Kirchliches Erbe wird greifbar: Bisher größte Ausstellung über Kaiser Konstantin mit knapp 1.500 Exponaten aus 160 Museen seit Freitag in Trier zu sehen

Von Johannes Seibel

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WÜRZBURG, 5. Juni 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).-Der römische Kaiser Konstantin scheidet rund 1.700 Jahre, nachdem er in Trier den Titel Augustus erhielt und in den ersten Jahren seiner Regentschaft lebte, immer noch die Geister: War er der Wegbereiter des Christentums als der entscheidenden prägenden Kraft dessen, was heute als Europa zusammenwachsen soll? War er ein skrupelloser Aufsteiger und Machtmensch, der Religion nur unterstützte, soweit sie ihm nützlich war und die Weltgeschichte mit dem ersten tödlichen Religionskrieg infizierte? Oder war er möglicherweise gar ein multikultureller Geist, der zwar stets das religionspolitisch Böse wollte, aber das Gute einer heidnischen spätantiken Blüte als Vorbild unserer heutigen vielgesichtigen Zeitläufte hinterließ?

Antworten auf solche Fragen können seit gestern in drei Trierer Museen gesucht werden. Die 6,6 Millionen Euro teure Landesausstellung „Konstantin der Große“ in Trier, zu der die Stadt rund eine viertel Million Gäste erwartet, ist im Rheinischen Landesmuseum, im Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseum sowie im Stadtmuseum Simeonstift bis 4. November zu besichtigen. 1.413 Exponate stehen in den Vitrinen. Davon stammen 685 Leihgaben von 160 Museen und Privatsammlern aus 19 verschiedenen Ländern von Rom über Budapest, Kopenhagen bis hin zu New York, Madrid und Moskau.

Dass dabei die Zusammenarbeit der drei Träger der Ausstellung, das Land Rheinland-Pfalz, das Bistum Trier und die Stadt Trier, erinnerungspolitisch alles andere als eine harmlose Angelegenheit ist, konnte der Gast der Eröffnungspressekonferenz zur Ausstellung am vergangenen Donnerstag schon einmal verfolgen. Die wissenschaftlichen Leiter des Projektes, der emeritierte Historiker der Freien Universität Berlin, Professor Alexander Demandt, und der christliche Archäologe Professor Josef Engemann, wollen nämlich das durchschnittliche europäische Geschichtsbewusstsein, dem Konstantin vor allem als der römische Kaiser gegenwärtig ist, der sich dem Christentum zuwandte, in erster Linie mit dem „Unerwarteten“ konfrontieren – etwa damit, wie sehr Konstantin der Große und seine Zeit noch in der Mythologie des Polytheismus und der heidnischen Kulte verwurzelt gewesen sei. „Differenziert“ sollen die Besucher das Phänomen der Christianisierung der Spätantike in den Blick nehmen, um so einer Art geschichtlich nachträglichen Säkularisierung Konstantins des Großen beiwohnen zu können, damit diese Figur historisch nicht „einseitig vereinnahmt“ wird, wie es hieß.

Professor Demandt etwa lenkte den Blick schon einmal auf die von ihm so genannten „Kosten“ der historisch wirkmächtigen Erfolge Konstantins: Zwölf Jahre Bürgerkrieg, Aushöhlung des römischen Heeres und damit der Möglichkeit des Kaiserreiches, seine Grenzen zu schützen, durch neue Aufstiegsmöglichkeiten für germanische Soldaten oder die „Ausgrenzung von Nichtchristen“ und „Verfolgung von Splitterkirchen“ in Folge des Glaubensbekenntnisses von Nicäa 325. Demandt nannte die Schlacht an der Milvischen Brücke 324, in der Konstantin über die Truppen des Licinius siegte und zum Alleinherrscher aufstieg, und dabei im Zeichen des Christentums gesiegt haben soll, den „ersten Religionskrieg“ der Geschichte.

Er verwies unter der Rubrik „Schattenseiten“ während seines Vortrags weiter auf die spätere Rezeptionsgeschichte Konstantins – sie reicht von der Tatsache, dass sich die gesamten europäischen monarchischen Häuser auf Konstantin berufen bis hin zum konstantinischen Geiste bei Mussolini und Hitler, „alles nachweisbar“, so der Berliner Historiker. Und alles im Städtischen Museum Simeonstift in Trier zu sehen, das sich ganz dieser Rezeptionsgeschichte und Entmythologisierung des Geschichtsbildes Konstantins widmet.

Auch Professor Engemann will mit dem Ausstellungskonzept „Skepsis“ gegenüber hergebrachten christlichen Geschichtsbildern säen. So merkte er kritisch an, dass bis Kaiser Konstantin das Christentum eine pazifistische Religion gewesen sei, mit dem römischen Herrscher aber eine Militarisierung dieser Religion eingesetzt habe, womit sich diese Religion selbst keinen Gefallen getan habe – eine Art Sündenfall also. Der Soldat sei zum Leitbild christlicher Existenz erhoben, Fahnenflucht auf einem Konzil gar mit Exkommunikation belegt worden. Engemann zog anschließend eine direkte Linie zum Koppelschloss der deutschen Soldaten im 19. und 20. Jahrhundert und dessen Aufschrift „Gott mit uns“.

Auch dafür haben die Ausstellungsmacher in Trier Anschauungsmaterial aufgeboten: Etwa Zeichnungen von eigener Hand des deutschen Kaisers Wilhelms II. aus dem 19. Jahrhundert, aus denen hervorgeht, dass dieser ein besonderes Wohlwollen für die römischen Feldzeichen mit christlichen Symbolen entwickelte, wie sie Kaiser Konstantin verwandte. Der evangelische deutsche Kaiser, der deutsche Soldaten mit dem „Gott mit uns“ in die Katastrophe des ersten Weltkriegs schickte, sah sich also als Erbverwalter eines Wächters der römisch-katholischen Weltreligion – diese Folgerung sprach Engemann dann allerdings nicht mehr aus. Vielmehr plädierte Professor Demandt mit Blick auf den heutigen europäischen Einigungsprozess, sich doch mehr dem Erbe des Humanismus zuzuwenden als dem der Religion.

Ungebrochene Kulturtradition des Christentums

Da hielt dann während der Pressekonferenz vor der Ausstellungseröffnung der Trierer Generalvikar Georg Holkenbrink doch vornehm, aber bestimmt dagegen. Mit Blick auf die drei so verschiedenen Ausstellungsträger meinte er, dass dennoch „jede Seite das ihrige beizutragen“ habe. Denn das Bistum Trier kann für Holkenbrink auf eine „ungebrochene Kulttradition“ des Christentums an einem Ort seit dem 3. Jahrhundert bis zur Gegenwart verweisen. „Das Bekenntnis der Christen basiert auf einem Bekenntnis bis zur Zeit Konstantins, nicht erst heute beginnt die Geschichte“, so der Generalvikar weiter.

Die Ausstellung im Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseum in Trier zu Kaiser Konstantin zeige, dass heute Christen die Geschichte nicht als etwas Beendetes, sondern als etwas Lebendiges verstehen. Nicht zuletzt nannte Holkenbrink den gesetzlichen Schutz des Sonntags als Erbe Kaiser Konstantins. Wenn es also um die Präambel der europäischen Verfassung, die nicht verabschiedet wurde, geht, so Holkenbrink, lässt sich für Europa gerade auch auf die Bedeutung des Christentums verweisen, „Und das ist nicht nur eine Frage, die uns als Kirche angeht, dieses Erbe lässt sich während der Ausstellung in Trier erleben“, so der Generalvikar.

Dass dieses Erbe auch tatsächlich greifbar wird, dafür hat das Bischöfliche Dom- und Diözesanmuseum in beeindruckender Weise gesorgt. Der Rundgang durch das Museum erschließt eine Welt und Spuren der Zeit Konstantins, mit denen sich Antworten auf die Frage finden lassen, was das Christentum so attraktiv macht, dass es mit und seit Konstantin zur Weltreligion aufgestiegen ist. Es ist zum Beispiel die Fähigkeit der Inkulturation, die bestehende Kulturen wie die der Spätantike in sich aufnehmen konnte, ohne die eigene Authentizität zu verlieren.

Das zeigen gerade die Kirchenbauten seit der konstantinischen Zeit, deren Rekonstruktion im Dommuseum breiten Raum einnehmen: Die Architektur von Markthallen, wie sie die Römer entwickelt hatten, werden von den Christen für die eigenen Versammlungsräume genutzt und gleichsam sakralisiert – ein Film und Modelle erläutern dies mit Spielszenen. Aber auch die Fähigkeit, auf die letzten Fragen der menschlichen Existenz sinnvolle Antworten zu geben, indem man sich die Bildersprache der damaligen Kultur der Spätantike anverwandelt und umgedeutet hat, ist ein Mosaikstein im Erfolg des Christentums.

Hier glänzt die Konstantin-Ausstellung des Trierer Bischöflichen Museums mit Sarkophagen, Grabinschriften und der Erläuterung der damaligen Begräbniskultur. Generalvikar Holkenbrink hat Recht: Die Trierer Landesausstellung „Konstantin der Große“ ist kein bloß museales Happening, sondern der lebendige Streit darüber, was Europa zu Europa macht – und sollte deshalb von keinem Christen, der gesellschaftspolitisch interessiert ist, versäumt werden.

[Zentrale Information zur Ausstellung: Konstantin-Ausstellungsgesellschaft mbH, Barbarathermen, Südallee 48, 54 290 Trier, Telefon 06 51/20 17 07-0, Fax 06 51/20 17 07- 9, E-Mail: info@konstantin-ausstellung.de; Internet: www.konstantin-ausstellung.de; Öffnungszeiten bis 4. November täglich von 10.00 bis 18.00 Uhr. Ausstellungskatalog: Alexander Demandt/Josef Engemann (Hrsg.): Konstantin der Große, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2007, 520 Seiten mit 500 Farbabbildungen plus CD-Rom mit Abbildungen und Texten aller Exponate, Einführungspreis bis Januar 2008: 24, 90 Euro (Museumsausgabe), 34, 90 Euro (Buchhandelsausgabe mit Gutschein für eine Eintrittskarte), ISBN-13: 978-3-8053-3688-8, Bestellung über: vertrieb@zabern.de; © Die Tagespost vom 2.6.2007]