Kreuzwegbetrachtung am Karfreitag

12. Station - Jesus stirbt am Kreuz

Rom, (ZENIT.org) | 4179 klicks

Immer schwerer fällt mir das Atmen. Röchelnd und hustend richte ich mich immer wieder auf, um Luft zu bekommen, aber die Schmerzen in meinen Gliedern lassen mich immer wieder zusammensinken. „Wenn Du in Dein Reich kommst!“. Die Worte dieses guten Mannes, der elend sterbend im elenden seinen Herrn erkennt, werden in meinem Herzen zum hundertfachen Echo: Ich gehe heim!

Endlich kehre ich zurück zu dem, der mich gesandt hat. „Ja, noch heute werden wir im Paradies sein“, flüsterte ich dem Schächer zu. Hinter jener dunklen Pforte erwartet uns die Wirklichkeit, in deren Schatten wir jetzt den letzten Schritt tun. Dort ist unsere Heimat, dort liegt mein Reich. Wieder sacke ich zusammen, und dumpfer Schmerz durchzuckt meinen Körper. Meine Kräfte gehen zu Ende. Noch einmal reiße ich mich hoch, um Atem holen zu können. Ich habe solchen Durst.

Meine Kehle brennt wie Feuer. Mein ganzer Leib steht in Flammen. Eine lebendige Fackel bin ich, die ein letztes Mal auflodert, bevor alles zu Asche zerfällt und vergeht. Nichts wird bleiben. Ich brauche Dich! Mich dürstet! Nach Liebe dürstet mich, nach Dir dürstet mich. In diesem Moment – dem allerletzten meines Lebens – sehne ich mich nach dem kleinsten Tropfen Deiner Hingabe, lechze ich nach dem Wasser des Trostes, den nur Du mir schenken kannst. Ich bin zum Bettler geworden, der sterbend in der Wüste auf das erbarmen seines Freundes hofft. Hilflos bin ich ans Kreuz genagelt und warte darauf, dass Du mir zu trinken reichst. Nur Du kannst es. Ohnmächtig bin ich geworden, damit Deine Liebe zu einer Macht wird, die es vermag, Himmel und Erde zu bewegen und das Herz Deines Gottes zu trösten. Ich huste, weil ich zu ersticken drohe. Um mich herum ist alles dunkel. Nichts ist mehr – kein Licht, kein Leben, keine Liebe. Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?

Als mein Kopf herab fällt, sehe ich meine Mutter. Sie steht immer noch da, obwohl Himmel und Erde untergehen. Sie liebt noch immer, obwohl die Wellen der Bitterkeit und des Zweifels über ihr zusammenschlagen. Wie kann es sein, dass die Sonne verglüht, aber ihr Licht noch immer im Sturm brennt? Sie steht immer noch. Und auf einmal sehe ich Ihn. Wie eine Flamme im Spiegel ist er da. Vater! Vater, in Deine Hände lege ich meinen Geist. Ich bekomme keine Luft mehr. Ich schreie – Mein Gott! – und stürze. Mein letzter Blick fällt auch Dich. Dann ist es vollbracht.

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Auszug aus: Den Kreuzweg beten, von Florian KOLFHAUS, © 2013 liegt beim Autoren

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Den Kreuzweg beten

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