Kirchliche Oberhäupter in Israel rütteln Weltgewissen auf

Obwohl es keine Hoffnung gibt, schreien wir unsere Hoffnung heraus

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JERUSALEM, 11. Dezember 2009 (ZENIT.org).-Der lateinische Patriarch Michel Sabbah gehört zu der Gruppe palästinensischer Christen und Christinnen aus mehreren Kirchen und kirchlichen Organisationen, die heute einen leidenschaftlichen und vom Gebet erfüllten Aufruf zur Beendigung der Besetzung Palästinas durch Israel veröffentlicht haben.

Der Aufruf wurde heute im Rahmen einer Tagung in Bethlehem an die Weltöffentlichkeit gerichtet und zu einer Zeit, in der viele Palästinenser glauben, dass sie sich in einer Sackgasse befinden.

Das Dokument fragt die internationale Gemeinschaft, die politischen Verantwortlichen in der Region und die Kirchen in aller Welt nach ihrem Beitrag zur Unterstützung der Freiheitsbestrebungen des palästinensischen Volkes. Der Aufruf will selbst inmitten "unserer Katastrophe" als ein Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe verstanden werden.

Der Appell wird in Anlehnung an einen ähnlichen Aufruf, den südafrikanische Kirchen 1985 auf dem Höhepunkt der Unterdrückung unter dem Apartheidregime erlassen haben, "Kairos Palästina-Dokument" genannt.

Der damalige Aufruf hatte Kirchen und Weltöffentlichkeit aufgerüttelt und zu konzertierten Aktionen veranlasst, die die Apartheid letztlich beendet haben. Die Verfasser und Verfasserinnen des Kairos Palästina-Dokuments, darunter der emeritierte Patriarch Michel Sabbah vom Lateinischen Patriarchat in Jerusalem, der lutherische Bischof von Jerusalem Munib Younan sowie Erzbischof Theodosios Atallah Hanna von Sebastia, Griechisch-Orthodoxes Patriarchat von Jerusalem, haben religiöse und politische Verantwortliche in Palästina und Israel, die internationale Gemeinschaft sowie "unsere christlichen Brüder und Schwestern in den Kirchen in aller Welt" an die Dringlichkeit von Frieden und Gerechtigkeit erinnert.

Sie sind der Meinung, dass die laufenden Bemühungen im Nahen Osten in Krisenmanagement bestehen, anstatt angemessene und langfristige Lösungen für die Krise anzustreben.

Anprangern leerer Versprechungen

Die Unterzeichnenden des Aufrufs bringen ihren Schmerz zum Ausdruck und beklagen die leeren Versprechungen und Ankündigen von Frieden in der Region. Sie erinnern die Weltgemeinschaft an die Trennmauer, die auf palästinensischem Gebiet errichtet worden ist, an die Blockade von Gaza, daran, dass israelische Siedlungen ihr Land verwüsten, an die Erniedrigung an den Militärposten, die Einschränkung der Religionsfreiheit und den kontrollierten Zugang zu den heiligen Stätten, an das Los der Flüchtlinge, die darauf warten, in ihre Heimat zurückkehren zu können, an die Gefangenen in israelischen Gefängnissen, an Israels eklatante Missachtung des Völkerrechts wie auch an die Lähmung der internationalen Gemeinschaft angesichts dieser Tragödie.

Sie weisen Israels Rechtfertigung, seine Aktionen dienten der Selbstverteidigung, zurück und erklären unmissverständlich: "Wenn es keine Besetzung gäbe, gäbe es auch keinen Widerstand, keine Angst und keine Unsicherheit."

Ihr Argument lautet: "Gott hat uns nicht für Streit und Kampf geschaffen, sondern dafür, dass wir gemeinsam das Land in Liebe und gegenseitigem Respekt aufbauen. (…) Wir glauben, dass unser Land einen universellen Auftrag hat, (…) und die Verheißung des Landes (war) zu keiner Zeit ein politisches Programm, sondern vielmehr der Auftakt zur vollständigen universellen Erlösung. (…) Unsere Verbundenheit mit diesem Land ist keine bloße ideologische oder theologische Frage, sondern ein natürliches Recht." Sie weisen jeden Bezug auf die Bibel zur Legitimierung oder Untermauerung politischer Optionen und Positionen, die auf Unrecht basieren, zurück.

Die Gruppe erklärt die Besetzung Palästinas als Sünde gegen Gott und die Menschen und hält unbeirrbar an den Zeichen der Hoffnung fest wie z.B. "lokale theologische Zentren" und "zahlreiche Zusammenkünfte zum interreligiösen Dialog". Diese Hoffnungszeichen unterstützten den Widerstand gegen die Besetzung.

In der Logik des friedlichen Widerstands sei Widerstand ein Recht und eine Pflicht, denn er hat das Potenzial, die Versöhnung zu beschleunigen. Die Unterzeichnenden erklären, dies sei die Zeit der Buße für Verhalten in der Vergangenheit – Hass als Instrument des Widerstandes oder Bereitschaft zur Gleichgültigkeit oder zur Übernahme falscher theologischer Positionen – und sie rufen die internationale Gemeinschaft und die Palästinenser auf, in dieser Zeit der Prüfung standhaft zu bleiben. "Kommt und seht (…), damit wir euch die Wahrheit über unsere Wirklichkeit erzählen." Sie enden mit einem bewegenden Schlusswort: "Obwohl es keine Hoffnung gibt, schreien wir unsere Hoffnung heraus.

Wir glauben an Gott, an den gütigen und gerechten Gott. Wir glauben, dass am Ende Seine Güte den Sieg über das Böse des Hasses und des Todes davontragen wird, die noch immer in unserem Land herrschen. Wir werden hier 'ein neues Land' und 'einen neuen Menschen' entdecken, der imstande ist, sich im Geiste der Liebe zu allen seinen Brüdern und Schwestern zu erheben.“


Die Verfasser und Verfasserinnen des Aufrufs:
· Patriarch Michel Sabbah
· Bischof Dr. Munib Younan
· Erzbischof Theodosios Atallah Hanna
· Pfarrer Dr. Jamal Khader
· Pfarrer Dr. Rafiq Khoury
· Pfarrer Dr. Mitri Raheb
· Pfarrer Dr. Naim Ateek
· Pfarrer Dr. Yohana Katanacho
· Fr. Fadi Diab
· Dr. Jiries Khoury
· Frau Sider Daibes
· Frau Nora Kort
· Frau Lucy Thaljieh
· Herr Nidal Abu Zulof
· Herr Yusef Daher
· Herr Rifat Kassis - Koordinator der Initiative