Krise überwinden: Kardinal Cottier über den kulturellen und pastoralen Grund für „Spe salvi“

Vorstellung der zweiten Enzyklika Benedikts XVI. im Vatikan

| 1563 klicks

„ROM, 30. November 2007 (ZENIT.org).- „Die christliche Hoffnung war einer immer härtern Kritik ausgesetzt“, erläuterte Kardinal Georges Marie Martin Cottier, emeritierter Theologe des Päpstlichen Hauses, am Freitagvormittag bei der Vorstellung der zweiten Enzyklika von Papst Benedikt XVI. mit dem Titel „Spe salvi“ im Pressesaal des Vatikans.



Der Hoffnung sei vorgeworfen worden, dass sie einen „reinen Individualismus“ zum Ausdruck bringe. „Indem er die Welt ihrem Elend überlässt, hätte der Christ die Flucht in ein ewiges Heil angetreten, das rein privat ist.“

Die Frage, die sich für den Kardinal damit stellt, ist, wie es zu der Vorstellung gekommen sei, dass „mit dem Christentum die Suche nach dem Heil eine egoistische Suche geworden ist, die sich dem Dienst am anderen verwehrt“.

Diese Problematik sei für die moderne Glaubens- und Hoffnungskrise der Christen bestimmend. Aus diesem Grund sei es zu einer neuen Form der Hoffnung gekommen, die sich „Fortschrittsglauben“ nenne und auf eine neue Welt ausgerichtet sei:, „die Welt des Reiches des Menschen“.

Für Cottier wird der Fortschrittsglaube an sich zur herrschenden Überzeugung der Modernität. „Zwei Kategorien geraten immer mehr in den Mittelpunkt der Fortschrittsidee: die Vernunft und die Freiheit.“ Der Fortschritt werde zunehmend zur Domäne der Vernunft, die als „eine Macht des Guten und für das Gute angesehen wird“. Der Fortschritt sei auch die Überwindung aller Abhängigkeiten, das heißt: „Er strebt die vollkommene Freiheit an.“ In dieser Hinsicht präsentiert sich für den Kardinal die Freiheit als Verheißung der Fülle der Verwirklichung des Menschen.

Benedikt XVI. stelle in seiner Enzyklika eine Diagnose dieser Krise der christlichen Hoffnung in der modernen Kultur und ihrer Ersetzung mit dem Fortschrittsglauben vor. „Im Lauf der Geschichte aber werden die Aporien des Letzteren immer offensichtlicher. Es stellt sich erneut und aufdringlich die Frage: Was können wir hoffen?“

In dieser Hinsicht seien die Abschnitte 22 und 23 von „Spe salvis“ entscheidend: „Sie klären den wesentlichen Grund der Enzyklika unter einem pastoralen und kulturellen Gesichtspunkt“, so Kardinal Cottier.

„Wenn der Fortschritt, um Fortschritt zu sein, des moralischen Wachstums der Menschheit bedarf, dann muss die Vernunft des Könnens und des Machens ebenso dringend durch die Öffnung der Vernunft für die rettenden Kräfte des Glaubens, für die Unterscheidung von Gut und Böse ergänzt werden. Nur so wird sie wahrhaft menschliche Vernunft. Sie wird menschlich nur, wenn sie dem Willen den Weg zeigen kann, und das kann sie bloß, wenn sie über sich hinaussieht. Sonst wird die Lage des Menschen im Ungleichgewicht zwischen materiellem Vermögen und Urteilslosigkeit des Herzens zur Bedrohung für ihn und die Schöpfung“ (Spe salvi, 23).