Kirche im Ersten Weltkrieg: Zwischen Patriotismus und Rom-Treue (Zweiter Teil)

Interview mit dem Theologen Dominik Schindler über Erzbischof Michael von Faulhaber

München, (ZENIT.org) Tanja Schultz | 332 klicks

Wir veröffentlichen heute den zweiten Teil des Interviews mit dem Theologen Dominik Schindler über Erzbischof Michael von Faulhaber (1869–1952)Der erste Teil erschien gestern, am Dienstag, dem 6. Mai.

***

ZENIT: „Der Krieg steht in dem schlimmen Ruf, er sei eine Hochzeit des Hasses. Er ist auch eine Hochzeit der Liebe, jener reinen Liebe, die stärker ist als der Tod,“ heißt es in einer Predigt in Speyer am 9. August 1914. Wie rechtfertigt Faulhaber theologisch seine Idee vom bellum iustum?

Das Zitat muss unbedingt in seinem Kontext gesehen werden, da sich ein anderer Verstehenshorizont eröffnet. Es stammt aus der Predigt anlässlich des Ausmarschs der Truppen im Speyerer Dom. Faulhaber spricht nicht von einer „Hochzeit“, sondern einer „Hoch-Zeit“ (die Predigt wurde veröffentlicht). Ganz korrekt müsste das Zitat lauten: „Der Krieg hat den bösen Ruf, er sei eine Hoch-Zeit des Hasses.“ Das angeführte Zitat verweist in seiner zweiten Hälfte mit Nachdruck auf die caritativen Möglichkeiten und Verpflichtungen, die sich durch das Kriegsleid eröffnen. Viel bemerkenswerter ist, dass der Speyerer Bischof bereits die Grausamkeiten des Krieges zu erahnen scheint, wenn er feststellt, dass es „für Hunderttausende […] Abend werden“ will.

Was den gerechten Krieg angeht, spricht Faulhaber von der „heiligen, gerechten Sache“ die aus der Sorge um das Vaterland entspringe. Nicht der Hass „gegen andere Völker und Fürsten“ sei der Impuls für das Kämpfen, sondern die „Liebe zu Kaiser und König, zu Vaterland und Heimat“. Der Speyerer Bischof steht ganz in der Theologie der Zeit, nach der Krieg zu führen eine real existierende Möglichkeit zur Beilegung von Konflikten war. Wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben waren, sprach man vom „gerechten Krieg“ im Sinn eines Augustinus beziehungsweise Thomas von Aquin. Faulhaber expliziert dies sogar: der Eintritt in den Krieg sei vom „Glauben an unser gutes Recht“ getragen.

ZENIT: Benedikt XV., der 1914 just zu Kriegsbeginn Pontifex wird, spricht sich aber deutlich gegen den Krieg aus. In seiner Exhortatio von 1915 bezeichnet er ihn als „grauenhaft nutzlose Schlächterei“. Warum verhallten die päpstlichen Friedensappelle in der Katholischen Kirche in Deutschland? Gibt es Kommentare von Faulhaber zur Position des Papstes?

Nach meinem derzeitigen Kenntnisstand gibt es keine direkte öffentliche Reaktion Faulhabers auf die Äußerungen Benedikts XV. beispielsweise in den Verordnungsblättern. Allerdings könnte die Möglichkeit bestehen, dass im Zuge der Edition der Tagebücher neue Erkenntnisse zu dieser Frage ans Licht kommen. Die katholische Kirche in Deutschland war meines Erachtens einfach nicht in der Lage, sich offen gegen den Krieg auszusprechen. Der Wechsel von der Rechtfertigung zu Beginn des Krieges hin zu einer Verurteilung im Juli 1915, als die Exhortatio erschien, hätte sicherlich einen Verlust an Glaubwürdigkeit mit sich gebracht. Außerdem hätte sich die katholische Kirche, die den Krieg als Chance zum Erweis der nationalen Treue sah – man denke an die Minoritätssituation im Deutschen Reich – diese Chance „verspielt“, ja sich womöglich sogar mit dem Vorwurf eines „Dolchstoßes“ aus den inneren Reihen auseinandersetzen müssen.

Allerdings geht Faulhaber in der Zwischenkriegszeit in zahlreichen Ansprachen auf die Friedensinitiativen Papst Benedikts XV. ein, die ja bereits kurz nach dessen Wahl mit der programmatischen Weihnachtsansprache von 1914 begannen.

ZENIT: Wann ändert Faulhaber seine Haltung zum Krieg?

Solche Fragen können nicht dadurch beantwortet werden, dass man ein konkretes Datum angibt. Vielmehr ist Faulhaber wie jeder Mensch in seine Zeit hineingestellt, die kulturellen und politischen Ereignisse der Zeit wirken auf die Person ein und bilden einen Kontext, in den die Entwicklung der Person eingebettet werden muss. Dazu gehört auch die Haltung zum Krieg. Bereits ab dem Jahr 1915 lassen sich vereinzelt Andeutungen aufzeigen, die sich von dem Sprachgebrach des „gerechtes Krieges“ zu distanzieren scheinen. Vermehrt treten solche Äußerungen allerdings erst 1917 auf. Übrigens: Faulhaber hat in den breit publizierten Gebeten, die er aus Anlass des Kriegs verfasste – im Gegensatz zu anderen deutschen Bischöfen – nie darum gebeten, dass Gott die Deutschen Heere zum Sieg führen wolle, sondern das Vertrauen auf die göttliche Vorsehung betont. Gott sei der „Schirmherr der gerechten Sache“. Auch wenn dies naheliegt, wird aber nicht expliziert, dass dies die „Deutsche Sache“ sei. Vielmehr bittet er in diesem Gebet darum, dass „Gottesfurcht und Gottvertrauen“ in Anbetracht der „Massengräber“ erstarken mögen und darum, dass „bald wieder die Segnungen eines ehrenvollen Friedens“ einkehren.

ZENIT: Inwieweit haben die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges Faulhabers Einstellung zum Kriegsausbruch 1939 geprägt?

Die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, der in seiner Brutalität ein vorher nie gekanntes Ausmaß erreicht hat, haben Faulhabers Haltung zu Krieg und Frieden schon in der Zwischenkriegszeit geprägt. Hier sind einige Ansprachen erwähnenswert, wie beispielsweise zum Abschluss des Katholikentages am 30. August 1922 in München unter mit dem Thema „Weltkirche und Weltfrieden“, in der der Erzbischof von München und Freising Gott darum bittet, dass er die Waffenrüstungen zerbrechen und seinen Frieden über die Völker leuchten lassen möge. Ferner sind die Silvesterpredigt des Jahres 1928 im Münchener Liebfrauendom unter dem Titel „Vom Frieden auf Erden“ und die Ansprache anlässlich eines Gottesdienst um Völkerfrieden am 7. Februar 1932 in der Basilika St. Bonifaz in München unter der Überschrift „Auf dem Weg zu einer neuen Kriegsmoral“ bezeichnend. In der für ihn charakteristischen, pointierten Weise stellt er fest: „Auf dass eine solche Katastrophe wie der letzte Weltkrieg den Völkern erspart bleibe, und die Abrüstung des Krieges einen guten Schritt vorwärts tue. […] Die alten Kriegslieder können ruhig zum alten Eisen im Kriegsmuseum gelegt werden. Das Heldentum der Waffen ist nicht die einzige Form heldischen Daseins.“ Allerdings hält Faulhaber, wie es aus der Ansprache herausgelesen werden kann, daran fest, dass prinzipiell Situationen vorstellbar sind, in denen dennoch an Krieg als letzte Möglichkeit zur Lösung von Konflikten zwischen Völkern gedacht werden könnte.

Der Kriegsausbruch 1939 steht unter ganz anderen Vorzeichen als 1914. Es handelt sich um eine andere Art von Krieg, die politische Situation im „Deutschen Reich“ ist eine komplett andere, auch die Stellung der Kirche in der Gesellschaft hat sich radikal geändert. Im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg äußert sich Faulhaber nicht in großer Breitenwirkung zur Frage nach der Rechtfertigung des Krieges. Die Stellungnahmen, die er in den Zwischenkriegsjahren abgegeben hat, sprechen für sich und zeigen seinen Wandel in der Einschätzung „des Krieges“ an.

ZENIT: Liefern die Tagebuchaufzeichnungen, die nun erstmals transkribiert und zum Jahresende publiziert werden sollen, neue Aufschlüsse über Faulhaber als Priester und Kirchenmann?

Selbstverständlich. Es ist geradezu ein Glücksfall für die Historiker, dass die Tagebücher aus des Besitz von Faulhabers letztem Sekretär in den Bestand des Erzbischöflichen Archivs des Erzbistums München und Freising gelangt sind und dass sich eine renommierte Gruppe von Forschern, u. a. Hubert Wolf, des Projektes annimmt. Allein schon die 52.000 Gesprächsnotizen lassen auf differenzierte Kenntnisse und Hintergrundinformationen hoffen. Spannend wird auch ein Vergleich der Tagebücher mit der Autobiographie Faulhabers sein, die er ja explizit zur Veröffentlichung vorgesehen hat und während des Zweiten Weltkrieges verfasste.

Tagebüchern vertraut man Dinge an, die in der Regel nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind und so ist neben der wissenschaftlichen Kompetenz von objektiver Akribie auch in einem gewissen Maß Einfühlungsvermögen und der Wille zum Verstehen erforderlich – ohne in einen Subjektivismus zu verfallen. Dies ist ein anspruchsvoller Spagat, denn aus den Tagebüchern darf nicht nur das herausgelesen werden, was die „brisanten“ Seiten der Person Faulhabers betrifft. Faulhabers Persönlichkeit und Intention des priesterlich-bischöflichen Wirkens müssen als Ganze erschlossen und verstanden werden.

Wir bedanken uns ganz herzlich für das Interview.