Kindersegen

Italienerinnen mit Kinderwunsch schwören auf die Madonna von Sansovino

Rom, (ZENIT.org) Tanja Schultz | 297 klicks

Beim Blättern in dem dicken Album auf der Gebetsbank fallen sofort die vielen Ultraschallbilder auf: unbeschwert im Fruchtwasser schaukelnde Embryonen oder Föten bevölkern fast jede zweite Seite. „Madonna, Du hast mir diesen kleinen Engel geschickt, das werde ich Dir nie vergessen“, verewigt eine werdende Mutter namens Paola ihren Dank an die Gottesmutter neben den Aufnahmen. Auf den anderen Seiten des Albums prangen hingegen Fotos von zerknautschten Neugeborenen oder speckigen Babys in Taufkleidchen. „Heute bitten die Frauen weniger um eine gute Geburt als darum, schwanger zu werden“, erklärt der junge Küster, der die Alben austauscht, wenn sie voll sind. Aber auch diesem Wunsch scheint die unermüdliche Madonna nachzukommen.

Für Familiensegen sorgt seit Jahrhunderten die „Madonna der Geburt“ (Madonna del Parto), eine überlebensgroße marmorne Sitzfigur von dem florentinischen Bildhauer Jacopo Sansovino (1486-1570), ein Zeitgenosse Michelangelos. Die Skulptur wurde 1518 im Auftrag der Augustiner für ihre Kirche in Rom gemeißelt. Sie befindet sich gleich rechts des Eingangsportals. Die ehrwürdige Renaissance-Basilika, zu der auch eine bedeutende Bibliothek gehört, liegt ein wenig versteckt in den stillen Altstadtgassen zwischen Tiber und Pantheon. Hierhin verirren sich nur wenige Touristen.

Unter den Einheimischen ist die Statue jedoch seit Generationen bekannt. Von ihren unzähligen Wundern erzählen nicht nur die Fotoalben und Bücher mit Fürbitten, die sich in den Schränken der Sakristei stapeln, sondern auch die vielen silbernen Votivgaben, die schon seit der Barockzeit die Nische der Statue zieren. Dazwischen leuchten kitschige Tüllschleifen und Babylätzchen, die „ex voto“ der heutigen Pilgergeneration. Sie bezeugen die glückliche Ankunft eines neuen Erdenbürgers und werden in Italien nach der Geburt auch an die Haustür geheftet: rosa für ein Mädchen und hellblau für einen Jungen.

Der Bildhauer Sansovino wählte eine geradezu weltliche Darstellung: keine mitleidige oder entrückte Maria, sondern eine glückliche und stolze junge Mutter, auf deren Schoß ein lebhaftes kleines Kind turnt. Verständlich, dass dieser ungewöhnliche Bildtyp der Gottesmutter einen stärkeren Bezug zur Realität, zu Freude und Leid der Mutterschaft und Kinderaufzucht herzustellen wusste und Objekt der Volksfrömmigkeit wurde. Maria gleicht einer Frau aus dem Volk! Der Fuß der Statue ist von den vielen Küssen und Berührungen ganz abgenutzt und wurde daher mit einer edlen Silberumhüllung geschützt. Silbern leuchtet auch die Windel des Christuskindes.

Maria wird in ihrer Eigenschaft als „Theotokos“ (gr. Gottesgebärerin), als Beschützerin der Gebärenden und Kinder angerufen. Seitdem um 1800 eine von den Ärzten bereits aufgegebene Schwangere eine Steißgeburt überlebte und auch das Kind unbeschädigt auf die Welt kam, sprach sich in Rom die „Hilfe der Madonna“ speziell bei schwierigen Geburten herum. Der Ehemann hatte vor der Statue eine Tag und Nacht brennende Lampe aufgestellt und inständig um Rettung seiner Frau gefleht. Wenn man bedenkt, dass vor nicht allzu langer Zeit, bevor man den Kaiserschnitt praktizierte, jede Geburt eine Todesgefahr für Mutter und Kind bedeutete, ist die Not der damaligen Frauen leicht nachzuvollziehen – zumal sechs bis zehn Kinder keine Seltenheit waren.

Aber wie sieht es heute aus? Die Medizin kann zumindest das Leben der Mutter retten und in den meisten Fällen auch das des Kindes. Dennoch hat die Verehrung der Madonna von Sansovino nie nachgelassen, ganz im Gegenteil. „Mittlerweile kommen die Frauen aus ganz Italien, um die Madonna um ein Kind zu bitten“, berichtet Pater Angelo, Pfarrer von Sant’ Agostino. „Die Medizin ist nicht allmächtig. Ob ein Leben entsteht, entscheidet immer noch der Herrgott.“

Und funktioniert es? Werden die kinderlosen Frauen erhört? Kinderlosigkeit scheint ja immer mehr zu einer Geißel der reichen Industriegesellschaften zu werden. Italiens Geburtenrate gehört trotz traditioneller katholischer Familienkultur zu der niedrigsten Europas. Der Augustinerpater lächelt und verweist auf das Buch mit den Fürbitten, das zusammen mit dem Fotoalbum offen ausliegt. „Schauen sie selbst!“ Tatsächlich liest man darin beispielsweise von einer Simona aus Rieti, dass sie nach vielen Jahren vergeblicher Versuche künstlicher Befruchtung nun endlich auf natürlichem Weg schwanger geworden sei. Lucia wurden von der Madonna gleich Zwillinge geschenkt, zwei stattliche Mädchen, und Francesca nach acht Jahren ein Sohn, der zweifach abgebildet ist: einmal als Embryo in einer Ultraschallaufnahme und dann als sechsmonatiger, gesunder Nackedei in der Badewanne.

Die zahlreichen Widmungen, Danksagungen und Fürbitten gewähren einen überraschend rührenden Einblick in Hoffnung, Freude und Leid der Frauen unserer Zeit. Neben der Freude über den Kindersegen werden die Sorgen und Nöte der Kinderaufzucht nicht verschwiegen. Kranke oder behinderte Kinder werden dem Schutz Mariens unterstellt genauso wie die Moped fahrenden pubertierenden Söhne. Andere Eltern wiederum vertrauen der verständigen Gottesmutter ihre Erziehungsprobleme an. So betet eine Mutter dafür, dass ihre magersüchtige heranwachsende Tochter ihre Depression übersteht und wieder isst.