Konkrete Vorschläge: Erwin Tanner über die Arbeit der neuen AGCK-Arbeitsgruppe

Interview mit dem Vorsitzenden des Expertengremiums „Verhältnis Bundesstaat – Religionsgemeinschaften“

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FRIBOURG, 8. November 2007 (ZENIT.org).- Je konkreter unsere Vorschläge sind, desto stärker werden wir wahrgenommen. Mit diesem klaren Ziel vor Augen leitet der Jurist und Theologe Erwin Tanner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Schweizer Bischofskonferenz, die neue Arbeitsgruppe „Verhältnis Bundesstaat – Religionsgemeinschaften“.



Die Arbeitsgruppe wurde vom Präsidium der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (AGCK) eingerichtet, um sich über die zukünftige Form des Verhältnisses zwischen den Kirchen beziehungsweise anderen Religionsgemeinschaften und dem Bund zu beschäftigen.

Der Expertengruppe, die Ende Oktober ihre Arbeit aufgenommen hat, gehören neben Tanner und dem Wirtschaftsfachmann Michel Corpataux für die Schweizer Bischofskonferenz zwei Vertreter des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes an, Ratspräsident Pfarrer Thomas Wipf und Pfarrer Markus Sahli; Pfarrer Markus Bach von der Evangelisch-Methodistischen Kirche; Jurist Claude Cuendet von der Reformierten Kirche des Kantons Waadt; Theologin Maja Weyermann von der Christkatholischen Kirche und schließlich Christiane Faschon, Generalsekretärin der AGCK.

Bereits 2002 regte der Schweizerische Evangelische Kirchenbund an, in der Bundesverfassung einen Religionsartikel zu verankern und beim Bund eine Ansprechstelle für Kirchen und Religionsgemeinschaften zu schaffen. Die AGCK verfolgt dieses Anliegen weiter. Die neue Arbeitsgruppe versucht, diesbezüglich einen Konsens unter den christlichen Kirchen zu erzielen, der in der Folge den anderen Religionsgemeinschaften unterbreitet werden soll. Im März 2008 wird voraussichtlich eine erste Bilanz der Arbeiten veröffentlicht werden.

ZENIT: Was ist die Aufgabe der ökumenische Arbeitsgruppe „Verhältnis Bundesstaat – Religionsgemeinschaften“, die vor kurzem ihre Arbeit aufgenommen hat, und warum ist sie notwendig?

Tanner: Die Arbeitsgruppe hat im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz (AGCK-CH)der Frage nachzugehen, wie das Verhältnis der Kirchen und anderer Religionsgemeinschaften zum Staat in Zukunft ausgestaltet werden könnte. Sie soll diesbezüglich zuhanden des Präsidiums der AGCK-CH im Laufe des nächsten Jahres erste Resultate vorlegen.

Da das Phänomen der Religion wieder zu einem Thema in Gesellschaft und Staat und die religiöse Landschaft - auch innerhalb des Christentums – vielfältiger geworden ist, ist es angezeigt, sich erneut Gedanken über den Stellenwert der verschiedenen Glaubensgemeinschaften gegenüber dem Staat zu machen.

ZENIT: Wie bewerten Sie den jetzigen Stand der Dinge in den Beziehungen Kirche-Staat? Was ist Ihrer Ansicht nach zu verbessern, welche positiven Aspekte gilt es zu stärken?

Tanner: Jede Religionsgemeinschaft hat ihre eigenen Vorstellungen vom guten und richtigen Verhältnis zum Staat. Eine allgemeine Aussage kann ich hier als Glied der römisch-katholischen Kirche nicht machen.

Der Fall „Röschenz“ zeigt jedoch, dass das jetzige Verhältnis zwischen Kirche und Staat auch Fragen aufwirft; Fragen, die über die konfessionellen Grenzen hinweg diskutiert und einer Lösung zugeführt werden müssen. Die Kirchen müssen sich gegenüber dem Staat sicher wieder mehr mit ihren eigenen Anliegen ins Spiel bringen können.

Gemeinsam schaffen es die Kirchen vielleicht besser, das eine oder andere christliche Anliegen in der Gesellschaft und gegenüber dem Staat durchzusetzen.

ZENIT: Wie steht es um die Beziehung der Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften untereinander? Wo sind verheißungsvolle Wege, die vielleicht noch nicht gegangen worden sind? Und wo sehen Sie vielversprechende Aufbrüche?

Tanner: Die Bildung unserer Arbeitsgruppe ist ein Beispiel dafür, dass den Mitgliedern der AGCK-CH an einer Zusammenarbeit liegt. Es soll dort zusammengearbeitet werden, wo es möglich und auch nötig ist.

ZENIT: Die Arbeitsgruppe dient auch den Interessen der anderen Religionsgemeinschaften. Was will man hier erreichen?

Tanner: Die Arbeitsgruppe steht mit ihrem zukünftigen Bericht in erster Linie im Dienste der AGCK-CH. Die Ergebnisse ihrer Überlegungen sollen anderen Religionsgemeinschaften aber zur Kenntnis gebracht werden, um auch deren Meinungen zum Thema zu hören.

Da in der Gesellschaft zunehmend Menschen nicht christlichen Glaubens leben - zu denken ist hier namentlich an die Muslime und Musliminnen – ist es unabdingbar, hier auch mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

ZENIT: Welche Auswirkungen erhoffen Sie sich von der Arbeit des neuen Gremiums?

Tanner: Es ist wohl noch zu früh, diesbezüglich etwas zu sagen. Wir haben ja erst gerade mit unserer Arbeit begonnen. Wir werden jedenfalls umso eher in kirchlichen, gesellschaftlichen und staatlichen Kreisen wahrgenommen, je konkreter unsere Vorschläge sein werden und von den Mitgliedkirchen der AGCK-CH getragen werden.