Krisenmanager Tugendlehre – oder: Aristoteles hat doch Recht

Von Professor Horst Seidel

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WÜRZBURG, 1. April 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Wer gegenwärtig die Debatten verfolgt zu Themen wie dem mangelnden Schutz des menschlichen Lebens und der Familie als Grundlage des Staates, Abtreibung - insbesondere die Spätabtreibung -, embryonale Stammzellforschung, Gefährdung der Religionsfreiheit und des katholischen Religionsunterrichts oder die Wirtschaftskrise, macht eine Beobachtung: Die Tugenden werden wieder herbeizitiert. Ob Politiker, ob Bischöfe, ob Wissenschaftler: Alle rufen sie zu mehr ethischem Bewusstsein und mehr Verantwortung auf. Alle fordern sie die Verbesserung der Verhältnisse in Deutschland und aller Welt. Alle setzen sich ein für die Hungernden und Notleidenden in den Kriegsgebieten. Aber welche Tugenden sind hier denn gefragt?

Weiter führt her etwa Erzbischof Robert Zollitsch (Freiburg), der beklagt, „dass vielen Menschen in Deutschland der ,moralische Gleichgewichtssinn‘ verloren gegangen zu sein scheint". In Anlehnung an Papst Benedikt XVI. sagte er, „ethische Maßstäbe seien keine Fesseln des Fortschritts, sondern ,Schlüssel für das wahre Menschsein des Menschen‘ ". Wo sie verloren gingen, und damit der Bezug des Menschen zu Gott, seien die Folge die Untugenden der „Habsucht, Ehrsucht und Geltungssucht, ,die den Menschen entstalten und seine Umwelt und Mitmenschen gefährden‘ ".

Auch Erzbischof Ludwig Schick (Bamberg) mahnt eine „Rückbesinnung auf Tugenden" an. „Nur mit ihnen könnten die Krisen der Zeit und der Zukunft gemeistert werden." Es sei an der Zeit, dass die Wertediskussion nun in die Tugendpraxis übergehe. Dieses Jahr 2009 soll für Erzbischof Schick deshalb ein „Jahr der Tugenden" sein, zu denen er etwa Verlässlichkeit, Weisheit, aber auch Solidarität zählt.

Zur ethischen Erkenntnis gehört unbedingt die Praxis

Als Philosoph beeindruckt nun angesichts dieser Debatte - oder angesichts der Art und Weise, wie der deutsche Bundespräsident in seiner jüngsten Berliner Rede argumentiert hat -, wie aktuell die aristotelisch-thomistische Ethik wieder ist. Sie vermag Orientierung für die gegenwärtige Situation zu geben, was sich an mehreren Punkten aufzeigen lässt.

Die von Erzbischof Schick geforderte Erfüllung der ethischen Erkenntnis in der Praxis ist für die Ethik von Aristoteles wesentlich. Sie wird in der „Nikomachischen Ethik" (NE) als „praktische Wissenschaft" eingeführt, die im Unterschied zur „theoretischen" den Zweck nicht in der Erkenntnis als solcher hat, sondern im Handeln, das heißt, den Willen zum Handeln motiviert, um einen Zweck, ein Gut zu verwirklichen. Hinter den vielen Handlungszwecken steht dann ein letzter Zweck, das sittlich Gute selbst.

Dieses definiert Aristoteles als „die beste Tätigkeit der Seele nach ihrer besten, der Vernunft gemäßen Tugend" (NE, Buch I, Kap. 6). Im Anschluss hieran werden dann die Tugenden in den verschiedenen Handlungsbereichen ausgesucht und definiert: zum Beispiel im Bereich des Lust- und Schmerzvollen die Besonnenheit, im Bereich des Gefahrvollen die Tapferkeit, im Bereich des Gebrauchs der materiellen Mittel (wie des Geldes) die Freigebigkeit, sowie in dem der Verteilung der Güter die Gerechtigkeit. Moderne Kritik an der überlieferten Ethik des sittlichen Guten, Vollkommenen, ist unbefriedigt von diesem Begriff als leerem Ideal und vermisst den vermittelnden Weg zum konkreten Handeln. Dabei wird jedoch übersehen, dass die Lehre von den Tugenden gerade diese Vermittlung leistet, die als spezifische Zwecke zwischen dem allgemeinen, letzten Zweck, dem Guten, und dem konkreten Handeln stehen. Daher ist die von Erzbischof Schick geforderte Rückbesinnung auf die Tugenden sehr sinnvoll, ja notwendig.

Aristoteles unterscheidet zwischen den durch Gewöhnung zu erwerbenden Tugenden, deren Kern bestimmte, vom Verstand geformte und geführte Affekte sind, und den Verstandestugenden. Damit nämlich der Verstand seine Führungsaufgabe gut erfüllen kann, bedarf er selber einer Tugend, der Klugheit. Und diese wiederum empfängt ihre Führung durch die theoretische Weisheit, der sie untersteht. Die Gewöhnungstugend wird allgemein definiert als „Haltung der Seele, welche die Mitte zwischen extremen Affektzuständen hält, wie sie der Verstand bestimmt, oder der Verständige bestimmen würde"; denn er ist „Kanon und Maß" (NE, Buch, I, 6). Die letztgenannte Bestimmung ist sehr wichtig, da sie zeigt, dass traditionell die Tugend kein bloßes Ideal ist, zu dem etwas Reales im konkreten Leben gesucht (und nicht gefunden) wird, sondern dass sie vom Leben guter Menschen her gewonnen wird, welche die Norm, „Kanon und Maß" sind. Indem jede Tugend jeweils zwischen zwei Lastern steht, als die rechte Mitte, muss diese der rechte Verstand mit der Klugheit bestimmen, um so zu handeln, „wie man soll, mit wem, wann und wo, mit welchen Mitteln und zu welchem Zweck".

Die rechte Mitte: Sie kann heute wieder dem Handeln helfen

Bei der Untersuchung der einzelnen Tugenden geht Aristoteles immer diese Kriterien der rechten Mitte durch, wobei das wichtigste der Zweck ist, worum willen eine Handlung geschieht. Er betrifft etwas Gutes für den Menschen. Aber worin liegt dieses? Moderne Interpreten haben hier Aristoteles Ethik als zirkulär kritisiert: Gut ist, was der Gute als gut bestimmt. Aber aus welcher Gutheit kann der Gute das Gute bestimmen? Dabei enthält doch Aristoteles‘ Angabe des letzten Zweckes, des sittlichen Guten, die Antwort; denn es ist definiert als die beste Tätigkeit der Seele, das heißt, als der vollkommene Lebensakt des Menschen, gemäß der vom Verstand geführten Tugenden. Erzbischof Zollitsch spricht vom „wahren Menschsein des Menschen". Das Gute, um dessentwillen zu handeln ist, liegt im guten Lebensvollzug selbst, geführt vom Verstand, der sich der Gutheit in ihm auch bewusst ist, und gründet in der rationalen Wesensnatur des Menschen: mit dem Vorrang des rationalem Seelenvermögens über dem irrationalen und dem Leib.

Die moderne Kritik beruht auf einem empiristischen Standpunkt, dem die Seele mit Verstand und Willen als substanzielle Realität verloren gegangen ist und damit auch der Selbstbesitz des Verstandes beziehungsweise der Vernunft, mit dem sie der Gutheit in sich bewusst ist, der Würde und Erhabenheit über Trieb und Leib. Es ist also immer so zu handeln, dass der Vorrang des Verstandes und die Führung über Trieb und Leib gewahrt bleiben. Alle lasterhaften Verirrungen beruhen darauf, dass der Verstand in eine Abhängigkeit von der triebhaften Sinnlichkeit und der Affekte gerät, mit einem falschen Verfolgen von Lust und Vermeiden von Schmerz, unter Verletzung des von der Vernunft gesollten sittlichen Guten.

Zwar ist der Vorrang des Verstandes vor Trieb und Leib anthropologisch schon vorgegeben in der Wesensordnung des Menschen, aber er wird ethisch zu einer Lebensaufgabe, wozu gute Erziehung und Bildung nötig ist, wie Aristoteles wiederholt betont, damit der Mensch (seelisch) durch Tugenden gestaltet, nicht durch Untugenden „entstaltet" wird (Erzbischof Zollitsch).

Beispielhaft scheint mir zu sein, was Aristoteles zur Tugend der Tapferkeit ausführt: Gegenüber dem drohenden Tod „harrt sie aus, weil es edel ist oder weil das Gegenteil schimpflich ist. Dagegen zu sterben, um der Armut oder einer Liebe oder irgendeinem Schmerze zu entgehen, zeigt nicht Tapferkeit, sondern eher Feigheit; denn es ist weichlich, das Widerwärtige zu fliehen, und wer da den Tod aushält, tut es nicht, weil es edel ist, sondern nur, um einem Übel zu entgehen" (NE III, 11). Angesichts des Todes steht der Mensch in der Prüfung, zu welchem Zweck er leben oder sterben will. Es ist schimpflich, wenn einer nur leben will, wenn es mit leiblichen Gütern und angenehmen Empfindungen ausgestattet ist, frei von allem Ungemach, dagegen edel, wenn er es um des vernunftgemäßen, sittlichen Guten leben will, auch bei Ertragen unangenehmer, ja schmerzhafter Umstände, wozu die Tugend der Tapferkeit erforderlich ist. Mir scheint dieser Text aktuell auch für die heutige Euthanasie-Debatte zu sein.



[© Die Tagespost vom 31. März 2009]