Kreuzweg im Kolosseum 2008

Meditationen und Gebete von Joseph Kardinal Zen Ze-kiun, Bischof von Hongkong

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ROM, 20. März 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Texte des Kreuzwegs, dem Benedikt XVI. morgen, am Karfreitag, im römischen Kolosseum vorstehen wird. Die Meditationen und Gebete stammen diesmal von Joseph Kardinal Zen Ze-kiun SDB, dem Bischof von Hongkong.

„Natürlich sind an diesem Abend nicht nur wir hier im Kolosseum“, schreibt der Kardinal in seiner Einführung. „Dem Herzen des Heiligen Vaters und unseren Herzen sind alle ‚lebenden Märtyrer‘ des 21. Jahrhunderts gegenwärtig.“ Und er fügt hinzu: „Te martyrum candidatus laudat exercitus – Dich, Gott, preist der Märtyrer leuchtendes Herr.“ Dieser Satz ist dem Te Deum entnommen, das auf der Homepage der Erzabtei Sankt Ottilien gelesen und gehört werden kann.

***

DER KREUZWG


BÜRO FÜR LITURGISCHE FEIERN

MIT DEM HEILIGEN VATER

KREUZWEG

IM KOLOSSEUM

UNTER DEM VORSITZ DES HEILIGEN VATERS

 

BENEDIKT XVI.

 

  

 

KARFREITAG 2008

  

 

 

MEDITATIONEN UND GEBETE

 

VON SEINER EMINENZ

 

JOSEPH KARDINAL ZEN ZE-KIUN, S.D.B.

 

Bischof von Hongkong


EINFÜHRUNG

 

Als Seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI. mich durch Seine Eminenz Tarcisio Kardinal Bertone bat, die Betrachtungen für den diesjährigen Kreuzweg am Karfreitag im Kolosseum vorzubereiten, habe ich keinen Moment gezögert, den Auftrag anzunehmen. Ich habe verstanden, daß der Heilige Vater mit dieser Geste beabsichtigte, seine Wertschätzung für den großen asiatischen Kontinent zu zeigen und in diesen feierlichen Akt christlicher Frömmigkeit im besonderen die Gläubigen aus China einzuladen, für die der Kreuzweg eine sehr innig empfundene Andachtsform ist. Der Papst wollte, daß ich die Stimme dieser fernen Schwestern und Brüder ins Kolosseum trage.

Sicher, der Protagonist dieser Via dolorosa ist unser Herr Jesus Christus, wie er uns von den Evangelien und der Überlieferung der Kirche vorgestellt wird. Aber hinter ihm stehen viele Menschen aus Vergangenheit und Gegenwart, hinter ihm stehen wir. Lassen wir an diesem Abend unsere vielen auch zeitlich fernen Geschwister im Geiste mitten unter uns gegenwärtig werden. Sie haben vielleicht mehr als wir heute in ihrem Leib die Passion Jesu nachempfunden. In ihnen ist Jesus erneut verhaftet, verleumdet, gefoltert, verlacht, mitgeschleift, unter der Last des Kreuzes erdrückt und wie ein Verbrecher an das Holz genagelt worden.

Natürlich sind an diesem Abend nicht nur wir hier im Kolosseum. Dem Herzen des Heiligen Vaters und unseren Herzen sind alle „lebenden Märtyrer“ des 21. Jahrhunderts gegenwärtig. „Te martyrum candidatus laudat exercitus.“

Wenn wir an die Verfolgung denken, denken wir auch an die Verfolger. Als ich den Text dieser Meditationen abfaßte, stellte ich zu meinem großen Erschrecken fest, daß ich wenig christlich bin. Ich mußte mich sehr anstrengen, um mich zu reinigen von den wenig liebevollen Gefühlen gegenüber denen, die Jesus Leid zugefügt haben, und gegenüber denen, die in der Welt von heute unsere Geschwister leiden lassen. Erst als ich mir meine eigenen Sünden und Treulosigkeiten vor Augen geführt habe, konnte ich mich selbst unter den Verfolgern sehen, und ich verging vor Reue und vor Dankbarkeit für die Vergebung des barmherzigen Meisters.

Schicken wir uns also an, zu meditieren, zu singen und zu Jesus und mit Jesus für diejenigen zu beten, die für seinen Namen leiden, für diejenigen, die ihn und seine Brüder und Schwestern leiden lassen, und für uns selber, die wir Sünder und manchmal sogar seine Verfolger sind.


VORBEREITUNGSGEBET

 

Der Heilige Vater:

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

R. Amen.

Jesus, unser Heiland, wir sind an diesem Tag, in dieser Stunde und an diesem Ort versammelt, der an deine vielen Diener und Dienerinnen erinnert, die sich vor Hunderten von Jahren unter dem Gebrüll hungriger Löwen und dem Schreien der schaulustigen Menge aus Treue zu deinem Namen haben zerfleischen und totschlagen lassen. Wir kommen heute hierher, um dir die Dankbarkeit deiner Kirche für das Geschenk des Heiles auszudrücken, das deine Passion erwirkt hat.

Die Kolosseen haben sich im Laufe der Jahrhunderte vervielfacht, dort, wo in verschiedenen Teilen der Welt unsere Brüder und Schwestern in Fortsetzung deiner Passion noch heute hart verfolgt werden. Gemeinsam mit dir und unseren verfolgten Geschwistern auf der ganzen Welt machen wir uns nun tief erschüttert auf den Weg, die Via dolorosa, die du einst mit so viel Liebe gegangen bist.


 

ERSTE STATION

 

Jesu Todesangst im Garten Getsemani

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Markus. 14, 32-36

Sie kamen zu einem Grundstück, das Getsemani heißt, und Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Setzt euch und wartet hier, während ich bete.“ Er nahm Petrus, Jakobus und Johannes mit sich. Da ergriff ihn Furcht und Angst, und er sagte zu ihnen: „Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht!“ Und er ging ein Stück weiter, warf sich auf die Erde nieder und betete, daß die Stunde, wenn möglich, an ihm vorübergehe. Er sprach: „Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst soll geschehen.“

BETRACHTUNG

Jesus wurde von Furcht und Angst ergriffen und war zu Tode betrübt. Er wählte sich drei Begleiter, die jedoch bald in Schlaf fielen. Und er begann zu beten – allein: „Könnte doch diese Stunde an mir vorübergehen, nimm diesen Kelch von mir… Aber, Vater, dein Wille geschehe.“

Er war in die Welt gekommen, um den Willen des Vaters zu tun, jedoch hatte er die Bitterkeit der Sünde nie so zutiefst empfunden wie in diesem Moment, und er fühlte sich verloren.

In dem Brief an die Katholiken in China erinnert Benedikt XVI. an die Vision in der Geheimen Offenbarung des heiligen Johannes, der angesichts des versiegelten Buches der menschlichen Geschichte, angesichts des „mysterium iniquitatis“ weint. Nur das geopferte Lamm ist imstande, das Siegel zu öffnen.

In vielen Teilen der Welt erlebt die Braut Christi die finstere Stunde der Verfolgung wie einst Esther, als sie von Haman bedroht war, wie die vom Drachen bedrohte „Frau“ aus der Geheimen Offenbarung. Wachen wir und begleiten wir die Braut Christi im Gebet.

GEBET

Jesus, allmächtiger Gott, der du dich in die Schwachheit begeben hast wegen unserer Sünden, dir sind die Schreie der Verfolgten vertraut; sie sind das Echo deiner Todesangst. Sie fragen: Warum diese Unterdrückung? Warum diese Demütigung? Warum diese lange Versklavung?

Da steigen in der Erinnerung die Psalmworte auf: „Wach auf! Warum schläfst du, Herr? Erwache, verstoß nicht für immer! Warum verbirgst du dein Gesicht, vergißt unsere Not und Bedrängnis? Unsere Seele ist in den Staub hinabgebeugt, unser Leib liegt am Boden. Steh auf und hilf uns!“ (Ps 43, 24-27).

Nein, Herr! Du hast dich in Getsemani dieses Psalms nicht bedient, sondern hast gesagt: „Dein Wille geschehe!“ Du hättest zwölf Legionen Engel mobilisieren können, aber du hast es nicht getan.

Herr, das Leiden macht uns Angst. In uns steigt die Versuchung auf, uns an die einfachen Erfolgsrezepte zu klammern. Gib’, daß wir keine Angst vor der Angst haben, sondern auf dich vertrauen.

X

Alle:

Pater noster, qui es in cælis:

sanctificetur nomen tuum;

adveniat regnum tuum;

fiat voluntas tua, sicut in cælo, et in terra.

Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;

et dimitte nobis debita nostra,

sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;

et ne nos inducas in tentationem;

sed libera nos a malo.

Stabat mater dolorosa

iuxta crucem lacrimosa,

dum pendebat Filius.


ZWEITE STATION

 

Jesus wird von Judas verraten und von den Seinen verlassen

 

 

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Markus. 14, 43a.45-46.50-52

Noch während Jesus redete, kam Judas, einer der Zwölf.

Er ging sogleich auf Jesus zu und sagte: „Rabbi!“ Und er küßte ihn. Da ergriffen sie ihn und nahmen ihn fest.

Da verließen ihn alle und flohen. Ein junger Mann aber, der nur mit einem leinenen Tuch bekleidet war, wollte ihm nachgehen. Da packten sie ihn; er aber ließ das Tuch fallen und lief nackt davon.

BETRACHTUNG

Verraten und verlassen von denen, die Er als Apostel erwählt, die Er in die Geheimnisse des Gottesreichs eingeweiht, denen Er volles Vertrauen geschenkt hatte! Ein völliges Scheitern also. Welch ein Schmerz und was für eine Demütigung!

Doch all das geschah als Erfüllung dessen, was die Propheten gesagt hatten. Wie hätte man sonst die Häßlichkeit der Sünde erkennen können, die ja Verrat der Liebe ist?

Der Verrat überrascht, vor allem, wenn er sogar von Hirten der Herde verübt wird. Wie konnten sie ihm das antun? Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Versuchungen, Drohungen und Erpressungen beugen den Willen. Doch welche Schande! Wieviel Schmerz für das Herz des Herrn!

Empören wir uns nicht! An Abtrünnigkeiten hat es angesichts von Verfolgungen nie gefehlt. Und danach hat es oft eine Rückkehr gegeben. In jenem jungen Mann, der das Leintuch fallen ließ und nackt floh (vgl. Mk 14, 51-52), haben maßgebliche Schriftausleger den späteren Evangelisten Markus gesehen.

GEBET

Herr, wer vor deiner Passion flieht, büßt seine Würde ein. Hab’ Mitleid mit uns! Wir entblößen uns vor deiner Majestät. Wir zeigen dir unsere Wunden, die schändlichsten.

Jesus, dich verlassen heißt die Sonne verlassen. Wenn wir uns der Sonne entledigen wollen, fallen wir in Dunkelheit und Kälte.

Vater, wir haben uns von deinem Haus entfernt. Wir sind nicht würdig, erneut von dir empfangen zu werden. Du aber gibst Anweisungen, daß wir gewaschen und gekleidet werden und daß wir einen Ring an den Finger gesteckt bekommen.

X

Alle:

Pater noster, qui es in cælis:

sanctificetur nomen tuum;

adveniat regnum tuum;

fiat voluntas tua, sicut in cælo, et in terra.

Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;

et dimitte nobis debita nostra,

sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;

et ne nos inducas in tentationem;

sed libera nos a malo.

Cuius animam gementem,

contristatam et dolentem

pertransivit gladius.


DRITTE STATION

 

Jesus wird vom Hohen Rat verurteilt

 

 

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Markus. 14, 55.61b-62a.64b

Die Hohenpriester und der ganze Hohe Rat bemühten sich um Zeugenaussagen gegen Jesus, um ihn zum Tod verurteilen zu können; sie fanden aber nichts.

Da wandte sich der Hohepriester an ihn und fragte: „Bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?Jesus sagte: „Ich bin es.“

Und sie fällten einstimmig das Urteil: „Er ist schuldig und muß sterben.“

BETRACHTUNG

Der Hohe Rat war der Gerichtshof des Gottesvolkes. Dieses Gericht verurteilt nun Christus, den Sohn des hochgelobten Gottes, und es erklärt ihn des Todes schuldig.

Der Unschuldige wird wegen „Gotteslästerung“ verurteilt; so entscheiden die Richter und zerreißen ihre Gewänder. Wir aber erfahren vom Evangelisten, daß sie es aus Neid und Haß getan haben.

Der heilige Johannes sagt, daß der Hohepriester eigentlich im Namen Gottes gesprochen hat: Nur indem Gottvater seinen unschuldigen Sohn verurteilen ließ, konnte er dessen schuldige Brüder und Schwestern retten.

Scharen von Unschuldigen sind im Laufe der Jahrhunderte zu entsetzlichen Leiden verurteilt worden. Es gibt den Aufschrei gegen die Ungerechtigkeit, doch sie, die Unschuldigen, sind es, die in Gemeinschaft mit Christus, dem schlechthin Unschuldigen, die Sünden der Welt sühnen.

GEBET

Jesus, du bist nicht besorgt, deine Unschuld geltend zu machen, denn dir geht es nur darum, dem Menschen die Gerechtigkeit zurückzugeben, die er durch die Sünde verloren hat.

Wir waren deine Feinde; es gab keine Möglichkeit, unsere Lage zu ändern. Du hast dich verurteilen lassen, um uns Vergebung zu erlangen. Unser Retter, gib, daß wir uns nicht die Verurteilung am Jüngsten Tag zuziehen! “Iudex ergo cum sedebit, quicquid latet apparebit; nil inultum remanebit. Iuste iudex ultionis, donum fac remissionis ante diem rationis”.

X

Alle:

Pater noster, qui es in cælis:

sanctificetur nomen tuum;

adveniat regnum tuum;

fiat voluntas tua, sicut in cælo, et in terra.

Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;

et dimitte nobis debita nostra,

sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;

et ne nos inducas in tentationem;

sed libera nos a malo.

O quam tristis et afflicta

fuit illa benedicta

mater Unigeniti!


VIERTE STATION

 

Jesus wird von Petrus verleugnet

 

 

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Markus. 14, 66-68.72

Als Petrus unten im Hof war, kam eine von den Mägden des Hohenpriesters. Sie sah, wie Petrus sich wärmte, blickte ihn an und sagte: „Auch du warst mit diesem Jesus aus Nazaret zusammen.“ Doch er leugnete es und sagte: „Ich weiß nicht und verstehe nicht, wovon du redest.“

Gleich darauf krähte der Hahn zum zweiten Mal, und Petrus erinnerte sich, daß Jesus zu ihm gesagt hatte: „Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Und er begann zu weinen.

BETRACHTUNG

„Und wenn ich mit dir sterben müßte – ich werde dich nie verleugnen“ (Mk 14, 31). Petrus war ehrlich, als er das sagte, doch er kannte sich nicht, er kannte nicht seine Schwäche. Er war großherzig, doch er hatte vergessen, daß er der Großherzigkeit des Meisters bedurfte. Er bildete sich ein, für Jesus sterben zu können; dabei war es Jesus, der für ihn sterben mußte, um ihn zu retten.

Indem Christus den Simon zum „Fels“ machte, auf den er seine Kirche bauen wollte, bezog er den Apostel in seine Heilsinitiative ein. Petrus glaubte naiverweise, dem Meister etwas geben zu können, während er von diesem doch alles ohne Vorleistung erhielt, sogar die Vergebung nach der Verleugnung.

Jesus zog seine Wahl des Petrus als Fundament seiner Kirche nicht zurück. Nachdem er bereut hatte, erhielt Petrus die Fähigkeit, seine Brüder zu stärken.

GEBET

O Herr, als Petrus, durch die Offenbarung des Vaters erleuchtet, spricht, erkennt er dich als Messias, als den Sohn des lebendigen Gottes. Als er sich dagegen auf seine Vernunft und seinen guten Willen verläßt, wird er zum Hindernis für deine Sendung. Die Anmaßung läßt ihn dich, seinen Meister, verleugnen, während die demütige Reue ihn wieder als den Fels bestätigen wird, auf den du deine Kirche baust. Deine Entscheidung, die Fortführung des Heilswerkes schwachen und verwundbaren Menschen anzuvertrauen, zeigt deine Weisheit und Macht.

Schütze die Menschen, die du erwählt hast, o Herr, damit die Pforten der Unterwelt deine Diener niemals überwältigen!

Wende uns allen deinen Blick zu, wie du in jener Nacht Petrus angeblickt hast, nach dem Hahnenschrei!

X

Alle:

Pater noster, qui es in cælis:

sanctificetur nomen tuum;

adveniat regnum tuum;

fiat voluntas tua, sicut in cælo, et in terra.

Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;

et dimitte nobis debita nostra,

sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;

et ne nos inducas in tentationem;

sed libera nos a malo.

Quæ mærebat et dolebat

pia mater, cum videbat

Nati pœnas incliti.


FÜNFTE STATION

 

Jesus wird von Pilatus gerichtet

 

 

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Markus. 15, 12-15

Pilatus wandte sich von neuem an sie und fragte: „Was soll ich dann mit dem tun, den ihr den König der Juden nennt?“ Da schrien sie: „Kreuzige ihn!“ Pilatus entgegnete: „Was hat er denn für ein Verbrechen begangen?“ Sie schrien noch lauter: „Kreuzige ihn!“ Darauf ließ Pilatus, um die Menge zufrieden zu stellen, Barabbas frei und gab den Befehl, Jesus zu geißeln und zu kreuzigen.

BETRACHTUNG

Pilatus schien mächtig, er verfügte über das Recht über Jesu Leben und Tod. Es bereitete ihm Genuß, ironisch vom „König der Juden“ zu sprechen, doch in Wirklichkeit war er schwach, feige und unterwürfig. Er fürchtete den Kaiser Tiberius, er fürchtete das Volk, er fürchtete jene Priester, die er doch von Herzen verachtete. Und Jesus, von dem er wußte, daß er unschuldig war, übergab er der Kreuzigung.

In dem zaghaften Versuch, Jesus zu retten, schenkte er sogar einem gefährlichen Mörder die Freiheit.

Vergeblich suchte er sich die Hände zu waschen, die trieften von unschuldigem Blut.

Pilatus ist ein Bild all derer, die ihre Autorität als Machtmittel benutzen und sich nicht um die Gerechtigkeit kümmern.

GEBET

Jesus, mit deinem Mut, dich als König zu bekennen, hast du versucht, Pilatus für die Stimme seines Gewissens wachzurütteln. Erleuchte das Gewissen so vieler Menschen in Machtpositionen, damit sie die Unschuld deiner Anhänger erkennen. Gib ihnen den Mut, die Religionsfreiheit zu respektieren!

Sehr verbreitet ist die Versuchung, dem Mächtigen zu schmeicheln und den Schwachen zu unterdrücken. Und die Mächtigen sind diejenigen, denen Autorität verliehen ist, die den Handel und die Massenmedien kontrollieren. Doch es gibt auch die Menschen, die sich leicht von den Mächtigen manipulieren lassen, um die Schwachen zu unterdrücken. Wie konnten die Leute „Kreuzige ihn!“ schreien, die dich doch als mitleidigen Freund kennengelernt hatten, der allen nur Gutes tat?

X

Alle:

Pater noster, qui es in cælis:

sanctificetur nomen tuum;

adveniat regnum tuum;

fiat voluntas tua, sicut in cælo, et in terra.

Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;

et dimitte nobis debita nostra,

sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;

et ne nos inducas in tentationem;

sed libera nos a malo.

Quis est homo qui non fleret,

matrem Christi si videret

in tanto supplicio?


 

SECHSTE STATION

 

Jesus wird gegeißelt und mit Dornen gekrönt

 

 

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Markus. 15, 15.17-19

Pilatus … gab den Befehl, Jesus zu geißeln und zu kreuzigen.

Die Soldaten legten ihm einen Purpurmantel um und flochten einen Dornenkranz; den setzten sie ihm auf und grüßten ihn: „Heil dir, König der Juden!“ Sie schlugen ihm mit einem Stock auf den Kopf und spuckten ihn an, knieten vor ihm nieder und huldigten ihm.

BETRACHTUNG

Die damals gebräuchliche Geißelung war eine schreckliche Strafe. Das grausame flagellum der Römer riß das Fleisch in Fetzen. Und die Dornenkrone verursachte nicht nur bohrende Schmerzen, sondern sie stellte, ebenso wie das Anspucken und die Schläge ins Gesicht, auch einen Hohn auf das Königtum des göttlichen Gefangenen dar.

Immer noch gebiert die Grausamkeit des menschlichen Herzens entsetzliche Folterungen – wobei die seelischen nicht weniger quälend sind als die körperlichen – und häufig werden die Opfer selbst zu Peinigern. Ist so viel Leiden sinnlos?

GEBET

Nein, Jesus, du sammelst und heiligst unentwegt alle Leiden: die der Kranken, der elendig Sterbenden, all der Diskriminierten; doch die Leiden, die sich unter allen auszeichnen, sind jene, die für deinen Namen ertragen werden.

Um der Leiden der Märtyrer willen segne deine Kirche; möge ihr Blut zum Samen werden für neue Christen! Wir glauben fest daran, daß ihre Leiden, auch wenn sie im ersten Augenblick als völlige Niederlage erscheinen, deiner Kirche zum wirklichen Sieg verhelfen. Herr, gib unseren verfolgten Schwestern und Brüdern Beständigkeit!

X

Alle:

Pater noster, qui es in cælis:

sanctificetur nomen tuum;

adveniat regnum tuum;

fiat voluntas tua, sicut in cælo, et in terra.

Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;

et dimitte nobis debita nostra,

sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;

et ne nos inducas in tentationem;

sed libera nos a malo.

Pro peccatis suæ gentis

vidit Iesum in tormentis

et flagellis subditum.


SIEBENTE STATION

 

Jesus wird das Kreuz aufgeladen

 

 

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Markus. 15, 20

Nachdem sie so ihren Spott mit ihm getrieben hatten, nahmen sie ihm den Purpurmantel ab und zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an. Dann führten sie Jesus hinaus, um ihn zu kreuzigen.

BETRACHTUNG

Das Kreuz, das große Symbol des Christentums, das ursprünglich Werkzeug für eine schmachvolle Strafe war, ist zum herrlichen Siegeszeichen geworden.

Es gibt mutige Atheisten, die bereit sind, sich für die Revolution zu opfern: Sie sind bereit, das Kreuz auf sich zu nehmen, aber ohne Jesus. Unter den Christen gibt es „Atheisten“ den Fakten nach, die Jesus wollen, aber ohne das Kreuz. Nun, ohne Jesus ist das Kreuz unerträglich, und ohne das Kreuz kann man nicht den Anspruch erheben, auf der Seite Jesu zu stehen.

Ergreifen wir das Kreuz, und umarmen wir Jesus und mit Jesus all unsere leidenden und verfolgten Schwestern und Brüder!

GEBET

O göttlicher Erlöser, mit welcher Leidenschaft hast du das Kreuz ergriffen, das du schon lange ersehntest! Schwer lastet es auf Deinen verwundeten Schultern, doch es wird getragen von einem Herzen voller Liebe.

Die großen Heiligen haben den rettenden Wert des Kreuzes so zutiefst verstanden, daß sie ausriefen: „Entweder leiden oder sterben!“ Gewähre uns, daß wir wenigstens deine Einladung annehmen, das Kreuz in deiner Nachfolge zu tragen. Du hast für jeden von uns ein ihm zugemessenes Kreuz vorbereitet. Im Geiste haben wir vor uns das Bild Johannes’ Pauls II., wie er den „Berg der Kreuze“ in Litauen emporsteigt. Jedes dieser Kreuze hatte eine Geschichte zu erzählen, eine Geschichte von Schmerz und Freude, von Demütigung und Triumph, von Tod und Auferstehung.

X

Alle:

Pater noster, qui es in cælis:

sanctificetur nomen tuum;

adveniat regnum tuum;

fiat voluntas tua, sicut in cælo, et in terra.

Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;

et dimitte nobis debita nostra,

sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;

et ne nos inducas in tentationem;

sed libera nos a malo.

Quis non posset contristari,

piam matrem contemplari

dolentem cum Filio?


 

ACHTE STATION

 

Simon von Zyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

 

 

 

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Markus. 15, 21

Einen Mann, der gerade vom Feld kam, Simon von Zyrene, den Vater des Alexander und des Rufus, zwangen sie, Jesus das Kreuz zu tragen.

BETRACHTUNG

Simon von Zyrene kam gerade vom Feld. Er traf auf den Todeszug und erfuhr die Schikane, gemeinsam mit Jesus das Kreuz tragen zu müssen.

Zu einem späteren Zeitpunkt stimmte er diesem Dienst innerlich zu, zeigte sich glücklich, dem armen Verurteilten geholfen zu haben, und wurde einer der Jünger in der Urkirche. Sicher war er Gegenstand der Bewunderung und fast des Neides wegen des besonderen Schicksals, Jesus in seinen Leiden Erleichterung verschafft zu haben.

GEBET

Lieber Jesus, du hast dem Simon von Zyrene wahrscheinlich deine Dankbarkeit für seine Hilfe gezeigt, während in Wirklichkeit er und jeder von uns das Kreuz verdient hätte. So bist du, o Jesus, uns jedesmal dankbar, wenn wir unseren Mitmenschen helfen, ihr Kreuz zu tragen, während wir doch nur unsere Pflicht tun, um unsere Sünden zu sühnen.

Du, Jesus, stehst am Anfang dieses Kreislaufs des Mitleids. Du trägst unser Kreuz, so daß wir fähig werden, dir in deinen Brüdern und Schwestern das Kreuz tragen zu helfen.

Herr, als Glieder deines Leibes helfen wir uns gegenseitig, das Kreuz zu tragen, und wir bewundern das enorme Heer der „Zyreneer“, die, obwohl sie den Glauben noch nicht besitzen, großherzig deine Leiden in deinen Brüdern und Schwestern gelindert haben.

Wenn wir den Geschwistern der verfolgten Kirche helfen, laß uns daran denken, daß in Wirklichkeit wir es sind, die noch mehr Hilfe empfangen.

X

Alle:

Pater noster, qui es in cælis:

sanctificetur nomen tuum;

adveniat regnum tuum;

fiat voluntas tua, sicut in cælo, et in terra.

Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;

et dimitte nobis debita nostra,

sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;

et ne nos inducas in tentationem;

sed libera nos a malo.

Tui Nati vulnerati,

tam dignati pro me pati

pœnas mecum divide.


NEUNTE STATION

 

Jesus begegnet den Frauen von Jerusalem

 

 

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 23, 27-28

Es folgte eine große Menschenmenge, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: „Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder!“

BETRACHTUNG

Die Frauen, die Mütter, schöpfen aus der Liebe eine enorme Fähigkeit, Leiden zu ertragen. Sie leiden wegen der Männer, sie leiden um ihre Söhne. Denken wir an die Mütter so vieler Jugendlicher, die für Christus verfolgt und eingekerkert sind. Wie viele durchwachte und in Tränen verbrachte Nächte dieser Mütter! Denken wir an die Mütter, die trotz der Gefahr von Gefangenschaft und Verfolgung beharrlich in der Familie weitergebetet haben, weil sie im Herzen die Hoffnung auf bessere Zeiten hegten.

GEBET

Jesus, wie du damals trotz deiner Leiden darauf bedacht warst, dein Wort an die Frauen am Kreuzweg zu richten, so laß auch heute die vielen leidenden Frauen deine tröstende und erhellende Stimme hören!

Du forderst sie auf, nicht über dich, sondern über sich selbst und über ihre Kinder zu weinen.

Wenn sie über dich weinen, dann beweinen sie Leiden, die der Menschheit das Heil bringen und also Grund zur Freude sind. Das, worüber sie weinen müssen, sind dagegen die Leiden aufgrund der Sünden, die sie und ihre Kinder und uns alle vertrocknen lassen, so daß wir wert sind, ins Feuer geworfen zu werden.

Du, Herr, hast deine Mutter gesandt, damit sie uns diese Botschaft in Lourdes und in Fatima wiederholte: „Tut Buße und betet, um den Zorn Gottes abzuhalten!“ Gib, daß wir endlich diesen ernsten Aufruf mit aufrichtigem Herzen annehmen!

X

Alle:

Pater noster, qui es in cælis:

sanctificetur nomen tuum;

adveniat regnum tuum;

fiat voluntas tua, sicut in cælo, et in terra.

Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;

et dimitte nobis debita nostra,

sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;

et ne nos inducas in tentationem;

sed libera nos a malo.

Eia, mater, fons amoris,

me sentire vim doloris

fac, ut tecum lugeam.


ZEHNTE STATION

 

Jesus wird gekreuzigt

 

 

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Markus. 15, 25.31.34

Es war die dritte Stunde, als sie Jesus kreuzigten.

Auch die Hohenpriester und die Schriftgelehrten verhöhnten ihn und sagten zueinander: „Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen.“

In der neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

BETRACHTUNG

Jesus, entblößt, angenagelt, unsagbaren Schmerzen ausgesetzt, von seinen Feinden verlacht, fühlt sich sogar vom Vater verlassen. Das ist die Hölle, zu der unsere Sünden geführt haben. Jesus hat am Kreuz ausgehalten, er hat sich nicht befreit.

In ihm haben sich die Prophezeiungen vom leidenden Gottesknecht bewahrheitet: „Er hatte keine schöne und edle Gestalt … Wir meinten, er sei von Gott geschlagen … Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen. Er wurde mißhandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf“ (Jes 53, 2.4.6-7).

GEBET

Gekreuzigter Jesus, dein wahres Angesicht, das Gesicht einer Liebe bis zum Ende, hast du uns nicht so sehr auf dem Tabor, sondern vielmehr auf dem Kalvarienberg offenbart.

Manch einer möchte dich aus Ehrfurcht auch am Kreuz in den Königsmantel gehüllt darstellen. Wir aber fürchten uns nicht, dich so zu zeigen, wie du an jenem Freitag von der sechsten bis zur neunten Stunde am Marterpfahl hingst.

Dein Anblick als Gekreuzigter treibt uns an, uns wegen unserer Treulosigkeiten zu schämen, und erfüllt uns mit Dankbarkeit über dein unendliches Erbarmen. O Herr, wieviel hat es dich gekostet, daß du uns geliebt hast!

Im Vertrauen auf die Kraft, die aus deiner Passion entspringt, versprechen wir, dich nie mehr zu beleidigen. Wir ersehnen uns die Ehre, eines Tages wie Petrus und Andreas ebenfalls ans Kreuz geheftet zu werden. Die Gelassenheit und Freude auf den Gesichtern deiner treuen Diener, der Märtyrer unseres Jahrhunderts, die betrachten zu dürfen wir die Gnade hatten, ermutigt uns.

X

Alle:

Pater noster, qui es in cælis:

sanctificetur nomen tuum;

adveniat regnum tuum;

fiat voluntas tua, sicut in cælo, et in terra.

Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;

et dimitte nobis debita nostra,

sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;

et ne nos inducas in tentationem;

sed libera nos a malo.

Fac ut ardeat cor meum

in amando Christum Deum,

ut sibi complaceam.


 

 

 

 

ELFTE STATION

 

Jesus verheißt dem guten Schächer sein Reich

 

 

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 23, 33.42-43

Sie kamen zur Schädelhöhe; dort kreuzigten sie Jesus und die Verbrecher, den einen rechts von ihm, den andern links.

Einer der Verbrecher sagte: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Jesus antwortete ihm: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

BETRACHTUNG

Er war ein Verbrecher. Er steht für alle Übeltäter, das heißt: für uns alle. Er hatte das Glück, im Leiden nahe bei Jesus zu sein; doch wir alle haben dieses Glück. Sagen auch wir: „Herr, denk an uns, wenn du in dein Reich kommst.“ Wir werden dieselbe Antwort bekommen.

Und diejenigen, die nicht das Glück haben, nahe bei Jesus zu sein? Jesus ist ihnen nahe, allen und jedem.

„Jesus, denk an uns!“ – Sagen wir es ihm für uns, für unsere Freunde, für unsere Feinde und für die Verfolger unserer Freunde. Das Heil aller ist der wahre Sieg des Herrn.

GEBET

Jesus, denk an mich, wenn ich im Bewußtsein meiner Treulosigkeiten versucht bin zu verzweifeln!

Jesus, denk an mich, wenn ich mich nach wiederholten Anstrengungen immer noch ganz unten im Tal befinde!

Jesus, denk an mich, wenn alle meiner überdrüssig geworden sind, wenn keiner mir mehr Vertrauen schenkt und ich einsam und verlassen bin!

X

Alle:

Pater noster, qui es in cælis:

sanctificetur nomen tuum;

adveniat regnum tuum;

fiat voluntas tua, sicut in cælo, et in terra.

Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;

et dimitte nobis debita nostra,

sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;

et ne nos inducas in tentationem;

sed libera nos a malo.

Sancta mater, istud agas,

Crucifixi fige plagas

cordi meo valide.


ZWÖLFTE STATION

 

Die Mutter und der Jünger beim Kreuz Jesu

 

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes. 19, 25-27

Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: „Frau, siehe, dein Sohn!“ Dann sagte er zu dem Jünger: „Siehe, deine Mutter!“ Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

BETRACHTUNG

Jesus vergißt sich selbst sogar in diesem extremen Augenblick und denkt an seine Mutter, denkt an uns. Er vertraut zunächst seine Mutter dem Jünger an – diesen Anschein erweckt der heilige Johannes – oder vertraut er vielmehr den Jünger der Mutter an?

Wie dem auch sei, für den Jünger wird Maria immer die Mutter sein, die der sterbende Meister ihm anvertraut hat, und für Maria wird der Jünger immer der Sohn sein, den ihr sterbender Sohn ihr anvertraut hat und dem sie vor allem in der Stunde des Todes geistig nahe sein wird. An der Seite der sterbenden Märtyrer wird dann immer sie, die Mutter, gegenwärtig sein und aufrecht dastehen neben ihrem Kreuz, um sie zu stärken.

GEBET

Jesus und Maria, auch das Leiden habt ihr bis zum letzten geteilt: Du, Jesus, am Kreuz, und du, Mutter, zu dessen Füßen. Die Lanze hat die Seite des Retters aufgerissen, und das Schwert hat das Herz der Jungrau und Mutter durchdrungen.

In Wirklichkeit waren wir es, die mit unseren Sünden so viel Leid verursacht haben.

Nehmt die Reue von uns allen an, die wir wegen unserer Schwäche immer der Gefahr ausgesetzt sind, zu verraten, zu verleugnen und uns aus der Affäre zu ziehen!

Nehmt das Geschenk der Treue von all denen entgegen, die dem Beispiel des heiligen Johannes gefolgt sind, der mutig beim Kreuz blieb!

Jesus und Maria, ich schenke euch mein Herz und meine Seele! Jesus und Maria, steht mir bei in meiner letzten Stunde! Jesus und Maria, möge meine Seele in meinem Sterben euren Frieden finden!

X

Alle:

Pater noster, qui es in cælis:

sanctificetur nomen tuum;

adveniat regnum tuum;

fiat voluntas tua, sicut in cælo, et in terra.

Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;

et dimitte nobis debita nostra,

sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;

et ne nos inducas in tentationem;

sed libera nos a malo.

Fac me vere tecum flere,

Crucifixo condolere,

donec ego vixero.


 

 

 

DREIZEHNTE STATION

 

Jesus stirbt am Kreuz

 

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 23, 46

Jesus rief laut: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ Nach diesen Worten hauchte er den Geist aus.

BETRACHTUNG

Jesus stirbt wirklich, denn er ist wahrer Mensch. Er übergibt dem Vater seinen letzten Atemzug. Oh, wie kostbar ist der Atem! Der Lebenshauch wurde dem ersten Menschen gegeben; nach der Auferstehung Jesu wurde er uns noch einmal in neuer Weise geschenkt, damit wir fähig würden, jeden Atemzug seinem göttlichen Geber darzubringen. Wieviel Angst haben wir vor dem Tod, und wie sind wir doch Sklaven dieser Angst! Der Sinn und der Wert eines Lebens entscheiden sich daran, wie man es hinzugeben versteht. Schon für einen Menschen ohne Glauben ist es nicht annehmbar, sich an das Leben zu klammern und dabei dessen Sinn zu verlieren. Für Jesus gibt es keine größere Liebe als die, das Leben für die Freunde hinzugeben. Wer am Leben hängt, wird es verlieren. Wer bereit ist, es zu opfern, wird es bewahren.

Die Märtyrer geben das größte Zeugnis ihrer Liebe. Sie schämen sich ihres Meisters nicht vor den Menschen. Der Meister wird am Jüngsten Tag stolz auf sie sein vor der gesamten Menschheit.

GEBET

Jesus, du hast das menschliche Leben angenommen eigens, um es hingeben zu können. Indem du unser sündiges Fleisch anzogst, bist du, der unsterbliche König, ein Sterblicher geworden. Indem du den schmählichsten und dunkelsten Tod, die äußerste Konsequenz der Sünde, auf dich nahmst, hast du den höchsten Akt vollkommenen Vertrauens auf den Vater vollbracht. In manus tuas, Domine, commendo spiritum meum“.

X

Alle:

Pater noster, qui es in cælis:

sanctificetur nomen tuum;

adveniat regnum tuum;

fiat voluntas tua, sicut in cælo, et in terra.

Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;

et dimitte nobis debita nostra,

sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;

et ne nos inducas in tentationem;

sed libera nos a malo.

Vidit suum dulcem Natum

morientem desolatum,

cum emisit spiritum.

VIERZEHNTE STATION

 

Jesus wird vom Kreuz abgenommen und ins Grab gelegt

 

V. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.

R. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Markus. 15, 46

Josef von Arimathäa kaufte ein Leinentuch, nahm Jesus vom Kreuz, wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in ein Grab, das in einen Felsen gehauen war. Dann wälzte er einen Stein vor den Eingang des Grabes.

BETRACHTUNG

Jesus hat entschieden, nicht lebend vom Kreuz herabzusteigen, sondern aus dem Grab aufzuerstehen. Ein wahrer Tod, eine wahre Stille; das Wort des Lebens wird drei Tage lang schweigen.

Stellen wir uns die Bestürzung unserer Ureltern vor angesichts des leblosen Leibes von Abel, dem ersten Opfer des Todes.

Denken wir an den Schmerz Marias, als sie auf ihrem Schoß ihren Jesus hält, der nur noch ein Häuflein von Wunden ist, ein Wurm und kein Mensch, nicht mehr imstande, den liebevollen Blick seiner Mutter zu erwidern. Nun, nachdem sie ihn eilig gesäubert und zurechtgemacht hat, muß sie ihn abgeben an die eiskalten Steine des Grabes. Nun bleibt nur das Warten. Endlos lang erscheint das Warten auf den dritten Tag.

GEBET

Herr, die drei Tage erscheinen uns so sehr lang. Unsere starken Brüder werden müde, die schwachen Brüder lassen immer mehr nach, während anmaßende Menschen sich frech erheben. Gib den Starken Ausdauer, o Herr, rüttle die Schwachen auf und bekehre alle Herzen!

Haben wir recht mit unserer Eile und unserem Anspruch, sofort den Sieg der Kirche zu erleben? Ist es nicht vielleicht unser eigener Sieg, den wir ungeduldig zu sehen wünschen? Herr, laß uns standhaft ausharren bei der Kirche des Schweigens und bereit sein, unterzugehen und zu sterben wie das Weizenkorn.

Laß uns immer dein Wort hören, Herr: „Fürchtet euch nicht! Ich habe die Welt besiegt. Ich versäume die Verabredung nie. Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Herr, stärke unseren Glauben!

X

Alle:

Pater noster, qui es in cælis:

sanctificetur nomen tuum;

adveniat regnum tuum;

fiat voluntas tua, sicut in cælo, et in terra.

Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;

et dimitte nobis debita nostra,

sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;

et ne nos inducas in tentationem;

sed libera nos a malo.

Quando corpus morietur,

fac ut animæ donetur

paradisi gloria.

Amen.


ANSPRACHE UND SEGEN

Der Heilige Vater richtet das Wort an die Anwesenden.

Am Ende der Ansprache erteilt der Heilige Vater den Apostolischen Segen:

V. Dominus vobiscum.

R. Et cum spiritu tuo.

V. Sit nomen Domini benedictum.

R. Ex hoc nunc et usque in sæculum.

V. Adiutorium nostrum in nomine Domini.

R. Qui fecit cœlum et terram.

V. Benedicat vos omnipotens Deus,

X Pater, et X Filius, et X Spiritus Sanctus.

R. Amen.

 

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