„Kirche soll ihre Chancen nützen“: Hirtenbrief der österreichischen Bischöfe

„Christus geht uns voraus auf dem Pilgerweg unseres Lebens und Glaubens“

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JERUSALEM, 9. November 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den gestern veröffentlichten Hirtenbrief, den die österreichischen Bischöfe vom Berg der Seligpreisungen in Galiläa aus an die Gläubigen in ihrer Heimat richten.



Die Hirten, die sich bis morgen, Samstag, im Heiligen Land aufhalten, blicken in ihrem gemeinsamen Schreiben auf den Papstbesuch in Österreich zurück und rufen dazu auf, „die Chancen zu nützen, die uns in Österreich gegeben sind“. In erster Linie gehe es darum, tiefer zu graben und auch tiefer zu denken, „als dies jetzt oft vorgeschlagen wird“. Werde das getan, würden sicher wieder viel mehr Menschen das Evangelium „als wirklich frohmachende, wenn auch nicht bequeme Botschaft“ neu für sich entdecken.

„Christus geht uns voraus auf dem Pilgerweg unseres Lebens und Glaubens. Wir sind gerufen, ihm nachzufolgen, indem wir auf ihn schauen, auf sein Wort hören und ihn anderen Menschen zeigen. Das wird zu großem Segen sein.“

Die Bischöfe hielten im Heiligen Land ihre diesjährige Herbst-Vollversammlung ab. Zugleich setzten sie mit dieser Reise ein Zeichen der Solidarität mit den bedrängten Christen in der Heimat Jesu.

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Liebe katholische Christen in Österreich, Brüder und Schwestern im Glauben!

Zwei Monate nach dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in Österreich und seiner Reise als Pilger nach Mariazell haben wir Bischöfe eine Pilgerfahrt in das Heilige Land unternommen. Hier – am Ursprung des Christentums – haben wir gebetet; wir haben bei unserer hier abgehaltenen Herbstkonferenz über Impulse aus dem Besuch des Heiligen Vaters und über den weiteren Weg der Kirche in Österreich inmitten unserer Weltkirche nachgedacht. Und wir haben auch in vielen Begegnungen unsere Solidarität mit den Christen des Heiligen Landes in ihrer schwierigen Situation zum Ausdruck gebracht.

"Auf Christus schauen", das war das Leitwort des päpstlichen Besuches in Österreich. In Nazareth, Betlehem, Jerusalem und in der diese Städte umgebenden Landschaft haben wir versucht, diesen Auftrag tiefer zu erfassen. Über diesen Boden ist ja Jesus als Kind und als Mann von Nazareth gegangen. Hier hat er die Apostel berufen, hat die Feste der Menschen mitgefeiert, hat Wunden von Leib und Seele geheilt, hat unerhörte, Mund und Herz öffnende Worte gesagt und dann wieder in der Einsamkeit gebetet. Hier hat er mit den Jüngern das letzte Abendmahl gefeiert, hier war sein Kreuz aufgerichtet und hier befand sich sein leeres Grab. Und schließlich wurde zu Pfingsten hier der Heilige Geist über die Urgemeinde ausgegossen.

In Galiläa hat der auferstandene Christus die Jünger in die Welt und in ihre Geschichte hinein gesendet, das Evangelium zu verkünden und zu taufen. Und er hat ihnen und der ganzen Kirche ein großes Versprechen mit auf den Weg gegeben. Es lautet: "Siehe, ich bleibe bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Weltzeit."

Hier in Galiläa, nahe dem Ort, wo Jesus die unvergänglichen Worte der Bergpredigt gesprochen hat, schreiben wir diesen Brief nach Österreich. Wir tun es im Vertrauen, dass Jesus Christus der Kirche auch in unserem Land auf dem Weg in die Zukunft beistehen wird, wie er es bisher getan hat.

Liebe Christen! Wenn wir realistisch, aber auch hoffnungsvoll auf die Kirche und die Zivilgesellschaft in Österreich blicken, dann sehen wir vieles, das uns Freude macht. Wir sehen aber auch vieles, das uns Sorgen bereiten muss. Die Gesellschaft ist in einem raschen Wandel begriffen. Es gibt in ihr viel Kreativität und Kraft für tragfähig Neues. Andererseits ist aber viel bewährt Tragendes von Aushöhlung und Zerfall bedroht. Dies betrifft besonders Familie und Ehe, die Solidarität mit den noch Ungeborenen und mit kranken alten Menschen und den Mut zu mehr Kindern.

Auch in unserer Kirche gibt es beides. Es gibt sehr viele lebendige ältere und junge Christen und christliche Gemeinschaften, insbesondere auch Pfarrgemeinden. Andererseits gibt es einen großen Mangel an Glaubenswissen und wenig religiöse Ergriffenheit bei vielen Getauften. Und es gibt eine Versuchung zur Resignation bei nicht wenigen ernsthaften Christen. Dies auch bei Priestern und Ordensleuten angesichts von Schwächen in manchen Bereichen des kirchlichen Lebens. Die Gründe dafür sind zahlreich. Wir sollten uns davor hüten, einige der Hauptursachen voneinander zu trennen und gegeneinander auszuspielen. So ist der Rückgang der Teilnahme am Sonntagsgottesdienst keineswegs nur auf den Mangel an Priestern zurückzuführen.

Als Bischöfe stehen wir inmitten dieser Spannungen. Wir dürfen ihnen nicht ausweichen und wollen sie nicht kleinreden. Wir sind aber davon überzeugt, dass wir in der Kirche Österreichs tiefer graben und auch tiefer denken müssen, als dies jetzt oft vorgeschlagen wird. Erst dann werden die Quellen unseres Glaubens wieder reichlicher fließen können. Viel mehr Christen werden das Evangelium dann als wirklich frohmachende, wenn auch nicht bequeme Botschaft entdecken. Dann wird auch die Zahl jener Christen zunehmen, die ihre Berufung zu einem entschiedenen, tapferen und fröhlichen Christsein annehmen, ob nun als Laienchristen, oder als Priester, Diakone, Ordensleute. Sie alle und besonders die als Pastoralassistentinnen und -assistenten, im Religionsunterricht, in den Pfarrgemeinderäten oder im Laienapostolat tätigen Männer und Frauen bitten wir um ihr missionarisches Glaubenszeugnis. Ein Blick auf die lebendige Kirche in anderen Ländern, wo es viel weniger Strukturen und finanzielle Mittel gibt, könnte uns ermutigen, die Chancen zu nützen, die uns in Österreich gegeben sind.

Im Heiligen Land konnten wir Bischöfe auch jungen Christen aus vielen Ländern begegnen, die uns das Zeugnis eines fröhlichen Glaubens gegeben haben. Manche haben eine Bekehrung erlebt und sind unterwegs zu einem geistlichen Beruf. Im Blick auf sie grüßen wir besonders die jungen Christen unserer Diözesen und wir grüßen alle Katholiken in Österreich vom Berg der Seligpreisungen in Galiläa. In Galiläa hat Jesus die Jünger berufen und dort hat er von ihnen nach seiner Auferstehung Abschied genommen. "Er geht euch voraus nach Galiläa", hatte der Engel den Jüngern zu Ostern am leeren Grab Christi gesagt. Das ist auch ein Wort an uns alle. Christus geht uns voraus auf dem Pilgerweg unseres Lebens und Glaubens. Wir sind gerufen, Ihm nachzufolgen, indem wir auf Ihn schauen, auf Sein Wort hören und Ihn anderen Menschen zeigen. Das wird zu großem Segen sein. Diesen Segen wünschen wir ihnen allen.

Die Bischöfe Österreichs

Mittwoch, 7. November 2007, am Berg der Seligpreisungen in Galiläa

[Von der Erzdiözese Wien veröffentlichtes Original]