Krimi über Missstände in der psychiatrischen Praxis und Machenschaften der Pharmaindustrie

Filmrezension: Side Effects - Tödliche Nebenwirkungen

Berlin, (ZENIT.orgtextezumfilm) Dr. José García | 392 klicks

Emily (Rooney Mara) und Martin Taylor (Channing Tatum) fingen als glückliches Paar gerade erst an, den Luxus der New Yorker Finanzwelt kennenzulernen, als Martins aufstrebende Karriere einen mächtigen Dämpfer erfuhr. Denn Martin wurde wegen Insiderhandels zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Vier Jahre lang wartete Emily auf Martins Rückkehr. Seine Entlassung aus dem Gefängnis löst bei Emily jedoch nicht die erwünschte Freude aus. Sie fällt in eine tiefe Depression, die schließlich zu einem Selbstmordversuch führt. Daraufhin begibt sich Emily bei dem renommierten Psychiater Dr. Jonathan Banks (Jude Law) in Behandlung. Nachdem die von ihm verschriebenen Medikamente keine Wirkung erzielen, sucht er seine Kollegin Dr. Siebert (Catherine Zeta-Jones) auf, die Emily früher behandelt hatte. In Absprache mit Dr. Siebert behandelt Dr. Banks schließlich Emily mit dem neuen (fiktiven) Psychopharmaka Ablixa. Zeigt dieses Präparat zunächst die gewünschten Wirkungen, so bleibt es nicht ohne Nebenwirkungen, darunter auch Schlafwandeln. Die titelgebenden „Side Effects“ werden tatsächlich auch tödlich, als Emily bei einer schlafwandlerischen Phase Martin mit einem Küchenmesser ersticht, und sich hinterher an gar nichts mehr erinnern kann.

Wegen Schuldunfähigkeit wird Emily denn auch bei einem Gerichtsverfahren freigesprochen. Die Schuld scheint auf dem behandelnden Arzt zu lasten, dem nun auch gesellschaftliche Konsequenzen drohen: Die Gemeinschaftspraxis trennt sich von ihm. Dr. Banks muss wieder von vorn anfangen. So leicht lässt sich der Psychiater jedoch nicht unterkriegen. Denn nun will er genau wissen, was sich unter dem Psychopharmaka „Ablixa“ verbirgt. Regisseur Steven Soderbergh scheint nun in „Side Effects“ zwar dieselbe Richtung einzuschlagen wie einst in seinem Umweltskandalfilm „Erin Brokovich“ (2000) und damit den Kampf des Einzelnen gegen die Übermacht der „bösen Konzerne“ zu thematisieren. Das Drehbuch von Scott Z. Burns, mit dem Soderbergh bereits in „Contagion“ (siehe Filmarchiv) zusammengearbeitet hatte, hält jedoch einige Überraschungen parat. Einen Hinweis darauf erhält der Zuschauer bereits in der Eingangssequenz, die sich eigentlich als Zitat aus Alfred Hitchcocks „Psycho“ (1960) ausnimmt. An Hitchcocks Filme erinnert „Side Effects“ nicht nur deshalb, weil der Regisseur den Verdacht von einer Figur zur nächsten lenkt, sondern auch weil „Side Effects“ ein echtes Hitchcock-Motiv thematisiert: Der harmlose Mann, der in eine Intrige hineingezogen wird. Zwar thematisiert Steven Soderbergh in „Side Effects“ gesellschaftspolitische Fragen, etwa die Insidergeschäfte oder auch den übermäßigen Psychopharmaka-Konsum in den Vereinigten Staaten. Dies geschieht jedoch nur nebenbei, denn Soderberghs Film erweist sich als ein lupenreiner Thriller im Stil des klassischen Film Noir – der allerdings in der Welt der Pharmakonzerne spielt.

Obwohl sich einige der Drehbuchwendungen recht konstruiert ausnehmen, dosiert Soderbergh die Spannung in einem Film geschickt, der von der Anklage gegen die Missstände in der psychiatrischen Praxis und die Machenschaften der Pharmaindustrie über den reinen Krimi bis zu einer Rachegeschichte mutiert. Steven Soderbergh inszeniert „Side Effects“ hyperrealistisch, viel naturalistischer als seine früheren Filme: Um Emilys psychischen Zustand zu visualisieren, gestaltet Produktionsdesigner Howard Cummings ihr Appartement besonders beengt. Den begrenzten Räumen entnimmt die wie üblich von Soderbergh selbst geführte Kamera ungewöhnliche Perspektiven mit bewussten Unschärfen. Die blau-grauen Farbtöne unterstreichen eine Trostlosigkeit, die mit den sonnendurchfluteten Bildern der Rückblenden aus den glücklichen Zeiten des Paares kontrastiert. Sehr realistisch wirkt trotz der erwähnten Drehbuchwendungen auch die ohne jeden Schmuck gedrehte Krimigeschichte, die allerdings in einer kurzen lesbischen Episode unangenehm aufstößt.

Durch den Perspektivenwechsel im Laufe der Handlung verschiebt sich auch die Zuordnung in Haupt- und Nebenfiguren. Die Schauspieler gestalten authentisch ihre Figuren, die verschiedene moralische Pathologien zeigen. So handelt der von Jude Law verkörperte Dr. Jonathan Banks keineswegs aus Sorge um seine Patientin oder lediglich aus Wahrheitsliebe. Sein eigentlicher Beweggrund ist die Erhaltung seines Sozialstatus. Jude Law gestaltet diesen zwischen allen Stühlen sitzenden Psychiater mit einer Spielfreude, die ihn an seine besten schauspielerischen Leistungen anknüpfen lässt. Die weitaus weniger bekannte Rooney Mara vekörpert ihrerseits die widersprüchlichen Gefühlszustände der Emily mit schlafwandlerischer Sicherheit, so dass ihre Wandlungsfähigkeit eine erstaunliche Höhe erreicht. Ihr glaubwürdiges Spiel hilft über manch einen arg gekünstelten Drehbuchumschwung hinweg. Die insbesondere von Jude Law und Rooney Mara verkörperten Figuren, aber auch die von Catherine Zeta-Jones als undurchsichtig gestaltete Dr. Siebert erhalten an diesem klassisch inszenierten Thriller die Spannung. Sie lassen die immer wieder den Zuschauer in die Irre führenden Wendungen authentisch wirken.