Kreuzige ihn!

Aus einer Karfreitagsbetrachtung des seligen Henry Kardinal Newman

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ROM, Karfreitag, 22. April 2011 (ZENIT.org). – Der Karfreitag ist katholischen Christen ein Tag der Trauer und des Fastens. In allen Kirchen findet statt einer Heiligen Messe die liturgische Feier vom Leiden und Sterben des Herrn statt, während der das Kreuz besonders verehrt wird. Auch Papst Benedikt wird im Petersdom mit dem Gesang des „Ecce lignum crucis“ feierlich das Kreuz enthüllen. In langem Zug steigen die Kardinäle die Stufen empor, die Füße des Gekreuzigten zu küssen, während der Chor das „Popule meus“ singt, die Heilandsklagen: "Mein Volk, was habe ich Dir getan?"

Die tiefe Erschütterung über dieses Geheimnis der Erlösung machte der neue Selige der katholischen Kirche in einer Predigt zum Karfreitag anschaulich: „Versuchen wir, was so überaus schwer ist, alle anderen Gedanken zu vertreiben, unseren Geist von den vergänglichen, zeitlichen und irdischen Dingen zu reinigen und ihn mit der Betrachtung des ewigen Priesters und seines eigenen, immerwährenden Opfers zu beschäftigen; - jenes Opfers, das ein für alle Mal auf Kalvaria dargebracht wurde, jedoch immer bleibt und in seiner Kraft in seiner Gnade uns immer gegenwärtig ist, das zu allen Zeiten dankbar und ehrfürchtig in Erinnerung gerufen werden soll, besonders aber jetzt, da die jährliche Zeit gekommen ist, in der es vollbracht wurde.

Schauen wir auf ihn, der erhöht wurde, damit wir er uns an sich ziehe; …

Nun bitte ich euch zu bedenken, dass jenes Antlitz, das so unbarmherzig geschlagen wurde, das Antlitz Gottes selber war. Die Stirn, blutig von den Dornen, der heilige Leib, den Blicken ausgesetzt und von Geißeln zerrissen, die Hände an das Kreuz genagelt und, hernach, die Seite mit der Lanze durchbohrt: Es war das Blut, das heilige Fleisch, es waren die Hände, die Schläfen, die Seite und die Füße Gottes selbst, die die toll gewordene Menge damals angaffte.

Dieser Gedanke war so furchtbar, dass es fürwahr schwer fällt, sich mit anderen Gedanken abzugeben. Hat man diesen erstmal richtig erfasst; ja wir müssen, während wir daran denken, Gott bitten, er möge ihn für uns mildern und möge uns die Kraft geben, in rechter Weise daran denken, damit er uns nicht erdrücke. Beherzigen wir also, dass Gott selbst, Gott Sohn, der Dulder war, dann werden wir besser als bisher die Beschreibung erfassen, die die Evangelisten von ihm geben; wir werden den Sinn seiner ganzen Haltung begreifen.

Sein Schweigen und die Worte, die gebrauchte, wenn er sprach, ebenso die Scheu, die Pilatus vor ihm hatte…

Ja, wir werden eines Tages zu Wohl oder Weh jenes heilige Antlitz sehen, das ruchlose Menschen geschlagen und entehrt haben; wir werden jene Hände sehen, die ans Kreuz genagelt wurden; jene Seite, die durchbohrt wurde.

Dies alles werden wir sehen; und es wird der Anblick des lebendigen Gottes sein. Da dies nun das große Geheimnis des Kreuzes Christi und seines Leidens ist, können wir, wie gesagt, mit gutem Grunde annehmen, dass etwas Großes daraus entspringen müsse.

Das Leiden und der Tod des fleischgewordenen Wortes könnten nicht wie ein Traum vorüber gehen; sie könnten kein bloßes Martyrium sein oder ein bloßes Schauspiel oder Bild von etwas anderem, sie müssten eine eigenen Kraft in sich tragen.

Davon müssten wir auch dann überzeugt sein, wenn uns nichts über seine Wirkung offenbart wäre. Aber auch die Wirkung ist uns offenbart: nämlich unsere Versöhnung mit Gott, die Sühne für unsere Sünden und die neue Schöpfung in Heiligkeit."

Newman, Henry, Deutsche Predigtausgabe VI., Seite 79 ff., 84 ff.