Kenntnis der lateinischen Sprache (Nachfolge-Artikel)

Vielfalt in der Liturgie ist ein Reichtum

Rom, (ZENIT.org) Edward McNamara LC | 368 klicks

P. Edward McNamara, Professor für Liturgie und Studiendekan der Theologischen Fakultät am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ in Rom, nimmt weiter zum Thema „Messe in lateinischer Sprache“ Stellung.

Unser Artikel vom 13. Juni über die Kenntnis der lateinischen Sprache hat recht lebhafte und unterschiedliche Reaktionen ausgelöst.

Ein Leser schrieb: „Im Hinblick auf den neuen Akzent, der auf den Gebrauch der lateinischen Sprache gesetzt wird, besteht meine Sorge darin, dass die Gemeinde nicht versteht, was gesagt wird. Aus welchem Grund hat die Konstitution über die Heilige Liturgie vom II. Vatikanischen Konzil überhaupt erst zum Gebrauch der Landessprache in der Messfeier ermutigt? Der Gebrauch der lateinischen Sprache scheint die Gemeinde daran zu hindern, zu einer im vollen Sinne tätigen Teilnahme zu gelangen. Warum wird der Ritus in der außerordentlichen Form überhaupt hervorgehoben und erlaubt?“

Ein weiterer Leser kommentierte von einem ganz anderen Blickwinkel aus:

„Bei der Lektüre des Artikels hatte ich den Eindruck, dass für Sie und für viele Menschen die Feier der hl. Messe in lateinischer Sprache (in der ordentlichen oder außerordentlichen Form) etwas Besonderes darstellt und ein bisschen komisch ist – dass es sich um etwas handelt, was einem gewissen privilegierten Kreis oder besonderen Umständen vorbehalten ist. Wäre es nicht gut gewesen, daran zu erinnern, welchen ureigenen Platz die Konstitution Sacrosanctum Concilium der lateinischen Sprache in der Liturgie zuwies (Nr. 36 u. 54)?“

„Wie kann ein Priester der lateinischen Sprache nicht mächtig sein? Ist das etwa normal? Müssen wir uns damit abfinden, dass in der Lateinischen Kirche nur solche Priester über ein grundlegendes Wissen in der lateinischen Sprache verfügen, die sich persönlich darum gekümmert haben? Deswegen fand ich Ihre Antwort zwar sehr interessant, doch nicht ganz zufriedenstellend. Ich hätte gerne, Sie würden auf dieses Thema noch einmal zu sprechen kommen, um zu erklären, dass die Kirche Anstrengungen unternehmen muss, damit Priester und Gläubige die lateinische Sprache besser kennen. Wäre es nicht korrekt gewesen, Canon 928 und 249 aus dem Codex des kanonischen Rechts sowie Sacramentum Caritatis, Nr. 62 zu zitieren?“

„62. Diese Aussagen sollen jedoch den Wert dieser großen Liturgien nicht schmälern. Ich denke in diesem Moment besonders an die Zelebrationen, die während der heute immer häufigeren internationalen Treffen stattfinden. Sie müssen in rechter Weise genutzt werden. Um die Einheit und die Universalität der Kirche besser zum Ausdruck zu bringen, möchte ich empfehlen, was die Bischofssynode in Übereinstimmung mit den Richtlinien des Zweiten Vatikanischen Konzils vorgeschlagen hat: Es ist gut, wenn außer den Lesungen, der Predigt und den Fürbitten der Gläubigen die Feier in lateinischer Sprache gehalten wird; ebenso sollen die bekanntesten Gebete aus der Überlieferung der Kirche in Latein gesprochen und eventuell einige Teile in gregorianischem Choral ausgeführt werden. Ganz allgemein bitte ich darum, dass die zukünftigen Priester von der Seminarzeit an darauf vorbereitet werden, die heilige Messe in Latein zu verstehen und zu zelebrieren sowie lateinische Texte zu nutzen und den gregorianischen Choral zu verwenden. Man sollte nicht die Möglichkeit außer Acht lassen, dass auch die Gläubigen angeleitet werden, die allgemeinsten Gebete in Latein zu kennen und gewisse Teile der Liturgie im gregorianischen Stil zu singen.

„Man kann auch auf das am 28. Januar 2011 veröffentlichte Dokument der Kongregation für die katholische Erziehung, das Dekret über die Reform des kirchlichen Philosophiestudiums, hinweisen. In diesem Dokument (Art. 60) wird daran erinnert, dass Latein ein vorgeschriebenes Fach ist, das mindestens zwei Jahre lang gelehrt werden muss, damit die Studenten die philosophischen Schriften, die in dieser Sprache abgefasst sind (besonders die der christlichen Autoren), verstehen.“

Außerdem haben wir da das Motu proprio, mit dem Benedikt XVI. am 10. November 2012 die Päpstliche Akademie Latinitas errichtet hat (mit Hinweis auf Optatam Totius, Nr. 13), welche die Bedeutung der lateinischen Sprache in Bezug auf die Liturgie betont.

„Noch zu ihrer Zeit haben Papst Johannes XXIII. und Papst Paul VI. betont, wie notwendig die Lateinkenntnisse sind: der hl. Papst Johannes XXIII. in seiner Apostolischen Konstitution Veterum Sapientiae (22. Februar 1962), Papst Paul VI. in den beiden Apostolischen Schreiben Summi Dei Verbum (4. November 1963) und Studia Latinitatis (22. Februar 1964). Im Dekret des II. Vatikanischen Konzils Optatam Totius, heißt es: ‚Vor Beginn der eigentlichen kirchlichen Studien sollen die Alumnen den Grad humanistischer und naturwissenschaftlicher Bildung erreichen, der in ihrem Land zum Eintritt in die Hochschulen berechtigt. Sie sollen zudem so viel Latein lernen, dass sie die zahlreichen wissenschaftlichen Quellen und die kirchlichen Dokumente verstehen und benützen können. Das Studium der dem eigenen Ritus entsprechenden liturgischen Sprache muss als notwendig verlangt werden; die angemessene Kenntnis der Sprachen der Heiligen Schrift und der Tradition soll sehr gefördert werden.‘ (Nr. 13)”

Meiner Meinung nach hat unser erster Leser mit seiner Befürchtung nicht Recht, dass ein vermehrter Gebrauch der lateinischen Sprache eine Gefahr darstellt. Wie im zweiten Leserbrief korrekt gezeigt wird, lag es nie in der Absicht des II. Vatikanums, die lateinische Sprache völlig abzuschaffen. Die Kirche hat immer wieder zu ihrem Gebrauch ermutigt und ausdrücklich den Wunsch geäußert, dass die Gläubigen die wesentlichen lateinischen Antworten sowie die einfacheren gregorianischen Gesänge, die bei der Messfeier benutzt werden, kennen sollten.

Persönlich trete ich dafür ein, dass es von der hl. Messe, die in der ordentlichen Form in lateinischer Sprache gefeiert wird, ein breites Angebot geben sollte. Meiner Meinung nach sollten selbst dann, wenn die Messe in der Landessprache gefeiert wird, allgemein bekannte lateinische Gesänge wie das Gloria, Sanctus und Agnus Dei so regelmäßig wie die entsprechenden Gesänge in der Landessprache verwendet werden.

Wahr ist auch, dass aus zahlreichen, nicht ganz einfachen Gründen und gegen die Verfügungen des Kirchenrechts mehrere Generationen von Priestern während ihrer Ausbildung nur minimal mit der lateinischen Sprache in Kontakt gekommen sind. Wie unser zweiter Leser bemerkt hat, wurde dieser Situation in den letzten Jahren theoretisch und praktisch entgegengewirkt.

Es ist berechtigt, sich die Frage zu stellen, inwieweit man den Gottesdienst verstehen muss, damit er einen Wert hat. Hierauf gibt es keine einfache Antwort. Sofern man den Anspruch erhebt, zum Gottesdienst gehöre es wesentlich, dass man ihn versteht, dann ziehen wir damit die Authentizität des Gottesdienstes unzähliger Katholiken in Zweifel, an dem diese während eines Großteils der Kirchengeschichte teilgenommen haben– einschließlich des Gottesdienstes vieler Heiliger. Auch heutzutage versteht wahrscheinlich nicht jeder Gläubige, der zur lateinischen Messe geht, diese Sprache, doch gleichzeitig fällt es schwer, zu behaupten, dass diese Menschen bei solchen Feiern nicht auf authentische Weise am Gottesdienst teilnehmen.

Obwohl es vielen großen Nutzen bringt, wenn sie die Sprache verstehen, stellt der Gebrauch der Landessprache lediglich ein hilfreiches erstes Niveau dar, das aber für sich genommen unzureichend ist. Die Liturgie ist wie ein kompliziert gewirkter Teppich, der mit Bezugnahmen auf die Bibel, Zeichen und Symbolen geknüpft ist. Man wird die Liturgie immer erklären und vermitteln müssen. Selbst wenn der Gläubige alle Worte versteht, kann er sie nicht unbedingt in all ihrem biblischen und theologischen Reichtum erfassen. Leistet er oder sie deswegen etwa in irgendeiner Weise keinen authentischen Gottesdienst? Ich bezweifle das doch sehr. Gott verlangt von keinem, dass er ein Diplom in Theologie hat, damit er die Herrlichkeit erlangen kann.

Dass die Kirche sich jetzt mehrere Optionen in der Liturgie offen hält, sollte man als eine Bereicherung ansehen und nicht als etwas, was man ablehnen sollte. Es ist ein Zeichen dafür, dass die Kirche ganz lebendig ist, dass sie sich für neue Wege öffnet, ohne dabei die guten Dinge zu verwerfen, die sie zu dem gemacht haben, was sie heute ist.

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC aus dem englischen Originalartikel