Kreuzweg im Kolosseum 2009

Meditationen und Gebete von Msgr. Thomas Menamparampil SDB, Erzbischof von Guwahati (Indien)

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ROM, 8. April 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Texte des Kreuzwegs, dem Benedikt XVI. übermorgen, am Karfreitag, im römischen Kolosseum vorstehen wird. Die Meditationen und Gebete stammen diesmal von Msgr. Thomas Menamparampil SDB, Erzbischof der 1995 errichteten indischen Erzdiözese Guwahati.

„In Christus verstehen wir wirklich den ganzen Sinn des Leidens“, schreibt der Erzbischof in seiner Einführung. „Während wir in dieser Meditation voll Schmerz den qualvollen Aspekt von Jesu Leiden betrachten, werden wir auch auf dessen erlösenden Wert achten. Es lag in Gottes Plan, dass sein Messias leiden werde, und dass diese Leiden uns zugutekommen sollten. Dieses Bewusstsein erfüllt uns mit lebendiger Hoffnung. Diese Hoffnung ist es, die uns in unseren Bedrängnissen froh und geduldig bleiben lässt.“

Mit einem Psalmwort fasst der Hirte zum Abschluss seiner einleitenden Gedanken die „Botschaft der Hoffnung“, die er allen Gläubigen vermitteln will, zusammen: „Euer Herz sei stark und unverzagt, ihr alle, die ihr hofft auf den Herrn“ (Ps 31,25).

***

BÜRO FÜR LITURGISCHE FEIERN
MIT DEM HEILIGEN VATER

KREUZWEG
IM KOLOSSEUM

UNTER DEM VORSITZ DES HEILIGEN VATERS

BENEDIKT XVI.

KARFREITAG 2009

MEDITATIONEN UND GEBETE VON

SEINER EXZELLENZ
Msgr. THOMAS MENAMPARAMPIL, S.D.B
Erzbischof von Guwahati (Indien)

EINGANGSMEDITATION

 

Liebe Brüder und Schwestern, wir sind hierher gekommen, um miteinander einen „Hymnus der Hoffnung“ zu singen. Wir wollen uns vergegenwärtigen, daß in schweren Zeiten nicht alles verloren ist. Wenn eine schlechte Nachricht nach der anderen eintrifft, werden wir ängstlich. Wenn Unglück uns näher betrifft, verlieren wir den Mut. Wenn wir unmittelbar Opfer einer Katastrophe werden, wird unser Selbstvertrauen völlig erschüttert und unser Glaube auf die Probe gestellt. Doch es ist noch nicht alles verloren. Wie Ijob suchen wir nach einem Sinn. (1)

Bei diesem Bemühen haben wir ein Vorbild. „Gegen alle Hoffnung hat Abraham voll Hoffnung geglaubt.“(2) In Zeiten der Prüfung sehen wir tatsächlich keinen Grund zu glauben und zu hoffen. Und trotzdem glauben wir. Und trotzdem hoffen wir. Das kann in unserem persönlichen Leben geschehen. Und es geschieht in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen.

Mit dem Psalmisten fragen wir uns: Meine Seele, warum bist du betrübt und bist so unruhig in mir? Hoffe auf Gott!(3) Wir erneuern und stärken unseren Glauben und vertrauen weiter auf den Herrn. Denn er hilft denen auf, die alle Hoffnung verloren haben.(4) Und diese Hoffnung läßt uns letztlich nicht zugrunde gehen. (5)

In Christus verstehen wir wirklich den ganzen Sinn des Leidens. Während wir in dieser Meditation voll Schmerz den qualvollen Aspekt von Jesu Leiden betrachten, werden wir auch auf dessen erlösenden Wert achten. Es lag in Gottes Plan, „daß sein Messias leiden werde“,(6) und daß diese Leiden uns zugutekommen sollten.(7) Dieses Bewußtsein erfüllt uns mit lebendiger Hoffnung.(8) Diese Hoffnung ist es, die uns in unseren Bedrängnissen froh und geduldig bleiben läßt.(9)

Ein Weg des Glaubens und der Hoffnung ist ein langer geistlicher Weg, auf dem man den tieferen Plan Gottes in den kosmischen Vorgängen und in den Ereignissen der Menschheitsgeschichte erforscht. Denn unter der Oberfläche von verheerenden Unglücken, Kriegen, Revolutionen und Konflikten aller Art gibt es eine ruhige Gegenwart, gibt es ein zielgerichtetes göttliches Handeln. Verborgen ist Gott gegenwärtig in der Welt, in der Gesellschaft, im Universum. Wissenschaft und Technologie offenbaren die Wunder seiner Größe und Liebe: „Ohne Worte und ohne Reden, unhörbar bleibt ihre Stimme. Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus.“(10) Der Hauch seines Atems ist Hoffnung.

Er offenbart seine Pläne durch sein ›Wort‹, indem er sowohl anhand der kleinen Ereignisse in unserem persönlichen Leben als auch der großen Geschehnisse der Menschheitsgeschichte zeigt, wie er aus Bösem Gutes hervorbringt. Sein „Wort“ macht den „reichen und herrlichen“ Plan Gottes bekannt, nämlich daß er uns von unseren Sünden befreit und daß „Christus unter uns ist“.(11)

Möge die Botschaft der Hoffnung widerhallen vom Hoang-ho bis zum Colorado, vom Himalaja bis zu den Alpen und den Anden, vom Mississippi bis zum Brahmaputra. Sie sagt: „Euer Herz sei stark und unverzagt, ihr alle, die ihr hofft auf den Herrn“.(12)

Vorbereitungsgebet

Der Heilige Vater:

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Alle: Amen.

Allmächtiger Gott,
in unserer Schwachheit versagen wir
und sind anfällig für das Böse.
Schau hin auf das Leiden deines Sohnes,
richte uns wieder auf und schenke uns neues Leben.
Darum bitten wir durch ihn, Jesus Christus,
der in der Einheit des Heiligen Geistes
mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

(1) Vgl. Ijob 1, 13 – 2, 10.
(2) Röm 4, 18.
(3) Vgl. Ps 42, 6.
(4) Vgl. Ps 34, 19.
(5) Vgl. Röm 5, 5.
(6) Apg 3, 18; 26, 23.
(7) Vgl. 1 Petr 2, 21. .
(8) Vgl. 1 Petr 1, 3.
(9) Vgl. Röm 12, 12.
(10) Ps 19, 4-5.
(11) Vgl. Kol 1, 27.
(12) Ps 31, 25.


ERSTE STATION
Jesu Todesangst
im Garten Getsemani


V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 22, 41-44

Dann entfernte sich Jesus von den Jüngern ungefähr einen Steinwurf weit, kniete nieder und betete: „Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.“ Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und gab ihm (neue) Kraft. Und er betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte.

BETRACHTUNG

Jesus war in Todesangst. Trauer und Schmerz brachen über ihn herein. Die Sünde der gesamten Menschheit lastete schwer auf ihm. Doch je größer seine Qualen waren, um so inständiger wurde sein Gebet

Der Schmerz ist immer eine Herausforderung an uns. Wir fühlen uns allein gelassen. Wir vergessen zu beten und brechen zusammen. Manche machen sogar ihrem Leben selbst ein Ende. Doch wenn wir uns an Gott wenden, werden wir stark im Geist und gehen hin, um unseren Mitmenschen zu helfen, die in Bedrängnis sind.(13)

Jesus leidet weiter in seinen verfolgten Jüngern. Papst Benedikt XVI. sagt: „Noch heute fehlt es der Kirche nicht an Märtyrern“.(14) Christus ist in Todesangst, mitten unter uns, in unserer Zeit.

Wir beten für jene, die leiden. Das Geheimnis christlichen Leidens ist, daß es einen erlösenden Wert hat. Mögen die Schikanierungen, welche die Gläubigen ertragen, in ihnen die heilbringenden Leiden Christi ergänzen.(15)

GEBET

Herr Jesus, mache uns fähig, das große „Geheimnis des Bösen“ tiefer zu verstehen, und zu erkennen, wie viel wir selbst dazu beigetragen haben. Da das Leid durch die Sünde in das menschliche Leben eintrat, war es dein Plan, daß die Menschheit durch Leiden von der Sünde befreit würde. Möge keine unserer kleinen Verärgerungen, Demütigungen und Frustrationen, die wir in unserem Alltag erleben, und keine der großen Erschütterungen, die unerwartet über uns kommen, vergeudet sein. Mögen die Todesängste, die wir durchmachen, von dir in die deinen mit hineingenommen werden und – mit ihnen verbunden – Hoffnung bringen.(16)

Herr, lehre uns, nicht nur gegenüber den Hungernden, den Dürstenden, den Kranken oder denen, die sich in irgendeiner besonderen Notlage befinden, mitleidig zu sein, sondern auch gegenüber denen, die dazu neigen, rüde, streitsüchtig und verletzend zu sein. Da du uns in all unserer Not getröstet hast, können auf diese Weise auch wir „die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden“.(17)

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Stabat Mater dolorosa,
iuxta crucem lacrimosa,
dum pendebat Filius.

(13) Vgl. 1 Tim 5, 10.
(14) Sacramentum Caritatis, 85.
(15) Vgl. Kol 1, 24.
(16) Vgl. Röm 5, 3–4.
(17) 2 Kor 1, 4.

ZWEITE STATION
Jesus wird von Judas verraten und
hält Petrus davon ab, Gewalt anzuwenden

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 22, 47-50
und Matthäus 26, 52.56

Während Jesus noch redete, kam eine Schar Männer; Judas, einer der Zwölf, ging ihnen voran. Er näherte sich Jesus, um ihn zu küssen. Jesus aber sagte zu ihm: „Judas, mit einem Kuß verrätst du den Menschensohn?“ Als seine Begleiter merkten, was (ihm) drohte, fragten sie: „Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen?“ Und einer von ihnen schlug auf den Diener des Hohenpriesters ein und hieb ihm das rechte Ohr ab. Da sagte Jesus zu ihm: „Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.“ Da verließen ihn alle Jünger und flohen.

BETRACHTUNG

Es ist einer seiner vertrauten Freunde, der Jesus verrät, und noch dazu mit einem Kuß. Die Art, wie Jesus der Gewalt begegnet, enthält eine Botschaft auch für unsere Zeiten. Gewalt ist selbstmörderisch, erklärt er dem Petrus, sie wird nicht durch mehr Gewalt besiegt, sondern durch eine größere geistige Energie, die sich anderen entgegenstreckt in Form einer heilenden Liebe. Jesus berührt den Diener des Hohenpriesters und heilt ihn. Der gewalttätige Mensch könnte auch heute einer heilenden Berührung bedürfen, die aus einer Liebe entspringt, die über die unmittelbaren Probleme hinausgeht.

In Zeiten der Konflikte zwischen Menschen, ethnischen und religiösen Gruppen, Nationen, wirtschaftlichen und politischen Interessen sagt Jesus, daß nicht Konfrontation und Gewalt die Antwort sind, sondern Liebe, Überzeugung und Versöhnung. Selbst wenn wir in diesen Bemühungen zu scheitern scheinen, säen wir den Samen des Friedens aus, der zu gegebenern Zeit Frucht bringen wird. Die Richtigkeit unserer Sache ist unsere Stärke.

GEBET

Herr Jesus, du betrachtest uns als deine Freunde, wir aber bemerken Spuren von Untreue in uns. Wir geben unsere Übertretungen zu. Wir sind zuweilen anmaßend und haben ein übersteigertes Selbstvertrauen. Und dann fallen wir. Laß nicht zu, daß Habgier, Sinnlichkeit oder Stolz uns überrumpeln. Wie gedankenlos jagen wir vergänglichen Befriedigungen und nicht erprobten Ideen nach! Gib, daß wir nicht ein Spiel der Wellen sind, hin und her getrieben von jedem Widerstreit der Meinungen, sondern daß wir, von der Liebe geleitet, uns an die Wahrheit halten und in allem wachsen, bis wir Christus erreicht haben.(18)

Möge die Wahrheit und die Redlichkeit der Absicht unsere Stärke sein. Halte, o Herr, in Situationen der Gewalt unsere Impulsivität zurück, wie du den impulsiven Charakter von Petrus gemäßigt hast. Bewahre uns unerschütterlich im Geist gegenüber Widerstand und ungerechter Behandlung.(19) Überzeuge uns, daß in unseren Familien „eine sanfte Antwort die Erregung dämpft“(20) und daß Sanftmut gepaart mit Weisheit die Ruhe in der Gesellschaft wieder herstellt.(21)

„Herr, mach mich zum Werkzeug deines Friedens!“(22)

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Cuius animam gementem,
contristatam et dolentem
pertransivit gladius.

(18) Vgl. Eph 4, 14–15.
(19) Vgl. Jak 5, 10–11a.
(20) Spr 15, 1.
(21) Vgl. Spr 31, 26.
(22) Franz von Assisi zugeschrieben.


DRITTE STATION
Jesus wird vom Hohen Rat verurteilt

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus. 26, 62- 66

Der Hohepriester stand auf und fragte Jesus: „Willst du nichts sagen zu dem, was diese Leute gegen dich vorbringen?“ Jesus aber schwieg. Darauf sagte der Hohepriester zu ihm: „Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, sag uns: Bist du der Messias, der Sohn Gottes?“ Jesus antwortete: „Du hast es gesagt. Doch ich erkläre euch: Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen.“ Da zerriß der Hohepriester sein Gewand und rief: „Er hat Gott gelästert! Wozu brauchen wir noch Zeugen? Jetzt habt ihr die Gotteslästerung selbst gehört. Was ist eure Meinung?“ Sie antworteten: „Er ist schuldig und muß sterben.“

BETRACHTUNG

In jedem Land hat es Unschuldige gegeben, die gelitten haben, Menschen, die im Kampf für Freiheit, Gleichheit oder Gerechtigkeit gestorben sind. Diejenigen, welche für die Kleinen Gottes kämpfen, fördern Gottes eigenes Werk. Denn er tritt für die Rechte der Schwachen und Unterdrückten ein.(23) Wer immer sich im Geiste Jesu an diesem Werk beteiligt, bringt den Unterdrückten Hoffnung und bietet dem Übeltäter selbst eine korrektive Botschaft.

Jesu Weise, für Gerechtigkeit zu kämpfen, besteht nicht darin, die Wut der Menschen auf ihre Widersacher zu schüren, so daß sie zu Formen größeren Unrechts angeleitet werden. Sie besteht im Gegenteil darin, den Feind mit der Richtigkeit der eigenen Sache herauszufordern und den guten Willen des Gegners so zu wecken, daß durch Überzeugung und einen Wandel des Herzens das Unrecht aufgegeben wird. Mahatma Gandhi hat diese Lehre Jesu von der Gewaltlosigkeit mit erstaunlichem Erfolg in das öffentliche Leben eingebracht.

GEBET

Herr, oft beurteilen wir andere voreilig, gleichgültig gegenüber den tatsächlichen Gegebenheiten und unsensibel für die Gefühle der Menschen! Wir entwickeln Methoden der Selbstrechtfertigung und diskutieren die verantwortungslose Weise weg, in der wir mit „dem anderen“ Geschäfte gemacht haben. Vergib uns!

Wenn wir verkannt und mißhandelt werden, Herr, dann gib uns die innere Gelassenheit und das Selbstvertrauen, welche dein Sohn angesichts der ungerechten Behandlung bewiesen hat. Bewahre uns vor einer aggressiven Antwort, die deinem Geist widerspricht. Im Gegenteil, hilf uns, dein mächtiges Wort der Vergebung in Situationen der Spannung und Angst hineinzutragen, damit es seine dynamische Kraft in der Geschichte offenbare.

„In seinem Willen liegt unser Friede.“(24)

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

O quam tristis et afflicta
fuit illa benedicta
mater Unigeniti

(23) Vgl. Jes 1, 17.
(24) Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie, Paradies, Canto III, V. 85.


VIERTE STATION
Jesus wird von Petrus verleugnet

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 22, 54-62

Sie nahmen Jesus fest, führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. Petrus folgte von weitem. Mitten im Hof hatte man ein Feuer angezündet, und Petrus setzte sich zu den Leuten, die dort beieinandersaßen. Eine Magd sah ihn am Feuer sitzen, schaute ihn genau an und sagte: „Der war auch mit ihm zusammen.“ Petrus aber leugnete es und sagte: „Frau, ich kenne ihn nicht.“ Kurz danach sah ihn ein anderer und bemerkte: „Du gehörst auch zu ihnen.“ Petrus aber sagte: „Nein, Mensch, ich nicht!“ Etwa eine Stunde später behauptete wieder einer: „Wahrhaftig, der war auch mit ihm zusammen; er ist doch auch ein Galiläer.“ Petrus aber erwiderte: „Mensch, ich weiß nicht, wovon du sprichst.“ Im gleichen Augenblick, noch während er redete, krähte ein Hahn. Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das, was der Herr zu ihm gesagt hatte: „Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Und er ging hinaus und weinte bitterlich.

BETRACHTUNG

Petrus behauptete, stark zu sein, doch einer Magd gegenüber scheiterte er. Die menschliche Schwäche überrumpelt uns und wir brechen zusammen. Das ist der Grund, warum Jesus uns aufträgt zu beten und zu wachen.(25) Er drängt uns zur Selbstverleugnung und in die Nähe Gottes.

Es gibt ein rebellisches „Ich“ in uns. Oft schlagen zwei Herzen in unserer Brust,(26) aber es gelingt uns nicht, diese innere Inkonsequenz zu erkennen. Petrus erkannte sie, als seine Augen dem Blick Jesu begegneten, und er weinte. Als später Thomas dem auferstandenen Herrn gegenüberstand, wurde er sich seines Unglaubens bewußt, und er glaubte. Paulus bemerkte seine innere Widersprüchlichkeit im Licht Christi und überwand sie mit seiner Hilfe,(27) bis er schließlich entdeckte: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“(28)

GEBET

Herr, wie leicht lassen wir zu, daß sich das, was wir zu sein vorgeben, immer mehr von dem entfernt, was wir wirklich sind! Wie oft scheitern wir in der Verwirklichung unserer eigenen Entscheidungen und manchmal sogar in der Erfüllung unserer feierlichsten Versprechungen! Infolgedessen zögern wir, irgendeine bleibende Verpflichtung einzugehen – selbst dir gegenüber.

Wir gestehen, daß wir es versäumt haben, jene innere Disziplin in unser Leben zu bringen, die von jedem Erwachsenen erwartet wird und die zum Gelingen allen menschlichen Strebens erforderlich ist. Verleihe unserer inneren Entschlossenheit Stabilität; hilf uns, jedes gute Werk, das wir begonnen haben, erfolgreich zu Ende zu führen. Mach uns alle fähig, standfest zu sein als reife und vollkommen überzeugte Christen, „ganz durchdrungen vom Willen Gottes“.(29)

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Quae maerebat et dolebat
pia mater, cum videbat
Nati poenas incliti.

(25) Vgl. Mt 26, 41.
(26) Vgl. Jak 4, 8.
(27) Vgl. Röm 7, 14–25.
(28) Gal 2, 20.
(29) Kol 4, 12.


FÜNFTE STATION
Jesus wird von Pilatus gerichtet

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 23, 22-25

Zum dritten Mal sagte Pilatus zu ihnen: „Was für ein Verbrechen hat er denn begangen? Ich habe nichts feststellen können, wofür er den Tod verdient.“… Sie aber schrien und forderten immer lauter, er solle Jesus kreuzigen lassen, und mit ihrem Geschrei setzten sie sich durch: Pilatus entschied, daß ihre Forderung erfüllt werden solle. Er ließ den Mann frei, … den sie gefordert hatten. Jesus aber lieferte er ihnen aus, wie sie es verlangten.

BETRACHTUNG

Es war nicht die Redlichkeit der Absicht, die Pilatus bewegte, sondern es ging ihm um seine beruflichen Interessen. Ein solches Verhalten nützte ihm weder in diesem Fall, noch in seiner späteren Laufbahn. Er war ganz anders als Jesus, den seine innere Redlichkeit furchtlos machte.

Pilatus war auch nicht an der Wahrheit interessiert. Er ging von Jesus weg, indem er ausrief: „Was ist Wahrheit?“(30) Eine solche Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit ist heute nicht selten. Häufig richtet sich das Interesse der Leute auf das, was unmittelbare Befriedigung bringt. Man gibt sich mit oberflächlichen Antworten zufrieden. Man gründet seine Entschlüsse nicht auf Prinzipien der Integrität, sondern auf opportunistische Überlegungen. Wenn man versäumt, moralisch verantwortliche Entscheidungen zu fällen, gefährdet man die langfristigen Interessen des Einzelnen und der Menschheitsfamilie. Wir beten darum, daß die im Wort Gottes enthaltenen „geistlichen und ethischen Auffassungen“ die Lebensregeln der Gesellschaft in unserer Zeit inspirieren.(31)

GEBET

Herr, gib uns den Mut, verantwortliche Entscheidungen zu treffen, wenn wir ein öffentliches Amt ausüben. Bringe Rechtschaffenheit in das öffentliche Leben und hilf uns, unserem Gewissen treu zu sein.(32)

Herr, du bist die Quelle aller Wahrheit. Führe uns auf unserer Suche nach den letzten Antworten. Auf daß wir über bloß partielle und unvollständige Erklärungen hinausgehen und nach dem immerwährend Wahren, Schönen und Guten suchen.

Herr, erhalte uns furchtlos vor „Schlingen und Pfeilen eines grausamen Schicksals“.(33) Wenn auf die mühsamen Schritte des Lebens tiefe Schatten fallen und die dunkle Nacht hereinbricht, mach uns fähig, hinzuhorchen auf die Lehre deines Apostels Paulus: „Seid wachsam, steht fest im Glauben, seid mutig, seid stark!“(34)

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Quis est homo qui non fleret,
matrem Christi si videret
in tanto supplicio?

(30) Joh 18, 38.
(31) Vgl. XII. Ordentliche Vollversammlung der Bischofssynode, Botschaft an das Volk Gottes, 24.10.2008, Nr. 15.
(32) Vgl. 1 Tim 1, 19.
(33) William Shakespeare, Hamlet, III, 1.
(34) 1 Kor 16, 13.


SECHSTE STATION
Jesus wird gegeißelt und mit Dornen gekrönt


V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus. 27, 26-30

Pilatus gab den Befehl, Jesus zu geißeln und zu kreuzigen. Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus, führten ihn in das Prätorium, das Amtsgebäude des Statthalters, und versammelten die ganze Kohorte um ihn. Sie zogen ihn aus und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: „Heil dir, König der Juden!“ Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihm damit auf den Kopf.

BETRACHTUNG

Die Unmenschlichkeit erreicht neue Höhen. Jesus wird gegeißelt und mit Dornen gekrönt. Die Geschichte ist voll von Haß und Krieg. Auch heute werden wir Zeugen unglaublicher Grausamkeit: Mord, Gewalt gegen Frauen und Kinder, Entführung, Erpressung, ethnische Konflikte, Gewalt in den Städten, körperliche und seelische Folter, Verletzung der Menschenrechte.

Jesus leidet immer noch, wenn Gläubige verfolgt werden, das Recht im Gericht gebeugt wird, die Korruption Wurzeln schlägt, ungerechte Strukturen die Armen ausbeuten, Minderheiten unterdrückt und Flüchtlinge und Migranten mißhandelt werden. Jesu Kleider werden ihm vom Leib gerissen, wenn die menschliche Person auf dem Bildschirm entwürdigt wird, wenn Frauen gezwungen werden, sich selbst zu erniedrigen, wenn Slum-Kinder durch die Straßen ziehen und Abfälle auflesen.

Wer sind die Schuldigen? Laßt uns nicht mit dem Finger auf die anderen zeigen, denn wir selbst könnten unseren Teil zu diesen Formen der Unmenschlichkeit beigetragen haben.

GEBET

Herr Jesus, wir wissen, daß du es bist, der leidet, wenn wir einander Schmerzen zufügen und gleichgültig bleiben. Dein Herz war von Mitleid bewegt, als du die vielen Menschen sahst, die müde und erschöpft waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.(35) Gib mir Augen, die die Not der Armen bemerken, und ein Herz, das sich in Liebe öffnet. „Gib mir die Kraft, meine Liebe im Dienen fruchtbar zu machen.“(36)

Vor allem laß uns mit den Armen dein „Wort“ der Hoffnung, deine Zusicherung der Fürsorge teilen. Möge der „Eifer für dein Haus“ in uns brennen wie Feuer.(37) Hilf uns, den Sonnenschein deiner Freude in das Leben derer zu bringen, die auf dem Weg der Verzweiflung dahintrotten.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Pro peccatis suæ gentis vidit Iesum
in tormentis et flagellis subditum.

(35) Vgl. Mt 9, 36.
(36) Rabindranath Tagore, Gitanjali, 36.
(37) Vgl. Ps 69, 10.


SIEBTE STATION
Nachdem Jesus verspottet worden ist,
wird er zur Kreuzigung hinausgeführt

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus. 27,31

Nachdem sie so ihren Spott mit Jesus getrieben hatten, nahmen sie ihm den Mantel ab und zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an. Dann führten sie ihn hinaus, um ihn zu kreuzigen.

BETRACHTUNG

Jesus, vor dessen Namen jedes Knie sich beugt, im Himmel und auf Erden,(38) ist zum Ziel des Spottes gemacht worden. Wir sind schockiert zu sehen, auf welche Ebene der Brutalität Menschen absinken können. Auf neue Weise wird Jesus auch heute gedemütigt: wenn heiligste und tiefste Dinge des Glaubens trivialisiert werden; wenn man zuläßt, daß der Sinn für das Sakrale unterminiert wird; wenn das religiöse Empfinden zu den unerwünschten Überbleibseln vergangener Zeiten gerechnet wird.

Alles im öffentlichen Leben ist in Gefahr, entweiht zu werden: Menschen, Plätze, Gelöbnisse, Gebete, Praktiken, Worte, heilige Schriften, religiöse Formeln, Symbole, Zeremonien. Unser Zusammenleben ist in zunehmendem Maße säkularisiert. Das religiöse Leben tritt in den Hintergrund. Daher sehen wir Angelegenheiten von größter Tragweite eingereiht unter Unbedeutendem – und Belanglosigkeiten verherrlicht. Werte und Normen, die Gesellschaften zusammenhielten und Menschen zu höheren Idealen hinzogen, werden verlacht und über Bord geworfen. Jesus wird noch immer lächerlich gemacht!

GEBET

Wir haben Glauben, Herr, aber nicht genug. Hilf unserem Unglauben!(39) Auf daß wir niemals ernste Dinge im Leben bezweifeln oder zynisch verspotten. Laß nicht zu, daß wir in der Wüste der Gottlosigkeit unseren Weg verlieren. Mach uns fähig, dich im leisen Windhauch wahrzunehmen, dich an den Straßenecken zu sehen, dich in dem ungeborenen Kind zu lieben.

Gott, mach uns fähig, zu verstehen, daß dein Sohn der Herr ist – auf dem Tabor oder auf dem Kalvarienberg. Bekleidet oder seiner Kleider beraubt – er ist der Retter der Welt.(40) Mach uns sensibel für seine leise Gegenwart: in seinem „Wort“, in Tabernakeln, Heiligtümern, bescheidenen Orten, einfachen Menschen, im Leben der Armen, im Lachen der Kinder, in rauschenden Kiefern, in sanften Hügeln, in der winzigsten lebendigen Zelle, im kleinsten Atom und in den fernen Galaxien.

Laß uns mit Staunen sehen, wie er über die Wasser des Rheins, des Nils und des Tanganjika-Sees dahinschreitet.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Quis non posset contristari,
piam matrem contemplari
dolentem cum Filio?

(38) Vgl. Phil 2, 10.
(39) Vgl. Mk 9, 24.
(40) Vgl. Joh 4, 42.



ACHTE STATION
Simon von Zyrene hilft Jesus das Kreuz tragen


V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L/. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 23,26

Als sie Jesus hinausführten, ergriffen sie einen Mann aus Zyrene namens Simon, der gerade vom Feld kam. Ihm luden sie das Kreuz auf, damit er es hinter Jesus hertrage.

BETRACHTUNG

In Simon von Zyrene haben wir den Prototyp des gläubigen Jüngers, der das Kreuz auf sich nimmt und Christus nachfolgt.(41) Er ist nicht anders als Millionen von Christen niedriger Herkunft mit tiefer Anhänglichkeit an Christus. Schlicht, ohne besondere Eleganz, aber tief gläubig. Solche Gläubigen wachsen immer noch auf dem Boden Afrikas, Asiens und der fernen Inseln. Aus ihrer Mitte gehen Berufungen hervor.

Simon erinnert uns an kleine Gemeinden und Stämme, mit ihrem charakteristischen Engagement für das Gemeinwohl, einer tiefen Verwurzelung in ethischen Werten und einer Offenheit für das Evangelium. Sie verdienen Aufmerksamkeit und Fürsorge. Der Herr möchte nicht, „daß einer von diesen Kleinen verlorengeht“.(42) In Simon entdecken wir die Heiligkeit des Gewöhnlichen und die Größe dessen, was klein erscheint. Denn das Kleinste steht in einer geheimnisvollen Verbindung zum Größten, und das Gewöhnliche zum Außerordentlichsten!

GEBET

Herr, dein wunderbarer Plan ist es, die Niedrigen zu erhöhen(43) und die Armen zu unterstützen. Stärke deine Kirche in ihrem Dienst an benachteiligten Gruppen: an Unterprivilegierten, an den Rand Gedrängten, Slum-Bewohnern, Armen auf dem Lande, Unterernährten, Unberührbaren, Behinderten, Suchtkranken.

Möge das Beispiel deiner Dienerin Mutter Teresa von Kalkutta uns anregen, mehr von unseren Energien und Ressourcen der Sache der „Ärmsten der Armen“ zu widmen. Auf daß wir einst von Jesus diese Worte hören: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.“(44)

Alle:

Pater noster, qui es in caelis
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Tui Nati vulnerati,
tam dignati pro me pati
poenas mecum divide.

 

(41) Vgl. Mt 10, 38.
(42) Mt 18, 14.
(43) Vgl. Lk 1, 52.
(44) Mt 25, 35–36.


NEUNTE STATION
Jesus
begegnet den Frauen von Jerusalem

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 23, 27-28

Es folgte eine große Menschenmenge, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: »Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder! «

BETRACHTUNG

Angesichts der weinenden Frauen vergißt Jesus sich selbst. Seine Sorge gilt nicht seinen Schmerzen, sondern der tragischen Zukunft, die sie und ihre Kinder erwartet.

Das Los der Gesellschaft ist eng verbunden mit dem Wohlbefinden ihrer Frauen. Wo immer sie gering geachtet werden oder ihre Rolle herabgewürdigt ist, kann die Gesellschaft ihre eigentlichen Möglichkeiten nicht ausschöpfen. Ebenso gestaltet sich überall, wo ihre Verantwortung für die heranwachsende Generation vernachlässigt, ignoriert oder marginalisiert wird, die Zukunft der Gesellschaft unsicher.

Es gibt viele Gesellschaftsformen in der Welt, in denen Frauen keine gerechte Behandlung erfahren. Über sie wird Christus wohl weinen. Es gibt auch Gesellschaften, die sich um ihre Zukunft keine Gedanken machen. Christus wird wohl über ihre Kinder weinen. Wo immer man der Zukunft mit Gleichgültigkeit begegnet – durch Ausbeutung der Ressourcen, Beschädigung der Umwelt, Unterdrückung der Frauen, Vernachlässigung der Werte der Familie, Ignorierung der ethischen Normen, Aufgabe der religiösen Traditionen –, sagt Jesus wohl immer noch zu den Menschen: „Weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder.“(45)

GEBET

O Gott, du bist der Herr der Geschichte. Und doch wolltest du unsere Mitwirkung bei der Verwirklichung deiner Pläne. Hilf jedem Einzelnen, seine Rolle in der Gesellschaft in verantwortungsvoller Weise wahrzunehmen: den Vorstehern in den Gemeinden; den Eltern in ihren Familien; den Erziehern und den im Gesundheitsdienst Tätigen bei allen, die ihres Dienstes bedürfen; den Vermittlern in der Welt der Information. Erwecke in uns ein Sendungsbewußtsein in all unserm Tun, ein tiefes Verantwortungsbewußtsein füreinander, für die Gesellschaft, für unsere gemeinsame Zukunft und dir gegenüber. Denn du hast das Schicksal unserer Gemeinschaften und das der Menschheit in unsere Hände gelegt.

Herr, wende dich nicht von uns ab, wenn du siehst, daß Frauen gedemütigt werden oder dein Bild im Menschen verzerrt ist; wenn wir die Lebenssysteme beeinträchtigen, die nährende Kraft der Natur schwächen, fließende Gewässer oder tiefblaue Seen oder den Schnee des Nordens verunreinigen. Bewahre uns vor rücksichtsloser Gleichgültigkeit gegenüber unserer gemeinsamen Zukunft und laß nicht zu, daß wir unsere Zivilisation auf den Weg des Niedergangs ziehen.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Eia, mater, fons amoris,
me sentire vim doloris
fac, ut tecum lugeam
.

(45) Lk 23, 28.


ZEHNTE STATION
Jesus wird gekreuzigt

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L/. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 23, 33-37
und Matthäus 27, 46

Sie kamen zur Schädelhöhe; dort kreuzigten sie Jesus und die Verbrecher, den einen rechts von ihm, den andern links. Jesus aber betete: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“… Die Leute standen dabei und schauten zu; auch die führenden Männer des Volkes verlachten ihn und sagten: „Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias Gottes ist.“ Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig und sagten: „Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst!“ Um die neunte Stunde rief Jesus laut: „Eli, Eli, lema sabachtani?“, das heißt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

BETRACHTUNG

Die Leiden Jesu erreichen ihren Höhepunkt. Furchtlos hatte er vor Pilatus gestanden und freiwillig den Tod auf sich genommen. Er hatte die Mißhandlungen der römischen Soldaten ertragen. Unter Geißelung und Dornenkrönung hatte er die Selbstkontrolle bewahrt. Selbst am Kreuz schien er unberührt von der Flut von Beleidigungen. Kein Wort der Klage, kein Wunsch der Entgegnung. Doch dann, schließlich, kommt der Moment, in dem er zusammenbricht. Seine Kraft kann nicht mehr standhalten. Er fühlt sich sogar von seinem Vater verlassen!

Die Erfahrung zeigt uns, daß sogar der stärkste Mensch in die Tiefen der Verzweiflung fallen kann. Frustrationen sammeln sich an, Ärger und Ressentiments stauen sich auf.

Schlechte Gesundheit, üble Nachrichten, Unglück, schlechte Behandlung – alles kann zusammenkommen. Das haben vielleicht auch wir erlebt. In solchen Momenten müssen wir uns daran erinnern, daß Jesus uns niemals im Stich läßt. Er rief zum Vater. Auch unser Schreien richte sich an den Vater, der uns in all unserer Not stets zu Hilfe eilt, wann immer wir zu ihm rufen!

GEBET

Herr, wenn die Wolken sich am Horizont zusammenziehen und alles verloren scheint, wenn wir keinen Freund finden, der uns zur Seite steht, und uns die Hoffnung aus den Händen gleitet, dann lehre uns, auf dich zu vertrauen, der du uns sicher zu Hilfe kommen wirst.(47) Möge die Erfahrung innerer Pein und Dunkelheit uns die große Wahrheit lehren, daß in dir nichts verloren ist, daß sogar unsere Sünden – wenn sie einmal in Reue bekannt sind – einem Zweck dienen, wie trockenes Holz in der Kälte des Winters.(48)

Herr, du hast einen Gesamtplan, der dem Wirken des Universums und dem Verlauf der Geschichte zugrunde liegt. Öffne unsere Augen für die Rhythmen und Muster in den Bewegungen der Sterne; für das Gleichgewicht und die Proportion in der inneren Struktur der Elemente; für die Wechselbeziehung und die gegenseitige Ergänzung in der Natur; für den Fortschritt und die Absicht im Verlauf der Geschichte; für Korrektur und Ausgleich in unseren persönlichen Angelegenheiten. Diese Harmonie ist es, die du ständig wiederherstellst trotz der traurigen Unausgeglichenheit, die wir verursachen. In dir ist selbst der größte Verlust ein Gewinn. Christi Tod ist in der Tat das Präludium für die Auferstehung.

Alle:

Pater noster, qui es in caelis
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Fac ut ardeat cor meum
in amando Christum Deum,
ut sibi complaceam.

(46) Vgl. Ps 107, 6. 13. 19. 20.
(47) Vgl. Ps 25, 15.
(48) Nach Frère Roger, Taizé.


ELFTE STATION
Jesus
verheißt dem guten Schächer sein Reich


V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L/. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 23, 39-43

Einer der Verbrecher, die neben Jesus hingen, verhöhnte ihn: „Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns!“ Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: „Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ Dann sagte er: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Jesus antwortete ihm: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

BETRACHTUNG

Es ist nicht Beredsamkeit, die überzeugt und bekehrt. Es ist ein Blick der Liebe im Fall Petri; im Fall des guten Schächers ist es die nicht nachtragende Gelassenheit im Leiden. Bekehrung ereignet sich wie ein Wunder. Gott öffnet deine Augen. Du erkennst seine Gegenwart und sein Handeln. Und du ergibst dich!

Die Entscheidung für Christus ist immer ein Geheimnis. Warum trifft jemand eine endgültige Wahl für Christus, sogar angesichts von Bedrängnis und Tod? Warum erleben Christen eine Blütezeit an Orten der Verfolgung? Das werden wir niemals wissen. Doch es geschieht immer und immer wieder. Wenn ein Mensch, der den Glauben aufgegeben hat, dem wahren Antlitz Christi begegnet, wird er benommen sein von dem, was er wirklich sieht, und sich vielleicht wie Thomas ihm überlassen: „Mein Herr und mein Gott!“(49) Es ist großartig, den Menschen das Angesicht Christi zu enthüllen. Eine noch größere Freude ist es, ihn zu entdecken oder wiederzuentdecken.

„Dein Angesicht, Herr, will ich suchen. Verbirg nicht dein Gesicht vor mir!“(50)

GEBET

In Tränen, o Herr, rufe ich heute zu dir: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“(51) Dieses Reich ist es, nach dem ich mich zutiefst sehne. Es ist die ewige Wohnung, die du für alle bereitet hast, die dich mit ehrlichem Herzen suchen. „Kein Auge hat gesehen und kein Ohr gehört, keinem Menschen ist in den Sinn gekommen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“(52) Hilf mir, Herr, wenn ich mich vorankämpfe auf dem Weg zu meiner ewigen Bestimmung. Nimm die Dunkelheit von meinem Pfad, und laß meine Augen stets aufwärts schauen!

„Führe, freundliches Licht,
durch das Dunkel ringsum,
führe du mich voran!
Die Nacht ist finster, und ich bin fern der Heimat.
Führe du mich voran!
Achte du auf meine Füße!
Ich bitte nicht
zu sehn, was in der Ferne liegt;
ein Schritt nur soll genug mir sein.“(53)

Alle:

Pater noster, qui es in caelis
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Sancta mater, istud agas,
Crucifixi fige plagas
cordi meo valide.

 

(49) Joh 20, 28.
(50) Ps 27, 8–9.
(51) Lk 23, 42.
(52) Vgl. 1 Kor 2, 9.
(53) Aus: John Henry Newman, Lead kindly Light (1833).

ZWÖLFTE STATION
Die Mutter und der geliebte Jünger beim Kreuz Jesu

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L/. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes. 19, 25-27

Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: »Frau, siehe, dein Sohn!« Dann sagte er zu dem Jünger: »Siehe, deine Mutter!« Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

BETRACHTUNG

Im Leiden sehnen wir uns nach Solidarität. Die Mutter Maria erinnert uns an hilfreiche Liebe und Solidarität innerhalb der Familie, Johannes an Treue in einer Gemeinschaft. Familienzusammenhalt, Verbindung in der Gemeinschaft, Bande der Freundschaft – sie sind wesentlich für das Gedeihen der Menschen. In einer anonymen Gesellschaft verlieren diese Dinge an Kraft. Wenn sie fehlen, nimmt unsere Persönlichkeit Schaden.

Wiederum bemerken wir in Maria nicht das geringste Zeichen eines Ressentiments; kein Wort der Bitterkeit. Die Jungfrau wird zum Archetyp der Vergebung im Glauben und in der Hoffnung. Sie zeigt uns den Weg in die Zukunft. Selbst jene, die auf krasses Unrecht gern mit „krasser Gerechtigkeit“ reagieren würden, erkennen, daß dies nicht die endgültige Antwort ist. Vergebung ruft Hoffnung hervor.

Es gibt auch historische Verletzungen, die oft jahrhundertelang im Gedächtnis der Gesellschaft weiterschwelen. Wenn wir unseren kollektiven Zorn nicht durch Vergebung in neue Energien der Liebe verwandeln, werden wir gemeinsam untergehen. Wenn durch Vergebung Heilung entsteht, zünden wir ein Licht an, das zukünftige Möglichkeiten für das „Leben und das Wohlsein“ der Menschheit ankündigt.(54)

GEBET

Herr Jesus, deine Mutter stand dir in deinem letzten Todeskampf still zur Seite. Sie, die nicht zu sehen war, als du als großer Prophet gefeiert wurdest, steht in deiner Demütigung neben dir. Möge ich den Mut haben, auch dort treu zu bleiben, wo du am wenigsten anerkannt wirst. Laß mich nie beschämt sein, zur „kleinen Herde“(55) zu gehören.

Herr, laß mich daran denken, daß auch jene, die ich als meine „Feinde“ betrachte, zur Menschheitsfamilie gehören. Wenn sie mich ungerecht behandeln, laß mein Gebet nur sein: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“(56) Mag sein, daß in solchem Zusammenhang jemand plötzlich das wahre Gesicht Christi erkennt und wie der Hauptmann ausruft: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!“(57)

Alle:

Pater noster, qui es in caelis
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Fac me tecum pie flere,
Crucifixo condolere,
donec ego vixero.

(54) Vgl. Mal 2, 5.
(55) Lk 12, 32.
(56) Lk 32, 34.
(57) Mc 15, 39.


DREIZEHNTE STATION
Jesus stirbt am Kreuz

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L/. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. 23, 46

Jesus rief laut: »Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist«. Nach diesen Worten hauchte er den Geist aus.

BETRACHTUNG

Jesus übergibt seinen Geist dem Vater in gelassener Hingabe. Was seine Verfolger für einen Moment der Niederlage hielten, erweist sich in Wirklichkeit als ein Moment des Triumphes. Wenn ein Prophet für die Sache stirbt, für die er eingetreten ist, liefert er den endgültigen Beweis für all das, was er gesagt hat. Christi Tod ist mehr als das. Er bringt Erlösung.(58) „Durch sein Blut haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden.“(59)

Damit beginnt für mich ein mystischer Weg: Christus zieht mich näher zu sich heran, bis ich ihm ganz gehöre.(60)

„Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser,
so lechzt meine Seele, Gott, nach dir…
Wann darf ich kommen und Gottes Antlitz schauen?“(61)

GEBET

Herr Jesus, für meine Sünden wurdest du ans Kreuz genagelt. Hilf mir, ein tieferes Verständnis für die Schwere meiner Schuld und die Ungeheuerlichkeit deiner Liebe zu gewinnen. Denn „Christus ist schon zu der Zeit, da wir noch schwach und gottlos waren, für uns gestorben.“(62) Ich bekenne meine Verfehlungen wie die Propheten vor langer Zeit:

„Wir haben gesündigt und Unrecht getan,
wir sind treulos gewesen und haben uns gegen dich empört;
von deinen Geboten und Gesetzen sind wir abgewichen.
Wir haben nicht auf deine Diener, die Propheten, gehört…“(63)

Es gibt nichts in mir, was deine Freundlichkeit verdient. Danke für deine unermeßliche Güte mir gegenüber. Hilf mir, für dich zu leben, mein Leben nach deinem Vorbild zu gestalten,(64) in dich einzugehen und eine neue Schöpfung zu werden.(65)

„Christus sei mit mir, Christus sei in mir,
Christus sei hinter mir, Christus sei vor mir,
Christus sei neben mir, Christus besiege mich,
Christus tröste und erquicke mich.“(66)

Alle:

Pater noster, qui es in caelis
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Vidit suum dulcem Natum
morientem desolatum,
cum emisit spiritum.

 

(58) Vgl. Gal 3, 13.
(59) Eph 1, 7.
(60) Vgl. Joh 12, 32; Phil 3, 12–14; Gal 2, 20.
(61) Ps 42, 2–3.
(62) Röm 5, 6.
(63) Dan 9, 5–6.
(64) Vgl. 1 Kor 11, 1.
(65) Vgl. 2 Kor 5, 17.
(66) „St. Patrick’s Breastplate“ (Irischer Hymnus aus dem 8. Jahrhundert).

VIERZEHNTE STATION
Jesus wird vom Kreuz abgenommen und ins Grab gelegt

V/. Adoramus te, Christe, et benedicimus tibi.
L/. Quia per sanctam crucem tuam redemisti mundum.


Aus dem heiligen Evangelium nach Markus. 15, 46

Josef von Arimathäa kaufte ein Leinentuch, nahm Jesus vom Kreuz, wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in ein Grab, das in einen Felsen gehauen war. Dann wälzte er einen Stein vor den Eingang des Grabes.

BETRACHTUNG

Tragödien bringen uns zum Nachdenken. Ein Tsunami sagt uns, daß das Leben ernst ist. Hiroshima und Nagasaki bleiben Pilgerziele. Wenn der Tod heranrückt, nähert sich eine andere Welt. Dann streifen wir unsere Illusionen ab und begreifen die tiefere Wirklichkeit. Im alten Indien beteten die Menschen: „Führe mich vom Unwirklichen zum Wirklichen, von der Dunkelheit ins Licht, vom Tod zur Unsterblichkeit.“(67)

Nachdem Jesus fortgegangen war, begannen die Christen, zurückzublicken und sein Leben und seine Sendung zu interpretieren. Sie brachten seine Botschaft bis zu den Enden der Erde. Und diese Botschaft ist Jesus Christus selbst, „Gottes Kraft und Gottes Weisheit“.(68) Sie besagt, daß die Wirklichkeit Christus ist(69) und daß unsere letzte Bestimmung ist, bei ihm zu sein.(70)

GEBET

Herr Jesus, mach uns fähig, während wir auf dem ermüdenden Weg des Lebens vorwärts streben, eine Ahnung von unserer letzten Bestimmung zu bekommen. Und wenn wir schließlich hinübergehen, werden wir erkennen: „Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.“(71) Gott wird alle Tränen von unseren Augen abwischen.

Dies ist die Gute Nachricht, die wir unbedingt „auf alle mögliche Weise“(72) verkünden wollen, auch dort, wo der Name Christi noch nicht bekannt gemacht worden ist.(73) Dafür arbeiten wir hart.(74) Wir arbeiten Tag und Nacht(75) und plagen uns ab bis zur Erschöpfung.(76) Herr, mach uns zu überzeugenden Überbringern deiner Guten Nachricht.

„Ich weiß: Mein Erlöser lebt, als Letzter erhebt er sich über dem Staub. Ohne meine Haut, die so zerfetzte, und ohne mein Fleisch werde ich Gott schauen.“(77)

Alle:

Pater noster, qui es in caelis
sanctificetur nomen tuum;
adveniat regnum tuum;
fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie;
et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris;
et ne nos inducas in tentationem;
sed libera nos a malo.

Quando corpus morietur,
fac ut anime donetur
paradisi gloria.
Amen.

(67) Brihadaranyaka Upanishads 1.iii.28.
(68) 1 Kor 1, 24.
(69) Vgl. Kol 2, 17.
(70) Vgl. Phil 1, 23.
(71) Offb 21, 4.
(72) Phil 1, 18.
(73) Vgl. Röm 15, 20.
(74) Vgl. Apg 20, 35; Röm 12, 8.
(75) Vgl. 1 Thess 2, 9.
(76) Vgl. 1 Kor 4, 12.
(77) Ijob 19, 25–26.

ANSPRACHE DES HL. VATERS
UND APOSTOLISCHER SEGEN

Der Heilige Vater richtet das Wort an die Anwesenden.

Am Ende der Rede erteilt der Heilige Vater den Apostolischen Segen:

 

V/. Dominus vobiscum.
R/. Et cum spiritu tuo.

V/. Sit nomen Domini benedictum.
R/. Ex hoc nunc et usque in sæculum.

V/. Adiutorium nostrum in nomine Domini.
R/. Qui fecit cælum et terram.

V/. Benedicat vos omnipotens Deus,
Pater, et Filius, et Spiritus Sanctus.
R/. Amen.

 

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