Kirche und Bildung - warum die Kirchen sich in der öffentlichen Schule engagieren

Vortrag von Erzbischof Dr. Robert Zollitsch

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BERLIN, 6. Dezember 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Vortrag, den der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, am 4. Dezember zum Auftakt des bundesweiten Forums „Religion an öffentlichen Schulen" in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin gehalten hat.

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Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident,
sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender, lieber Bruder Huber,
sehr geehrter Herr Dr. Sachau,
sehr geehrter Herr Hake,
meine verehrten Damen und Herren,

Erziehung und Bildung sind wichtige Handlungsfelder der Kirchen. Das kirchliche Engagement reicht von den Kindertagesstätten über Schulen und Hochschulen bis zu den Einrichtungen der Erwachsenenbildung und den kirchlichen Akademien. Die Katholische und die Evangelische Kirche sind nach dem Staat die größten Träger von Bildungseinrichtungen in diesem Land.

Zur kirchlichen Bildungsverantwortung gehört nicht zuletzt der schulische Religionsunterricht, der im Mittelpunkt der heutigen Tagung steht. Zwar wird der Religionsunterricht in den meisten Bundesländern staatlich organisiert. Für seine Ziele und Inhalte aber sind die Kirchen und Religionsgemeinschaften verantwortlich. Faktisch geht die kirchliche Unterstützung des Religionsunterrichts weit darüber hinaus. Die katholischen Bistümer und die evangelischen Landeskirchen bieten den Lehrerinnen und Lehrern seit Jahrzehnten ein umfangreiches Fortbildungsprogramm an. Sie wirken an der Erstellung und Weiterentwicklung von Lehrplänen und Curricula mit und unterstützen durch ihre religionspädagogischen Institute und durch die entsprechenden Lehrstühle an den theologischen Fakultäten die konzeptionelle Weiterentwicklung des Faches.

Dieses Engagement trägt erkennbar Früchte. Studien und Umfragen zeigen, dass der Religionsunterricht ein Fach ist, das von der großen Mehrheit der Schüler und Eltern geschätzt wird. Hier in Berlin hat sich sogar eine Bürgerinitiative „Pro Reli" gebildet, die auf dem Weg des Volksbegehrens Religions- und Ethikunterricht als ordentliche Unterrichtsfächer an den Schulen etablieren will. Diese Bürgerinitiative wird von den beiden Kirchen, der Jüdischen Gemeinde und zahlreichen anderen aktiv unterstützt.

I.


Warum setzen sich die Katholische und die Evangelische Kirche so sehr für den Religionsunterricht ein? Warum engagieren sie sich so stark im Bildungsbereich? Auf diese Frage könnte man viele Antworten geben, die im Laufe dieser Tagung sicher auch zur Sprache gebracht werden. Der tiefste Grund für das kirchliche Bildungsengagement aber liegt im christlichen Glauben selbst.

Im Brief an die Römer schreibt der Apostel Paulus: „Der Glaube kommt vom Hören, das Hören aber vom Wort Christi." (Röm 10,17) Der Satz erinnert an das Bekenntnis Israels, mit dem Paulus seit seiner frühen Kindheit vertraut war: „Höre, Israel! Der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr." (Dtn 6,4) Dass der Glaube aus dem Hören auf das Wort Gottes kommt, ist keine triviale Aussage. Zum christlichen Glauben gelangt der Mensch nicht durch Selbstreflexion oder durch die meditative Versenkung ins eigene Ich. Der christliche Glaube bezieht sich vielmehr auf eine Botschaft, auf ein Wort, das der Einzelne sich nicht selbst sagen kann, sondern das er von anderen empfängt. Der christlich verstandene Glaube ist deshalb immer in einem Prozess von Lehren und Lernen, von Vermittlung und Aneignung eingebunden. Er ist eingebunden in den Überlieferungsprozess der Gemeinschaft der Glaubenden, in die Tradition der Kirche. Theologie und Pädagogik gehören hier eng zusammen. Ich möchte dies an zwei zentralen Aspekten verdeutlichen.

Zum einen ist die Anrede Gottes kein Akt der Überwältigung, dem sich der Mensch nur ergeben könnte. Die biblische Überlieferung macht im Gegenteil deutlich, dass Gott die freie Antwort des Menschen will. Gott schließt seinen Bund mit Israel am Berg Sinai und nicht in Ägypten. Denn er will seinen Bund nicht mit Sklaven, sondern mit Freien schließen. Auch die Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazaret ist kein Überwältigungsgeschehen. Der Geburt Jesu geht das bewusste Ja Marias voraus. Im Bundesschluss am Sinai und in der Verkündigung Mariens wird konkret, was in der Schöpfungsgeschichte Gottesebenbildlichkeit und modern gesprochen Würde des Menschen heißt. Wer den Glauben als freien Akt versteht, muss damit rechnen, dass Menschen wie der reiche Jüngling im Evangelium (vgl. Mt 19,16-26) nach anfänglichem Interesse andere Wege gehen und Jesus nicht nachfolgen. In diesem Glaubensverständnis liegt der theologische Grund für eine Pädagogik, die vom Respekt vor der Freiheit des Kindes und Jugendlichen bestimmt ist und auf die Subjektwerdung des Einzelnen zielt.

Zum anderen ist der „Hörer des Wortes" (Karl Rahner) keine Tabula rasa, kein unbeschriebenes Blatt. Er weiß vielmehr immer schon etwas und hat immer schon eigene Erfahrungen gemacht. Er kann die Botschaft nur annehmen und mitteilen, wenn er sie in Bezug zu dem bereits Gewussten setzt und in ihrer existenziellen Bedeutsamkeit für das eigene Leben bedenkt. Das galt für die Israeliten am Fuß des Berges Sinai ebenso wie für die Jünger Jesu, und es gilt auch für uns heute. Die Vermittlung und Aneignung des Glaubens kann und darf nicht von den persönlichen und gesellschaftlichen Erfahrungen, vom praktischen und theoretischen Wissen absehen, das der Mensch durch eigenes Nachdenken und Forschen erworben hat. Deshalb ist das Verhältnis von Glaube und Vernunft, von Glaube und Wissen ein zentrales Thema der christlichen Verkündigung. Der christliche Glaube ist ein denkender Glaube, ein Glaube, der zum Denken herausfordert. Hier liegt der theologische Grund für das kirchliche Engagement in Bildung und Erziehung.

II.


In vormodernen Zeiten waren für die meisten Menschen Glaube und Leben, Glaube und Wissen in den lebensweltlichen Bezügen von Familie, Beruf und Gemeinde immer schon verbunden. Dies änderte sich im ausgehenden 18. Jahrhundert. Mit dem Ausbau des Schulwesens und der Einführung der allgemeinen Schulpflicht wie auch mit der Gründung neuer Universitäten reagiert der Staat auf die Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Teilbereiche. Recht, Politik und Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Religion werden autonom und bilden eigene Sachlogiken aus. Die Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die notwendig sind, um kompetent am beruflichen, politischen und kulturellen Leben der Gesellschaft teilzunehmen, können nun nicht mehr allein in lebensweltlichen Bezügen vermittelt und angeeignet werden. Es bedarf vielmehr einer reflektierten Einführung in die unterschiedlichen Sachlogiken der sozialen Teilbereiche, wie sie sich im Fächerkanon der Schule abbilden. Die Katholische und die Evangelische Kirche haben nach anfänglichem Zögern und auch manchen Widerständen die soziale Differenzierung der Moderne und die relative Autonomie der Sachbereiche (vgl. z.B. Gaudium et spes 36, 41) ausdrücklich anerkannt und bejaht.

Unter den Bedingungen der Moderne hat sich auch die Vermittlung und Aneignung des christlichen Glaubens verändert. Die lebensweltliche Weitergabe des Glaubens in der Familie und in der Gemeinde ist zwar weiterhin von hoher Bedeutung. Nicht minder wichtig aber ist der Religionsunterricht in der Schule. Denn der christliche Glaube kann seine lebensorientierende Kraft in der modernen Gesellschaft nur entfalten, wenn die Glaubensüberzeugungen in Bezug zum Wissen und zu den Denkweisen in Wissenschaft und Kultur, Politik und Wirtschaft gesetzt werden. So können wir heute gar nicht mehr von der Welt als Schöpfung reden, ohne uns mit den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften zur Entstehung der Welt und zur Entwicklung der Lebewesen auseinanderzusetzen. Ebenso wenig kann in einer pluralistischen Gesellschaft die Vermittlung der eigenen Werte ohne Bezug auf die Werte und Werterfahrungen der anderen gelingen. Wer christliche Werte in Politik und Wirtschaft zur Geltung bringen will, muss auch die politischen und ökonomischen Funktions- und Denkweisen kennen. Deshalb ist es sinnvoll, dass die Weitergabe des Glaubens auch im Rahmen der schulischen Bildung stattfindet.

Die Verortung des Religionsunterrichts in der Schule prägt sein fachliches Profil. Der Religionsunterricht erschließt die Glaubensüberlieferung der Kirche im Dialog mit den Erfahrungen und Überzeugungen der Schülerinnen und Schüler, mit dem Wissen und den Erkenntnissen anderer Fächer, mit den gegenwärtigen Fragen der Lebens- und Weltgestaltung und mit den Positionen anderer Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen. Ein solcher Religionsunterricht ist ein konfessioneller Unterricht. In ihm kommt der Anspruch des Evangeliums zur Sprache, der zu persönlicher und begründeter Stellungnahme herausgefordert. Religiöse Urteils- und Dialogfähigkeit ist die Kernkompetenz, die der Religionsunterricht in der Schule vermittelt. Könnte es nicht sein, dass wir das geringe Echo, das der religiöse Fundamentalismus in Deutschland findet, dem Religionsunterricht in der Schule verdanken? Über diese Frage lohnt es sich nachzudenken.

III.


Doch liegt ein schulischer Religionsunterricht auch im öffentlichen, also allgemeinen Interesse? Wer die intellektuellen Debatten um Religion und Gesellschaft in den letzten Jahren aufmerksam verfolgt hat, kann diese Frage nur mit Ja beantworten.

Wir erkennen immer deutlicher, dass der technische und ökonomische Fortschrift uns vor Herausforderungen stellen, auf die unsere Gesellschaft sich schwer tut, eine befriedigende Antwort zu finden und diese politisch umzusetzen. Diese Herausforderungen, etwa die Gentechnik mit ihren eugenischen Möglichkeiten oder die ökonomische Globalisierung mit ihren sozialen Folgen, werden als umso drängender empfunden, weil sie die Substanz des Humanum betreffen. Es mehren sich zudem die Zweifel, ob eine rein säkulare Ethik, die sich an Leitbegriffen wie Vertrag, aufgeklärtes Selbstinteresse oder Nutzenmaximierung orientiert, diesen Herausforderungen gerecht werden kann. Aus diesem Grund plädiert etwa Jürgen Habermas, der sich selbst als „religiös unmusikalisch" bezeichnet, für eine neue Lernbereitschaft gegenüber religiösen Traditionen. (Vgl. J. Habermas, Zwischen Religion und Naturalismus. Philosophische Aufsätze, Frankfurt/M. 2005, 13, 115f, 119-154, 216-257) „Unter den modernen Gesellschaften" - so Habermas schon 1978 - „wird nur diejenige, die wesentliche Gehalte ihrer religiösen, über das bloß Humane hinausweisenden Überlieferung in die Bezirke der Profanität einbringen kann, auch die Substanz des Humanen retten können." (J. Habermas, Gershom Scholem. Die verkleidete Tora [1978], in: ders., Philosophisch-politische Profile, Frankfurt, 3. Auflage 1984, 377-391, hier 390)

Wenn diese Diagnose zutrifft, dann liegt die Pflege religiöser Überlieferungen im öffentlichen Raum im Interesse aller. Dann wäre es auch fahrlässig, den Religionsunterricht aus der öffentlichen Schule zu verbannen oder ihn zu marginalisieren. Gäbe es die grundgesetzliche Garantie des Artikels 7 nicht, müsste man sie heute glatt erfinden.

Meine Damen und Herren, der Religionsunterricht in der Schule ist aus guten Gründen ein zentrales Anliegen der Evangelischen und der Katholischen Kirche. Wir treten gemeinsam für den konfessionellen Religionsunterricht als ordentliches Unterrichtsfach ein, das allen anderen Fächern rechtlich und schulorganisatorisch gleichgestellt ist. Diese Position vertreten wir in allen Bundesländern, also auch hier in Berlin. Um die Bedeutung der religiösen Bildung zu unterstreichen, haben der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber, und ich Sie in die Bundeshauptstadt eingeladen. Wir wollen in dieser Veranstaltung die Positionen und Argumente von Politikern und Juristen, Natur- und Kulturwissenschaftlern, jüdischen und muslimischen Vertretern anhören und in den Dialog mit ihnen eintreten.

Mit dieser Veranstaltung setzen wir auch ein ökumenisches Signal. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz in einer traditionsreichen evangelischen Kirche eine gemeinsame Veranstaltung eröffnet. Das ökumenische Miteinander ist ausgeprägter, als diejenigen meinen, deren Blick immer nur auf die Unterschiede fixiert ist. Die heutige Veranstaltung ist ein Beleg dafür.

Abschließend möchte ich denen, die diese Veranstaltung vorbereitet haben, insbesondere den beiden Akademien, auch im Namen von Bischof Huber herzlich danken. Ich wünsche uns allen eine anregende und spannende Tagung.

[Von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichtes Originalmanuskript]