Kirchliche Morallehre "light"? (Erster Teil)

Interview mit Ehepaar Renate und Norbert Martin vom Päpstlichen Rat für die Familie

Rom, (ZENIT.org) Redaktion | 553 klicks

Die vom Vatikan neulich durchgeführte Umfrage zur Partnerschafts-, Ehe- und Familienpastoral in den Bistümern hat eine neue Debatte über die Kluft zwischen kirchlicher Morallehre, den Vorstellungen der Gläubigen und der gelebten Realität ausgelöst. Das Soziologen-Ehepaar Renate und Prof. Dr. Norbert Martin ist der Meinung, dass mit einer Lockerung der Sexualmoral Paaren und Familien nicht geholfen würde, ganz im Gegenteil: „Wir brauchen begeisterte Apostel!“

Die Eheleute sind seit 32 Jahren engagierte Mitglieder des Päpstlichen Rats für die Familie. Der emeritierte Professor hatte einen Lehrstuhl für Soziologie an der Erziehungswissenschaftlichen Hochschule Rheinland-Pfalz in Koblenz inne. Er war wissenschaftlicher Berater des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Gastprofessor an der römischen Lateran-Universität sowie Vize-Präsident des Medo-Instituts.

Wir drucken hier das von Regina Einig geführte Interview ab, das am Samstag, dem 8. Februar, in der "Tagespost" erschienen ist.  

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Die kirchlichen Dokumente zu Ehe und Familie sind der jüngsten Umfrage in den deutschen Bistümern zufolge kaum bekannt. Welche Ursachen stecken dahinter? 

Renate Martin: Zunächst einmal: Es gibt bei uns Gruppierungen in der Kirche, in denen die Dokumente nicht nur bekannt sind, sondern in denen sie auch in kleinen oder größeren Kreisen sorgfältig studiert werden. Es ist eine große Freude, wenn man mit diesen Gruppen spricht, zu erleben, dass sie sich begeistern können für das, was die Kirche zur Ehe allgemein und zur sakramentalen Ehe im Besonderen sagt. Für Menschen aller Altersstufen scheint dann die Würde von Ehe und Familie auf, ihnen geht auf, dass hier eine echte Berufung auf uns wartet, die uns zum Glück und zur Vollendung führt, wenn wir die Gnade Gottes an uns wirken lassen – mag das auch spezifische Opfer verlangen. Es gibt die Akzeptanz der kirchlichen Dokumente. Dennoch stimmt auch, was Sie ansprechen: weite Kreise haben nie etwas von dem großen Familiendokument „Familiaris consortio“ (1981), dem tiefgründigen „Brief an die Familien“ (1994), dem so wichtigen Dokument zur Bioethik „Donum vitae“ (1987 – alle unter Papst Johannes Paul II.) und der Fortschreibung von „Donum vitae“ in „Diginitas personae“ (2008) unter Benedikt XVI. gehört, geschweige dass sie es in der Hand gehabt oder gar ganz gelesen hätten.

Norbert Martin: Hier gibt es eklatante Versäumnisse und schwerwiegende Unterlassungen in der Vergangenheit. Viele fordern seit Jahrzehnten, medial unterstützt, die Anpassung der Kirche an Entwicklungen der säkularen Gesellschaft mit dem besonderen Fokus auf Ehe und Familie. Das Trommelfeuer tut seine Wirkung. Die unerhörte Andersartigkeit des Denkens und Handelns aus einem lebendigen Glauben an die Realität der Menschwerdung Gottes, an das Geheimnis und die Wirksamkeit der Sakramente, an die Wahrheiten des Credo usw. ist von einer Dimension, die der säkularen Welt fremd ist. Der Druck zur Anpassung an den Zeitgeist ist entsprechend hoch. 

Renate Martin: Sie fragen nach den Gründen für diese „Abstinenz“ angesichts der Dokumente. Deren einfachster ist: Was nicht beworben wird, findet keinen Markt und geht bald unter, es mag noch so sinnvoll, ja notwendig sein. Gab es konzertierte Aktionen zum Beispiel auf Dekanatsebene? Eine mitreißende Predigt über „Familiaris consortio“, wo nach dem Ende der Messe jeder sich ein Exemplar des Schreibens mitnehmen konnte? Wo gab es Diskussionszirkel dazu? Wurden Lesehilfen auf der Ebene der Bischofskonferenz erarbeitet und allen, die mit Ehe- und Familienpastoral zu tun haben, warm empfohlen? Es gab fast nichts davon – höchstens einmal punktuell. „Fast“ sage ich deshalb, weil ich selbst ein mehrere Abende umfassendes Kolloquium über „Familiaris consortio“ in einem Großstadtdekanat leiten konnte, das sich von einer eher abwartenden zu einer positiven Stimmung hin entwickelte. Hauptargument gegen den Text, gleich am Anfang provokativ in den Raum gestellt, war: er sei zu schwierig zu lesen. 

Norbert Martin: Lassen Sie uns aber noch etwas tiefer gehen, um Ihre Frage nach der Ursache der Abstinenz zu erhellen. Die Lektüre solcher Dokumente erfordert Offenheit – nicht schon Akzeptanz – für deren Argumente. Wer nur in ihnen sucht, ob bestimmte Positionen endlich aufgegeben werden, und nicht weiterforscht, warum sie nicht aufgegeben werden, der findet keinen Zugang, ärgert sich und greift nicht mehr nach dem Text. So erging es „Humanae vitae“ (1968) und später auch „Familiaris consortio“. Und wer dann noch weiter forscht, kommt wohl zu dem Schluss, dass der Blick sehr vieler unserer Glaubensbrüder und -schwestern für die Einzigartigkeit des in den Dokumenten entfalteten christlichen Menschenbildes getrübt ist. 

Genau diese Kritik wird immer wieder vorgetragen: Kritisiert wird, dass „der sprachliche Duktus und autoritative Ansatz“ die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit den Inhalten dämpfe. Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer Familienarbeit? 

Renate Martin: Bleiben wir bei meinem Erlebnis. In diesem Kurs verflüchtigte sich nach und nach die kritische Grundhaltung, weil klar wurde, dass jeder, der da saß, sehr gut die Grundaussagen des Textes verstehen konnte, sodass sich letztendlich diese Kritik als Vorurteil erwies, vor allem, wenn man ihn sich gemeinsam erschloss. Natürlich kann man fragen, ob nicht manches sprachlich und didaktisch besser aufbereitet werden könnte. Aber ist nicht genau das unter anderem die Aufgabe entsprechender Pastoralstellen in den Diözesen? Wir haben in unserer praktischen Familienarbeit über Jahrzehnte hin selbst erfahren, dass man „Humanae vitae“, „Familiaris consortio“, die Aussagen des Katechismus der Katholischen Kirche, die „Theologie des Leibes“ von Papst Johannes Paul II., sehr wohl vermitteln kann. Allerdings ist es klar, dass sich der innere Sinn der Texte nur dem erschließt, der sich ihnen mit einer Grundhaltung des „sentire cum ecclesia“, einer seelischen und intellektuellen Offenheit des Hörens nähert. 

Norbert Martin: Die Lehre der Kirche ist ja kein „autoritativer Ansatz“, sondern eine Hilfe zur Selbstentfaltung, eine Aufforderung zur freien Zustimmung, die in der praktischen Umsetzung das Leben sinnvoller, glücklicher, freier macht. Unzählige Eheleute erleben das in dem Sinn, der Papst Franziskus sagen lässt: Es geht um den Geist „der uns jeden Tag neu entdecken lässt, dass wir Träger eines Gutes sind, das menschlicher macht und hilft, ein neues Leben zu führen („Evangelii Gaudium“, 264).

Die der Ehelehre der Kirche innewohnende Realität ist keine Frage menschlicher Autorität, sondern höchstens einer Autorität, die sich hinter der bereitwilligen Annahme des Planes verbirgt, wie er der Schöpfung eingeschrieben ist. Aber auch eine grundsätzliche Bereitschaft zum Gehorsam, der ja eine Tugend ist, gehört zu einer lebendigen Kirchlichkeit. Der Plan des Schöpfers ist nicht der realen Welt entrückt, sondern für einen lebendigen Glauben ist er die eigentliche Realität, die unser Sein und Handeln bestimmen muss. Das ist ja gerade das genuin Christliche, zum Beispiel in der ehelichen Liebe als Zeichen der Gegenwart Christi die Liebe Gottes zu entdecken. Für eine rein diesseitige Orientierung ist das allerdings abgehoben von der Wirklichkeit und ruft Unverständnis und Kopfschütteln hervor. 

Hat die Kirche ein zu idealistisches Familienbild? 

Renate Martin: Viele werden diese Frage bejahen. Denn oftmals ist nicht klar, was Christus und Glaube mit der eigenen Ehe zu tun hat – wie mir einmal eine engagierte Katholikin sagte. Jeder Mensch, der in einer Ehe und Familie lebt, steht vor der Frage Luthers, ob die Ehe und damit auch die Familie rein weltliche Dinge sind. Wenn ja, dann hat die Kirche ein zu idealistisches Bild. Wer aber mit der Kirche davon ausgeht, dass in der christlichen Ehe eine besondere Teilhabe an Christi Leben, Sterben und Auferstehen gegeben ist, dass sich im Ehesakrament ein Heilsmysterium bietet, wie „Familiaris consortio“ an mehreren Stellen wunderbar entfaltet, dem kommt das Wort idealistisch nicht über die Lippen – er stellt sich auf die Seite des Glaubens, der, wie schon zu Zeiten der Gespräche Jesu mit den Jüngern, als Ärgernis empfunden wird. 

Norbert Martin: Wer glaubt, der erahnt ein großes Geheimnis (Eph. 5, 32). Die eigentliche und vornehmste Aufgabe der Ehepastoral ist es deshalb, den Zugang zum Sakrament zu ebnen – in einer so diesseitig eingestellten Zeit wie der unseren allerdings eine echte Herausforderung. Dabei kann es dann sein, dass die Glaubenspraxis christlicher Eheleute, die sich in all ihrer Sündhaftigkeit redlich bemühen, die Lehre der Kirche über Ehe und Familie in ihrem Alltag zu verwirklichen, als „selbstgerechte Demonstration der eigenen hohen Moral“ verächtlich gemacht und als ein idealistisches Familienbild diffamiert wird. 

Was bedeutet es langfristig für das Glaubensleben einer Familie, wenn die Lehre der Kirche nur selektiv wahrgenommen wird? 

Norbert Martin: Eine solche Verengung des Glaubens, der ja frei machen soll, führt mit der Zeit – wenn die „Selektion“ wesentliche Aspekte der Lehre ausblendet – zu einer wachsenden Entfremdung und langfristig zur Gefahr einer völligen Distanzierung. Der oft beschworene „Glaubenssinn aller Gläubigen“, der zuweilen gegen bestimmte Aspekte des Lehramts ausgespielt wird, betrifft nach konstanter Lehre der Kirche nur solche Gläubige, die den vollen Glauben angenommen haben und ihn gemäß zu leben versuchen. Zum Glauben gehört in der katholischen Kirche aber auch die Annahme des Lehramtes. Wenn heute viel von Barmherzigkeit die Rede ist, dann muss man daran erinnern, dass es von jeher zu den geistigen Werken der Barmherzigkeit gehört, die Unwissenden und Irrenden zu belehren (KKK 2447).

Renate Martin: Wer aus selektiver Haltung Christ ist, erlebt nicht die Freude der Fülle des Glaubens, sondern reibt sich innerlich wund an Diskrepanzen, die er nicht ausräumt. Heute mehr als früher muss jeder sich die Ganzheit des Glaubens erringen. Eine Familie, die Kirche und Glauben selektiv lebt, sich eine eigene Auswahl schafft, verliert nach und nach die innere Bindung und ist in Gefahr, ganz abzuschwimmen. 

Trifft der Vorwurf der „lebensfernen Sexualmoral“ zu? Was gewinnen Ehepaare, die sich an „Humanae vitae“ orientieren? 

Norbert Martin: Was die Lebensferne angeht, so kommt es auf den Maßstab an. Die Gläubigen, die die Lehre der Kirche bejahen und beachten, leben ja daraus, das heißt, für sie ist sie lebensnah; für die, die sie ablehnen und nach den Maßstäben dieser Welt entsprechend der allgemeinen gesellschaftlichen Permissivität und Sexualisierung leben, mag sie fern von ihrem Leben sein. Bei unserer Ehe- und Familienarbeit erleben wir viele Zeugnisse dafür, wie beglückend und bereichernd die Orientierung an der kirchlichen Anthropologie sein kann. Wir erleben Eheleute, die die Umorientierung von der Verhütung, die Lösung von Chemie und Techniken hin zu einer Natürlichen Empfängnisregelung als Befreiung empfinden. Für sie wird „Humanae vitae“ eine lebensnahe, ja prophetische Botschaft, der sie folgen. 

Frau Martin: Jedenfalls greift die kirchliche Lehre die Möglichkeit der Begrenzung der Kinderzahl im Sinne einer verantwortlichen Elternschaft als positive Aufgabe der Eheleute auf und empfiehlt Methoden, die genau dem Leben der Frau, des Mannes, des Paares entsprechen, also eher lebensnah sind. Denn die Frau lernt sich kennen und entsprechend zu verhalten, der Mann wird zur Rücksicht aus Liebe geführt, die Liebe des Paares bleibt frisch, wenn es den Rhythmus von Sehnsucht und Erfüllung kreativ lebt und sich wissend und frei in den Dienst der Lebensweitergabe stellt. Viele, die durch Chemie in dauernder sexueller Verfügbarkeit leben, landen bei der Lebensfeindlichkeit des Überdrusses und seiner Folgen: Untreue, Trennung, zerplatzte Hoffnungen und Träume, Leid und Einsamkeit – von der Not der Kinder ganz zu schweigen. Im Übrigen gilt: Einfache Lösungen gibt er hier nicht. 

Mit der freundlichen Genehmigung von „Die Tagespost

[Der zweite Teil des Interviews folgt am Donnerstag, dem 20. Februar]