Kirche und Islam, eine Frage der Wechselseitigkeit

Kardinal Tauran setzt auf noch ungehobenen Schatz der „Goldenen Regel“

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ROM, 31. März 2009 (ZENIT.org).- „Die Beziehung zwischen Kirche und Islam ist eine Frage der Wechselseitigkeit. Es geht um gegenseitiges Verständnis und gegenseitige Akzeptanz", erklärte vor kurzem Kardinal Jean-Louis Tauran, Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog. nach einem Bericht des L'Osservatore Romano.

Christen sollten die Möglichkeit haben, in Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung ihre eigenen Kultstätten zu bekommen - genauso wie die Gläubigen des Islam das Recht hätten, in mehrheitlich christlichen Ländern in ihren Moscheen zu beten, so der Kurienkardinal, der viele Jahre hindurch als vatikanischer Sekretär für die Beziehungen mit den Staaten, also sozusagen als „Außenminister" Johannes Pauls II., in der internationalen Diplomatie tätig war.

Bei einem Vortrag in der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom erläuterte er das „Prinzip der Gegenseitigkeit" und machte darauf aufmerksam, „dass es konkret in einem Staat, nämlich in Saudi-Arabien, an Kultstätten für Christen fehlt". Die Ausführungen von Kardinal Tauran wurden am 27. Mai im Osservatore Romano einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Kirche müsse genau den richtigen Sinn von Wechselseitigkeit im Bereich des interreligiösen Dialogs ergründen, erklärte der Kurienkardinal, der sich diesbezüglich „klare Richtlinien" wünschte, „mit deren Hilfe sowohl Anwendungsbereiche festegelegt als auch Grenzen recht präzise abgesteckt werden können, die in den Ländern mit islamischer Tradition in bestimmten Bereichen als unüberwindbar gelten". Man müsse Wege finden, die verhinderten, dass Katholiken auf unfaire Art und Weise unter solchen Schwierigkeiten leiden müssten.

Anlässlich des zweitägigen Kongresses zum Thema „Religionsfreiheit und Menschenrechte" sprach der 65-jährige Kardinal auch über die drei Merkmale, die das Lehramt von Papst Benedikt XVI. in Bezug auf den interreligiösen Dialog bestimmen: „Kontinuität mit den Vorgaben seiner Vorgänger; eine größere Betonung der Notwendigkeit zum Prinzip der Gegenseitigkeit insbesondere im Zusammenhang mit den Beziehungen zwischen Kirche und Islam; der Zusammenhang zwischen dem Thema Gegenseitigkeit und dem gegenseitigen Verständnis, darunter auch Fragen wie das Problem der Religionsfreiheit".

Das Papst Benedikt XVI. den Grundsatz der Gegenseitigkeit eingeführt habe, „ist zweifellos ein Fortschritt", bekräftigte Kardinal Tauran. Er fügte allerdings hinzu: „Heutzutage verfügen wir weder über eine umfassende Beschreibung dieses Konzepts, noch über konkrete Hinweise für seine Anwendung im Bereich der Grundfreiheiten und insbesondere der Religionsfreiheit." Wenn man von Gegenseitigkeit spreche, gehe man selten auf die Bedeutung und den Inhalt der „Goldenen Regel" ein: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füge auch keinem anderen zu", schloss Kardinal Tauran.

Von Marine Soreau. Aus dem Französischen übersetzt von Angela Reddemann