Kindheit in Kabul: Der Film „Drachenläufer“ erzählt von Schuld und Sühne

Von José García

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15. Januar 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Nach „Abbitte“ und „Spuren eines Lebens“ ist der nun im regulären Kinoprogramm anlaufende Spielfilm „Höhenläuferinnen“ von Marc Forster die dritte gegenwärtige Großproduktion, die Wiedergutmachung zum Sujet hat.

Basierend auf dem gleichnamigen, 2003 erschienenen Debütroman von Khaled Hosseini erzählt „Drachenläufer“ („The Kite Runner“) auf zwei Zeitebenen eine allgemeingültige Geschichte von Freundschaft und Verrat, aber auch von später Wiedergutmachung.

Afghanistan, 1975. In einem noblen Stadtviertel im Norden Kabuls sind die zwölfjährigen Amir und Hassan unzertrennliche Freunde trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft, arbeitet Hassans Vater doch als Diener von Amirs Vater. Denn Amir gehört zu den die Oberschicht stellenden Paschtunen, während Hassan der ethnischen Gruppe der Hazara angehört, die in Afghanistan vielfach verachtet werden.

Amir und Hassan nehmen zusammen an einem Wettbewerb im Drachensteigen teil. Sie gewinnen, aber als der „Drachenläufer“ Hassan den erbeuteten Drachen holen möchte, wird er von einer Jugendbande brutal misshandelt. Amir ist aber zu feige, dem Freund zur Hilfe zu kommen. An diesem Verrat zerbricht deren Freundschaft. Als bald darauf sowjetische Truppen in Afghanistan einmarschieren, trennen sich die Wege der einstigen Freunde für immer: Amir und sein Vater fliehen über die pakistanische Grenze bis ins amerikanische Exil.

Amir wächst in Kalifornien auf. Dort besucht er das College, und heiratet ein Mädchen aus der afghanischen Gemeinde. Das Gefühl jedoch, damals den Freund im Stich gelassen zu haben, verfolgt ihn 28 Jahre lang. Kaum hat er diese Schuldgefühle in einer Autobiografie aufzuarbeiten versucht, erhält Amir einen Anruf aus Afghanistan: Sein schwer erkrankter (Nenn-)Onkel bittet ihn inständig, in die von den Taliban kontrollierte alte Heimat zu fahren, denn es gebe für ihn einen Weg, die Tat wieder gutzumachen.

Erstaunlich an „Drachenläufer“ ist es zunächst einmal, dass ein Regisseur, der zwar in der Schweiz aufwuchs, aber bislang in den Vereinigten Staaten gearbeitet hat („Wenn Träume fliegen lernen“ 2004, „Stay“ 2005, „Schräger als Fiktion“ 2006) der Versuchung widersteht, den Film für den amerikanischen Markt zu „adaptieren“, etwa mit amerikanischen Schauspielern zu arbeiten.

So wurde der Film mit afghanischen Schauspielern in der Landessprache (Dari oder Farsi) und in Englisch gedreht, was die Authentizität von „Drachenläufer“ betont. Aber auch der Erzählrhythmus – sieht man von einer unnötigen wilden Autoverfolgungsjagd ab – hat wenig mit Hollywood-Kino gemeinsam.

Obwohl Marc Forsters Film auch viele Schauwerte, etwa das Drachenfliegen oder die Kamerafahrten von Dachterrassen aus bietet, bleibt er nicht an der Oberfläche haften. Zum Thema führt Autor Khaled Hosseini aus: „Ich wollte zeigen, wie schwer es das Volk der Hazara hatte, das unter verschiedenen Regierungen immer wieder unterdrückt wurde. Und ich wollte die Ethik der Paschtunen zeigen, ihre Gastfreundschaft, aber auch die Ungleichheit in ihrer Gesellschaft, ihren Rassismus und ihre Ungerechtigkeit. Amir ist ein Anti-Held; er scheitert nach allen ethischen Maßstäben und nach dem Ehrenkodex der Paschtunen. Aber gerade dadurch bringt er die Ethik seiner Volksgruppe zur Sprache und lässt das Netz der sozialen Beziehungen und der Moral in Afghanistan spürbar werden. So liefert Drachenläufer nicht nur das Psychogramm eines Romanhelden, sondern auch das Soziogramm der verschiedenen Ethnien. Das Buch legt das Nervensystem der afghanischen Gesellschaft bloß.“

Dies gelingt ebenfalls Marc Forsters Film, der ein breites Panorama afghanischer Geschichte bietet, aber über das eigentliche Thema der Suche nach Vergebung hinaus auch auf eine Reihe Werte aufmerksam macht. So verhindert etwa Amirs Vater an der Grenze mit seinem beherzten Eintreten, dass ein russischer Soldat eine Frau vergewaltigt.

Treue spielt für Amir nicht nur darin eine Rolle, dass er seinen vergangenen Verrat wiedergutmacht, sondern etwa auch in der Ehe. So spricht er bei seiner Hochzeit einen wunderbaren Satz, als sich – nach dem offensichtlich üblichen Ritual – die Brautleute in einen Spiegel anschauen. Auf die Frage der Braut „Was siehst Du?“, antwortet Amir: „Den Rest meines Lebens“.

[© Die Tagespost vom 15. Januar 2008]