Kolumbien: Gewalt stirbt, wo Friede lebt

Zum morgigen Weltmissionssonntag

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Van Sandra Kladler



WIEN, 18. Oktober 2008 (ZENIT.org).- Kolumbien steht in diesem Jahr im Mittelpunkt des Monats der Weltmission. Ein Land, in dem die Spirale der Gewalt viele Opfer fordert, in dem sich viele Menschen aber nicht davon abbringen lassen, Hoffnung und Zukunft zu suchen.

Auf 3.152 Metern Seehöhe kann man ihm ganz nahe sein. Leidend liegt er am Boden, mit Wunden übersät und traurigem Blick: Jesus ist unter dem Kreuz zusammen gebrochen. Viele Menschen – an die 5.000 monatlich – pilgern den steilen Berg zum kolumbianischen Heiligtum Monserrate hinauf. Dort erwartet sie eine Darstellung aus den Kreuzwegstationen: der „Senor Caído“, der gefallene Herr.

Monserrate, benannt nach dem berühmten Felsenkloster bei Barcelona, liegt über Kolumbiens Hauptstadt Santa Fe de Bogotá. Die Kolumbianer, die zu 90 Prozent katholisch getauft sind, kommen und bringen Jesus ihren Dank, ihre Bitten und ihre Sorgen.

Zu bitten gibt es genug im südamerikanischen Land. Seit Jahrzehnten befindet sich das Land in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand. Guerillagruppen dominieren einige Regionen des Landes und versuchen durch Geiselnahmen ihre Interessen durchzusetzen. Eine der Gruppen ist die FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens), die an die 3.000 Menschen in ihrer Gewalt hat. Unter ihnen war bis vor kurzem die franco-kolumbianische Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt: Sie konnte am 2. Juli 2008 befreit werden.

Großgrundbesitzer versuchen den Guerillas mit paramilitärischen Truppen entgegen zu treten und verteidigen so ihren Besitz. Auf beiden Seiten kämpfen Kinder, die von den Truppen zwangsrekrutiert werden oder aus Perspektivenlosigkeit freiwillig zur Waffe greifen. Bewaffnete Guerillatruppen, Paramilitärs und die Armee liefern sich besonders auf dem Land immer wieder gewalttätige Auseinandersetzungen. In der Folge sind in Kolumbien rund vier Millionen Menschen auf der Flucht. Sie siedeln sich am Rand der Großstädte an, wo sie unter prekären Bedingungen leben – sehr oft ohne Strom- und Wasserversorgung.

„Die Probleme sind vielfältig“, sagt Samira Sanmartin Arteaga. Die 25-jährige Kolumbianerin kam vor mehr als drei Wochen nach Österreich. Kolumbien ist in diesem Jahr Beispielland von Missio, den Päpstlichen Missionswerken in Österreich, zum Weltmissions-Sonntag am 19. Oktober. Zu diesem Anlass wurde Samira eingeladen. Gemeinsam mit der österreichischen Missionarin Margaretha Moises tourt sie durch Österreich und erzählt in Pfarren und Schulen von ihrer Heimat.

Es ist ihr wichtig, auch von der Schönheit ihres Landes zu sprechen. „Die kolumbianische Gesellschaft zeichnet sich nicht nur durch Gewalt aus. Kolumbianer unterstützen einander. Vor allem in den Dörfern schaut man aufeinander und teilt mit denen, die bedürftig sind.“

Samira liebt ihr Land und ihr Volk. „Kolumbianer haben die Kraft, trotz der Schwierigkeiten nach Möglichkeiten zu suchen, um nicht aufgeben zu müssen.“ Und: „Der Glaube ist vielen wichtig. Sie suchen Jesus inmitten der vielen Herausforderungen.“

Samira arbeitet in Cartagena, einer Stadt an der Karibikküste, als Kindergartenpädagogin mit Kindern vertriebener Familie. Sie kennt deren Probleme und setzt sich dafür ein, den Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen. Das Wichtigste ist ihr dabei, ihnen den Glauben an Gott weiterzugeben.

„Auch wenn die Kinder materiell arm sind – spirituell sind sie reich, weil sie ihren Glauben haben“, sagt die Kolumbianerin. Sie sieht sich als große Schwester, die die Kinder unterstützt und motiviert und sie neben Lesen und Schreiben (in Kolumbien bereits Grundvoraussetzung, um in die Volksschule zu kommen) lehrt zu kämpfen. Nicht mit Waffen, sondern mit Mut, Hoffnung und Glauben. „Ich will, dass sich die Kinder von Hindernissen, die sich in ihrem Leben immer wieder in den Weg stellen, nicht davon abhalten lassen, ihren Weg zu suchen.“

Die Hindernisse sind zahlreich und scheinen oft unüberwindbar. Im Februar dieses Jahres zum Beispiel haben Polizisten und Soldaten das Viertel, in dem sich die vertriebenen Familien angesiedelt hatten, mit Bulldozern geräumt, die Häuser dem Erdboden gleichgemacht und die Menschen mit Tränengas zurückgedrängt. „Das Gas kam bis zu uns in die Schule, und ich musste den Kindern ihre T-Shirts ausziehen, sie nass machen und über Augen und Nase halten, damit sie atmen konnten. Viele mussten wir in die Krankenstation bringen.“

Mittlerweile wurde den Familien ein Grundstück zugeteilt, auf dem sie vorübergehend bleiben dürfen und notdürftige Unterkünfte aufgebaut haben. Dennoch bleibt Samira dabei: „Hay que seguir adelante“ – weitergehen, sich nicht aufhalten lassen. In der Gewissheit, dass Gott mitgeht, den Weg in eine gute Zukunft suchen.