Keine verdunkelte und relativierte Botschaft:

Zum Christentum gehört, Skandal in der Welt zu sein

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FREIBURG, 25. September 2011 (ZENIT.org). – Papst Benedikt ist am Ende seines viertägigen Besuchs in Deutschland in der Freiburger Konzerthalle mit ca. 1.500 in der Gesellschaft engagierten Katholiken zusammengetroffen. Darunter befanden sich auch der Bundespräsident mit seiner Gattin, Vertreter der Wissenschaft, Kultur, Medien, Wirtschaft, Arbeitgeber, Gewerkschaften und Politik. Ebenso auch der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann, die Bundesminister Dr. Hans-Peter Friedrich und Dr. Annette Schavan, Generalbundesanwältin Prof. Monika Harms und Bundesverfassungsrichter Prof. Udo Di Fabio sowie Showmaster Thomas Gottschalk.

In seiner Ansprache erinnerte er daran, dass es nicht Aufgabe der Kirche sei, sich der Welt und deren Ansprüchen anzupassen, sondern vielmehr, „beherzt die Weltlichkeit der Kirche abzulegen.“

Durch den  Rückgang der religiösen Praxis werde oft die Frage aufgeworfen, ob die Kirche sich nicht in ihren Ämtern und Strukturen der Gegenwart anpassen müsse, um die suchenden Menschen von heute zu erreichen. Die Antwort des Papstes auf diese Frage war ein klares Nein. Gerade die rechte Distanz zur Umgebung sei das Gebot der Stunde.

Das grundlegende Motiv einer Änderung sei die apostolische Sendung der Jünger und der Kirche selber. Es gehe nicht um eine Erneuerung, wie sie ein Hausbesitzer durch die Renovierung oder einen neuen Anstrich vornehme. Es ginge auch nicht um eine Korrektur, um wieder auf Kurs zu kommen.

Diese apostolische Sendung habe verschiedene Aspekte. Zum einen das persönliche Zeugnis, das in Beziehungen zum Ausdruck komme und eine universale Botschaft weitergebe „Verkündet das Evangelium allen Geschöpfen.“ Durch die Sachzwänge der Welt werde aber immer wieder dieses Zeugnis verdunkelt und die Botschaft relativiert. Um also ihre Sendung zu verwirklichen, müsse die Kirche also immer wieder auf Distanz zu ihrer Umgebung gehen, sie habe sich zu ent-weltlichen.

Die Sendung der Kirche komme vom Geheimnis des Dreieinigen Gottes her, der wesenhaft Liebe sei. Diese göttliche Liebe wolle nicht für sich sein, sondern sie wolle sich verströmen. Gott sei nicht Mensch geworden, um die Welt in ihrer Weltlichkeit zu bestätigen und ihr Gefährte zu sein, der sie so lasse, wie sie sei. Zum Christusgeschehen gehöre, dass es einen Austausch zwischen Gott und dem Menschen gebe, in dem beide Gebende und Nehmende, Schenkende und Empfangende sind. Das Christentum wisse, dass Gott dem Menschen Freiheit schenke, damit er wirklich Partner sein könne und mit Gott in Tausch treten. Diesem ungleichen Tausch verdanke sich die Kirche.

Sie finde ihren Sinn ausschließlich darin, Werkzeug der Erlösung zu sein, die Welt mit dem Wort Gottes zu durchdringen, die Welt durch die Einheit mit der Liebe Gottes zu verwandeln.

In der Geschichte der Kirche habe sich leider auch immer die gegenläufige Tendenz gezeigt, dass nämlich die Kirche sich in dieser Welt einrichte, selbstgenügsam werde und sich den Maßstäben der Welt angleiche. Um aber ihrem Auftrag zu genügen, müsse sich die Kirche immer die Anstrengung unternehmen, sich von der Weltlichkeit der Welt zu lösen.

In gewisser Weise hätten die verschiedenen Epochen der Säkularisierung wesentlich zur Läuterung und Reform der Kirche beigetragen. Sie hätten durch die Enteignung von Kirchengütern, die Streichung von Privilegien und Ähnlichem eine tiefgreifende Ent-Weltlichung der Kirche zur Folge gehabt, die dabei ihres Reichtums entblößt wieder ganz ihre weltliche Armut angenommen habe.

Damit sei auch das missionarische Wirken der Kirche wieder glaubhaft geworden. So habe sie ihre Berufung zur Anbetung Gottes und zum Dienst am Nächsten wieder unbefangener leben können.

Christliche Anbetung, die auch die Struktur bestimmen solle, sei missionarische Pflicht. Sie öffne sich der Welt, nicht, um die Menschen für eine Institution mit eigenen Machtansprüchen zu gewinnen, sondern um den Menschen zu sich selbst zu führen, indem sie den Menschen zu dem führt, von dem Augustinus sagen kann: „Er ist mir innerlicher als ich mir selbst.“

Es gehe also nicht darum, neue Taktiken zu finden, um der Kirche wieder neue Geltung zu verschaffen, sondern darum, jede bloße Taktik abzulegen und nach der totalen Redlichkeit zu suchen, die ganz im heute den Glauben vollziehe. Der Skandal des Glaubens, der zum Christentum gehört, dürfe nicht durch Skandale seiner Amtsträger übertönt werden, dies sei eine gefährliche Entwicklung. Um so mehr sei die Zeit gekommen, die Weltlichkeit der Kirche beherzt abzulegen.

Allerdings hätten sich auch die karitativen Werke der Kirche immer neu dem Anspruch einer angemessenen Ent-Weltlichung zu stellen, sollen ihr nicht angesichts der zunehmenden Entkirchlichung ihre Wurzeln vertrocknen.

„Nur die tiefe Beziehung zu Gott ermöglicht eine vollwertige Zuwendung zum Mitmenschen“, betonte der Papst. Er schloss: „Offensein für die Anliegen der Welt heißt demnach für die ent-weltlichte Kirche, die Herrschaft der Liebe Gottes nach dem Evangelium durch Wort und Tat hier und heute zu bezeugen, und dieser Auftrag weist zudem über die gegenwärtige Welt hinaus; denn das gegenwärtige Leben schließt die Verbundenheit mit dem Ewigen Leben ein.“ [jb]