Kongress läutet Konstantinisches Jubiläumsjahr ein

Anlässlich der Schlacht an der Milvischen Brücke, die sich vor 1.700 Jahren zugetragen hat, nahm im Vatikan eine Initiative ihren Auftakt

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Von Luca Marcolivio

VATIKANSTADT, 20. April 2012 (ZENIT.org). – Die Feier des 1.700 Jahrestages der Schlacht an der Milvischen Brücke, die mit der Bekehrung des Kaisers Konstantin einherging, fällt auf den 28. Oktober 2012. So nimmt also das „Konstantinische Jubiläum“ in diesem Jahr seinen Auftakt und wird bis zum kommenden Jahr andauern.

Vom 18. bis zum 21. April tagt zu diesem Thema im Vatikan ein internationaler Kongress unter dem Titel „Konstantin der Große. An den Ursprüngen Europas“. Veranstalter ist das Päpstliche Komitee für Geschichtswissenschaften. Die Schirmherrschaft des Ereignisses haben das Vatikanische Geheimarchiv, die Vatikanische Apostolische Bibliothek, der Nationalrat für Forschung, die Ambrosianische Bibliothek, der Regionalrat von Latium, die Delegation der Europäischen Gemeinschaft beim Heiligen Stuhl und die Päpstlichen Lateran-Universität  übernommen.

Der im Vatikan stattfindende Kongress stellt den ersten Teil einer „Doppelveranstaltung“ dar, die den Rahmen des Jubiläums bildet. Der zweite Teil wird im nächsten Jahr in Mailand zum 1.700 Jahrestag des Edikts stattfinden – bei jener Gelegenheit werden insbesondere die historischen Folgen untersucht werden, die die konstantinische Wende mit sich gebracht hat.

Während der vier Tage des laufenden Ereignisses gilt die besondere Aufmerksamkeit dem historischen Kontext, in dem Konstantin gelebt hat, dem persönlichen Leben des Kaisers, der allgemeinen Situation, in der sich die Christen zu Anfang des IV. Jahrhunderts befanden und der Frage der Religionsfreiheit in der namentlichen Epoche.

Der Kongress wurde am Dienstagmorgen während einer Konferenz im Vatikanischen Pressesaal inhaltlich vorgestellt. Der Prämonstratensermönch P. Bernard Ardura, seines Zeichens Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften, hat dabei erklärt, dass die Schlacht an der Milvischen Brücke, trotz der Tatsache, dass sie vom militärstrategischen Gesichtspunkt aus betrachtet nicht von großer Bedeutung war, bald zu einem „Symbol für die Gründung einer neuen Weltordnung“ wurde, die damals ihre Geburtsstunde erlebte, eben gerade weil sie zur Begegnung zwischen dem römischen Kaiser und der christlichen Religion geführt hatte.

Die Bekehrung Konstantins brachte nicht nur den entscheidenden Impuls für das Ende der Christenverfolgung und für die Evangelisierung Europas mit sich, sondern steht auch für die Bestätigung von Werten wie „Menschenwürde, Trennung und Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat, Gewissens-, Religions- und Kultfreiheit“, führte P. Bernard Ardura weiter aus.

Der Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften schloss seine Ausführungen mit den Worten, Konstantin sei „unzweifelhaft ein großer Kaiser und ein genialer Politiker gewesen, dem es gelang, das ganze Reich um seine Person zu vereinigen, indem er Konstantinopel, das neue Rom, gründete“.

Die Professorin Claire Sotinel, Dozentin für Römische Geschichte an der Universität von Paris-Créteil, erläuterte das extrem komplexe, geschichtliche Gesamtbild der konstantinischen Epoche. Damals waren „in jeder Stadt des Reiches offizielle Kulte sowie in allen Rom unterworfenen Regionen der Kaiserkult verbreitet; oft gab es exotische lokale Kulte, Personenkulte oder auch Mysterienkulte, die von Gruppen von Initiierten praktiziert wurden, philosophische Lehren mit starker religiöser Komponente (diese waren fast immer mit den offiziellen Kulten, sei es lokaler, sei es kaiserlicher Art, vereinbar) und schließlich das Judentum. All diese Religionen waren erlaubt und wurden vonseiten des Kaiserreichs wenigstens teilweise überwacht“.

Was die Freiheit der Christen angeht, so war diese in den vorausgehenden fünf Dekaden beträchtlichen Schwankungen positiver und negativer Art ausgesetzt gewesen: Nach den Verfolgungen von Decius und Valerian hatte Kaiser Gallienus im Jahre 260 schweigend die christlichen Kirchen anerkannt. Daraufhin folgte fast ein halbes Jahrhundert des Arrangements und der friedlichen Koexistenz, bis zur letzten großen Christenverfolgung, die unter Diocletian stattfand.

Schon unter Galerus finden die Verfolgungen ihr zeitliches Ende, doch die Ereignisse unter seinem Nachfolger Konstantin sind von epochaler Bedeutung: Der neue Kaiser bekehrt sich, erkennt das Christentum offiziell als Staatsreligion an und gibt den Christen ihr Eigentum, das während der Jahre der Unterdrückung konfisziert worden war, zurück.

Claire Sotinel führte weiterhin aus, dass der Kongress beabsichtige, einigen Fragen tiefer auf den Grund zu gehen und zwar handelt es sich um die offenstehende Frage, ob die Bekehrung des Konstantin „einen Eingriff der Fügung darstelle, der zur Bekehrung der römischen Welt führte“ oder ob sie „den Anfang der Dekadenz einer Kirche bildete, die mit der politischen Macht Kompromisse schloss“, wie in der „säkularisierten vulgata“ behauptet werde.

Bei dem Kongress werden noch weitere offenstehende Fragen diskutiert werden, so z.B. diejenige, ob die Bekehrung Konstantins ehrlich motiviert oder opportunistisch war, ob sie tatsächlich im Jahre 312 oder schon vorher stattfand. Außerdem werden Gesichtspunkte zur Debatte stehen, die sich auf den Zeitraum und die Art und Weise der Verbreitung des Christentums im Kaiserreich beziehen, auf die Frage, welcher Personentyp von der neuen Religion am meisten beeinflusst wurde, ob die Evangelisierung schnell oder schrittweise voranging und welche Folgen dies für die alten heidnischen Kulte hatte.

Den letzten Beitrag zum Thema gab Herr Gian Maria Vian, Direktor des Osservatore Romano, der in seiner Eigenschaft als Historiker diverse Studien über die konstantinische Frage publiziert hat.

Gian Maria Vian hat seinerseits darauf hingewiesen, dass Konstantin in Übereinstimmung mit den „ipsissima verba Iesu“ als Erster eine Trennung zwischen den Bereichen Politik und Religion eingeführt hatte („Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“).

Die konstantinische Epoche sei aber auch schwerlich ohne den Wandel erklärbar, der im vorausgegangenen Jahrhundert von dem Moment ab stattgefunden habe, als Papst Callixtus Kultstätten einführte, die zugleich Eigentum der Kirche waren – schon Eusebius berichtete von einer „bemerkenswerten Bauaktivität zur Errichtung von zahlreichen römischen Kirchen, unter anderem 40 Basiliken“.

Maxentius selbst, der bei der Schlacht an der Milvischen Brücke als Experte gegen Konstantin teilgenommen hatte, sei gegenüber den Christen nicht völlig feindlich gewesen: Im Gegenteil, „er hatte damit begonnen, die Kultstätten zurückzuerstatten“. Wie der Direktor des „Osservatore Romano“ ausführte, hat der Historiker Santo Mazzarino Konstantin als „den revolutionärsten Politiker Europas bezeichnet”.

Gian Maria Vian nahm auch vorweg, dass im Verlauf des Kongresses weitere Elemente auftauchen würden, die den komplexen Charakter der konstantinischen Frage bestätigte; zum Beispiel die Taufe, die der Kaiser von einem arianischen Bischof auf dem Sterbebett empfing, eine Tatsache, die den hl. Hieronymus zu einem der „Gegner Konstantins“ der ersten Stunde machte.

Schließlich erinnerte Gian Maria Vian daran, dass die Ostkirchen Konstantin als den „dreizehnten Apostel“ verehren, während aus Sicht der protestantischen Reform Luther und Melanchton den ersten christlichen Kaiser lobten, die Jansenisten aber mit Steinen bewürfen.

Zur Eröffnung des Kongresses „Konstantin der Große. An den Ursprüngen Europas“ hat Monsignore Enrico Dal Covolo, Rektor der Päpstlichen Universität Lateranense, gestern um 17:30 Uhr in der Synodenhalle im Vatikan einen Vortrag zum Thema „Historisch-religiöse Ätiologie der so genannten ‚konstantinischen Wende‘ “ gehalten.

Heute, Donnerstag den 19. April, wurden die Sitzungen im Collegium Teutonicum fortgesetzt, während die Kongressteilnehmer am Freitag, den 20. April, in der Päpstlichen Universität Lateranense vorgeladen sind. Am Samstag, den 21. April, findet das Ereignis für die Kongressteilnehmer im Apostolischen Palast bei einer Audienz mit Papst Benedikt XVI. seinen Abschluss.

[Übersetzung des italienischen Originals von P. Thomas Fox LC]