Kirchliche Morallehre "light"? (Zweiter Teil)

Interview mit Ehepaar Renate und Norbert Martin vom Päpstlichen Rat für die Familie

Rom, (ZENIT.org) Redaktion | 364 klicks

Wie kann die Kirche pädagogisch ansetzen, um ihre Botschaft für eine ganzheitliche Sicht der Sexualität den Menschen näherzubringen? 

Renate Martin: Wir brauchen als wichtigstes begeisterte Apostel (s. „Evangelii gaudium, besonders ab Nr. 259. Dann aber bedarf es dringend einer pastoralen Aufarbeitung der päpstlichen Schreiben über Ehe und Familie auf breiter Basis, die das Sakrament in seinem inneren Sinn verdeutlicht. Seit 1968 warten wir darauf. Ist es utopisch zu hoffen, dass katholische Schulen und unsere Pfarreien Programme erarbeiten und das Ruder herumreißen? Manchmal fürchten wir das. Im Gespräch mit jungen Leuten hingegen machen wir oft die Erfahrung, dass sie froh sind, wenn man ihnen von der christlichen Auffassung der Schönheit der Liebe und des Wunders des Lebens erzählt. Alle Umfragen zeigen ja, dass sie nichts mehr ersehnen, als einmal eine glückliche Ehe und Familie zu gründen. Jung genug angesprochen sind sie offen. Bei ihnen also müsste man ansetzen. Ein zweiter Ansatzpunkt liegt bei den jungen Paaren, die unmittelbar auf die Ehe zugehen. Es gibt viele Beispiele aus der Praxis (zum Beispiel Salzburg, Straßburg, Australien, Kanada, mehrere Länder Afrikas, Italien), die im Anschluss an „Familiaris consortio“ familienpastorale Programme entwickelt haben, die mit großem Erfolg in den Diözesen praktiziert werden. Das Zeugnis engagierter Eheleute ist dabei von großem Wert. 

Die Umfrage lässt auf starke Defizite in der Ehevorbereitung schließen. Befürworten Sie ein Ehekatechumenat? Oder haben Sie andere Vorstellungen über eine angemessene Vorbereitung auf die Ehe? 

Norbert Martin: Die Defizite in der Ehevorbereitung existieren augenscheinlich und bei uns nicht erst seit den letzten Jahren. Schon in den 80er Jahren hat der „Päpstliche Rat für die Familie“ ein ausgefeiltes Programm der Ehevorbereitung vorgelegt, das auch in vielen Ländern rezipiert wurde. Als wir 1980 zur Bischofssynode über die christliche Familie in Rom waren, sah das nicht wesentlich anders aus als heute, und auch meine Mutter erlebte Ehevorbereitung in den 30er Jahren schon, erlauben Sie, als Farce. Hier hat das Defizit Tradition! Allerdings ist die Lage heute ganz anders als vor 80 Jahren und deshalb ungleich dringender. Damals gab es noch im Volk christliche Traditionen. Heute ist das Wissen um christliche Lehre und Lebensstil zu einem Minimum geschrumpft. Das bewirkt, dass Paare das Ehesakrament anstreben, die kaum noch Glaubenswissen besitzen und oft auch den Glauben nicht oder nur in homöopatischen Dosen praktizieren. 

Renate Martin: Ehrlich gesagt halten wir es für inakzeptabel, sie zu einem Sakrament zuzulassen, das so weitreichende Folgen für ihr Leben hat. Kommt das nicht dem gleich, dass man Priester nach einem einwöchigen Kurs weihen würde, indem man ihnen erklärt hat, was für ein Sakrament sie empfangen? Nur wenn ein Ehekatechumenat und eine erwiesene Grundgläubigkeit für alle verpflichtend wird, wie es in anderen Ländern schon der Fall ist, kann man hoffen, das Problem der ungültigen und scheiternden Ehen etwas in den Griff zu bekommen. Es wäre ein einschneidender Schritt, wenn die Kirche Forderungen an die Ehevorbereitung stellen würde, aber wenn der Anfangsschmerz überwunden wäre, würden sich mit Sicherheit gute Früchte einstellen. Wichtig ist dabei, dass in die Pastoral erprobte Eheleute eingebunden werden, die Zeugnis davon geben, dass man gemeinsam wächst, wenn man so lebt.

Norbert Martin: Ehekatechumenat ist übrigens kein neuer Begriff. In „Familiaris consortio“ bittet Papst Johannes Paul eindringlich darum, etwas Derartiges einzuführen, weil es viele Brautleute gibt, „die noch Mängel und Schwierigkeiten in christlicher Lehre und Praxis aufweisen“ – oder sich noch nie dafür interessiert haben. Der Papst sagt dazu: „Zu den Dingen, die auf diesem einem Katechumenat vergleichbaren Glaubensweg vermittelt werden, muss auch eine vertiefte Erkenntnis des Geheimnisses Christi und der Kirche wie der Bedeutung von Gnade und Verantwortung einer christlichen Ehe gehören…“ (FC66). Dafür nimmt er die Bischöfe in die Pflicht, die die Inhalte der Unterweisung und ihre Dauer festlegen müssen. Wenn man bedenkt, was junge Leute für den Erwerb des Führerscheins einzusetzen bereit sind ... 

Auch gläubige, überzeugt christliche Ehepaare erleben heute Scheidungen, Trennungen und irreguläre Situationen in den Familien ihrer Kinder und Enkel. Wie geht eine Familie vernünftig damit um? 

Renate Martin: Christlich lebende Ehepaare stehen mitten in der Welt. Sie erfahren genau wie alle anderen den Schmerz von Trennungen und irregulären Situationen bei ihren Kindern und Enkeln. Heute haben Eltern eher die Möglichkeit, seelischen Halt und Trost, manchmal vielleicht sogar Hilfe zur Versöhnung zu bieten. So wenig man Schuld übersehen kann, so sehr ist man gehalten, in Liebe die Betroffenen anzunehmen und für sie zum Zeichen der Barmherzigkeit Gottes zu werden. Jedenfalls darf man Kinder mit diesem Schicksal nicht fallen lassen. Sie müssen ihre Herkunftsfamilien als Ort der Geborgenheit und unbedingter Annahme erleben, ohne dass man die irregulären Situationen gutheißt. Eltern müssen in dieser Hinsicht oft viel Ausdauer, Geduld und Opferbereitschaft zeigen, ohne dauernd den moralischen Zeigefinger zu erheben. 

Ist es eine Hilfe für die Betroffenen, wenn die Kirche nun unter dem Stichwort „neue Wege in der Pastoral“ anstrebt, das Kommunionverbot für wiederverheiratete Geschiedene zu lockern (wie es die „Freiburger Handreichung“ vorschlägt) und vom Verbot der chemischen Verhütung abrückt? 

Norbert Martin: Zur „Freiburger Handreichung“ hat Rom schon das Nötige gesagt und wir können uns dem nur anschließen. In der Pastoral für die wiederverheirateten Geschiedenen wird man in Zukunft sicher noch viele Schritte tun können, zum Beispiel Einbindung in die Gemeinde, Gesprächskreise und vieles andere mehr. Hierher gehört auch ein Überdenken hinsichtlich des kirchlichen Annullierungsverfahrens, das vereinfacht und zügiger gestaltet werden könnte. Die religiös-distanzierte säkularisierte Lebensweise lässt aber die Frage aufkommen, ob das überhaupt größere Gruppen der Betroffenen interessiert. 

Renate Martin: „Hilfe“ kann auf religiösem Gebiet eigentlich nur heißen: Hilfe zu einem tieferen Glaubensleben und Hilfe durch menschliche Nähe. Bei der „Freiburger Handreichung“ werden Hoffnungen geweckt, die notwendigerweise zu Enttäuschungen und Frustrationen führen, die wiederum die Distanzierung verstärken. Das führt zu einer weiteren Entkirchlichung. Bei der ganzen Frage geht es nicht um ungerechte „Aussperrung“, sondern um die angemessene und ehrfurchtsvolle Behandlung des Altarssakraments. Eheliche Treue steht in engstem Zusammenhang mit der Treue Christi zur Kirche, deren tiefste Bestätigung die Eucharistie ist. Auch dazu hat „Familiaris consortio“ in Nr. 84 schon klärende Worte gesprochen. 

Norbert Martin: Im zweiten Fall, der Frage der Verhütung, würde ein Abrücken von der bisherigen Lehre Untreue dem christlichen Menschenbild gegenüber bedeuten. Die Mittwochskatechesen von Papst Johannes Paul II. zur Theologie und Spiritualität der Leiblichkeit des Menschen haben dies in einer biblisch begründeten Befreiung der Leiblichkeit und Sexualität von Mann und Frau in der Ehe nochmals vertieft und damit eine weitere Legitimation von „Humanae vitae“ geliefert. Im Übrigen verbietet schon die Tatsache der potenziell abtreibenden Wirkung der Pille hier ein Entgegenkommen. Angesichts der chemischen Verhütung, der technischen Manipulation und anderer damit verbundener Praktiken, der beträchtlichen Gefahren für Gesundheit und Leben (Pille, Pessare etcetera) erscheint all das für durch Natürliche Empfängnisregelung aufgeklärte Eheleute geradezu mittelalterlich.

Renate Martin: Viele Paare geraten ja geradezu wegen der Verhütung in die Krise, und die Erfahrung zeigt, dass sie aus einer solchen Krise kaum zu retten sind, wenn nicht die Praxis der Verhütung aufgegeben wird. Hier zeitigt die Praxis der Natürlichen Empfängnisregelung erstaunliche, aber leider wenig bekannte Erfolge.

Norbert Martin: Schon Anfang der 80er Jahre hat der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Höffner, gesagt, dass die Ablehnung chemischer und anderer Techniken der Verhütung eine solche Dichte und tiefe Begründung in der gleichbleibenden kirchlichen Lehre erreicht habe, dass man von einer unabänderlichen Lehre sprechen könne. Wer sich in die innere Begründung dieser Ablehnung im Zusammenhang der sakramentalen Bedeutung der Geschlechtlichkeit des Menschen vertieft und sie bejaht, kann dem nur zustimmen. Neue Wege in der Pastoral wird es meines Erachtens nur im Rahmen und in Weiterführung der Aussagen von „Familiaris consortio“ geben. Die bevorstehende Synode wird das ausfalten und differenzieren, aber nicht ändern können. Wer den Wortlaut des vorbereitenden Dokuments liest, wird unschwer erkennen, dass es nicht um Änderung der Lehre, sondern um bessere Wege der Pastoral bei der Vermittlung der kirchlichen Lehre geht: nicht Korrektur der Lehre, sondern Korrektur des Lebens; es geht um die Verkündigung des Evangeliums, nicht um seine Veränderung. 

Renate Martin: Wer in dieser Frage wie auch der der wiederverheirateten Geschiedenen von Papst Franziskus – wie es zuweilen bei einigen daran Interessierten anklingt – eine Änderung der kirchlichen Lehre erwartet, der täuscht sich mit Sicherheit und enttäuscht auch die Erwartungen, die er bei anderen geweckt hat. Man braucht dafür nur in die einschlägigen Dokumente von Aparecida zu schauen. Im Schlussdokument, das unter der führenden Redaktion des damaligen Kardinals Bergoglio entstand, heißt es zum Beispiel: „Wir müssen uns der eucharistischen ,Kohärenz‘ verpflichtet fühlen, das heißt uns bewusst sein, dass die heilige Kommunion nicht empfangen kann, wer zugleich in Tat und Wort gegen die Gebote verstößt.“ 

Brauchen Familien, die sich beispielsweise in geistlichen Bewegungen um eine volle Übereinstimmung ihres Ehe- und Familienlebens nach der kirchlichen Lehre ausrichten, mehr Akzeptanz und Unterstützung durch die Bistümer? 

Renate Martin: Die Akzeptanz der kirchlichen Bewegungen hat sich in letzter Zeit positiv entwickelt, unter anderem wohl deshalb, weil die Bischöfe erleben, dass hier froh und mutig christliches Leben gelebt und gekündet wird. Das mag sich von Bistum zu Bistum und von Gemeinschaft zu Gemeinschaft unterschiedlich darstellen. 

Norbert Martin: Ich kann mich noch gut erinnern, wie in den 70er Jahren im Rahmen des ZdK erstmals eine Arbeitsgruppe unter dem damaligen Weihbischof Paul Cordes von Paderborn zusammentrat und Überlegungen anstellte, wie man das Charisma der Ehe- und Familienbewegungen besser in die kirchlichen Strukturen einfügen könnte. Seitdem ist viel geschehen, sodass die Bewegungen heute eine anerkannte Selbstverständlichkeit geworden sind. Das heißt aber nicht, dass ihre Charismen für die Kirche schon ausgeschöpft wären. Eine stärkere Akzeptanz und Unterstützung von Seiten der Bistümer (in manchen ist das schon weiter fortgeschritten als in anderen) könnte eine Hilfe für die Ehe- und Familienpastoral sein. 

Renate Martin: Für viele Familien sind die genannten Gemeinschaften die Orte, wo sie Zeugnisse christlichen Ehelebens in sich aufnehmen können. Es gibt viele bewegende Beispiele von jungen und alten Eheleuten, die ihre Ehe als Berufung leben. Ihr Zeugnis stellt einen Gegenpol dar gegen die „Kultur des Vorläufigen“ (Papst Franziskus am 4.10.2013 in Umbrien beim Treffen mit der Jugend). Lassen Sie mich noch einige abschließende Worte sagen zum Problem der Barmherzigkeit, das hier nur kurz gestreift werden kann: den Armen, Kranken, Schwachen gegenüber – also uns allen gegenüber: Ja; den Irrenden und Umkehrwilligen gegenüber: Ja; dem Irrtum gegenüber: Nein, denn das wäre ein Vergehen gegen die Liebe und die Wahrheit. Wer den inneren Sinn der sakramentalen Ehe und ihre Relevanz für die Vereinigung mit Christus in der Eucharistie verstanden hat, dem wird klar, wie fragwürdig es ist, hier alles mit der Barmherzigkeit lösen zu wollen.

Lassen wir uns von Papst Franziskus sagen: „Ich weiß, dass keine Motivation ausreichen wird, wenn in den Herzen nicht das Feuer des Heiligen Geistes brennt.“ („Evangelii gaudium“, 262). 

Das Interview führte Regina Einig. 

Mit der freundlichen Genehmigung von „Die Tagespost

Der erste Teil des Interviews erschien gestern, am Mittwoch, dem 19. Februar.