Koch: Unterscheidung der Geister in der Ökumene Notwendigkeit

Die Kirche muss Menschen für den Glauben be-Geist-ern

Rom, (ZENIT.org) Jan Bentz | 573 klicks

Die Deutsche Bischofskonferenz hat vom 9. April bis 11. April eine internationale Konferenz in Rom veranstaltet, um die Ergebnisse von vier exemplarischen Länderstudien vorzustellen, die sich mit dem Thema der Herausforderungen der Ausbreitung neuer religiöser Bewegungen beschäftigt haben [ZENIT berichtete]. Das Ziel der Konferenz bestand den Veranstaltern zufolge darin, konkrete Handlungsorientierungen und pastorale Konzepte für jene Ortskirchen zu debattieren, die vom Phänomen der „Neuen religiösen Bewegungen“ besonders betroffen sind.

Die Schirmherrschaft über die Konferenz hatte der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kurt Kardinal Koch, übernommen, der auch das Schlussreferat mit den Titel: „Die Pfingstkirchen als Partner des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen?“ gehalten hat.

Kardinal Koch erläuterte in seinen Ausführungen vier verschiedene Aspekte des neuen Phänomens der pfingstkirchlichen Bewegungen.

Zunächst sei eine tiefgreifende Veränderung der Geographie des Christentums auszumachen. Dies habe auch die ökumenische Situation verändert. Die Partner der Ökumene seien von alters her die traditionellen protestantischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften gewesen, neuerdings aber auch die evangelikalen und charismatischen Gruppierungen und viele autochtone Freikirchen, vor allem in der südlichen Hemisphäre.

Die neuen Gruppierungen stellten mit 400 Millionen Anhängern die zahlenmäßig zweitstärkste christliche Gemeinschaft dar. Benedikt XVI. habe auf die neue Situation bereits im Jahr 2011 eindringlich hingewiesen: „Vor einer neuen Form von Christentum, die mit einer ungeheuren und in ihren Formen manchmal beängstigenden missionarischen Dynamik sich ausbreitet, stehen die klassischen Konfessionskirchen oft ratlos da. Es ist ein Christentum mit geringer institutioneller Dichte, mit wenig rationalem und mit noch weniger dogmatischem Gepäck, aber auch mit geringer Stabilität. Dieses weltweite Phänomen – von dem ich von Bischöfen aus aller Welt immer wieder höre – stellt uns alle vor die Frage: Was hat diese neue Form von Christentum uns zu sagen, positiv und negativ? Auf jeden Fall stellt es uns neu vor die Frage, was das bleibend Gültige ist und was anders werden kann oder muss – vor die Frage unserer gläubigen Grundentscheidung.“ (Ansprache bei der Begegnung mit Vertretern des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Augustinerkloster Erfurt am 23. September 2011)

Die neue Lage stelle die Kirche vor ökumenische Herausforderungen, die grundsätzlicher Natur seien. Die Pfingstkirchen seien eine äußerlich anschauliche Bestätigung des Wandels und auch der Wirkung der Säkularisierung. Das „Dogma“ der Unumkehrbarkeit der Säkularisierung sei allerdings überholt und durch die Grundüberzeugung der „persistence of religion“ ersetzt, dass nämlich das Religiöse unumstößlich in der Gesellschaft präsent sei: „Auch der moderne Mensch kann ohne Religion nicht leben, weil er selbst offensichtlich ein unheilbar religiöses Lebewesen ist.“ Benedikt XVI. habe diesen unstillbaren Durst nach dem Unendlichem oft hervorgehoben.

Die Bezeichnung „Pfingstkirchen“ beziehe sich auf verschiedenartige Phänomene, die traditionell als Sekten bezeichnet worden seien. Bei einigen der Gruppen unter dem Oberbegriff „Pfingstler“ müsse weiterhin die Einordnung als „Sekten“ beibehalten werden, während andere positiver als wirklich kirchliche oder geistliche Bewegungen tituliert werden sollten.

Diese Nomenklatur weise nämlich richtigerweise darauf hin, dass es nicht nur gute Formen des Religiösen gebe, sondern auch kranke und gestörte Gestalten der Religion. „Eine solche Unterscheidung der Geister erweist sich gerade in ökumenischer Hinsicht als unabdingbar.“

Man könne nur mit den Gruppen einen Dialog führen, die diesen auch wünschten. Mit antikatholischen und antiökumenischen Gruppierungen sei bereits der Beginn eines Dialogs ein unüberwindliches Hindernis. Mit diesen Gruppen, denen es oft auch an theologischer Bildung fehle, sei der Dialog nur schwer oder überhaupt nicht möglich, mit anderen Gruppen von Evangelikalen und Pentekostalen allerdingsschon. Synkretistische Gruppen seien allerdings eher ein pastorales Problem als ein ökumenisches.

Die dritte Problematik sei ein „Pluriversum“ von abgespalteten Gruppierungen. Seit der Reformation hätten sich im Lauf der Geschichte immer mehr Gruppen voneinander abgespalten und abgekapselt, deren Radikalisierung einem Dialog schade. Die Einheit im Glauben, in den Sakramenten und kirchlichen Ämtern sei mit der Zeit immer mehr aufgegeben worden, um sich gegenseitig als Kirche Jesu Christi anerkennen zu können.

„Eine solche typisch protestantische Zielvorstellung widerspricht freilich den theologischen Prinzipien der katholischen Ökumene.“ Auch hierzu habe Benedikt XVI. klare Richtlinien gegeben: „Die Suche nach der Wiederherstellung der Einheit unter den gespaltenen Christen darf sich … nicht auf die Anerkennung der jeweiligen Unterschiede und das Erreichen eines friedlichen Zusammenlebens beschränken: Wonach wir uns sehnen, das ist die Einheit, für die Christus selbst gebetet hat und die ihrem Wesen gemäß sichtbar wird in der Gemeinschaft des Glaubens, der Sakramente, des Dienstes. Der Weg zu dieser Einheit muss als moralischer Imperativ wahrgenommen werden, als Antwort auf einen konkreten Anruf des Herrn.“ (Benedikt XVI., Predigt in der Vesper zum Abschluss der Gebetswoche für die Einheit der Christen in der Basilika St. Paul vor den Mauern am 25. Januar 2011)

Nach katholischem Verständnis meine der ökumenische Dialog nicht nur einen Austausch von Ideen, sondern einen Austausch von Gaben. Dieser ökumenische Gabenaustausch, der nur auf diesem weiteren Hintergrund überhaupt als Thema aufgegriffen werden könne, so Koch, bestehe darin, sich als katholische Kirche zwei Dinge zu fragen: was diese neuen Bewegungen so anziehend mache und was der Kirche selber fehle. Auf diesem Feld könne sich der Rat zur Förderung der Einheit der Christen nicht allein und global allen Herausforderungen stellen und müsse intensiv mit den einheimischen Bischofskonferenzen einzelner Länder zusammenarbeiten. Dann werde der Weg für eine wirkliche Bereicherung geebnet.

Es dürfe nicht vergessen werden, dass die Kirche zwar eine negative Form des Prosyletismus ablehne, dadurch aber der Missionsauftrag der Kirche aber nicht in Frage gestellt werde. Die katholische Kirche bleibe immer Lehrerin der Wahrheit: „Die Konzilserklärung über die Religionsfreiheit verpflichtet somit in keiner Weise zum Verzicht auf das missionarische Zeugnis der Kirche für die Wahrheit des Glaubens, sondern sie verpflichtet dazu, bei dem Auftrag zur Evangelisierung auf alle jene Mittel zu verzichten, die der frohen Botschaft Jesu Christi nicht entsprechen, und allein die Methoden des Evangeliums selbst anzuwenden, die in der Verkündigung des Wortes und im Zeugnis des eigenen Lebens bis hin zum Blutzeugnis bestehen.“

Koch schloss mit einer Wertschätzung der pentekostalischen Bewegungen, die der katholischen Kirche in Gewissen riefen, „dass man das Evangelium anderen Menschen nicht aufdrängen darf, sondern es nur weiterschenken und dazu einladen kann.“ Nur so sei eine wirklich glaubwürdige Ökumene möglich.

„Möge“, die Arbeit der Bischofskonferenzen und die Arbeit des Einheitsrates „von jenem Geist begleitet sein, der uns in die Sendung ruft und uns alle dafür be-Geist-ern will.“