Kindeswohl: Kinder dem so genannten bildungsfernen Milieu entziehen?

Die professionellen Hände und die Meinung deutscher und türkischer Eltern

Rom, (ZENIT.org) | 1079 klicks

ROM, 12. Oktober 2012 (ZENIT.org/iDAF). ‑ Sind „bildungsferne“ Eltern zu dumm, um ihren Kindern Krabbeln, Laufen und Sprechen beizubringen? Wer das Betreuungsgeld als „Verdummungsprämie“ oder „bildungspolitische Katastrophe“ abqualifiziert, wird diese Frage konsequenterweise bejahen. Denn auch um diese elementaren Lebensvollzüge geht es bei der Betreuung von ein- und zweijährigen Kindern. Die Rede von „Bildung“ in „Kindertagesstätten“ verschleiert diesen grundlegenden Sachverhalt: Sie erweckt fälschlich den Eindruck, dass es um mindestens vierjährige Kinder ginge, die zeichnen, zählen, basteln und buchstabieren lernen müssten. Eine „frühkindliche Förderung" dieser Art wünschen sich fast alle Eltern und schicken ihre Kinder deshalb in den Kindergarten. Besonders nützlich und wichtig ist der Kindergartenbesuch für Kinder mit fremder Muttersprache, um Deutsch zu lernen. Das wissen auch Eltern mit „Migrationshintergrund“, die ihre Kinder mittlerweile fast alle in den Kindergarten schicken. Viele von ihnen würden sich dort eine bessere Sprachförderung für ihre Kinder wünschen. Hier gibt es noch viel zu tun. Etwas anderes ist es, wenn Eltern schon Krabbelkinder in Krippen geben sollen, damit sie ‑ nach Meinung von Politikern ‑ dem „bildungsfernen“ Milieu ihrer Familie möglichst frühzeitig entzogen werden.

Dieses Ansinnen ist schon für viele deutsche Eltern befremdlich, die ihre Kleinkinder selber erziehen wollen. Noch verstörender muss es für Zuwanderer sein, für die der familiäre Zusammenhalt oft noch wichtiger ist. Exemplarisch dafür sind Eltern türkischer Herkunft, die seltener auf institutionelle Betreuung für ihre Kleinkinder zurückgreifen. Die unterdreijährigen Kinder werden meist von den eigenen Müttern betreut und die sind seltener erwerbstätig als „autochthone“ Frauen. Der Erwerbstätigkeit von Müttern stehen die Türkinnen kritisch gegenüber: In Bevölkerungsumfragen meinten mehr als drei Viertel, dass Vorschulkinder unter der Berufstätigkeit ihrer Mutter leiden würden. Der institutionellen Kleinkinderbetreuung stehen sie skeptisch gegenüber: Wesentlich häufiger als deutsche Mütter befürchten sie, dass diese den Kindern schaden könnte. Die überwältigende Mehrheit von ihnen (ca. 90 Prozent) ist davon überzeugt, dass die besten Betreuer für Kinder die „eigenen“ Eltern sind.

Das allerdings ist nichts Besonderes, ist doch die große Mehrheit der westdeutschen Eltern ohne Migrationshintergrund derselben Auffassung. Für die Krippen-Politiker sind solche Überzeugungen störend, da sie dem regierungsoffiziellen Leitbild „kontinuierlicher Erwerbsverläufe“ beider Eltern diametral widersprechen. Die Eltern sind aufgefordert, ihre Kinder möglichst früh und umfassend in „professionelle“ Hände zu geben, wo sie besser aufgehoben seien als bei den eigenen Eltern. Diese Botschaft verbreitet eine gezielte Kommunikationspolitik, die Krippenbetreuung als „frühkindliche Bildung“ verkauft und häusliche Erziehung beständig als minderwertig darstellt. Bedenken gegenüber frühzeitiger außerfamiliärer Betreuung finden kein Gehör, selbst wenn sie durch die neueste Forschung begründet sind. Fürsprecher einer intensiven elterlichen Fürsorge für Kleinkinder gelten oft von vornherein als reaktionär und befangen in einem vermeintlichen „Mütter-Mythos“. In einem solchen Meinungsklima fehlt es an Verständnis für Eltern, die ihre Kinder selber erziehen wollen, um ihnen ihre Lebensweise und Religion zu vermitteln. Dies ist natürlich oft besonders Migranten aus muslimischen Ländern ein Anliegen, die sich einer ihnen zunächst fremden Kultur gegenübersehen. Das Problem betrifft aber durchaus auch christliche Eltern, die an ihre Kinder moralische Haltungen (z.B. Verzichtsbereitschaft) vermitteln wollen, die der in Werbung, Medien und vielen Institutionen vorherrschenden individualistischen Stimmungslagen zuwider stehen. Das geht nicht ohne viel Zeit für die Erziehung, weshalb diese Eltern auch zu einer „traditionellen“ Arbeitsteilung in der Familie neigen (8). Dass die Kinder deshalb „verdummen“, lässt sich bezweifeln ‑ vermutlich würden Untersuchungen sogar das Gegenteil zeigen. Die Kinder selbst fühlen sich bei ihren Eltern ‑ ganz gleich welcher Herkunft oder Bildung¨‑ meistens wohl. Aus diesem Wohlbefinden erwachsen Fähigkeiten, die auch der Gesellschaft zugute kommen. Deshalb ist das Kindeswohl eine Ressource, die gepflegt werden sollte.

Dazu ein Zitat des seligen Papstes Johannes Pauls II.:

„Zweifellos rechtfertigen die gleiche Würde und Verantwortlichkeit von Mann und Frau voll den Zugang der Frau zu öffentlichen Aufgaben. Anderseits verlangt die wirkliche Förderung der Frau auch, dass der Wert ihrer mütterlichen und familiären Aufgabe im Vergleich mit allen öffentlichen Aufgaben und allen anderen Berufen klare Anerkennung finde. Übrigens müssen solche Aufgaben und Berufe sich gegenseitig integrieren, soll die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung wahrhaft und voll menschlich sein. (...) Inzwischen kann und muss die Kirche der gegenwärtigen Gesellschaft helfen, indem sie unermüdlich fordert, dass die Arbeit der Frau im Haus in ihrem unersetzlichen Wert von allen anerkannt und geschätzt wird. Von besonderer Wichtigkeit ist, dass dies in der Erziehungsarbeit Berücksichtigung findet.“

(Familiaris consortio, 22. 11. 1981, Nr. 23).