Konflikt zwischen Liebe und Skandal

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 440 klicks

Wir kennen uns seit langer Zeit. Wir waren sehr gute Freunde, mit richtigen katholischen Prinzipien. Wir bauten einander auf und halfen einander durch vertrauliche gute Gespräche. Er half mir nicht wenig in Fragen der Tugend und der Keuschheit. Ich bin ihm sehr dankbar. Das beeinflusste auch meine Lebensberufung: ich bin Theologiestudent und bereite mich vor, Priester zu werden.

Er ist, nun, wegen Arbeit ins Ausland gefahren. Ich habe verstanden, dass er ein Kind erwartet, mit einer Person, mit der er in einer Zivilehe lebt. Ich war schokiert, und ihre Eltern sind verrückt geworden und wollen, dass sie das Kind abtreibt. Er hat doch das Kind gerettet. Nach Überlegung von einigen Wochen, habe ich ihm einen freundschaftlichen, aber sehr ernsthaften Brief geschrieben.

Jetzt möchte er in unserem Ort, wo ihn alle kennen, kirchliche Ehe schließen. Mich bittet er, sein Trauzeuge und der Taufpate seines Kindes zu sein.  Ich bin im großen Zweifel: wenn ich ihm diese Liebe nicht zeige, ist er traurig sein Leben lang; zeige ich ihm diese Liebe und tue das worum er mich bittet, riskiere ich einen Skandal bei vielen Menschen: ihn kannten alle als einen beispielhaften jungen Mann, regelmäßig in der Kirche, beim Empfang der Sakramente der Buße und der heiligen Kommunion, und mich kennen sie als Priesterkandidaten und haben Vertrauen zu mir. Wenn ich in diese Rolle schlüpfe, könnten sie sich denken, dass auch die Kirche ein Eheleben ohne kirchliche Trauung toleriert oder sogar genehmigt. Das wäre ein schweres Ärgernis für viele junge Menschen, meine Freunde und viele Christusgläubigen.

Was raten Sie mir? Herzlichen Dank!

Theologiestudent

*    

Der Fall ist sehr delikat. Er ist nicht einseitig und schnell zu lösen mit „ja“ oder „nein“. Es handelt sich nicht nur um Zweifel, sondern um einen echten Konflikt deines Gewissens, so dass klassische Autoren der Moraltheologie sagen würden: überlege dir und entscheide dann nach dem Prinzip vom „kleineren Übel“ oder „größerem Wohl“ (was in Wirklichkeit dasselbe ist).

Verantwortungsvolle Beurteilung

Du musst abwägen und das wählen, was am besten ist in der konkreten Situation deiner Ortschaft, vor allem deiner Pfarrei, deiner Nächsten, der Freunde, frommer Christen, all derer, die dich kennen und von dir erwarten, dass du sie im Glauben stärkst, auf keinen Fall etwas, was in ihnen den Glauben und das Vertrauen zum Verhalten der Kirche zum Wackeln bringen könnte, und schließlich dein Ansehen als eines wirklich  guten Theologiestudenten und des zukünftigen ausgezeichneten Priesters schädigen und verfinstern könnte. Man muss verantwortungsvoll das Risiko eines möglichen Ärgernisses berücksichtigen, und wenn es sich vielleicht nur um die „schwachen Christusgläubigen“ handelt, wie sich hl. Paulus ausdrücken würde, und nicht um die „starken Christusgläubigen“, die deswegen weder die Kirche noch den Glauben verlassen würden.

     Genauso, wenn man berücksichtigt, dass die Menschen eine erhabene Meinung von ihm als einem guten gläubigen jungen Menschen mit einer tadellosen Moral hatten, und der jetzt auf diese Weise in die kirchliche Ehe eingeht, nachdem er monatelang in einer Zivilehe ohne kirchliche Trauung zu leben wagte. Doch, zum Glück (!), hat er das Leben des Kindes gerettet, das während der Trauung getauft werden soll. Das Kind ist unschuldig und verdient jede Liebe und jede Aufmerksamkeit. Man muss gut bemerken, was die Christusgläubigen über seine sündige Lebensweise von mehreren Monaten meinen, und das von einem jungen Menschen, den sie als einen beispielhaften Christusgläubigen, als Säule der Kirche, kannten? Was nun die Pfarrei, wo alle einander gut kennen, wo darüber gesprochen wird jetzt und auch später?  In solchen Fällen besteht auch die Gefahr, dass die Dinge ganz falsch dargestellt werden und dass Unterstellungen und Verleumdungen entstehen.  Es ist sicher, das Gewissen der gläubigen Menschen muss man verantwortungsvoll beachten, vor allem, weil es sich um die Pfarrei handelt, wo alle gut einander kennen.

Gewiss wirst du dich noch von deinem Beichtvater und, nach Möglichkeit, auch von deinem Professor der Moraltheologie beraten lassen. Ich glaube, dass es für dich nicht so einfach sein wird, aus diesem Zweifel herauszukommen, weil du die Situation - in ihrer Tiefe und Breite - sehr gut kennst, die ich nicht kenne, und vielleicht kennen sie auch  deine anderen Berater  nicht. Das Dilemma besteht darin: einerseits, die Verpflichtung der Liebe, andererseits, die Gefahr eines vielfältigen Ärgernisses. Was wiegt mehr? Was ist höheres Gut? Schauen wir uns diesen Einwand an.

Nach dem Prinzip der Freundschaft

Du und dein Kollege wart ausgezeichnete Freunde. Seine Situation hat euere Freundschaft getrübt, besonders sein langes Schweigen. Als hätte er keine Kraft gehabt, sich bei dir zu melden und sich dir von neuem anzuvertrauen. Und du hast richtig begriffen, dass eine echte Freundschaft eine gemeinsame dauerhafte Zuneigung und völliges Vertrauen in jeder Situation bedeutet. Du begreifst, dass Freundschaft zwischen zwei Personen im gemeinsamen Fühlen, Verständnis, dem Wunsch nach Nähe besteht: dass ihr voneinander hört, dass ihr euere Pläne, Erfolge und Misserfolge, Freuden und Leiden einander mitteilt. Und er, er hat das alles abgebrochen.

Sicherlich erinnerst du dich daran, wo und wie und bei welcher Gelegenheit es zu euerer Freundschaft kam, wie sie sich entwickelt und gefestigt hat, und es kam dir vor, dass euere Seelen immer ähnlicher und euere Herzen immer näher waren - als überzeugte katholische junge Menschen, begeistert für echte Ideale, für Verantwortung, für Beherrschung, für Opfer, für Selbstopfer in Selbsterziehung für die Lebensberufung, in der Arbeit und im Studium für Aufgaben, die kommen werden. Es ist also die Rede vom reichen Vertrauen und Einklang des gemeinsamen Begreifens und Erlebnis der Werte, und in voller befreiender Offenheit des einen dem anderen gegenüber, bis zu den inneren eigenen verborgenen Geheimnissen, Fragen, Gesprächen, was sonst anderen nicht anvertraut wird. Sicherlich ist Freundschaft ein ausgewähltes und seltenes Verhältnis zwischen den Personen, und wird charakterisiert durch offenen Dialog gerade über alle Themen und Probleme, auf einer entsprechenden kulturellen, und bei euch auch religiös-moralischen, Ebene, mit der Tendenz der Festigung euerer Beziehung. Und dann, nach alldem sein Schweigen, schließlich der „Schock“.

Wie ich verstanden habe, und ich habe mehr verstanden als du mit Worten zum Ausdruck brachtest, bestand euere Freundschaft in einer tiefen Einheit. Aristoteles sah in Freundschaft wenigstens drei Stufen: die erste ist, sich mit dem Freund wohl zu fühlen; die zweite ist, ein höheres Interesse dabei zu haben; die dritte Stufe ist, mit Hilfe der Freundschaft zu einem sittlichen Gut zu gelangen. Ich denke , ihr wart auf dieser dritten Stufe, vielleicht sogar höher, bis zur vollkommenen religiös-sittlichen Freundschaft, in der die Liebe nicht bloß Sympathie oder Eros ist, nicht nur Solidarität, nicht einfaches Gefühl der Achtung, auf eine Weise, höfliches bürgerliches Benehmen. Das war „filia“ - Liebe zwischen den Freunden, die Leartius mit „einer Seele in zwei Leibern“ vergleicht, wo dann von einer vollkommenen Beziehung der Personen gesprochen werden kann: „ich“ dem „du“ gegenüber. Und der hl. Paulus geht noch weiter und nennt eine solche Liebe „agape“, lateinisch caritas, d.h. höhere, würden wir sagen, religiöse Stufe der Liebe, die von Gott kommt, denn, nach dem hl. Johannes, Deus caritas est (Gott ist Liebe) - Vater, Sohn und Heiliger Geist lieben sich mit einer solchen Liebe. Nach dem gleichen hl. Paulus, eine solche Liebe (agape, caritas) soll es zwischen dem christlichen Ehemann und der christlichen Ehefrau geben. In jedem Fall gibt es drei wesentliche Elemente der Freundschaft: Freundschaft wird gewählt, und sie wird von niemanden aufgezwungen; in der Freundschaft kommt es zum Austausch der Güter und der Werte, wie vorher gesagt wurde; Personen der Freunde sind in allem gleich, abgesehen von ihren intellektuellen, gesellschaftlichen und anderen Unterschieden.

Das sage ich dir alles, weil ich meine, deinen Schmerz verstanden zu haben, den in dir dieser „Schock“ ausgelöst hat, und ebenfalls deine Verwirrtheit und Ungewissheit im weiteren Vorgehen. Von der einen Seite, die Liebe der Freundschaft (sie scheint, leider, zum großen Teil betrogen und verraten), trotz allem, verpflichtet dich zum großen Anstand und Ehrlichkeit in all diesen Umständen, was deinen ehemaligen treuesten Freund betrifft. Von der anderen Seite, ist dein Gefühl, genauer, deine Intuition eines möglichen - vielleicht auch schweren - Skandals, wenn du es akzeptierst, sein Trauzeuge und Taufpate seines Kindes zu sein, ganz in Ordnung.

Man soll nie skandalisieren

Da sollst du über einige Dinge nachdenken. Sie sollen in die kirchliche Ehe nicht eingehen, um eigene Schande zu decken, oder, um den Eltern zu gefallen, oder nur wegen des Kindes, wenn es zwischen ihnen keine richtige authentische Liebe gibt, die sich kaum entwickeln konnte, weil ihr bisheriges Leben, ihr Zusammenleben auf affektiven Interessen begründet war, indem es hauptsächlich auf dem genital-erotischen Plan bestand. Durch diese Methode erhebt sich niemand zu einer filie und bis zur agape, also, bis zu einer reifen Liebe der Verlobten. Wenn es so ist, sollen sie keine kirchliche Ehe schließen.

Seriöse Psychologen bestätigen, dass diejenigen, die vor der Ehe anfangen, „als Mann und Frau“ zu leben, es nie schaffen, aus der leiblichen Ebene, sich bis zu einer echten Liebe zu erheben, die Reife durch Verzicht, Opfer und Selbstentsagung erfordert. Und die Kirche lehrt ganz klar, dass diejenigen, die so in Sünde leben, nicht auf Gottessegen hoffen können. Wo Sünde vorhanden ist, ist Gott nicht anwesend, weil er vom Sünder vertrieben worden ist. Die Zukunft solcher Ehen ist, nach der Erfahrung der Kirche, in der Regel nicht dauerhaft. Solche Ehen werden nicht auf dem Felsen, sondern auf dem Sand gebaut, und es geschieht, dass sie relativ kurze Zeit nach der kirchlichen Trauung zerbrechen. Durch das Sakrament der Ehe gebunden, können sie vor dem Tod des Partners keine kirchliche katholische Ehe mehr eingehen, und sie entscheiden sich zum sündigen Leben der „geschiedenen, und nicht getrauten“. In jedem Fall muss sich dein Freund um die Erziehung seines Kindes kümmern - bis zu seinem Einschluss in die Gesellschaft, davon ausgehend, dass es sein Kind ist.

In deiner Entscheidung darfst du dich nicht von der affektiven Nachgiebigkeit weder ihm, noch ihr, noch dem Kind gegenüber (das unschuldig ist und mit der Sünde seiner Eltern nichts zu tun hat), leiten lassen, sondern, in allem muss dich deine Vernunft, vom Glauben erleuchtet, führen; also, in allem, als ein aufrichtiger Christ, Priesterkandidat, der, einerseits, in Liebe und in authentischer Freundschaft helfen will, aber, der andererseits, auf keinen Fall skandalisieren darf. Nicht skandalisieren dürfen ist ein negatives Gebot, aber negative Gebote sind universell und absolut: sie verpflichten immer und überall, ohne Ausnahme. Jemand würde raten, die kirchliche Trauung in einer anderen unbekannten Statt zu vollziehen. Wenn ihre Eltern damit auch einverstanden wären, muss man wissen, dass bei den heutigen Kommunikationsmitteln alles schnell verbreitet und bekannt gemacht wird.

Und deshalb, wenn du nach Überlegung, Gebet und neuen Beratungen zum Schluss kommst, dass es, auch nur kleiner, Skandal wäre, sollst du mit der ganzen Feinfühligkeit und mit Liebe deinem Freund die Situation darstellen, und das Angebot des Trauzeugen und des Taufpaten ablehnen. Du sollst allein in voller Verantwortung vor Gott entscheiden, und deine Entscheidung annehmen, auch wenn es dich Opfer kostet. Gott möge dich in deiner Beurteilung und deiner Entscheidung begleiten, wie auch in den daraus resultierenden Folgen, die du verantwortlich annehmen wirst! Ich bin überzeugt, du wirst keinen Fehler machen, weil du gewissenhaft und ehrlich eine Lösung suchst, die du schließlich allein treffen musst.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins:. Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 294-297)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.