Autor ist Regens des Priesterseminars St. Johannes der Täufer - München; © Die Tagespost vom 11. November 2008]