Kinderschutz in einer Welt des Konsums

Neuer Bericht fordert Veränderungen bei den Medien und im Einzelhandel

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Von Pater John Flynn, LC

ROM, Donnerstag, 16. Juni 2011 (Zenit.org).- Die Vermarktung und Sexualisierung von Kindern habe eine Ebene erreicht, auf der wesentliche Schutzmaßnahmen erforderlich seien.

Zu diesem Ergebnis kam ein Bericht, der am 6. Juni in England veröffentlicht wurde. Reg Bailey, der erste männliche Geschäftsführer der „Mothers' Union“, wurde vom Ministerium für Bildung damit beauftragt, eine unabhängige Prüfung des auf Kinder ausgeübten Drucks durchzuführen und entsprechende Empfehlungen abzugeben.

Er führte Interviews mit einer großen Vielzahl von Eltern, zusammen mit eingehenden Untersuchungen der damit verbundenen Fragen. Auch 120 Unternehmen und Organisationen unterbreiteten ihre Vorschläge.

In dem veröffentlichten Bericht über seine Ergebnisse kommentierte Bailey: „Ich will die Macht wieder in die Hände der Eltern zurücklegen, damit sie den Druck auf ihre Kinder besser kontrollieren können und es einfacher für sie wird, ihre Kinder so zu erziehen, wie sie wollen.“

Der Bericht mit dem Titel „Letting Children Be Children (Lasst die Kinder Kinder sein): Bericht einer unabhängigen Überprüfung der Vermarktung und Sexualisierung der Kindheit“, diagnostizierte vier wesentliche Themen, die für Eltern sowie für die Öffentlichkeit von besonderem Interesse sind.

Thema 1 nannte er „die Tapete“ im Leben der Kinder, wie er die zunehmend sexualisierte Kultur in der Lebenswelt der Kinder bezeichnete. Viele Eltern hielten diese Kultur oft als ungeeignet für ihre Kinder.

Thema 2 sprach über Kleidung, Produkte und Dienstleistungen für Kinder. Der Bericht bestätigte, dass diese Fragen oft nicht eindeutig genug seien.

Thema 3 konzentrierte sich auf Kinder als Konsumenten. Kinder stehen unter dem Druck vieler Quellen, die sie dazu führen wollen, als Verbraucher zu handeln. Obwohl es nicht das Ziel sei, sie aus der kommerziellen Welt herauszuhalten, wies der Bericht darauf hin, dass Eltern sich über Firmen beschwert hätten, die in ihrer Werbung immer wieder an die Grenzen stoßen würden.

Thema 4 nahm Bezug auf die Dringlichkeit, den Eltern Gehör zu verschaffen. Manchmal fehle den Eltern das Vertrauen, über die vom Bericht aufgezeigten Probleme ihre Meinung zu äußern, und auf der anderen Seite hätten sie den Eindruck, dass die Unternehmen ihren Anliegen keine Aufmerksamkeit zollten.

Die Antwort

Bei dem Versuch, die Reaktionsweise auf diese Probleme festzuhalten, wies der Bericht auf zwei unterschiedliche Ansätze hin.

Der erste begünstige den Versuch, die Kinder durch ein Fernhalten von negativen Einflüssen oder durch eine Beseitigung jeglichen Drucks in völliger Unschuld zu erziehen, bis sie erwachsen sind.

Die zweite Reaktion tendiere hingegen dazu, die Welt so wie sie ist, zu akzeptieren und sich darauf zu konzentrieren, den Kinder die nötige Hilfestellung zu geben, damit sie ihren Weg durch diese Welt selber bahnen können.

Der Bericht zog die Schlussfolgerung, dass keiner der beiden Ansätze realistisch sei. Stattdessen sei eine Kombination der beiden vorzuziehen. Dies würde bedeuten, dass Schritte unternommen werden müssten, die Tendenz zu einer immer größeren Kommerzialisierung und Sexualisierung abzumindern und den Kindern zu helfen, die möglichen Gefahren, denen sie ausgesetzt sind, zu verstehen und zu lernen, mit ihnen umzugehen.

Der Bericht wies ebenso ausdrücklich darauf hin, dass die erste Verantwortung bei den Eltern liege. Darin heißt es, „Kinder Kinder sein zu lassen, heißt für uns, dass Eltern Eltern werden müssen“. Gleichzeitig müssten Wirtschaft und Medien familienfreundlicher werden.

Den Beobachtungen des Berichts zufolge scheinen einige Bereiche der Wirtschaft und der Medien ihre Verbindung zu den Eltern verloren zu haben. „Wir sind der Meinung, dass es eine starke Wahrnehmung dessen gibt, dass Sender zeitweilig aktiv gegen die Eltern arbeiten", so der Bericht.

Ein Beispiel dafür sei die Sorge der Eltern, dass Fernsehprogramme, die traditionell von der Familie geschaut würden, wie Talent-Shows und Seifenopern, damit beginnen würden, immer mehr sexualisierte Einlagen zu enthalten.

Dieses ständige An-die-Grenzen-Stoßen sei in einigen Bereichen der neuen Medien ein viel größeres Problem, wo eine Regulierung noch schwieriger sei, stellte der Bericht fest. Das nur für Erwachsenen gedachte Material sei über das Internet, durch „Video auf Abruf“ und über das Handy leicht zugänglich.

Folgende Punkte gehören zu den wichtigsten Empfehlungen des Berichts:

- Eine Altersbeschränkung auf Musikvideos einzuführen, um zu verhindern, dass Kinder explizit sexuelle Videos kaufen, und die Rundfunkanstalten anzuweisen, wann diese gezeigt werden dürften. Musikvideos wurden von Mitwirkenden des Berichts zur Überprüfung herausgegriffen, um während der Vorbereitung des Berichts analysiert zu werden. Bereits in früheren Berichten über die Medien stellten sie ein großes Problem dar. Die Bedenken konzentrierten sich auf sexuelle und gewalttätige Inhalte von Liedtexten sowie auf stark sexualisierte Tanzeinlagen.

- Sexualisierte Bilder auf Titelseiten von Zeitschriften und Zeitungen verdecken, damit sie nicht so leicht in die Sichtweite der Kinder geraten. Zeitschriften und Zeitungen mit explizit sexuellen Bildern auf dem Deckblatt sollten zurückhaltende Schutzumschläge bekommen; des Weiteren sollten alle Vertriebsstellen darin gefördert werden, eine angemessene Darbietung ihrer Publikationen einzuführen.

- Kunden sollten aufgefordert werden, eine Entscheidung zu treffen, ob sie beim Kauf ihres Haus-Internets, Laptops oder Smartphons obszöne Inhalte haben wollen, anstatt sie automatisch zu erhalten. Dadurch soll es für Eltern leichter werden, ihre Kinder zu schützen.

- Der Einzelhandel sollte mehr altersgerechte Kleidung für Kinder anbieten und sich in Bezug auf die Design, Verkauf, Auslage und Vermarktung von Kleidungen, Produkten und Dienstleistungen für Kinder einem Verhaltenskodex verpflichten.

- Bei Außenwerbungen in der Nähe von Schulen, Kindergärten und Spielplätzen, wo eine große Zahl von Kindern sie sehen können, sollte die Darstellung sexualisierter Bilder untersagt sein. Für eine Platzierung von Werbung mit sexualisierten Bildern in der Nähe von Schulen sollten in gleicher Weise Einschränkungen gelten wie bereits für die Alkoholwerbung.  

- Bei der Regelung der TV-Zeitgrenze sollte größeres Gewicht auf die Ansichten der Eltern als auf die Meinung der Öffentlichkeit gelegt werden. Unter Zeitgrenze, die derzeit auf 21.00 Uhr eingestellt ist, versteht man jene Sendezeit, vor der bestimmte Erwachsenenprogramme nicht übertragen werden dürfen. Sie wurde zum Schutz der Kinder eingeführt. Die Programmauswahl für die Sendezeit vor der Zeitgrenze sollte mit einer größeren Berücksichtigung der Einstellungen und Ansichten der Eltern entwickelt und reguliert werden als für die  Zuschauer als Ganzes.

- Die Bereitstellung einer einzigen Website für Eltern, um leichter gegen ein Programm, eine Werbung, Produkte oder Dienstleistungen Beschwerden einlegen zu können.

- Den Einsatz von Kindern unter 16 Jahren als Vertreter von spezifischen Marken und eine direkte Vermarktung verhindern und das Bewusstsein der Eltern für Werbe- und Marketing-Techniken zu wecken, die sich an Kinder richten.

Reaktionen

Die Reaktionen auf den Bericht waren im Allgemeinen positiv. Nach dem Bericht von BBC am 6. Juni sprach sich Premierminister David Cameron für eine Website für Eltern aus, um Probleme melden zu können.

Er unterstützte auch die Empfehlung, eine Sperrung von Web- und Handy-Pornografie zu erleichtern.

Cameron habe angekündigt, dass er im Oktober eine Zusammenkunft halten werde, um zu sehen, welche Fortschritte in den vom Bericht angesprochenen Angelegenheiten gemacht worden seien. Er werde Händler, Kunden und Vertreter der verschiedenen Medien zur Teilnahme einladen.

Hinsichtlich der Beschwerden über unangemessene Kinderbekleidung habe das British Retail Consortium strengere Richtlinien angekündigt, berichtete die BBC.

Die Direktorin des Konsortiums für öffentliche Angelegenheiten, Jane Bevis, sagte, diese Richtlinien sollten den Eltern zusichern, dass die Unternehmen sich um die Kindermode kümmern würden. Bisher hätten neun Handelsketten angekündigt, den Richtlinien zu folgen.

Nicht alle seien davon überzeugt gewesen, dass der Bericht weit genug gegangen sei. Die Organisation „Mothers' Union“, für die Bailey arbeitet, sei laut einem Artikel in der Zeitung Telegraph am 6. Juni dem Bericht gegenüber kritisch eingestellt.  

„Wir können dem Bericht nicht beipflichten, dass ein rein konsensualer Ansatz am effektivsten sei und weitere Vorschriften oder Gesetze die Eltern zwangsläufig entmachten würden", sagte Rosemary Kempsell, Vorsitzende der Organisation.

Sie forderte ein höheres Maß an staatlicher Intervention und sagte, dass wir uns nicht scheuen sollten, die Industrie herauszufordern, wenn das Wohl der Kinder auf dem Spiel stehe.

Die Zeit wird zeigen, ob Selbstbeschränkungsabkommen zusammen mit dem anhaltenden Druck der Öffentlichkeit ausreichen werden, um den im Bericht hervorgehobenen Problemen Einhalt zu gebieten.

[Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Czupy]