KRFD kommentiert Studie zur Situation von "Mehrkindfamilien in Deutschland"

"Wir brauchen eine differenziertere Gestaltung familienbezogener Leistungen, abhängig von der Zahl der Kinder!", so Dr. Elisabeth Müller

Mönchengladbach, (KRFD) Redaktion | 291 klicks

"Ob eine Familie ein, zwei, drei oder vier und mehr Kinder hat, macht einen Unterschied", so Dr. Elisabeth Müller, Vorsitzende des Verbands kinderreicher Familien Deutschland e.V. (KRFD). Dies bringe eine vom BMFSFJ im Juli veröffentlichte Studie klar zum Ausdruck. Die Schlussfolgerung läge auf der Hand: "Wir brauchen eine differenziertere Gestaltung familienbezogener Leistungen, abhängig von der Zahl der Kinder!", fordert Müller, und erinnert daran, dass immerhin ein Viertel aller minderjährigen Kinder mit zwei oder mehr Geschwistern aufwachsen.

Der Forderung Müllers pflichtet KRFD-Beiratsmitglied Prof. Dr. Tilman Mayer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Demographie e.V., bei: "Die Erwerbstätigkeit von Müttern mit vier und mehr Kindern ist deutlich niedriger, entsprechend auch das Haushaltseinkommen, das heißt familienpolitische Leistungen wären hier lokalisierbar." 

Laut der Studie sind bis zum vollendeten 15. Lebensjahr des jüngsten Kindes 60 Prozent der Mütter mit vier, 67 Prozent der Mütter mit drei, 78 Prozent der Mütter mit zwei Kindern sowie 80 Prozent der Mütter mit einem Kind erwerbstätig. Bis zum vollendeten dritten Lebensjahr des jüngsten Kindes sind von den erwerbstätigen Müttern mit bis zu zwei Kindern jeweils knapp die Hälfte wieder erwerbstätig; von den Müttern mit drei Kindern ein gutes Drittel und von den Müttern mit vier Kindern ein knappes Viertel. Das äquivalenzgewichtete Pro-Kopf-Einkommen kinderreicher Familien liegt mit 1.167 Euro (drei Kinder) und bzw. 1.000 Euro (vier Kinder) unter dem Durchschnitt von 1.333 Euro.

Einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis der Erwerbs- und Einkommenssituation liefere, so Müller, die in der Studie enthaltene Untersuchung zur Zeitverwendung: "Zeit ist für Kinderreiche eine, wenn nicht die wichtigste Ressource überhaupt." 

Solange eine Frau nicht erwerbstätig ist, wirkt sich die Zahl ihrer Kinder kaum auf die Betreuungszeit aus. Mütter mit vier und mehr Kindern verwenden zehn Stunden auf die Betreuung ihrer Kinder und damit nur eine Stunde mehr als Mütter mit einem Kind. Mit dem (Wieder-)eintritt in den Beruf, verändert sich die Situation schlagartig. Bei Müttern mit einem Kind verringert sich die Zeit für die Kinderbetreuung auf fünf Stunden bei Teilzeit- und auf vier Stunden bei Vollzeiterwerbstätigkeit. Bei Müttern mit drei und mehr Kindern beträgt sie - unabhängig vom zeitlichen Umfang der Erwerbstätigkeit! - sechs Stunden. Zur Kinderbetreuung kommt der Zeitaufwand für die Hausarbeit hinzu. Er ist umso höher, je mehr Kinder eine Familie hat. Wochentags verbringen Mütter mit einem Kind 2,3 Stunden, mit zwei Kindern 2,9 Stunden, mit drei Kindern 3,5 Stunden und mit vier und mehr Kindern 4,5 Stunden mit Hausarbeit. Ob und wenn ja in welchem Umfang die Frauen erwerbstätig sind, spielt dabei kaum eine Rolle. 

Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Inés Brock ruft dazu auf, Mehrkindfamilien nicht nur als "festen Bestandteil der Familienland­schaft" sondern darüber hinaus als "Ressource für die Gesellschaft" zu betrachten. "Damit kommt auch der Aspekt der Förderung der Ent­scheidung für ein drittes und weitere Kinder politisch ins Blickfeld." 

Der Bevölkerungswissenschalter Prof. Dr. Herwig Birg kritisiert indessen, dass in der Studie "die wichtigsten Aspekte des Themas vollkommen ausge­blendet" werden: "Dazu gehört die entscheidende Voraussetzung dafür, daß es über­haupt Mehrkindfamilien gibt - der Entschluß der Menschen, den Schritt zur Elternschaft und zum ersten Kind zu wagen. Nur nach diesem ersten Schritt können Zweite, Dritte und weitere Kinder geboren werden."