Kind aus dem Glasröhrchen unter allen Umständen

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 480 klicks

(Aus Ihrem Brief mit vielen Fragen, sondere ich das ab, was für Sie am wichtigsten ist.)

Diesen Brief schreibe ich, weil ich auf Gottesgnade und Gotteshilfe hoffe. Ich bete... Ich befinde mich in schwerer Versuchung. Mein Ehemann und ich wünschen  uns ein Kind. Aber wegen seiner Erkrankung können wir das, nach dem Ratschlag des Arztes, nur durch künstliche Befruchtung erreichen. Ich habe Angst, nicht nur vor Schmerzen und Risiken, nachdem ich die Broschüre durchgelesen habe, sondern auch davor, dass diese Art Kinder zu bekommen, Sünde bedeutet. Ich möchte nicht Gott verletzen. Ich möchte weder physische und psychische Schmerzen ertragen, noch ohne Kinder sein, noch fremde Kinder adoptieren. Die verlassenen Kinder tragen keine Schuld, das ist mir klar, aber sie könnten kranke Gene von ihren Eltern geerbt haben. Denn, welcher normale Elternteil gibt sein Kind, ohne große Not, in eine Anstalt weg, die das Kind an fremde Eltern weiter gibt? Wir wünschen uns ein eigenes Kind...

In mir herrscht Kampf zwischen Angst und dem Wunsch nach dem Kind. Wenn der Wunsch nach Kindern siegt, der Wunsch danach, mein Leben einem neuen Leben zu widmen, durch selbstlose Liebe und all das Schöne, das ich dem so gewünschten und so fernen Kinde schenken möchte, um die Leere und Verwüstung dieses Hauses zu überwinden - wird mir Gott dies jemals vergeben?!  Vielleicht will Gott meine Geduld prüfen - aber angesichts der Befunde meines Mannes - besteht wenig Hoffnung, denn wir beide sind weit über dreißig.

Ich möchte Sie um noch etwas bitten: beten Sie für mich. Der liebe Gott möge mir helfen, die richtige Entscheidung zu treffen, die nicht im Widerspruch mit seinen Geboten und seinem Plan steht.  

Bernarda

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Mit Ihrem Brief haben Sie mich sehr gerührt, und mich vor eine schwere und vielfältige Aufgabe gestellt. Ich bin Priester und liebe jeden Menschen, besonders denjenigen, der in irgendeiner Weise leidet. Indem ich viele Fragen, die mir Menschen stellen, beantworte, möchte ich nicht in erster Linie, das Gesetz, den Paragraphen, die Regel retten, sondern dem Menschen, der Person, die fragt, helfen, inwieweit das mit der Wahrheit, von der die Rede ist, im Einklang steht. Die Person fragt, weil sie sich im Zweifel befindet und, weil ihr die Wahrheit  nicht klar ist, weil sie keine Gewissheit des Gewissens besitzt. Wir dürfen, aber, nur mit sicherem Gewissen handeln, wenn wir wollen, dass unsere Handlungen dem Willen Gottes entsprechen. „Ich hoffe auf die Gnade und Hilfe Gottes“, schreiben Sie, weil Sie sich vor einer schicksalhaften Entscheidung befinden, die niemand an Ihrer Stelle fällen und in seinem Gewissen tragen kann. Das ist Ihre eigene, eine der schwersten Entscheidungen in Ihrem Leben: Schmerz, Risiko, Sünde, großer Wunsch nach dem Kind...; das alles kreuzt sich in ihrer Seele, plagt Sie, und in ihrem Gewissen gibt es keine Klarheit und keine Ruhe. Aber, Sie sind eine treue Christin, die sich nicht von Gefühlen und Wünschen leiten lässt, sondern von der Vernunft, die durch Glauben erleuchtet ist. Und deshalb bin ich sicher, dass das Gute in Ihrem Herzen siegen wird. Sie ahnen genau, dass der Ratschlag des Arztes nicht sauber, sondern sündig sind, und Sie schreiben: „Ich fürchte mich, dass dieses Verfahren Sünde bedeutet“, dass es im Widerspruch mit Gottesgeboten und mit seinem Plan steht... Ich möchte nicht Gott verletzen.“

Denken wir daran, dass wir als Christen an die Wahrheit des Glaubens gebunden sind, an die Offenbarung Gottes über die Würde der menschlichen Person, geschaffen „nach dem Bild Gottes“, in die Sünde verfallen, aber durch Jesus Christus wieder erlöst. Und diese Würde kann uns gänzlich keine humane Wissenschaft (Biologie, Medizin...) erklären, sondern nur die Theologie, weil sie über Offenbarung Gottes nachsinnt, immer im Einklang mit dem, was die offizielle Kirche lehrt. Und die Katholische Kirche lehrt unmissverständlich, dass eine künstliche Empfängnis des Kindes im Laboratorium fundamental im Widerspruch mit dem Plan Gottes von menschlicher Fortpflanzung steht, die uns im ersten Kapitel der Bibel geoffenbart ist. Dieser Plan ist jedem Katholiken bekannt: „Dann sprach Gott: ‘Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich...’ Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie, und sprach zu ihnen: ‘Seid fruchtbar, und vermehret euch, bevölkert die Erde...’“ (Gen 1, 26-28). So ist die Ehe nicht vom Menschen, sondern „vom Schöpfer begründet“, betont das Zweite Vatikanische Konzil (GS 48).

Das Kind kann also nicht die Frucht eines Laboratoriums sen. Normale katholische Eheleute wünschen sich Kinder und sie freuen sich auf sie, die den Gipfel ihrer ehelichen elterlichen Liebe bedeuten. Sie wissen, dass „die eheliche Vereinigung von Mann und Frau die Freigebigkeit und Fruchtbarkeit des Schöpfers leiblich nachahmt...“ Und sie wissen auch, nach den Worten des Katechismus der Katholischen Kirche, dass „diese Vereinigung Ursprung aller Generationen ist“ (Nr 2335). Sie haben auch von der Instruktion des Heiligen Stuhles mit der Überschrift Donum vitae (1987) gehört. Sie spricht davon, dass „nur die Achtung vor dem Bund, das zwischen den Sinngehalten des ehelichen Aktes und die Achtung vor der Einheit des menschlichen Wesens gestatten eine der Würde der Person entsprechende Fortpflanzung. Der Ursprung einer menschlichen Person ist in Wirklichkeit Ergebnis einer Schenkung. Der Empfangene muss die Frucht der Liebe seiner Eltern sein. Er kann nicht als Produkt eines Eingriffs medizinischer Techniken gewollt oder empfangen werden: Dieses würde bedeuten, ihn zum Objekt einer wissenschaftlichen Technologie zu erniedrigen. Niemand darf das Auf-die-Welt-Kommen eines Kindes den Bedingungen technischer Effizienz unterwerfen, die nach den Maßstäben von Kontrolle und Beherrschung bewertet werden“ (II., B, 4, c). „Die menschliche Fortpflanzung erfordert das verantwortliche Mitwirken der Eheleute mit der fruchtbaren Liebe Gottes; das Geschenk des menschlichen Lebens muss innerhalb der Ehe mittels der spezifischen und ausschließlichen Akte der Eheleute verwirklicht werden, gemäß den Gesetzen, die ihnen als Personen und ihrer Vereinigung eingeprägt sind“ (Einleitung, 5).  So ist „ nach der Lehre der Kirche, der eheliche Liebesakt als der einzige der menschlichen Fortpflanzung würdige Ort anzusehen“ (II. B, 5). Somit ist das auch das ausschließliche gesetzliche Mittel für die Schöpfung eines Kindes.

Es handelt sich darum, wenn die Empfängnis des Kindes ein Produkt des technischen Verfahrens im Laboratorium ist, und nicht die Frucht der persönlichen Schenkung der Eheleute in der Liebe, wird ihm die gleiche Würde dem Arzt und Eltern gegenüber negiert. Das Kind als „Produkt“ muss den Forderungen des Planers entsprechen, und damit tritt es ein in den Plan derer, die seine Charakteristiken verwirklichen und kontrollieren. Wenn es diesem Plan nicht entspricht, muss es im Mutterleib vernichtet werden. Es passiert nicht selten, dass kranke oder behinderte Kinder, durch künstliche Befruchtung geboren, abgestossen werden. Das alles geht aus einer Logik hervor, die von Anfang an, die volle Würde der kindlichen Person  nicht anerkennt und auch nicht anerkennen kann. Ein solches Kind ist ein „Produkt“, mit dem umgegangen wird, wie mit einer guten oder schlechten Ware, und nicht wie mit der menschlichen Person.

Aber da gibt es auch andere, nicht geringe, Probleme. Was sollen wir über die „Auswahl“ der Embryonen im Glas, vor der Einpflanzung sagen? In der Broschüre haben Sie gelesen: „Wenn mehr als sieben Embryonen gewonnen wurden, wird, unter der Zustimmung der Eltern, empfohlen, drei bis fünf zurückzugeben und die übrigen einzufrieren.“ Von diesen drei bis fünf wird sich einer im Mutterleib einnisten (implantieren), und die übrigen werden abgetrieben. Wieviele, also, werden planmäßig abgetrieben? Die übrigen werden eingefroren: was für ein schreckliches Schicksal erwartet diejenigen, die eingefroren werden? Heute gibt es, nach den neuesten Zahlen, etwa 80 Millionen auf der Welt. Es erwartet sie Genozid, schlimmer als irgendein Kriegsgenozid (völlig unschuldig, und können sich nicht wehren: unschuldigere menschliche Wesen gibt es auf der Welt nicht!). Und dann werden sie wahrscheinlich teuer verkauft als „Rohstoff“ für die Kosmetik?

Der menschliche Embryo ist kein amorphes Material. Die heutige genetische Wissenschaft spricht ganz klar vom Embryo als „menschlichem Leben“ von dem Augenblick der Befruchtung oder der Empfängnis an. Von der Kirche wird uns geboten: “Ein menschliches Wesen muss vom Augenblick seiner Empfängnis an als Person geachtet und behandelt werden, und infolgedessen muss man ihm von diesem selben Augenblick an die Rechte der Person zuerkennen und darunter vor allem das unverletzliche Recht jedes unschuldigen menschlichen Wesens auf Leben“ (I, 1).  Weiter haben Sie in der Broschüre gelesen: „Die Ergebnisse zeigen, dass 80% der Eizellen befruchtet werden, wovon die Hälfte abgestossen wird, sei es wegen eines genetischen Fehlers, sei es wegen anderer Faktoren, die sich auf die Implantation auswirken. Von den übrigen 40% der implantierten befruchteten Eizellen, geht ein Viertel verloren in Form von frühen oder späten Spontanabtreibungen, und erst drei Viertel enden mit einer geglückten Geburt.“ Abgesehen davon, inwieweit diese Zahlen stimmen, frage ich Sie: mit welchem Recht die „Hälfte“ der Embryonen abgestossen wird, und ein Viertel der anderen Hälfte abgetrieben wird? Wer hat das Recht, über das menschliche Leben zu verfügen? Arzt? Eltern? Nach dem gleichen Dokument Donum vitae und dem Katechismus der Katholischen Kirche: „Das menschliche Leben ist heilig, weil es von seinem Beginn an ‘der Schöpfermacht Gottes’ bedarf und für immer in einer besonderen Beziehung zu seinem Schöpfer bleibt, seinem einzigen Ziel. Nur Gott ist der Herr des Lebens von seinem Anfang bis zu seinem Ende: Niemand darf sich, unter keinen Umständen, das Recht anmaßen, ein unschuldiges menschliches Wesen direkt zu zerstören“ (Nr. 2258).

In allen solchen Umständen ist das Kind nicht an sich gewünscht, sondern wenn es der Planung entspricht. Die Qualität seines Lebens, Geschlecht, physische und auch geistige Fähigkeiten, können als Bedingung gestellt werden, ob das Kind angenommen oder abgestossen wird. Gerichtliche Prozesse, die in der letzten Zeit in verschiedenen Staaten gegen die Ärzte und die Kliniken geführt wurden, weil das Kind nicht nach dem Wunsch der „Eltern“ produziert wurde, zeigen, dass die Annahme des Kindes immer bedingt ist, dass das Kind in Gefahr ist wegen Skepsis, Zweifel, dass es „widerrufen“ werden kann, wenn die pränatale Diagnose Erkrankungen oder unerwünschte Symptome zeigt. Künstliche Befruchtung bietet nur einen Anschein einer vollen Mutterschaft und Vaterschaft, aber hindert im Grunde „die Eltern“ daran, ein solches Kind uneingeschränkt anzunehmen. Die Tatsache kann nicht vergessen werden, dass ein solches Kind ein „Produkt“ der Technik ist, und nicht die Frucht der gemeinsamen elterlichen Liebe im selbstlosen  Sichschenken. Deshalb wird es auch nicht angenommen als höchste Gabe der Liebe des einen Elternteiles dem anderen, und auch nicht als Geschenk Gottes. Es hängt also von vielen Faktoren ab, ob „die Eltern“ das Kind unter solchen Umständen annehmen, während ihr echtes Kind, empfangen und geboren in Liebe, als Geschenk angenommen wird, ohne irgendwelche Einschränkungen.

Und jetzt eine andere Frage: Sind sie sicher, nach zehn oder mehr Eingriffen, wirklich schwanger zu werden?  Sind Sie sicher, dass das Kind gesund sein wird?  Oder, dass die pränatale Diagnose nicht zeigen wird, dass der Embryo nicht in Ordnung ist? Was im Falle einer Missbildung des Fötusses tun? Wären Sie bereit, ihn anzunehmen? Was, wenn es zur spontanen Abtreibung kommt? Übrigens, können Sie sicher sein, dass die Befruchtung mit dem Samen Ihres Mannes geschieht? In den Laboratorien gibt es, leider, „Ersatzsamen“, so dass es in diesem Sinne schon gerichtliche Prozesse gegeben hat. In diesem Zusammenhang eine ganz diskrete Frage: denken Sie, es sei ethisch in Ordnung, dass der Ehemann den Samen durch Masturbation gewinnt? Wäre eine solche Aktion/Aktionen nicht im Widerspruch mit dem Sakrament der Ehe und sexueller Missbrauch? Das Verfahren im Laboratorium: können Sie sich denken, dass es identisch ist mit dem ehelichen Akt, im doppelten untrennbaren Sinn: „im Sinne der Vereinigung und im Sinne der Fortpflanzung“, nach dem pastoralen Schreiben des Papstes Paul VI. über richtige Regulierung der Fortpflanzung Humanae vitae (Nr, 12)? Spielt der Mensch nicht in alldem mit Mephistopheles oder „bösem Gott“, der über Leben und Schicksal der Menschen verfügt, wie er will? Können wir uns überhaupt denken, dass es Gott  dem Schöpfer, der als einziger Herr des Lebens ist, egal sein kann, dass wir mit diesen heiligsten Dingen umgehen, wie es uns gerade gefällt?

Sie möchten nicht abtreiben. Aber, durch Verfahren, das Ihnen angeboten wird, werden Sie zur mehrfachen Abtreibung gezwungen: von den drei oder vier Embryonen, in den Mutterleib eingepflanzt und abgestossen, bleibt nur einer übrig, und sein Schicksal ist ungewiss. Und was ist mit denen passiert, die überzählig waren? Und, wenn Sie, sagen wir, zehn solche Versuche unternehmen müssen bis Sie schwanger werden, wieviele Abtreibungen haben schon stattgefunden? Das kann man nicht zählen. Fragen Sie Ihr Gewissen ganz ehrlich, ob Sie bereit sind, vor Gott die Verantwortung für alle ihre abgetriebenen (aber, sagen wir das wahre Wort), getötete, völlig unschuldige Kinder, zu übernehmen, nur deswegen, um ein „eigenes“, genauer, nicht eigenes Kind zu gewinnen? Das sind schreckliche Dinge. Das sind Sünden, die zu Gott nach der Rache schreien. Hier kann sich niemand ausreden: „die Wissenschaft sagt so“; „die Kirche ist zu streng“; „ich habe nicht gewusst“... Hier handelt es sich um fundamentale Grundsätze und Werte des menschlichen, und dann sicher auch, des christlichen Lebens, sonst befinden wir uns in der „Kultur des Todes“ und nicht in der „Kultur des Lebens“.

Über Adoption der Kinder könnten wir ein anderes Mal sprechen. Auch die normalsten Eltern werden manchmal gezwungen, diesen Weg zu suchen. Haben diese Kinder vielleicht eher „kranke Gene“ von ihren Eltern geerbt, als ihr eigenes Kind erben könnte, und noch aus dem Laboratorium? Woher kann man das behaupten? Im Gegenteil, lehrt uns nicht die Erfahrung, dass adoptierte Söhne und Töchter oft gesünder, besser und dankbarer sind als eigene Kinder?

 (Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins: Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 255-259)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.