Keine „Fast-Food-Musik“, sondern „Kraftsuppe“ und Vertiefung der Freundschaft mit Christus

P. Karl Wallner OCist über den Gregorianischen Choral und die Erfolgs-CD „Chant – Music for Paradise“

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HEILIGENKREUZ, 30. Mai 2008 (ZENIT.org).- „Wenn ich meine Freundschaft mit Jesus intensivieren möchte, dann knie ich mich vor dem Allerheiligsten nieder. Der Gregorianische Choral ist eher eine Gebetsform, in der es nicht um Anfangen oder Intensität geht, sondern er ist wie das tägliche Brot - so kann man sein Leben lang singen“, bekräftigt Professor P. Dr. Karl Wallner OCist, Rektor der Päpstlichen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz.

Im ZENIT-Gespräch über die vor kurzem veröffentlichte CD der Zisterzienser, die nicht nur in Großbritannien die ersten Plätze der Charts erobert, die Merkmale des Gregorianischen Chorals und Musik als Weg zur Freundschaft mit Christus betont P. Karl Wallner, der auch für die Öffentlichkeitsarbeit des Stiftes Heiligenkreuz zuständig ist: „Der Gregorianische Choral verbreitet in der Tiefe des Herzen Harmonie, Frieden und Trost.“ Musik könne zu Gott führen, sie „kann das Herz öffnen und die Seele erheben und mit Gott verbinden“.

Die neue CD ist in seinen Augen ein „kleines sakramentales Geschenk“ - für jedes Publikum.

ZENIT: Chant - Music for Paradise nennt sich die überaus erfolgreiche Choralmusik-CD der Heiligenkreuzer Zisterzienser, die seit dem 16. Mai erworben werden kann. Es hat also ganz den Anschein, dass Ihr Gregorianischer Choral durchaus auch „Musik für die Welt“ ist. Wie erklären Sie sich das?

P. Karl Wallner: Der Erfolg der CD, auf der unser tägliches Gebet zu Gott zu hören ist, das wir in den heiligen Traditionen der Kirche und des Ordens auf der Grundlage der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils singen, ist einerseits erstaunlich. Dass sich eine so weltlich gewordene Welt plötzlich für lateinischen, einstimmigen, sanften und harmonischen Choral interessiert, ist vor allem deshalb verblüffend, weil unsere CD in den Pop-Charts ist!

Sie ist in England nicht nur in der Klassik-Sparte die Nummer eins, sie ist auch unter unter den ersten zehn der Hitliste, wo sonst nur Pop und ähnliches zu finden ist. Auch in den Supermärkten ist unsere CD von den Verkäufern lustigerweise unter „Pop“ eingeordnet!

Meine Interpretation ist folgende: Die säkulare Musik ist an einen toten Punkt gekommen; sie schafft in einer Stress geplagten und Nerven zehrenden Welt nur noch mehr Stress und noch mehr Nervenverschleiß. Die Kirchenmusik war immer eine Oase des Durchatmens der Seele, und ganz besonders der Gregorianische Choral. Und viele Menschen haben offensichtlich eine große Sehnsucht nach solchen Oasen.

Wir merken es auch bei uns seit Jahren, dass junge Leute, die wir zu unserem Chorgebet zulassen, dann still und fasziniert dabeisitzen und nachher schwärmen, wie „cool“ es gewesen ist. Also offensichtlich gibt es einen Instinkt in den kranken Menschenherzen, der sie nach Medizin suchen lässt. Und der Gregorianische Choral ist so eine Medizin für die Seele.

ZENIT: Vor kurzem sagte der Heilige Vater, dass wahre Musik und generell wahre Kunst den Menschen nicht von seinem Alttag, der täglichen Wirklichkeit entfremde. Trifft das auch für den Gregorianischen Choral zu?

P. Karl Wallner: Unser Chorgebet, wo wir im Gregorianischen Choral Gott loben und preisen, empfinde ich als eine Zeit der Entspannung und der geistigen Erhebung. Der heilige Benedikt nennt es freilich „Werk für Gott“, lateinisch „Opus Dei“. Also es ist kein bloßes Nichtstun, kein bloßes faules und sinnleeres Aus-Chillen, sondern ein höchst sinnerfülltes Tun, ein „Werk“, aber eben ein Werk für Gott.

Und es ist bei der wahren Musik nicht nur so, dass der Mensch singt, sondern dass hier eine Dimension des Ewigen durch den Menschen dringt und sich durch den Menschen Gehör verschafft. Warum hat man sonst den Gregorianischen Choral immer den „Gesang der Engel“ genannt? Weil man gespürt hat, dass hier von einer anderen Welt etwas herüberdringt und herüberklingt, das man nicht in den bloßen Koordinaten von Takt, Harmonie und Notensatz bemessen kann. Und darum entfremdet diese Form der Musik nicht dem Alltag, sondern heilt die Wunden des Alttags und stärkt zu seiner Bewältigung.

ZENIT: Was sind eigentlich die besonderen Merkmale dieser gesungenen Gebetsform, die ja im Kloster zum „täglichen Brot“ gehört?

P. Karl Wallner: Der Gregorianische Choral ist uralt. Er entsteht im ersten Jahrtausend, geht wohl schon auf das vierte Jahrhundert zurück und ist in vielen Dimensionen hingeordnet auf das Göttliche:

Erstens: Die Texte sind zumeist Zitate aus der Bibel: also Gottes Wort, das aus dem Mund von Menschen an Gott zurückgesungen wird.

Zweitens: Die Komponisten der Melodien waren fromme, anonyme gottgeweihte Menschen, wohl meist Mönche, die nicht zu eigenem Starruhm Musik entworfen haben, sondern hinter ihrem Werk in die völlig Unbekanntheit zurücktreten wollten. Also Menschen haben in ihrem Streben nach Heiligkeit etwas Heiliges geschaffen.

Drittens: Der Choral ist deshalb so faszinierend, weil er außerhalb unseres normalen Erfahrung von Musik liegt. Es gibt keine Tonarten Dur und Moll, sondern acht Kirchentöne; es gibt keine Takte, keine feststehende Rhythmik, er ist einstimmig. Also er klingt anders als alles andere, was wir heute an Musik kennen. Zugleich steht er an der Wurzel von allem, was sich dann an Musik entwickelt hat.

Viertens: Vor allem aber ist der Choral gesungenes Gebet. Wir singen ihn immer in Richtung zum Altar, also nicht für die Leute, sondern für Gott. Deshalb könnten wir übrigens mit unserem Choral nie auf Tournee gehen, weil es immer Gebet ist. Auch die Aufnahmen der CD „Chant - Music for Paradise“ waren vom Gebet getragen.

ZENIT: Im Monat Juni wird der Papst unter anderem darum beten, dass wir und alle Christen eine tiefe persönliche Freundschaft zu Christus pflegen, um so seine Liebe auch bezeugen zu können. Inwiefern kann Musik und Gesang in diese Freundschaft einführen und sie vielleicht sogar vertiefen? Gibt es bestimmte Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit es wirklich zu einer Christusbeziehung kommen kann? Oder führt Musik an sich schon im Letzten zu Gott und somit zu Christus?

P. Karl Wallner: Als Jugendlicher habe ich durch den Rosenkranz beten gelernt. Wenn ich meine Freundschaft mit Jesus intensivieren möchte, dann knie ich mich vor dem Allerheiligsten nieder. Der Gregorianische Choral ist eher eine Gebetsform, in der es nicht um Anfangen oder Intensität geht, sondern er ist „wie das tägliche Brot“ - so kann man sein Leben lang singen! Die Herzensbeziehung zu Jesus ist dabei aber schon die Voraussetzung.

Bei unserer Jugendvigil, wo monatlich zwischen 200 und 300 Jugendliche kommen, singen wir darum ein Stück Gregorianischer Choral zur Einstimmung. Da geht es darum, dass die jungen Leute in die Ruhe kommen. Und dann singen wir die wunderschönen neuen geistlichen Lieder, die die Kraft haben, wirklich die Herzen der Jugendlichen zu einer persönlichen Jesusbeziehung zu bewegen. Und wir beten ein Stück Rosenkranz, und wir knien mit den Jugendlichen in Stille anbetend vor dem Allerheiligen und lehren sie, im Herzen ein „Du“ zu Jesus zu formen, in diesen Herzensdialog einzutreten.

Also nochmals zur Frage: Ja, Musik kann zu Gott führen, kann das Herz öffnen und die Seele erheben und mit Gott verbinden.

ZENIT: In Ihrem neuen Buch setzen Sie sich vehement dafür ein, die Freude am christlichen Glauben zu verbreiten und aktiv zu propagieren. Sind die Gebetsgesänge, die nun auch auf CD erhältlich sind, konkreter Ausdruck der Freude, die Sie im Blick haben? Was sind die Wurzeln dieser Freude?

P. Karl Wallner: Ja! Die CD „Chant - Music for Paradise“ ist aus der Freude entstanden, und sie führt zur Freude. Und zwar gerade deshalb, weil auf ihr Gesänge aus unserer Totenliturgie sind. Das ganze Requiem ist auf der CD, also die Totenmesse.

Freude?! Ja, denn die eigentliche Freude ist doch die über das ewige Leben. Wir haben das heuer im Stift Heiligenkreuz im Februar tief erlebt, als – nachdem fünf Jahre kein Mitbruder gestorben war – gleich drei Mitbrüder innerhalb von 16 Tagen gestorben sind. Einer davon im Alter von 100 Jahren; er saß unter den Nazis noch in der Todeszelle...

Jedenfalls war es für die vielen jungen Mönche, die in den letzten Jahren bei uns eingetreten sind und das erste Mal das fromme Sterben von Mitbrüdern erlebten, ein starker Eindruck, die erhebenden Gesänge der Totenliturgie zu erleben. Es gibt keine erhebendere Liturgie im Klosterleben als die Totenliturgie, weil dann einer von uns dort angekommen ist, wohin wir alle wollen: in der ewigen Gemeinschaft mit Gott. Darum heißt die CD ja „Musik für das Paradies“.

ZENIT: Eine letzte Frage: Können auch unmusikalische Menschen etwas mit dem Gregorianischen Choral anfangen, oder ist er etwas für Spezialisten? Und was erhoffen Sie sich von der Verbreitung Ihrer CD?

P. Karl Wallner: Die CD ist etwas für alle. Ich glaube, auch für junge Leute. Entsprechend viele Rückmeldungen habe ich jedenfalls.

Als ich mit 18 eingetreten bin, war allerdings für mich zuerst der Choral ungewohnt. Heute liebe ich ihn heiß, weil es wirklich keine Fast-Food-Musik ist, die zur Verfettung und Trägheit der Seele führt, sondern sie ist - um im Bild zu bleiben - eine Kraftsuppe, ein Protein-Shake.

Der Gregorianische Choral verbreitet in der Tiefe des Herzen Harmonie, Frieden und Trost. Und ich möchte noch etwas Persönliches anfügen, weil ich als katholischer Dogmatiker glaube, dass sich das Göttliche sakramental in das Irdische einprägen kann: Wir erleben in unserem Kloster eine gnadenhafte Zeit, weil wir in einer großen Verbundenheit mit der Kirche, mit dem Papst, mit dem Lehramt stehen. Diese innere Harmonie mit dem Ganzen, die in den Herzen der 17 Sänger ist, kann man, so glaube ich, hören. Und so ist diese Musik auch ein kleines sakramentales Geschenk, das Gott durch uns einer weltlichen Welt machen wollte.

[Das Interview führte Dominik Hartig]