Kirchen leisten in Kenia Friedensarbeit „am Rande des Völkermords"

Hilfsorganisationen gehen von 500 000 Vertriebenen aus

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GENF 5. Februar 2008 (ZENIT.org).- Die Kirchen in Kenia bemühen sich mit aller Kraft, ihren Teil dazu beizutragen, dass das Land nicht in einen Genozid abgleitet. Sie streben eine langfristige Heilung an und werden dabei auf die fortdauernde Unterstützung internationaler Partner aus den verschiedenen Religionen und christlichen Konfessionen angewiesen sein.



"Das Land befindet sich am Rande eines Völkermords; dagegen werden die Kirchen auf verschiedenen Ebenen aktiv", berichtete Kanonikus Peter Karanja, der Generalsekretär des Nationalen Kirchenrates von Kenia (NCCK) einer internationalen ökumenischen Delegation. Die Delegierten besuchten Kenia vom 30. Januar bis 3. Februar im Rahmen der Initiative „Lebendige Briefe", die der Ökumenische Rat der Kirchen ins Leben gerufen hat, um die Solidarität der internationalen ökumenischen Gemeinschaft mit Kirchen in Gewaltsituationen zu bekunden.

Jeder Tag fordert neue Todesopfer in Kenia und die Zahl der Binnenvertriebenen steigt ständig weiter an. Das Land ist mit der schlimmsten Krise seit seiner Unabhängigkeit vor 45 Jahren konfrontiert. Nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen im letzten Dezember sind mehr als 800 Menschen, darunter zwei Parlamentsmitglieder, getötet worden.

Die Kirchen in Kenia fordern die Verantwortlichen der zwei größten Parteien, die sich in einer politischen Sackgasse befinden, auf, Gespräche miteinander zu führen. „Niemand ist unschuldig", sagte Karanja, "und wir beten, dass der von Kofi Annan geleitete Vermittlungsprozess Früchte trägt".

Die Kirchen engagieren sich in einem interreligiösen Forum für den Frieden und organisieren darüber hinaus persönliche Begegnungen zwischen leitenden Kirchenvertretern, die unterschiedlichen Volksgruppen angehören. Die erste dieser Begegnungen fand am 30. Januar in Nairobi statt. An die 25 Bischöfe verschiedener Konfessionen, die den Volksgruppen der Kalenjin wie auch der Kikuyu angehörten, nahmen daran teil.

Die Teilnehmenden verließen die Zusammenkunft mit dem festen Willen, ihr Volk zur Beendigung der Gewalt und zum Verzicht auf Rache aufzurufen. „Es war mutig von ihnen, zu diesem Treffen zu kommen", erklärte Karanja. Eine ähnliche Begegnung zwischen Bischöfen der Kikuju und Luo ist für diese Woche geplant; weitere Zusammenkünfte sollen folgen.

Aus Angst vor der Gewalt haben Tausende von Menschen ihre Heimat verlassen und Zuflucht in den ca. 130 Lagern im ganzen Land gesucht. Die Angaben zur Zahl der Vertriebenen schwanken je nachQuelle: die Regierung spricht von 230 000 Vertriebenen, Hilfsorganisationen gehen von 500.000 aus.

An dem interreligiösen Forum nehmen Vertreter der katholischen Kirche, protestantischer und evangelikaler Kirchen, afrikanischer unabhängiger Kirchen und Adventistenkirchen sowie der muslimischen und der hinduistischen Gemeinschaft teil. Angesichts der Krise konzentriert das Forum sich in seiner Arbeit auf die Unterstützung politischer Vermittlungsbemühungen, die Bereitstellung von Nothilfe, die Koordinierung einer landesweiten Gebetsbewegung und die Zusammenarbeit mit den Medien, um immer wieder Friedensbotschaften zu verbreiten.

Obwohl die Religionsvertreter „die Zugehörigkeit zu ihrer Volksgruppe jeweils sehr stark empfinden", so der anglikanische Erzbischof von Kenia und Vorsitzende des Forums, Benjamin Nzimbi, "haben sie vor, während und nach der Wahl intensiv zusammengearbeitet und die Menschen aufgefordert, sich für den Frieden zu entscheiden und Chaos zu verhindern."

Die kenianischen Kirchen sind auch direkt an Bemühungen zur Linderung der humanitären Krise beteiligt, die durch die massive Vertreibung von Menschen entstanden ist. Der NCCK engagiert sich gegenwärtig in fünf Lagern. Er leistet Nothilfe, steht den Vertriebenen seelsorgerlich bei und kümmert sich besonders um traumatisierte Kinder.

Im Gebiet von Nairobi ist die Bevölkerung „bislang nicht stark in Mitleidenschaft gezogen worden, mit Ausnahme der Vertriebenen, die dorthin fliehen", berichtete Erzbischof Njeru Wambugu von der Nationalen Unabhängigen Kirche von Afrika. Aber, fügte Bischof Moffat Cleoppa von der Pfingstlichen Evangelistischen Gemeinschaft von Afrika hinzu, „wir sehen, wie Menschen anderen aufopferungsvoll helfen. Das, was sie haben, teilen sie wie nie zuvor mit ihren Nächsten".

„Neben all den Massakern und Vertreibungen gibt es auch noch Liebe in Kenia", erklärte Hellen Muchogu, die Organisatorin des Frauenvereins der Presbyterianischen Kirche von Ostafrika. Wambugu, Cleoppa und Muchogu sind Mitglieder des NCCK-Regionalkomitees für das Gebiet von Nairobi.

Die Heilung der Wunden, die durch die Krise entstanden sind, wird lange Zeit brauchen und Mittel erfordern, die die Kapazitäten der kenianischen Kirchen übersteigen. „Alle, auch die Politiker, erwarten, dass die Kirchen eine wichtige Rolle bei der Versöhnungs- und Heilungsarbeit, bei der Wiederansiedlung der Vertriebenen und dem Aufbau von Vertrauen spielen werden", meinte Karanja und fügte hinzu: "Wir werden die umfassende und engagierte Unterstützung unserer internationalen ökumenischen Partner brauchen, wenn wir diese Erwartungen erfüllen wollen".

Kurzfristig gesehen scheinen Gebete aber noch dringender zu sein. "Ihr müsst für uns beten, damit die Menschen wieder zur Vernunft kommen", erklärte Nzimbi. "Wir müssen alles tun, damit Kenia wieder zur Normalität zurückfindet."