Kirche auf Rädern

P. Werenfried van Straaten schenkte Millionen von Vertriebenen Hoffnung

| 1226 klicks

Von Karl-Georg Michel

KÖNIGSTEIN, 17. April 2012 (ZENIT.org/KIN). - In den Nachkriegsjahren hat die „Ostpriesterhilfe“ die Not der Heimatvertriebenen gelindert – Materielle Hilfe und Lebensmittel, aber auch  „Fahrzeuge für Gott“ und mobile Kapellen: Vor 60 Jahren, am 22. April 1952, hat Kardinal Frings in Königstein die Kapellenwagenmission gesegnet.

„Die Kirche im Dorf lassen“, lautet eine bekannte Redewendung. Aber wenn es keine Kirchen mehr gibt? Dann muss man sie den Menschen eben bringen! Wie in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg: Millionen Deutsche waren aus ihrer Heimat im Osten Europas vertrieben worden. Alles hatten sie verloren – bis auf die paar Sachen, die sie bei ihrer Flucht mitnehmen konnten. Auch ihre Kontakte, ihre religiösen Bindungen waren über Nacht weggebrochen. 3000 Priester, ebenfalls Vertriebene, kümmerten sich um sie.

Ihre Gemeinde war ziemlich groß und über ganz Deutschland verstreut: 15 Millionen Menschen – darunter acht Millionen Katholiken, viele davon in ursprünglich evangelischen Gegenden, wo seit der Reformation nur wenige Katholiken gewohnt hatten. In 2500 Orten konnten die Gläubigen damals nicht oder nur sehr schwer von ihren Seelsorgern erreicht werden.

Die Priester der Heimatvertriebenen waren bettelarm. Mit ihren verschlissenen Militäruniformen und geflickten Rucksäcken sahen sie aus wie Landstreicher. Stundenlang, hunderte Kilometer waren sie unterwegs. Sie trotzten Wind und Wetter, meist zu Fuß oder, wer etwas Glück hatte, mit einem Fahrrad. Viele Priester ruinierten dabei ihre Gesundheit, für etliche endete dieses „pastorale Nomadentum“ tödlich: Unfälle und Krankheiten zollten ihren Tribut. „Uns umherstreifenden Seelsorgern fehlt eigentlich alles: Von der brauchbaren Fahrradpumpe bis zum sauberen Hemd, vom Schreibpapier bis zum Auto, das uns so gut zustattenkäme“, schrieb damals einer von ihnen, um bescheiden anzufügen: „Ich will aber nicht klagen. Dem Mitbruder, der mein Nachbar ist, geht‘s noch viel schlechter. Er hat noch nicht einmal ein Rad und muss jede Woche wenigstens sechzig Kilometer marschieren. Dabei ist er schon 63 Jahre alt und leidet an einer alten Beinverletzung aus dem Ersten Weltkrieg.“

Bereits kurz nach Kriegsende, 1947, hatte Pater Werenfried van Straaten diese Not erkannt. Unermüdlich sammelte er in Belgien und den Niederlanden – Ländern also, in denen die Erinnerungen an den Krieg und die Feinde aus Deutschland längst noch nicht vergessen waren – für die Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten. Aber Pater Werenfried, gebürtiger Niederländer  und Prämonstratenser der Abtei Tongerlo in Belgien, war ein Visionär der Nächstenliebe. Er vertraute auf das Gute im Menschen, auf die Kraft der Verzeihung selbst zwischen erbitterten Kriegsgegnern.

Und so gaben Frauen den letzten Anzug ihres von deutschen Soldaten erschossenen Mannes her, um den Vertriebenen zu helfen. „Wogen der Barmherzigkeit und Liebe gingen durch das flämische Land und überspülten alsbald auch die Niederlande“, blickt Pater Werenfried in seiner Autobiografie „Sie nennen mich Speckpater“ dankbar auf diese Jahre zurück.

Aber dieser „Speckpater“ bettelte nicht nur um Speck, Süßigkeiten, Spielsachen. Das erbärmliche Leben der „Rucksackpriester“ hatte er bei seinen vielen Reisen und Predigten ständig vor Augen. „Sie bewahrten das Allerheiligste auf ihren Mansardenzimmern in einer Zigarrenkiste oder in der Schublade auf“, schildert Pater Werenfried das Leben dieser Geistlichen.

Er wusste auch um die seelischen Nöte der einfachen Gläubigen, um ihre traumatischen Erfahrungen aus der Zeit des Krieges und der Vertreibung. Viele waren nicht kirchlich verheiratet, noch viel mehr starben ohne die kirchlichen Sakramente. „Nicht, weil sie nicht wollten. Sie sehnten sich danach. Aber weil ich nur einen Leib und ein Fahrrad hatte …“, schrieb damals ein Rucksackpriester an den Prämonstratenser.

So kam es, dass Pater Werenfried auch um „Fahrzeuge für Gott“ bettelte. Erst waren es einfache Zweiräder – mit und ohne Motor. Dann kamen Autos dazu, Busse, schließlich zu Kapellen umgebaute Sattelschlepper. „Mit Kolonnen der Hilfe müssen wir ostwärts gehen. Lastwagen müssen wir mit Priestern bemannen und zum Brechen voll mit Liebesgaben beladen.“ Mit solchen Aufrufen wandte sich der Pater damals in Predigten an seine Zuhörer.

Und wie immer bei seinen Aktionen löste der „Speckpater“ damit eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Die Kapellenwagenmission seiner „Ostpriesterhilfe“ begann 1950 testweise mit zwei umgebauten Bussen. Sie verlief sehr erfolgreich. Hunderte Priester machten sich in den folgenden Jahren zu Missionsreisen in die versprengte „Diasporagemeinde“ der deutschen Heimatvertriebenen auf. Sie predigten, spendeten Sakramente, brachten Geschenke, Lebensmittel und Kleidungsstücke.

Wenn Pater Werenfried von „Kolonnen der Hilfe“ predigte, dann war das durchaus wörtlich zu verstehen: Am 22. April 1952, vor sechzig Jahren, wurden in Königstein im Taunus von Kardinal Josef Frings 14 Sattelschlepper, die „Kapellenwagen“, und 70 Volkswagen gesegnet. Insgesamt erbettelte Pater Werenfried damals in Belgien und den Niederlanden das Geld für über 100 VW-Käfer; sie dienten den Priestern in der Diaspora flächendeckend als „Fahrzeuge für Gott“.

„Heute kommt die Weltkirche zu euch, zu euch heimatvertriebenen Priestern und in euch zu allen Katholiken, die der Herrgott euch anvertraut hat“, richtete sich Pater Werenfried in Königstein an die Gäste der Segnungsfeier. Um ihn herum dutzende Fahrzeuge. Kardinal Frings sprach damals von einem „Schauspiel christlicher Nächstenliebe. Länder und Völker, die das deutsche Volk noch vor einigen Jahren mit Krieg überzogen, gedrückt und geknechtet hat, haben sich vereint, um uns zu helfen, in unseren Nöten.“

Zwei Jahrzehnte lang waren Priester ab den 1950-er Jahren mit den Kapellenwagen der Ostpriesterhilfe unterwegs, die meisten gestiftet und unterhalten von belgischen Diözesen. Bis zu 28 Sattelschlepper waren gleichzeitig im Einsatz. Man fuhr mit einem „Koloss von Autowagen“, erinnert sich ein Fahrer, spricht von „gigantischen Fahrzeugen“ und davon, er habe sich selber als „Dompteur“ eines Tigers gefühlt  – 14 Meter lang, zwei Meter breit, drei Meter hoch und fünf Tonnen schwer. Eine Seitenwand konnte heraus geklappt werden und machte den Blick auf den Altar frei. Auf der anderen Seite befand sich der Eingang zum Beichtstuhl. Im Heck waren die beiden Priester untergebracht und vorne, im Führerhaus, übernachtete der Fahrer.

1970 waren die großen Kapellenwagen zum letzten Mal unterwegs. Zwei Jahrzehnte lang hatten Missionare aus mehr als vierzig Orden Volksmissionen gehalten. Über eine Million Menschen hatten sie erreicht und zehntausende Predigten gehalten. In hunderten Orten Westdeutschlands – und manchmal auch im Ausland – waren sie zu Gast. Sie haben den katholischen Glauben verkündet – dort, wo es sonst nicht möglich gewesen wäre. Sie haben den Menschen die Kirche wieder in ihre Städte und Dörfer gebracht.