"Komm, Herr Jesus!" Benedikt XVI. erklärt die Offenbarung des Johannes, des "Sehers von Patmos"

Generalaudienz in der Audienzhalle Paul VI. im Vatikan

| 755 klicks

ROM, 23. August 2006 (ZENIT.org).- Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung, ziele darauf ab, den Sinn der menschlichen Geschichte zu enthüllen, erklärte Papst Benedikt XVI. während der Generalaudienz, die am heutigen Mittwochvormittag in der Audienzhalle Paul VI. stattfand.



Der Heilige Vater erschloss den rund 8.000 anwesenden Gläubigen das Verständnis für das vielleicht schwierigste Buch der Heilige Schrift und wies auf das hin, was uns der "Seher" mit seinen Ausführungen vor allem mitteilen wolle: "Habt Vertrauen in Jesus, habt keine Angst vor den widrigen Mächten, vor der Verfolgung! Das verletzte und gestorbene Lamm siegt! Folgt dem Lamm Jesus, vertraut euch Jesus an, geht seinen Weg! Auch wenn er in dieser Welt nur ein Lamm ist, das schwach scheint, ist er der Sieger!"

In der Offenbarung komme das "typische christliche Paradoxon" zum Vorschein: dass das Leiden niemals das letzte Wort sei, sondern vielmehr ein "Durchgangsstadium zum Glück". Am Ende der Zeiten erscheine die Kirche und das Volk Gottes nach allen erlittenen Verfolgungen "als die herrliche Braut, die Gestalt des neuen Jerusalems, wo es weder Tränen noch Weinen mehr geben wird – Bild der verwandelten Welt, der neuen Welt, deren Licht Gott selbst, deren Leuchte das Lamm ist".

* * *



Liebe Brüder und Schwestern!

In der letzten Katechese sind wir zur Betrachtung der Gestalt des Apostels Johannes gekommen. Wir versuchten zunächst zu erkennen, was man von seinem Leben weiß. Dann haben wir in einer zweiten Katechese den Kerninhalt seines Evangeliums und seiner Briefe betrachtet: die Liebe. Und auch heute beschäftigen wir uns wieder mit der Gestalt des Johannes; dieses Mal, um den Seher der Offenbarung zu betrachten. Und wir merken sofort an: Während weder das vierte Evangelium noch die Briefe, die dem Apostel zugeschrieben werden, seinen Namen erwähnen, nimmt die Offenbarung sogar viermal Bezug auf den Namen des Johannes (vgl. Offb 1,1.4.9; 22,8). Es ist offensichtlich, dass der Autor einerseits keinen Grund hatte, seinen Namen zu verschweigen; andererseits wusste er, dass seine ersten Leser ihn genau identifizieren konnten. Wir wissen des Weiteren, dass schon im dritten Jahrhundert die Gelehrten über die wahre Identität des Johannes der Offenbarung diskutierten. Zu guter Letzt könnten wir ihn auch den "Seher von Patmos" nennen, weil seine Gestalt mit dem Namen dieser Insel im Ägäischen Meer verbunden ist. Seines eigenen autobiographischen Zeugnisses nach hielt er sich dort "um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses für Jesus" als Verbannter auf (Offb, 1,9). Gerade auf Patmos hatte Johannes, "am Tag des Herrn vom Geist ergriffen" (Offb 1,10), großartige Visionen und vernahm außerordentliche Botschaften, die in nicht geringem Maß auf die Geschichte der Kirche und der ganzen abendländischen Kultur Einfluss nehmen sollten. Zum Beispiel wurden durch den Titel seines Buches – Apokalypse, Offenbarung – in unsere Sprache die Begriffe "Apokalypse, apokalyptisch" eingeführt, die – wenn auch auf unangebrachte Weise – die Idee einer bevorstehenden Katastrophe hervorrufen.

Das Buch ist vor dem Hintergrund der dramatischen Erfahrung der sieben Kirchen Asiens (Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia, Laodicaea) zu verstehen, die am Ende des ersten Jahrhunderts bei ihrem Zeugnis für Christus nicht geringe Schwierigkeiten – Verfolgungen und auch innere Spannungen – durchstehen mussten. An sie wendet sich Johannes. Er zeigt dabei eine lebhafte pastorale Sensibilität angesichts der verfolgten Christen, die er ermahnt, fest zu bleiben im Glauben und sich nicht mit der so starken heidnischen Welt zu identifizieren. Ausgehend vom Tod und der Auferstehung Christi ist der Gegenstand des Buches die Enthüllung des Sinns der menschlichen Geschichte. Die erste und grundlegende Vision des Johannes betrifft die Gestalt des Lammes, das geschlachtet worden ist und dennoch auf den Füßen zwischen dem Thron steht (vgl. Offb 5,6), auf dem Gott selbst schon Platz genommen hat. Damit will uns Johannes vor allem zweierlei sagen: zum einen, dass Jesus trotz seiner gewaltsamen Tötung, anstatt zu Boden zu sinken, paradoxerweise fest auf seinen Füßen steht, weil er durch seine Auferstehung endgültig den Tod besiegt hat. Zum anderen sagt er uns, dass Jesus gerade als Gestorbener und Auferstandener nunmehr zur Gänze an der königlichen und Heil bringenden Macht des Vaters teilhat. Das ist die wichtigste Vision: Jesus, der Sohn Gottes, ist in dieser Welt ein wehrloses, verletztes, gestorbenes Lamm, und trotzdem steht er aufrecht; er steht auf den Füßen, er steht vor dem Thron Gottes und hat Anteil an der Macht Gottes. Er hält die Geschichte der Welt in seinen Händen. Und so will uns der Seher sagen: Habt Vertrauen in Jesus, habt keine Angst vor den widrigen Mächten, vor der Verfolgung! Das verletzte und gestorbene Lamm siegt! Folgt dem Lamm Jesus, vertraut euch Jesus an, geht seinen Weg! Auch wenn er in dieser Welt nur ein Lamm ist, das schwach scheint, ist er der Sieger!

Eine der wichtigsten Visionen der Offenbarung betrifft dieses Lamm, während es ein Buch öffnet, das vorher mit sieben Siegeln verschlossen war, die keiner zu brechen vermochte. Johannes wird sogar als Weinender vorgestellt, weil sich keiner fand, der würdig war, das Buch zu öffnen und zu lesen (vgl. Off 5,4). Die Geschichte bleibt unentzifferbar und unverständlich. Keiner kann sie lesen. Vielleicht drückt dieses Weinen vor dem Geheimnis der so finsteren Geschichte die Bestürzung der Kirchen Asiens über das Schweigen Gottes angesichts der Verfolgungen aus, denen sie in jenem Moment ausgesetzt waren. Es handelt sich dabei um eine Bestürzung, in der sich gut unsere Fassungslosigkeit angesichts der schwerwiegenden Schwierigkeiten, des Unverständnisses und der Feindseligkeiten widerspiegeln kann, an denen die Kirche auch heute in verschiedenen Teilen der Welt leidet. Es sind dies Leiden, die die Kirche sicherlich nicht verdient, so wie Jesus selbst seinen Martertod nicht verdiente. Sie offenbaren jedoch sowohl die Schlechtigkeit des Menschen, wenn er sich den Verlockungen des Bösen hingibt, als auch die höhere Fügung der Ereignisse durch Gott. Nun denn: Nur das Opferlamm vermag es, das versiegelte Buch zu öffnen und seinen Inhalt zu offenbaren, dieser augenscheinlich so oft absurden Geschichte Sinn zu geben. Es allein kann ihm Weisungen und Lehren für das Leben der Christen entnehmen, denen sein Sieg über den Tod jenen Sieg verkündet und zusagt, den ohne Zweifel auch sie erlangen werden. Die ganze, stark bildhafte Ausdrucksweise, derer sich Johannes bedient, dient dazu, diesen Trost anzubieten.

Im Mittelpunkt der Visionen, die die Offenbarung vorlegt, befinden sich auch die sehr bedeutsamen Visionen der Frau, die einen Sohn gebärt, und jene ergänzende Vision des nunmehr vom Himmel gestürzten, aber noch sehr mächtigen Drachens. Die Frau repräsentiert Maria, die Mutter des Erlösers; sie repräsentiert aber gleichzeitig die ganze Kirche, das Volk Gottes aller Zeiten; die Kirche, die zu allen Zeiten unter großen Schmerzen Christus immer wieder neu gebärt. Und sie ist immer von der Macht des Drachens bedroht. Sie scheint wehrlos und schwach zu sein. Während sie aber vom Drachen bedroht und verfolgt wird, ist sie auch durch die Tröstung Gottes geschützt. Und am Ende siegt diese Frau. Nicht der Drache siegt. Das ist die große Prophezeiung dieses Buches, das uns Vertrauen schenkt! Die Frau, die in der Geschichte leidet, die Kirche, die verfolgt wird, erscheint am Ende als die herrliche Braut, die Gestalt des neuen Jerusalems, wo es weder Tränen noch Weinen mehr geben wird – Bild der verwandelten Welt, der neuen Welt, deren Licht Gott selbst, deren Leuchte das Lamm ist.

Aus diesem Grund ist die Offenbarung des Johannes, obwohl sie von ständigen Bezugnahmen auf die Leiden und die Bedrängnisse – das finstere Gesicht des Geschichte – durchdrungen ist, ebenso von häufigen Lobgesängen durchwirkt, die ihrerseits fast das helle Gesicht der Geschichte darstellen. So liest man zum Beispiel von einer unermesslichen Schar, die fast schreiend singt: "Halleluja! Denn König geworden ist der Herr, unser Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung. Wir wollen uns freuen und jubeln und ihm die Ehre erweisen. Denn gekommen ist die Hochzeit des Lammes, und seine Frau hat sich bereit gemacht" (Offb 19,6-7). Wir stehen hier vor dem typischen christlichen Paradoxon, demzufolge das Leiden niemals als das letzte Wort wahrgenommen wird, sondern vielmehr als ein Durchgangsstadium zum Glück. Mehr noch: Es selbst ist bereits auf geheimnisvolle Weise von der Freude erfüllt, die aus der Hoffnung kommt. Gerade deshalb kann Johannes, der Seher von Patmos, sein Buch mit einer letzten, von zitternder Erwartung pochender Sehnsucht beschließen. Er ruft nach der endgültigen Ankunft des Herrn: "Komm, Herr Jesus!" (Offb 22,20) – ein Flehen, das in den Kirchen des ersten Jahrhunderts üblich gewesen sein muss. Auch der heilige Paulus gibt davon sogar in aramäischer Sprache Zeugnis: "Marana tha!" Und dieses Gebet – "Unser Herr, komm!" (1 Kor 16,22) – hat verschiedene Dimensionen. Natürlich ist es vor allem die Erwartung des endgültigen Sieges des Herrn, des neuen Jerusalems, des Herrn, der kommt und die Welt verwandelt. Gleichzeitig aber ist es auch ein eucharistisches Gebet: "Komm jetzt, Jesus!" Und Jesus kommt, er nimmt seine endgültige Ankunft vorweg. So sagen wir voller Freude und zur gleichen Zeit: "Komm jetzt, und komm endgültig!" Dieses Gebet hat auch eine dritte Bedeutung: "Du bist schon gekommen, Herr! Wir sind deiner Gegenwart unter uns sicher. Sie ist unsere freudige Erfahrung. Komm, aber komm für immer!" Und so beten auch wir zusammen mit dem heiligen Paulus, dem Seher von Patmos und den ersten Christen: "Komm, Jesus! Komm und verwandle die Welt! Komm schon heute, auf dass der Frieden siege!" Amen.

[Auf Deutsch sagte der Papst:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Die Reihe der Mittwochskatechesen über die Apostel führt uns heute noch einmal zu Johannes, dem "Seher von Patmos". Die letzte Schrift des Neuen Testaments, die "Apokalypse" oder "Offenbarung des Johannes", trägt seinen Namen. Das griechische Wort apokalypsis bedeutet "Enthüllung". Und genau darum geht es dem Verfasser Johannes: Er möchte den sieben von Verfolgung bedrohten und hart geprüften christlichen Gemeinden der römischen Provinz Asien (Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea) den trostreichen Heilsplan Gottes offenbar machen. Seine bildreiche Botschaft bezieht Johannes aus Visionen. Den bedrängten Christen erwächst Hoffnung aus dem Blick auf das Gotteslamm, das geschlachtet wurde und den Tod besiegt hat (Offb 5,6-14). Die Offenbarung des Johannes macht uns das christliche Paradoxon deutlich, demzufolge das Leiden niemals das letzte Wort hat, sondern vielmehr ein Durchgangsstadium zu jenem unvergänglichen Glück ist, das uns Jesus Christus in seinem Erlösungsopfer erworben hat.

Mit herzlicher Freude heiße ich alle deutschsprachigen Teilnehmer an dieser Audienz willkommen. Besonders grüße ich heute die Pilgergruppe aus Hals/Passau mit ihrer italienischen Partnergemeinde Scurcola Marsicana. Der Ausblick auf das himmlische Jerusalem, den uns die Offenbarung des Johannes gewährt, gibt uns Trost, Hoffnung und Zuversicht auf unserem manchmal steinigen Weg. Den Herrn wollen wir gläubigen Herzens erwarten; daher bitten wir: "Komm, Herr Jesus!" (Offb 22,20). Euch allen wünsche ich einen gesegneten Tag und eine gute Ferienzeit!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2006 – Libreria Editrice Vaticana]