Kirchliche Lehre auf konkrete Lebensumstände anwenden

Kardinal Kasper im Gespräch

Rom, (ZENIT.org) Maike Sternberg-Schmitz | 258 klicks

Vor etwa drei Wochen leitete Kardinal Walter Kasper die inhaltlichen Arbeiten des Konsistoriums mit einem Vortrag ein, der auf dem am Montag erschienenen neuen Buch des Kardinals mit dem Titel „Das Evangelium der Familie“ basierte und der für Aufmerksamkeit sorgte. Wie er in einem Gespräch mit Radio Vatikan am Montag sagte, habe er, als der Papst ihn gebeten habe, zum Thema Familie einen Vortrag vorzubereiten, diesen davor gewarnt, dass er seine eigenen Ansichten habe, mit denen er jedoch nicht die Lehre Kirche ändern wolle, sondern diese auf konkrete Lebensumstände anwenden wolle. Papst Franziskus habe jedoch eine Debatte gewollt, die verschiedene Sichtweisen widerspiegle und zur Diskussion anrege. Gegenüber Radio Vatikan sagte er bezüglich der Bedeutung des Evangeliums der Familie:

„Zunächst ist es ganz wichtig, dass die Bibel sehr positiv von der Familie spricht: Es ist die älteste Institution der Menschheitsgeschichte. Das Evangelium von der Familie ist, dass Gott Mann und Frau füreinander geschaffen und in deren Hände die Zukunft der Menschheit gelegt hat und dass er dann in Jesus Christus um das Band der Liebe sein eigenes Band der Treue und der Zuneigung gelegt hat. Dadurch hat er ihr eine Beständigkeit und Würde sondergleichen gegeben. Die Familie ist damit nicht nur Zelle der Gemeinschaft, sondern auch Zelle der Kirche.

Die Familie, die zurzeit in Schwierigkeiten und in Krise ist, ist etwas, was die Kirche mit aller Kraft unterstützen will - was auch die Aufgabe der kommenden Synode sein wird.“

Bezüglich der kulturellen und anthropologischen Krise sagte Kardinal Kasper, diese könne nur verhindert werden, wenn die Kirche in der Familie verwurzelt sei, dann sei sie auch im Leben der Menschen verwurzelt, da jeder seinen Glauben von Mutter und Vater vermittelt bekomme und in der Familie die Erfahrung der Begegnung mit vielen anderen Menschen mache. Zu seiner Vorstellung von den von ihm erwähnten Hauskirchen, die aus den ersten Jahrhunderten der Kirche stammen, sagte der Kardinal:

„Es geht nicht um die Romantisierung der so genannten bürgerlichen Familie, sondern es geht um eine neue Form von Familiengemeinschaft und um Orte, wo die Familien zu Hause sind und auch die Kinder zu Hause sind. Das ist ein Konzept, das sich in Afrika, in Lateinamerika und in Asien sehr bewährt hat, das könnte auch für uns in Westeuropa neu von Bedeutung sein.“

Auf die Frage hin, ob es von Seiten der Synoden eine Öffnung für das Thema der Familie und der Glaubenserfahrung gebe sagte Walter:

„Die Lehrtradition zur Familie hat eine große Entwicklung gemacht, wie überhaupt sich die Lebenswelt der Familie geändert hat. Die Entwicklung steht heute nicht einfach still, sondern angesichts der gegenwärtigen kritischen Elemente muss man danach fragen – nicht wo man einfach ändern kann, sondern wo man vertiefen kann, wo man weiterführen kann. Das ist in vielen Punkten dringend notwendig. In meinem Vortrag habe ich mich natürlich vor allem für das Glücken und das Gelingen der Familie ausgesprochen: Die meisten jungen Menschen suchen das Glück ihres Lebens in der Familie. Aber es gibt auch das Problem des Scheiterns. Die Kirche muss fragen, was sie tun kann, wie sie nahe sein kann, helfen kann, wo Familien gescheitert sind oder wo junge Menschen Angst haben vor der Familiengründung. Die Kirche kann nicht einfach ihre Normen ändern, aber sie muss ihre Normen so interpretieren, dass sie einen Bezug haben zur heutigen Lebenswelt.“

Papst Franziskus sei entschieden der Meinung, dass man über diese Themen sprechen müsse, aus diesem Grund habe er zwei Synoden dazu anberaumt. Dennoch erfahre Kardinal Kasper auch Widerspruch und seine Position sei umstritten. Er sagte, es gebe in der Tradition verschiedene Positionen, etwa bei wiederverheirateten Geschiedenen. Diejenigen, die sich der Diskussion nicht stellen wollten, würden im Grunde genommen den Papst sabotieren. Er sagte:

„Meine ganz schlichte Frage ist, ob jemand, der einen Fehler gemacht hat, der aber bereut und alles tut, was in seiner Situation konkret möglich ist, ob man den nicht absolvieren kann und ob bei dem nicht Vergebung möglich ist. Ich kann mir keine Situation vorstellen, in der Sünden und Fehler nicht vergeben werden können! Deshalb müssen wir diese Frage neu stellen und neu diskutieren. Ich habe einen Vorschlag gemacht, da kann man anderer Meinung sein, das kann man vertiefen und weiterführen, aber die Diskussion ist dringend notwendig.“

Kardinal Kasper sagte, er sei optimistisch, dass man in den nächsten Jahren bezüglich des Themas weiterkommen werde.

„Die Kirche ist immer den Weg zwischen Rigorismus, der nicht der Weg des Christen sein kann, und auf der anderen Seite Laxismus, der einfachen Anpassung, gegangen. Das Evangelium steht immer quer zu menschlichen Erwartungen. Es geht um einen realistischen Weg in bestimmten Situationen. Es gibt ja nicht ‚Die wiederverheirateten Geschiedenen‘; das sind sehr, sehr unterschiedliche Situationen. Mir geht es um diejenigen, die in unseren Gemeinden sind und die Verlangen nach den Sakramenten haben, die sich engagieren in den Gemeinden.

Ich habe den Eindruck, dass sehr viele Bischöfe auf Grund ihrer Erfahrung nach einem gangbaren Weg suchen, der Papst sicherlich auch. Damit, dass man zwischen Rigorismus und Laxismus einen Weg sucht, findet man sich in bester Gesellschaft. Der Patron der Moraltheologen, der heilige Alfons von Liguori, hat schon diesen Weg versucht. Mit einem einzelligen Rigorismus kommt man nicht weiter, das ist zum Teil auch klerikales Pharisäertum.“

Abschließend sagte Kardinal Kasper, er habe die Hoffnung, dass ein Weg zugunsten beider Seiten gefunden werden könne, zugunsten der Menschen und zugunsten der Kirche.