Kino- und Fernsehregisseurin Liliana Cavani über die neue Enzyklika

\"Ohne Liebe ist das Leben kein Leben\"

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ROM, 27. Januar 2006 (ZENIT.org).- Die erste Enzyklika Papst Benedikts XVI., \"Deus est caritas\" (\"Gott ist die Liebe\"), sei vor allem deshalb so überaus attraktiv, weil sie die menschliche Liebe verherrliche, erklärte die italienische Filmemacherin Liliana Cavani vor zwei Tagen in Rom.



Auf Einladung des Vatikans kommentierte die renommierte Filmregisseurin und Drehbuchautorin vor Vorsitzenden von Bischofskonferenzen aus aller Welt sowie Vertretern kirchlicher Hilfswerke und karitativer Organisationen vor zwei Tagen das erste lehramtliche Rundschreiben des Papstes anlässlich eines internationalen Kongresses über die Liebe, der vom Päpstlichen Rat \"Cor Unum\" organisiert wurde.

Berühmt wurde Cavani vor allem durch ihren 1989 selbst produzierten Film \"Franziskus\" über das Leben des heiligen Franziskus von Assisi mit Mickey Rourke, Helena Bonham Carter und Mario Adorf.

Die \"Genialität des Dokumentes\" Benedikts XVI. sei vor allem in der Tatsache begründet, dass den Männern und Frauen unserer Tage gezeigt werde, dass die \"einzig mögliche Form der Begegnung von Mensch und Gott die Liebe ist\", erklärte die Italienerin in ihrem Vortrag. Angesichts des oft vorgebrachten Vorwurfs, die Kirche hätte im Laufe der Geschichte den \"Eros\" (die auf gegenseitiger Anziehung beruhende Liebe) abgelehnt, stellte Cavani fest: \"Das Christentum hat den \'Eros\' nicht zerstört, sondern ihn bereichert und vollkommener gemacht.\"

Wenn man mit dem Begriff \"Eros\" tatsächlich Liebe im Sinne von Anziehung verstehe und somit eine \"Suche nach Beziehung und die entsprechende Antwort\" meine, dann bedeute Religion immer auch: \"Begegnung suchen, Fühlungnahme. Und diese Begegnung kann sich nur in der Liebe vollziehen, als gegenseitiges Verliebtsein zwischen Geschöpf und Gott.\"

Für die Regisseurin ist die Enzyklika im wahrsten Sinne des Wortes \"anziehend\" und eindeutig das Werk eines \"großartigen Intellektuellen\". Auch wenn das Wort \"Liebe\", wie der Papst erkläre, heute tatsächlich ein wenig missbraucht werde, sei der Haupantrieb für alle Künste dennoch \"Liebe schenken, Liebe empfangen, Liebe ersehnen. Ich denke, das Schönste und Aktuellste des Evangeliums ist ja gerade die Verkündigung der Liebe. Der Glaube spornt den Gläubigen dazu an, denjenigen wirksam zu lieben, der nicht glauben kann oder einen schwachen Glauben hat\" – und das mit verblüffenden Resultaten. \"Ich habe tief gläubige Menschen kennen gelernt, die fähig waren, den Nächsten mit der Leidenschaft eines Verliebten zu lieben\", bezeugte die Regisseurin. \"Das sind Menschen, die davon überzeugt sind, das ihnen Gott wahrhaftig als Person im Nächsten begegnet. Ihr Dienst an den anderen ist ein Gottesdienst, und Gott wird für sie zum Mitmenschen.\"

Die Inhalte der Enzyklika könnten in der heutigen Kultur, in der das Liebesverständnis mangelhaft sei oder wenig Format habe, \"wie ein gegenläufiger Trend\" wirken, aber: \"Sie überrascht in ihrer Originalität.\"

Mit Blick auf den Materialismus, der weite Teile der Gesellschaft prägt, erklärte Cavani, dass die Rede über die Liebe in diesem Augenblick fast als Verschrobenheit erscheine. Dennoch gelte es zu bedenken, \"dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt – ganz gleich, ob er nun ein Einwanderer ist oder eben reich. Ohne Liebe ist das Leben kein Leben.\"

Auf ihren Reisen durch Bulgarien, Ostdeutschland, die Slowakei oder Russland habe sie Mitte der sechziger Jahre das Leid, die Angst und die Freudlosigkeit vieler Menschen selbst erlebt und dabei mit ansehen müssen, wie materialistische Ideologien die \"Phantasie geschwächt und jede Besinnung auf sich selbst sowie das ontologischen Wissen über die Existenz eines jeden als Individuum zurückgedrängt\" hätten.

\"Die Enzyklika vermittelt eine sehr eindrucksvolle Botschaft: Sie verkündet die Liebe als Grundprojekt des Lebens und stellt die Liebe ins Zentrum aller Lebensbereiche: der Wirtschaft, der Technik und der Geschichte. Das Ziel aller Dinge ist die Liebe. Wenn das nicht so ist, dann sind diese Dinge nutzlos.\"

Was die Leiblichkeit des \"Eros\" anginge, so sei dafür die wenig geläufige und bekannte Glaubenswahrheit von der \"Auferstehung des Leibes von grundlegender Bedeutung\", fuhr Cavani fort. Jeder lebe mit einem Leib, und das dank der Liebe eines Gottes, der jeden Menschen nach seinem Abbild schuf. \"Die Frohe Botschaft ist die Auferstehung: Jesus ist gestorben, damit wir leben können und um uns die Auferstehung zu verkünden. Ohne dieses Ende wäre alles bedeutungslos. Das Evangelium ist wie ein Film, und ohne dieses Ende hat es für mich keine Bedeutung, denn sonst reduzierte es sich auf den Aufruf: \'Lasst uns einander gern haben.\' Die Auferstehung ist gerade dieses außerordentliche Ende, das die wahre Liebe der katholischen Kirche und aller Christen zum Ausdruck bringt, die an diesen Film des Evangeliums glauben.\"

Im Anschluss an die Ausführungen der Regisseurin betonte Erzbischof Paul Josef Cordes, Präsident des Päpstlichen Rates \"Cor Unum\", dass es von entscheidender Bedeutung sei, die Auferstehung erneut ins Zentrum der Seelsorge zu rücken: \"In der Kirche vergessen wir zuweilen dieses Wort und diese Wirklichkeit\", gab der deutsche Kurienerzbischof zu, der an der Enzyklika \"Deus caritas est\" selbst mitgearbeitet hatte. \"Es ist äußerst wichtig, mit dieser Idee in die Welt hinauszugehen, um zu versuchen, ihr die wahre Liebe der Kirche nahe zu bringen.\"