Klara von Assisi: Radikalität der Armut, absolutes Vertrauen auf die göttliche Vorsehung

Papst Benedikt XVI. über die wichtige Rolle der Frau in der Kirche des Mittelalters

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ROM, 15. September 2010 (ZENIT.org).- Demut, Frömmigkeit, Buße und Nächstenliebe: Klara von Assisi lebte diese christlichen Tugenden in heroischem Grad. Während der heutigen Generalaudienz in der Aula Pauls VI. im Vatikan setzte Papst Benedikt XVI. seine Betrachtungen über die großen Frauengestalten des Mittelalters mit der hl. Klara von Assisi fort.

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Für die deutschen Pilger fasste der Papst seine Ansprache kurz in seiner Muttersprache zusammen:

In der Reihe der Katechesen über große Frauengestalten der Kirche im Mittelalter möchte ich heute die hl. Klara vorstellen. Sie war Zeitgenossin des hl. Franz von Assisi und gründete im 13. Jahrhundert den weiblichen Zweig der franziskanischen Ordensfamilie. Angespornt vom Vorbild des hl. Franz, hat auch Klara mit 18 Jahren dem Reichtum dieser Welt und ihres adeligen Elternhauses in Assisi auf radikale Weise entsagt. Statt einer geplanten standesgemäßen Heirat wollte sie jungfräuliche Braut Christi sein, »denn«, so schreibt sie an die hl. Agnes von Prag, »wahrhaft glücklich, wem es gegeben wird, [...] mit allen Fasern des Herzens [Christus] anzuhangen, [...] dessen Liebe reich beschenkt, dessen Betrachtung erquickt, dessen Güte erfüllt [...] und dessen glorreicher Anblick selig machen wird«. In dem von ihr gegründeten Kloster bei der Kirche von San Damiano lebte sie über vierzig Jahre in großer Demut, ohne jeden Besitz und ganz im Vertrauen auf die göttliche Vorsehung. Aber obwohl sie verborgen, von der Welt sozusagen abgeschlossen war, strahlte das Licht ihres Lebens über die Klostermauern hinaus, und bis heute folgen die Klarissen-Schwestern der ersten von einer Frau verfaßten Ordensregel. Durch die Heiligsprechung schon zwei Jahre nach ihrem Tod wurde das von ihr verkörperte Ideal ein leuchtendes Beispiel für die ganze Kirche.

Wir veröffentlichen die vollständige Ansprache in einer eigenen deutschen Übersetzung:

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Liebe Brüder und Schwestern,

eine der zweifellos am meisten geliebten Heiligen ist die hl. Klara von Assisi, die im 13. Jahrhundert lebte und Zeitgenossin des hl. Franziskus war. Ihr Vermächtnis zeigt uns, was die ganze Kirche mutigen Frauen wie ihr verdankt, und wie sie durch einen Glauben wie den ihren bereichert wird. Ein solcher Glaube hat die Kapazität, einen entscheidenden Impuls zur Erneuerung der Kirche zu geben.

Wer war nun die hl. Klara von Assisi? Um diese Frage zu beantworten, haben wir sichere Quellen: nicht nur antike Biographien wie die des Thomas von Celano, sondern auch die Akten der Heiligsprechung durch Papst Alexander IV., die nur wenige Monate nach ihrem Tod erfolgte, und Zeugnisse all jener enthalten, die lange Zeit an ihrer Seite gelebt haben.

Im Jahre 1193 geboren, entstammte sie einer reichen aristokratischen Familie. Sie wird das reiche und vornehme Leben verlassen, um sich einem armen und einfachen Leben nach dem Muster des hl. Franziskus zuzuwenden. Obwohl ihre Eltern für sie eine Heirat mit einer herausragenden Persönlichkeit geplant hatten, verließ Klara mit achtzehn Jahren ihr Elternhaus. Sie tat dies in einer Haltung, die zutiefst von dem Wusch beseelt war, Christus nachzufolgen. Dies basierte auf ihrer großen Verehrung des hl. Franziskus, die sie dazu brachte, sich in Begleitung einer Freundin, Bona von Guelfuccio, heimlich zu den Minderbrüdern in der kleinen Portiuncola-Kirche zu gesellen. Das geschah am Abend des Palmsonntags 1211.

Zur allgemeinen Rührung tat sie dies mit einer höchst symbolischen Geste: Während ihre Begleiter brennende Fackeln trugen, schnitt Franziskus ihre Haare ab und Klara legte ein rotes Bußkleid an. Von diesem Moment an war sie eine Braut Christi, demütig, arm und Ihm vollständig geweiht.

Unzählige Frauen haben sich in der Geschichte nach dem Vorbild Klaras und deren Gefährtinnen von der Liebe Christi faszinieren lassen. Mit der Schönheit seiner göttlichen Person nahm Er ihre Herzen ein. Die ganze Kirche zeigt ja mit Hilfe der mystischen bräutlichen Berufung ihrer geweihten Jungfrauen, was sie für immer sein wird: die schöne und reine Braut Christi.

In einem der vier Briefe, welche die Klara an die hl. Agnes von Prag, der Tochter des böhmischen Königs, sandte, die ihrem Beispiel folgen wollte, spricht sie von Christus, ihrem erwählten Bräutigam, mit einer bräutlichen Sprache, die verwundern kann, die aber Wirkung zeigte: „Indem ihr ihn bewundert, seid ihr keusch, indem ihr ihn berührt, so seid ihr noch keuscher, indem ihr euch von ihm besitzen lasst , seid ihr jungfräulich. Seine Macht ist stärker, seine Großzügigkeit höher, sein Anblick schöner, seine Liebe süßer und seine Anmut feiner. Schon seid ihr von seiner Umarmung umfangen, der eure Brust mit edlen Steinen geschmückt hat und der euch gekrönt hat mit goldener Krone, in die das Zeichen der Heiligkeit eingraviert ist"(Erster Brief: FF, 2862).

Besonders zu Beginn ihrer religiösen Erfahrung hatte Klara in Franziskus nicht nur einen Lehrmeister, dessen Lehre sie folgte, sondern auch einen brüderlichen Freund. Diese Freundschaft zwischen den beiden Heiligen ist ein sehr schöner und wichtiger Aspekt.

In der Tat, wenn sich zwei reine Seelen treffen, die in derselben Liebe zu Gott brennen, wird in der gegenseitigen Freundschaft der stärksten Anreiz geweckt, ein Leben der Vollkommenheit zu führen. Freundschaft ist eines der edelsten menschlichen Gefühle und zeigt, wie die göttliche Gnade reinigt und umformt.

Wie der hl. Franziskus und die hl. Klara haben auch andere Heilige eine tiefe Freundschaft auf dem Weg zur christlichen Vollkommenheit gelebt, wie der heilige Franz von Sales und die heilige Johanna Franziska von Chantal. Und es ist der heilige Franz von Sales selber, der schreibt: „Es ist schön, auf der Erde ebenso lieben zu können wie im Himmel, und auf dieser Welt schon zu lernen sich gegenseitig zu lieben, wie wir es im Himmel tun werden. Ich spreche hier nicht einfach von Nächstenliebe, weil wir diese für alle Menschen haben müssen; ich spreche von der geistlichen Liebe, in der sich zwei, drei oder mehr Personen ihre Verehrung , ihre geistlichen Empfindungen teilen und wirklich eines Geistes werden" (Anleitung zum frommen Leben III, 19).

Auch nachdem sie einige Monate in anderen Klöstern verbracht hatte, gab sie dem Druck ihrer Familie nicht nach, die ihre Entscheidung anfänglich nicht gut heißen wollte. Klara ließ sich mit ihren ersten Begleiterinnen in der Kirche des hl. Damianus nieder, wo die Minderbrüder einen kleinen Konvent für sie eingerichtet hatten. In diesem Kloster lebte sie weitere vierzig Jahre bis zu ihrem Tod im Jahr 1253.

Uns ist eine Beschreibung aus erster Hand überliefert, wie die Frauen in diesen Jahren, zu Beginn der franziskanischen Bewegung lebten. Es handelt sich um einen bewundernden Bericht eines flämischen Bischofs, der Italien besuchte, Giacomo von Vitry. Dieser bekräftigte, er habe eine große Zahl von Männern und Frauen aus allen gesellschaftliche Schichten getroffen, „die alles für Christus zurückgelassen haben und die Welt fliehen. Sie nennen sich Minderbrüder und Minderschwestern und leben in großer Übereinstimmung mit dem Papst und den Kardinälen...Die Frauen....wohnen gemeinsam in verschiedenen Einrichtungen unweit der Stadt. Sie erhalten nichts, sondern leben von der Arbeit ihrer Hände. Sie sind besonders betrübt und schmerzlich berührt darüber, dass sie mehr geehrt werden als sie wollen, von den Klerikern und von den Laien" (Brief vom Oktober 1216: FF, 2205, 2207).

Giacomo von Vitry hat mit Scharfsinn einen charakteristischen Zug der franziskanischen Spiritualität wahrgenommen, für den Klara sehr sensibel war: Die Radikalität der Armut verbunden mit einem vollkommenen Vertrauen auf die göttliche Vorsehung. Aus diesem Motiv heraus und mit großer Entschiedenheit erkämpft, wurde von Papst Gregor IX., oder wahrscheinlich schon von Innozenz III., das sogenannte „Privilegium Paupertatis" (Privileg der Armut) erlangt (vgl. FF, 3279).

Es wurde zur Basis, die Klara und ihren Gefährtinnen von Sankt Damianus erlaubte, über keinerlei materiellen Besitz zu verfügen. Es handelte sich um eine wirklich besondere Ausnahme vom geltenden kanonischen Recht und der kirchlichen Weisung dieser Zeit, die ihnen schließlich zugestanden wurde. Dies beruhte auf der Anerkennung der Früchte der evangeliumsgemäßen Heiligkeit, die man im Lebensstil der heiligen Klara und ihrer Schwestern erkannte.

Dies zeigt uns, dass die Position der Frau auch im Mittelalter nicht zweitrangig war, sondern vielmehr beachtlich. Die hl. Klara war die erste Frau in der Geschichte, die eine schriftliche Ordensregel verfasste und dem Papst zur Approbation vorlegte. Damit sollte das Charisma des hl. Franziskus in allen weiblichen Kommunitäten bewahrt bleiben, die sich schon damals in großer Zahl bildeten und die sich vom Vorbild der heiligen Franziskus und Klara inspirieren lassen wollten.

Im Konvent des heiligen Damianus praktizierte Klara in heroischem Maße die Tugenden, die Kennzeichnen aller Christen sein müssten: Demut, einen Geist der Frömmigkeit, der Buße und Nächstenliebe. Obwohl sie Superiorin war, wollte sie persönlich den kranken Schwestern dienen, indem sie sich auch um die niedrigsten Arbeiten kümmerte. Nächstenliebe überwindet in der Tat jedes Hindernis und wer liebt vollbringt jedes Opfer mit Freude.

Ihr Glaube an die Realpräsenz in der Eucharistie war so groß, dass sich zweimal ein wunderbares Vorkommnis ereignete. Die Aussetzung des Allerheiligsten Sakramentes brachte sogar die sarazenischen Söldner, die im Begriff waren, den Konvent einzunehmen und die Stadt Assisi zu verwüsten, dazu, sich zurück zu ziehen.

Diese Berichte und weitere Wunder, die im Nachlass festgehalten wurden, brachten Papst Alexander IV. dazu, sie bereits zwei Jahre nach ihrem Tod im Jahr 1255 zur Ehre der Altäre zu erheben. In seiner Bulle zur Kanonisierung widmete er ihr eine Lobrede, in der wir lesen: „Wie stark schien ihr Licht und wie klar war diese leuchtende Quelle. Wahrlich, wie sehr schien doch dieses Licht nach draußen, obwohl es im klösterlichen Leben verborgen war, es bündelte sich in einem engen Kloster, aber nach draußen schien es so weit die Erde reicht. Im Inneren war es geschützt, nach außen hin hat es sich verbreitet. Die hl. Klara hat sich verborgen, aber mit ihrem Leben offenbarte sie sich allen. Klara schwieg, aber ihre Berühmtheit rief" (FF, 3284).

Und genau so ist es, liebe Freunde: Es sind die Heiligen, welche die Welt zum Besseren verändern. Sie verwandeln die Welt dauerhaft durch Energien, die nur von der Liebe des Evangeliums freigesetzt werden können. Die Heiligen sind die großen Wohltäter der Menschheit!

Die Spiritualität der heiligen Klara, das Resümee ihrer Vorstellungen über Heiligkeit, wird im vierten Brief an die hl. Agnes von Prag deutlich. Die hl. Klara zeigt ein ganz anderes Bild vom Mittelalter, seinem Erbe und dessen Glanz. Sie lädt ihre Prager Freundin dazu ein, sich selbst in diesem Spiegelglanz der Vollkommenheit aller Tugenden und des Herrn zu betrachten. Sie schreibt: „Glücklich ist die, welche diese heilige Vermählung genießt, um ihm (Christus) mit der ganzen Tiefe des Herzens zu antworten, demjenigen, dessen Schönheit alle Engel im Himmel bewundern und dessen Liebe entzündet, dessen Kontemplation wiederbelebt, dessen Güte sättigt, dessen Süße überströmt, dessen Erinnerung aufleuchtet, dessen Geruch die Toten ins Leben zurückruft und dessen Schau alle Bewohner des himmlischen Jerusalems selig macht. Er ist der Schein der Herrlichkeit, der Schein des ewigen Lichts und Spiegelglanz ohne jeden Makel. Schaue jeden Tag auf diesen Spiegel, Königin, Braut Christi, und in ihm betrachte streng dein Gesicht, denn so kannst du dein Inneres und dein Äußeres schmücken...in diesem Spiegel findet sich die selige Armut wieder, die demütige Heiligkeit und eine unsagbare Liebe" (Vierter Brief: FF, 2901-2903).

Danken wir Gott, dass er uns die Heiligen gegeben hat, die zu unserem Herzen sprechen und für uns zum Beispiel eines christlichen Lebens werden, das es wert ist, nachgeahmt zu werden. Ich möchte mit den gleichen Segensworten enden, die von der hl. Klara für ihre Mitschwestern geschrieben wurden, und die auch heute noch von den Klarissinnen, die durch ihr Gebet und ihr Wirken eine wertvolle Rolle im Leben der Kirche spielen, mit großer Sorgfalt gehütet werden.

Es sind Worte, aus denen ihre ganze mütterliche Zärtlichkeit strahlt: „Ich segne euch in meinem Leben und nach meinem Tod, so wie ich kann und mehr als ich kann, mit allen Segen, mit denen der Vater der Barmherzigkeit seine Söhne und Töchter gesegnet hat und segnen wird und mit denen geistliche Väter und Mütter ihre Söhne und Töchter im Geiste gesegnet haben und segnen werden. Amen" (FF, 2856).

[An die deutschsprachigen Pilger wandte sich der Papst mit folgenden Worten:]

Ganz herzlich begrüße ich die deutschsprachigen Pilger und Besucher; und aus den Niederlanden die Verantwortlichen und Seminaristen des Theologischen Instituts Sint Willibrord des Bistums Haarlem-Amsterdam in Begleitung von Bischof Joseph Maria Punt. Allein die Heiligen können die Welt dauerhaft zum Besseren verändern, denn durch sie werden die Kräfte wirksam, die der Welt wirklich helfen und die nur aus der Liebe zu Christus kommen können. Gehen wir also in ihre Schule und lassen wir uns von ihnen zum Herrn führen. Euch allen wünsche ich eine gesegnete Zeit in Rom.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals durch Jan Bentz; © Copyright 2010 - Libreria Editrice Vaticana]