Kulturelle und religiöse Vielfalt: Reichtum, keine Bedrohung

Kardinal Tauran sprach in Wien über den Dialog zwischen den Religionen

Rom, (ZENIT.org) Antonio Gaspari | 365 klicks

„Der interreligiöse Dialog lehrt uns, dass wir immer darauf Acht geben müssen, den Glauben der anderen nicht in ein schlechtes Licht zu stellen, weder an den Schulen und Universitäten, noch in den Medien. Ganz besondere Achtung ist bei interreligiösen Treffen geboten.“

So äußerte sich gestern Kardinal Jean-Luis Tauran, Präsident des Päpstlichen Rats für den Interreligiösen Dialog, bei der Eröffnung des globalen Forums „The Image of the Other“ amKönig-Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog (kurz: KAICIID) in Wien.

Das KAICIID wurde 2011 gegründet, um den Dialog zwischen den Anhängern unterschiedlicher Religionen und Kulturen der Welt zu unterstützen und zu ermutigen und ein gegenseitiges Verständnis, Kooperation, Gerechtigkeit und Frieden zu fördern.

Der Heilige Stuhl nimmt am KAICIID die Rolle des Mitbegründers und Beobachters ein.

Kardinal Tauran erklärte: „Im Mittelpunkt unserer Betrachtungen steht der Mensch, Männer und Frauen. Der Mensch ist auch der Gegenstand der Aufmerksamkeit aller politischen und religiösen Führer. Wir alle glauben an die eine menschliche Familie.“ Nach dieser Klarstellung fügte er jedoch hinzu, dass wir leider immer wieder Zeugen tragischer Fehler würden.

Zu diesen Fehlern gehöre unter anderem die immer wieder anzutreffende Tendenz, „Menschen nach ihrer äußeren Erscheinung oder nach ihrem wirtschaftlichen Produktionsvermögen zu bewerten. In Wirklichkeit ist jeder Mensch viel mehr als nur das, was er zu sein scheint oder was er erzeugen kann.“

„Oft“, sagte Kardinal Tauran weiter, „degradieren wir den Menschen zu einem Gegenstand. Doch die menschliche Natur geht weit über ihre materielle Dimension hinaus.“

Der Präsident des Päpstlichen Rats für den Interreligiösen Dialog erklärte auch, dass man „die religiösen Überzeugungen anderer Menschen nicht abschätzig behandeln“ dürfe; „schon gar nicht, wenn die Betroffenen nicht anwesend sind.“ Kulturelle und religiöse Vielfalt seien „ein Reichtum und keine Bedrohung.“

Laut Kardinal Tauran ist der interreligiöse Dialog ein Aufruf an alle Menschen, „sich gegenseitig zuzuhören und kennenzulernen“, und eine Mahnung, „erst zu denken und dann zu urteilen.“ Die Darstellung des eigenen Glaubens und seiner Motivationen müsse in einem Klima von „Freundlichkeit und gegenseitiger Achtung“ erfolgen.

In diesem Licht könne der interreligiöse Dialog dazu beitragen, dass wir „Gott den Platz einräumen, der ihm zusteht“. Brüderlichkeit, Weisheit und Mut zum Handeln müsse der Glaube inspirieren.

Im Nachdenken über das Thema „Das Bild des Anderen“ (The Image of the Other) solle jeder Einzelne „in sich blicken und sich mit dem Neuen und Wahren konfrontieren“.

„Der Blick auf die anderen“, fügte der Kardinal hinzu, „muss die Bereitschaft voraussetzen, mit allen Menschen, die guten Willens sind, gemeinsam für das Wohl aller zu arbeiten.“

Eine der Aufgaben des KAICIID könne gerade darin bestehen, den „Verstand des Herzens“ zu fördern, der uns dazu anhalte, „den Plan Gottes für jeden einzelnen Menschen zu achten und gleichzeitig über das Geheimnis nachzudenken, das jedem Menschen innewohnt“, meinte der Präsident des Päpstlichen Rats für den Interreligiösen Dialog.

„Was unbedingt vermieden werden muss“, erklärte Kardinal Tauran weiter, „ist, dass Religion zur Quelle von Ängsten, Ausgrenzung anderer und Anmaßung von Überlegenheit wird.“

Abschließend äußerte der Kardinal seine Hoffnung, dass das KAICIID zu einem Ort werden möge, an dem einflussreiche Repräsentanten der unterschiedlichen Religionen sich begegnen können, um sich die Zeit zu nehmen, sich näher kennenzulernen, damit alle zusammen für eine sicherere und friedlichere Welt wirken mögen; eine Welt, in der alle Menschen im Geist der Brüderlichkeit zusammenleben könnten; ganz im Sinne der Worte von Papst Franziskus: „Allen begegnen, denn wir alle haben gemeinsam, dass wir von Gott als sein Abbild geschaffen wurden.“