Kinderarmut in Deutschland

Ein Interview mit Kardinal Dr. Rainer Maria Woelki

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ROM, 5. März, 2012 (ZENIT.org). - Die Zahlen sind alarmierend. In Berlin lebt mehr als jedes dritte Kind unter 15 Jahren von Hartz IV. Die wachsende Armut unter Kindern und Jugendlichen hat nachhaltige Auswirkungen. Die für Kinder und Heranwachsende wichtige Grundversorgung mit einem Frühstück und wenigstens einer warmen Mahlzeit am Tag wird oft von wohltätigen Organisationen wie der „Arche“ oder der „Caritas“ gesichert, wie Kardinal Dr. Rainer Maria Woelki feststellte.

Begabungen und Interessen der Kinder und Jugendlichen können von den Eltern nicht gefördert werden. Die Teilnahme an Freizeitaktivitäten ist ausgeschlossen. Von Beginn an sind die Kinder und Jugendlichen deshalb ausgegrenzt. In finanzielle Schwierigkeiten und Armut kann man schneller geraten als mancher glaubt. Wer in einer solchen Situation nicht auf einen funktionierenden Familien- oder Freundesverband zurückgreifen kann, ist umso mehr auf die Hilfe des Staates und der Gemeinschaft angewiesen. Eine staatliche Unterstützung zu beziehen, hat nichts mit fehlendem Einsatz, Gleichgültigkeit oder Faulheit des Empfängers zu tun. Besonders schwerwiegend ist eine solche Situation für die Kinder und Jugendlichen, da sie aus eigener Kraft an dieser Lage nichts ändern können und in ein System hineinwachsen, das ihnen auch im Erwachsenenalter bessere Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten verwehrt.

[Das Interview führte Britta Dörre]

ZENIT: Wie erklärt sich der hohe Prozentsatz der von Armut betroffenen Kinder?

S. Em. Kardinal Dr. Rainer Maria Woelki: „Kinder sind die Hauptleidtragenden der Armut ihrer Eltern. Auch wenn die meisten Eltern versuchen, die verfügbaren Mittel soweit wie möglich ihren Kindern zu Gute kommen zu lassen, ist die Armut der Eltern im Alltag der Kinder omnipräsent. Eltern in Armut sowie ihre Kinder haben schlechtere Chancen auf Teilhabe und – wie die aktuelle Kampagne des Caritasverbandes verdeutlicht – ein gesundes Leben. Maßnahmen wie das von der Politik beschlossene Bildungspaket weisen deshalb in die richtige Richtung. Grundsätzlich ist klar: Von allen Betroffenen sind die Kinder am wenigsten für Armutsverhältnisse verantwortlich und können sich am wenigsten dagegen zur Wehr setzen. Sie bilden gewissermaßen das schwächste Glied der Kette und befinden sich zudem in einem Teufelskreis.“

ZENIT: Mit welchen Maßnahmen und Projekten hilft die katholische Kirche?

Kardinal Woelki: „Die Kirche hilft auf vielfältige Weise: Denken Sie an die vielen Kindertagesstätten in kirchlicher Trägerschaft, an die Initiativen vieler Pfarrgemeinden oder Pfarrverbünde und die sozialen Dienste und Einrichtungen der Caritas. Dort erfahren sie den Zuspruch Gottes, der jeden Menschen anerkennt, wertschätzt und liebt – unabhängig von Beruf, Einkommen oder sozialem Stand. Durch Zuspruch, Hilfe und Unterstützung werden Menschen in ihren eigenen Kräften gestärkt, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.

Ebenso wichtig wie konkrete Maßnahmen und Projekte gegen Armut ist aber auch das öffentliche Eintreten für Solidarität und gerechte Verhältnisse in Politik und Gesellschaft. Im Raum der katholischen Kirche geschieht dies etwa durch Stellungnahmen der Bischöfe oder der katholischen Verbände, durch Initiativen auf Ebene einzelner Bundesländer oder auch in direktem Kontakt mit politisch Verantwortlichen.“

ZENIT: Haben Sie den Eindruck, dass unsere Gesellschaft dem Problem die nötige Aufmerksamkeit schenkt und sich ernsthaft um Lösungen bemüht?

Kardinal Woelki: „Medien, Politik, die Kirchen mit ihren Wohlfahrtsverbänden und auch Organisationen wie UNICEF oder der Kinderschutzbund verfolgen sehr aufmerksam die Entwicklungen zu Armut und Kinderarmut. In Ostdeutschland oder Ballungsgebieten wie Berlin und das Ruhrgebiet ist die Situation schon sehr besorgniserregend. Die Frage ist allerdings, ob einseitige Schuldzuweisungen an die Politik hier weiterhelfen. Armut ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, deshalb kommt es aus meiner Sicht vielmehr darauf an, die gesellschaftlichen Kräfte zu bündeln, um gemeinsam Lösungen zu finden. Das Ziel darf nicht eine bloße Umverteilung von Geldern sein. Es geht um die Steigerung der Beteiligungsfähigeit und Teilhabe der Menschen am gesellschaftlichen Leben.“

ZENIT: Wie können Christen dazu beitragen, die Situation dauerhaft zu verbessern?

Kardinal Woelki: „Christen können sich zunächst wie alle anderen Menschen auch an den Initiativen und Projekten gegen Armut in ihrer Umgebung beteiligen. Sie können darüber hinaus aber auch ein Zeugnis der Liebe Gottes geben. Christen können Gottes Liebe in Menschenliebe erfahrbar werden lassen. Im besten Fall können so auch Taten der Nächstenliebe zu einer Gotteserfahrung werden, und zwar für beide Seiten.“