Kongregation mit dem Ziel der Neuevangelisierung

Interview mit Pater Silvio Sassi, Generaloberer der Paulus-Brüder

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von José Antonio Varela Vidal

ROM, 30. August 2012 (ZENIT.org). - In Hinblick auf die nächste Generalversammlung der Bischofssynode, die am 7. bis 28. September stattfinden wird und dem Thema der Neuevangelisierung gewidmet ist, führte ZENIT ein Interview mit Pater Silvio Sassi, dem Generaloberen der Gesellschaft vom heiligen Apostel Paulus, deren Mitglieder auch als „Paulus-Brüder“ bekannt sind.

Die Paulus-Brüder, deren Gesellschaft vor fast einem Jahrhundert vom seligen Giacomo Alberione gegründet wurde, haben den Ruf, echte Pioniere im Gebrauch der modernen Kommunikationsmittel zu sein; mit dem Ziel, die Menschen von heute zu formen und zu evangelisieren.

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ZENIT: Wie hat Ihre Kongregation den Aufruf des Papstes für die Neuevangelisierung aufgenommen?

Pater Sassi: Für die Gesellschaft vom hl. Apostel Paulus war der Aufruf zur Neuevangelisierung nichts Überraschendes. Tatsächlich setzte sich schon der selige Giacomo Alberione das Ziel, etwas Neues für die Evangelisierung innerhalb der Kirche zu tun, als er im Jahr 1914 unsere Gesellschaft gründete. Man muss bedenken, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Menschen sich in Massen von der Kirche abwandten. Alberione hatte den Gedanken, auf die Menschen zuzugehen, dorthin, wo sie lebten, statt in der Kirche darauf zu warten, dass die Menschen zu ihm kamen. Im Jahr 1926 schrieb er von der Notwendigkeit einer „neuen, langen und tiefgreifenden Evangelisierung.“ Daher ist „Neuevangelisierung“ für uns Paulus-Brüder kein neues Wort, denn es ist das Ziel unserer Kongregation selbst.

ZENIT: Haben Sie ein besonders Konzept, wie man die Botschaft an die Menschen von heute vermitteln kann?

Pater Sassi: Im Abschlussdokument der Konferenz von Puebla (1979) erklärt das lateinamerikanische Episkopat: „Die Evangelisierung, Verkündung des Reiches, ist Kommunikation.“ Um diese Gewissheit heute zu vertiefen, muss man alle Aspekte der Kommunikation berücksichtigen; nicht allein die Botschaft, die ja nur ein Teil dieses Vorgangs ist. Wenn wir sagen, die Botschaft sei immer die gleiche geblieben - Christus gestern, heute und in Ewigkeit - dann wollen wir damit zu Recht ausdrücken, dass der Inhalt unseres Glaubens immer derselbe geblieben ist. Aber man muss sich auch Gedanken über die Menschen machen, denen man diesen Glaubensinhalt näherbringen will, und die verändern sich mit der Zeit. Ich denke, als Kirche sollten wir versuchen uns vorzustellen, welche Bedeutung die Menschen, die wir erreichen möchten, dieser Botschaft beimessen, besonders dann, wenn sie „fernen“ Kulturkreisen angehören.

ZENIT: Und wie könnte das in Europa aussehen?

Pater Sassi: Besonders im westlichen Europa hat sich die Lebensweise, die irgendwie die Stütze des alten Evangelisationsstils war, stark verändert. Früher konnte man einfach voraussetzen, dass die christlichen Werte auch die Werte der zivilisierten menschlichen Gesellschaft seien. Aber schon seit geraumer Zeit streben die Einzelnen und die Gesellschaft nach „Unabhängigkeit“ von den christlichen Werten. Ich glaube, ein wichtiges Ziel der Neuevangelisierung muss es sein, sich über die Wortwahl einig zu werden, die wir bei der Verkündung der Botschaft anwenden wollen. Paulus verstand es meisterhaft, in seinen Predigten fortschrittlich zu sein, ohne alles gleich auf einmal sagen zu wollen: „Ich habe euch nicht alles gesagt, denn noch spreche ich zu euch, wie man es mit Kindern tut.“

ZENIT: Was bedeutet das im Klartext?

Pater Sassi: Wir dürfen uns die Evangelisierung nicht von Anfang an so vorstellen, wie sie zur Zeit ihrer vollen Blüte aussehen wird, wenn sie voll entfaltet und deutlich geworden ist, also in der Form: Dogma-Moral-Kult. Es gibt einen Vorbereitungsprozess, eine „Vorevangelisation“, über deren Form man sich vielleicht noch einigen muss. Der selige Giacomo Alberione, der sich immer am heiligen Paulus orientierte, fasste die Strategie der „Vorevangelisation“ so zusammen: „Es ist nicht nötig, immer nur über den Glauben zu sprechen; es genügt, wenn man über alles auf christliche Weise spricht.“

ZENIT: Welche Eigenschaften müssen die Geistlichen besitzen, die für die Neuevangelisierung nötig sind?

Pater Sassi: Ich will nur von jenen Geistlichen sprechen, die sich für die Evangelisation moderner Kommunikationsmittel bedienen. Auch sie müssen ein konsequentes Leben führen, denn man kann kein „Schauspieler“ der Evangelisation sein. Die Menschen, die unsere Botschaft empfangen, merken, wovon wir sprechen und wie wir zu ihnen sprechen. Das Publikum merkt sofort, ob eine Botschaft nur das Produkt bezahlter Schauspieler ist, oder ein aufrichtiges Zeugnis eigener Lebenserfahrung. Unsere Kommunikation darf kein Handel, kein Geschäft mit Ideen sein, sondern eine Erzählung und Mitteilung unserer eigenen Lebens- und Glaubenserfahrung.

ZENIT: Wir werden bald den 50. Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils feiern. Wie erlebte Ihre Kongregation die Nachkonzilsjahre?

Pater Sassi: Unser Gründer nahm selbst am Zweiten Vatikanischen Konzil teil. Als Ende 1963 das Dekret über die sozialen Kommunikationsmittel „Inter mirifica“ approbiert wurde, schrieb Alberione einen bewegenden Kommentar. Er war tief gerührt, weil das Konzil eine Form der Evangelisierung anerkannt hatte, die er selbst, vom Heiligen Geist geführt und mit Zustimmung der Kirche, schon 1914 aufgegriffen hatte. Alberiones Freude erklärt sich auch dadurch, dass die Idee, eine kirchliche Kongregation könne ganz auf die Leitung von Pfarreien verzichten und stattdessen ihre priesterlichen Tätigkeiten durch „Kommunikation“ ausüben, nicht nur Freunde gefunden hatte. Die Vorsehung aber ließ diese Zweifel überwinden, indem das Konzil selbst seine Methode anerkannte.

ZENIT: Wie steht es um Ihre Kongregation heute?

Pater Sassi: Sie meinen, ob wir genügend Nachwuchs haben? Zur Zeit zählen wir etwa 970 Brüder; davon sind 546 Priester und 230 Laienbrüder. Was unsere Mitgliederzahlen betrifft, erleben wir dasselbe wie andere Kongregationen auch. Aber wir geraten deshalb nicht in Panik und beklagen uns, dass wir zu wenige seien. Wir sind halt so viele, wie der Herr für diese Mission berufen hat. Wir wirken in 34 Ländern und haben vor, neue Niederlassungen in Ländern zu gründen, in denen wir bisher noch nicht präsent sind: Bolivien, Uruguay, Paraguay, Angola, Kuba, Neuseeland, einige englischsprechende Länder Afrikas… Missionen halten eine Kongregation jung!

ZENIT: Worin besteht angesichts der Herausforderungen, die die Neuevangelisierung stellt, Ihre Botschaft an die Leser von ZENIT?

Pater Sassi: Die Zukunft der Kommunikation liegt im Internet. Dieses Kommunikationsmedium richtet an die ganze Kirche heute denselben Aufruf, wie der Makedonier, von dem Paulus träumte, der zu ihm sagte: „Komm zu uns nach Makedonien!“ Und wenn uns das „Netz“ nicht selbst riefe, dann müsste unser eigener Missionsgeist genügend Kreativität besitzen, sich diese Einladung vorzustellen.

[Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]