"Kommt heraus!"

Die Worte des Papstes beim Angelus-Gebet

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 422 klicks

Am heutigen fünften Fastensonntag zeigte sich Papst Franziskus um 12.00 Uhr am Fenster seines Arbeitszimmers im Apostolischen Palast des Vatikans, um gemeinsam mit den auf dem Petersplatz versammelten Gläubigen und Pilgern den Angelus zu beten.

Zur Einführung in das marianische Gebet sprach der Papst die folgenden Worte, die wir hier in einer eigenen Übersetzung dokumentieren.

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[Vor dem Angelus:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Am heutigen fünften Fastensonntag legt uns das Evangelium die Erzählung von der Auferstehung des Lazarus vor. Dieses wunderbare „Zeichen“ bildet den Höhepunkt der Zeichen Jesu und war zu groß und zu unverkennbar göttlich, um von den Hohepriestern toleriert zu werden. Nachdem sie davon erfahren hatten, beschlossen sie daher, Jesus zu töten (vgl. Joh 11,53).

Drei Tage waren seit dem Tod des Lazarus bereits vergangen, als Jesus kam und an seine Schwestern Marta und Maria die der christlichen Gemeinde seither unvergessenen Worte richtete: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben“ (Joh 11,25). Auf dieses Wort Jesu hin glauben wir, dass das Leben dessen, der an ihn glaubt und seine Gebote befolgt, nach dem Tod in ein neues, volles und unsterbliches Leben verwandelt werden wird. Ebenso wie Jesus, dessen Leib auferstand, aber nicht in ein irdisches Leben zurückkehrte, werden auch wir mit unserem Leib auferstehen, der in einen glorreichen Leib verherrlicht sein wird. Er erwartet uns beim Vater, und die Kraft des Heiligen Geistes, der ihn auferweckt hat, wird auch den auferwecken, der mit ihm vereint ist.

Vor dem versiegelten Grab seines Freundes Lazarus rief Jesus aus: „Lazarus, komm heraus!“. Der Verstorbene kam heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht mit einem Schweißtuch verhüllt“ (VV. 43-44).  Dieser kategorische Ruf gilt einem jeden Menschen, denn wir alle sind vom Tod gezeichnet. Die Stimme ist jene des Herrn über das Leben, der will, dass wir alle „das Leben in Fülle haben“ (Joh 10,10). Christus resigniert nicht vor den Gräbern, die wir uns mit unseren Entscheidungen des Bösen und des Todes, mit unseren Fehlern und Sünden, gebaut haben. Jesus resigniert nicht davor! Er lädt uns ein und fordert uns gleichsam dazu auf, die Gräber zu verlassen, in die unsere Sünden uns versinken ließen. Er ruft uns dringlich dazu auf, aus dem Dunkel des Gefängnisses herauszutreten, in das wir uns dadurch verschlossen haben, dass wir uns mit einem falschen, egoistischen und mittelmäßigen Leben begnügten. „Kommt heraus!“, sagt er zu uns. „Kommt heraus!“. Damit ergeht an uns eine Einladung zur wahren Freiheit. Lassen wir uns von den Worten Jesu ergreifen. Fühlen wir uns dazu aufgerufen, uns von den „Binden“ des Stolzes zu befreien, denn der Stolz macht uns zu Sklaven, zu Sklaven unserer selbst, von vielen Götzen und Dingen. Unsere Auferstehung beginnt hier: Wenn wir uns dafür entscheiden, dem Befehl Jesu zu gehorchen und zum Licht, zum Leben hinauszugehen. Wenn von unserem Gesicht die Maske abfällt – so oft tragen wir die Maske der Sünde, sie muss abfallen – und wir den Mut unseres nach dem Ebenbild Gottes geschaffenen ursprünglichen Gesichts wiederfinden.

Jesu Geste der Wiedererweckung des Lazarus zeigt, bis zu welchem Punkt die Gnade Gottes gehen kann und somit, wie weit unsere Umkehr, unsere Veränderung, gelangen kann. Bedenkt jedoch Folgendes: Die uns allen angebotene göttliche Barmherzigkeit hat keine Grenzen! Die uns allen von Gott angebotene Barmherzigkeit ist grenzenlos! Bewahrt diese Worte stets in eurem Herzen. Wir können sie gemeinsam sprechen: „Die uns allen angebotene Barmherzigkeit Gottes hat keine Grenzen! Der Herr ist immer bereit, den Grabstein unserer Sünden zu heben, der uns von ihm trennt, der uns vom Licht der Lebenden trennt.

[Nach dem Angelus:]

Ich begrüße alle anwesenden Pilger, besonders die Teilnehmer an der Tagung der Bewegung für den Bildungseinsatz (Movimento di Impegno Educativo) der katholischen Aktion Italiens. Eine Investition in die Bildung ist eine Investition in die Hoffnung!

Herzlich willkommen heiße ich die Gläubigen aus Madrid und Menorca und aus der Diözese Concordia-Pordenone, die brasilianische Gruppe „Fraternidade e tráfico humano“, die Studenten aus Kanada, Australien, Belgien und Cartagena-Murcia sowie die Alpini aus Como und Rom. Ebenso heiße ich die Gruppen von Firmkandidaten oder bereits gefirmten Jugendlichen sowie die jungen Menschen aus verschiedenen Pfarrgemeinden und die zahlreichen Studenten willkommen.

Vor genau fünf Jahren wurde die Stadt L’Aquila von einem Erdbeben erschüttert. Erfüllt von tiefem Vertrauen in Gott und in die Gottesmutter wollen wir uns nun mit jener Gemeinschaft vereinen, die großes Leid erfahren hat und nach wie vor die Konsequenzen der Katastrophe spürt, kämpft und betet. Lasst uns für alle Opfer beten: auf dass sie im ewigen Frieden des Herrn ruhen. Ebenso wollen wir ein Gebet für den Weg der Auferstehung des Volkes von L’Aquila sprechen: Mögen die Solidarität und die geistliche Neugeburt die Kraft für den materiellen Wiederaufbau verleihen.

In unser Gebet möchten wir auch die Opfer der in Guinea und den angrenzenden Ländern ausgebrochenen Ebola-Epidemie einschließen. Wir bitten den Herrn um seinen Beistand bei den Bemühungen um die Bekämpfung der beginnenden Epidemie und bei der Sicherstellung medizinischer Versorgung und Unterstützung, wo dies nötig ist.

An dieser Stelle möchte ich ein einfaches Zeichen setzen. An den vergangenen Sonntagen habe ich euch empfohlen, während des Tages stets ein kleines Exemplar des Evangeliums bei euch zu tragen, aus dem ihr oft einen Abschnitt lesen könnt. Dann dachte ich an die alte, während der Fastenzeit verbreitete kirchliche Tradition der Verteilung des Evangeliums an die Katechumenen, die sich auf die Taufe vorbereiten. Daher möchte ich jenen, die sich heute auf dem Platz befinden – aber als Zeichen für alle – eine Taschenbuchausgabe des Evangeliums schenken [zeigt das Buch]. Es wird an verschiedenen Orten auf dem Petersplatz unentgeltlich an euch verteilt werden. Hier, hier und hier... Begebt euch dorthin und nehmt ein Evangelium. Tragt es bei euch und lest jeden Tag darin: Dort spricht Jesus zu euch! Es ist das Wort Jesu; das ist das Wort Jesu!

Ebenso wie er erteile ich euch den Auftrag, die unentgeltlich erhaltene Botschaft des Evangeliums unentgeltlich weiterzugeben! Vielleicht glauben manche unter euch jedoch nicht, dass nichts dafür zu bezahlen ist. „Aber was kostet es? Wie viel muss ich dafür bezahlen, Heiliger Vater?“ Lasst uns eines tun: Vollbringt als Gegenleistung für dieses Geschenk  ein Werk der Barmherzigkeit, eine Geste unentgeltlicher Liebe, sprecht ein Gebet für eure Feinde oder versöhnt euch mit jemanden…

Heute kann das Evangelium auch mit vielen technischen Hilfsmitteln gelesen werden. Es ist möglich, die gesamte Bibel in einem Smartphone oder einem Tablet mitzuführen. Das Wort Gottes kann mit allen Mitteln gelesen werden. Wichtig ist jedoch, dass wir es lesen – denn Jesus spricht daraus zu uns! – und mit offenem Herzen annehmen. So kann die gute Saat gedeihen.

Ich wünsche euch einen schönen Sonntag und gesegnete Mahlzeit! Auf Wiedersehen!

[Aus dem Italienischen übersetzt von Sarah Fleissner]