Klimaschutz ist möglich – sonst werden ärmere Länder die Leidtragenden sein

Von Angela Reddemann

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MÜNCHEN, 28. November 2007 (ZENIT.org).- „Kein Land – egal wie reich oder mächtig es ist – wird vor den Auswirkungen des Klimawandels gefeit sein. Der Bericht über die menschliche Entwicklung 2007/2008 zeigt, dass der Klimawandel kein Zukunftsszenario ist. Die Zunahme von Dürren, Überschwemmungen und Orkanen machen bereits jetzt Chancen zunichte und vergrößern die Ungleichheit.“



Wer dies sagt ist kein Prediger des Weltuntergangs, sondern die Deutsche Sektion der Vereinten Nationen bei ihrer gestrigen Präsentation des oben genannten Entwicklungsberichts.

Jedes Versagen im Ernstnehmen und Eingreifen der Problematik des Klimawandels „bedeutet geringere Zukunftschancen für die ärmsten 40 Prozent der Weltbevölkerung – rund 2,6 Milliarden Menschen – und die weitere Verschärfung der Ungleichheiten, die zwischen den Ländern bestehen“.

Mit diesen beschwörenden Fakten wartet die Bilanz der Vereinten Nationen über das Schicksal der Menschen von heute auf. Der „Bericht über die Menschliche Entwicklung 2007/2008“ unterstreicht eindringlich, dass die Leidtragenden dieser Entwicklung vor allem die ärmeren Länder sein werden. „Obwohl die Armen der Welt… nur einen schwachen CO2-Fußabdruck auf unserer Erde hinterlassen, sind sie die Hauptleidtragenden des nicht nachhaltigen Umgangs mit unserer ökologischen Interpendenz.“

Der Blickpunkt Erde, das wird pragmatisch in dem Dokument angemahnt, erfordert einen neuen Lebensstil: „Die Art und Weise, wie die Welt heute mit dem Klimawandel umgeht, wird sich unmittelbar auf die menschlichen Entwicklungsperspektiven eines großen Teiles der Menschheit auswirken.“

Ausgangspunkt der Überlegungen ist die positive Tatsache, „dass der Kampf gegen den Klimawandel gewonnen werden kann – und muss“. Also Prinzip Hoffnung als Ausgangspunkt einer neuen politischen und gesellschaftlichen Praxis. „Der Welt mangelt es weder an den finanziellen Mitteln noch den technischen Möglichkeiten, um handeln zu können“, erklären die Vereinten Nationen, und verweisen auf die wahren Ursachen der Krise.

„Die Welt, in der wir leben, ist auf vielen Ebenen gespalten“, heißt es realistisch. „Zwischen den Menschen tun sich in Bezug auf Wohlstand und Chancen riesige Klüfte auf. In vielen Regionen liefert der Nationalismus rivalisierender Gruppierungen Konfliktstoff. Nur zu oft werden religiöse, kulturelle und ethnische Identität dazu benutzt, sich von anderen abzugrenzen und abzusondern. Angesichts dieser ganzen Zwistigkeiten erinnert uns der Klimawandel nachdrücklich an das Einzige, was wir alle gemeinsam haben – unseren Planeten, die Erde.“ Wenn es uns nicht gelingen sollte, den Klimawandel zu verhindern, „wird dies daran liegen, dass wir es nicht geschafft haben, den politischen Willen zur Zusammenarbeit zu stärken“.

Die Erklärung beschwört den katastrophalen Ausgang der Kriegs- und Vernichtungskatastrophe des letzen Jahrhunderts und mahnt: „Ein solcher Ausgang würde nicht nur eine Bankrotterklärung der politischen Phantasie und Führungsstärke bedeuten, sondern auch moralisches Versagen in einer Größenordnung, die in der Geschichte ihresgleichen sucht.“

Fehlende Kommunion und Kooperation haben fatale Folgen: Sie untergraben „die Bemühungen um eine breitere Teilhabe an der Globalisierung“, und die Kluft zwischen „Habenden“ und „Habenichtsen“ wird weiter vertieft. „In der Welt von heute sind es in erster Linie die Armen, die unter dem Klimawandel zu leiden haben. Morgen aber wird sich die ganze Menschheit den Gefahren gegenübersehen, die die globale Erwärmung mit sich bringt“, ist der Tenor auf fast allen 45 Seiten des Dokuments.

Eines sei sicher: „Der rasche Anstieg von Treibhausgasen in der Erdatmosphäre ändert die Klimaprognose für künftige Generationen grundlegend.“ Diese Verteilungsproblematik wird dadurch verschärft, dass diejenigen, die das Problem überwiegend verursacht haben – die reichen Länder –, nicht jene sind, die auf kurze Sicht am meisten darunter leiden werden.

„Wenn die Bewohner einer Großstadt in den USA ihre Klimaanlagen einschalten oder Menschen in Europa mit dem Auto fahren, so hat dies Folgen. Und diese Folgen stehen in engem Zusammenhang mit der Landbevölkerung in Bangladesch, Bauern in Äthiopien und Slumbewohnern in Haiti. Dieser Bezug zwischen den Menschen bringt moralische Verpflichtungen mit sich, einschließlich derjenigen, eine Energiepolitik zu überdenken – und zu ändern –, die anderen Menschen oder künftigen Generationen schadet“, warnt das Papier.

Während man die Anpassung vorantreibe, müsste mit der Emissionsreduktion begonnen und andere Klimaschutzmaßnahmen ergriffen werden, damit sich die irreversiblen Veränderungen, die bereits begonnen haben, nicht über die nächsten Jahrzehnte hinweg verstärken. Wenn der Klimaschutz nicht ernsthaft in Angriff genommen wird, würden die Anpassungskosten in 20 oder 30 Jahren für die ärmsten Länder untragbar. Die Stabilisierung der Treibhausgasemissionen mit dem Ziel, den Klimawandel zu begrenzen, sei eine lohnende Versicherungsstrategie für die Welt als Ganzes, einschließlich der reichsten Länder, und sie sei ein wesentlicher Bestandteil des übergeordneten Kampfes gegen die Armut und für die Millenniums- Entwicklungsziele. Eine Klimapolitik, die diese doppelte Zielsetzung verfolgt, sollte für die politisch Verantwortlichen der ganzen Welt hohe Priorität haben.

Zu den konkreten Forderungen heißt es: „Es muss ein Preis für CO2 und CO2-Äquivalente festgesetzt werden, in dem die tatsächlichen gesellschaftlichen Kosten ihrer Nutzung zum Ausdruck kommen. Dies sollte der eigentliche Kern jeder Klimaschutzpolitik sein.“

Der „Bericht über die menschliche Entwicklung 2007/2008“ mache deutlich, dass der Klimawandel uns mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert, heißt es abschließend. „In einer zwischen Arm und Reich geteilten, aber ökologisch zusammenhängenden Welt zwingt er alle Menschen, darüber nachzudenken, wie wir mit dem einen Planeten Erde umgehen, auf dem wir alle gemeinsam leben.

Er zwingt uns, über Grenzen und Generationen hinweg über soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte nachzudenken. Er zwingt die politischen Entscheidungsträger und die Menschen in den reichen Ländern, ihre historische Verantwortung für das Problem anzuerkennen und einen umfassenden und frühzeitigen Abbau der Treibhausgas-Emissionen einzuleiten. Vor allem zwingt der Klimawandel jedoch die gesamte Menschheit, auf der Grundlage gemeinsamer Werte und einer gemeinsamen Vision unverzüglich und entschlossen kollektiv zu handeln.“