Kunst und Kirche vereint im Dienst am Herrn

Sakrale Kunst und die Pflicht, die Glaubenswahrheit darzustellen

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Von Rodolfo Papa*

ROM, 07. Mai 2012 (ZENIT.org). - Am vergangenen Gründonnerstag, dem 5. April, hielt der Heilige Vater im Rahmen der Chrisam-Messe eine wichtige Predigt gehalten, von der ich gerne einige Passagen und Argumente wörtlich wiederaufnehmen möchte. Obwohl die Predigt hauptsächlich an den Klerus gerichtet war, nehmen die Argumente aufgrund ihrer Kraft und Dringlichkeit auf die ganze Kirche Bezug und daher auch auf die Künstler und all jene, die, ob als Priester oder Laien, im großen Bereich der sakralen Kunst wirken. Ich werde vor allem den Papst selbst mit seinen Gedanken zu Wort kommen lassen und lediglich jeweils einige Kommentare hinzufügen, um seine Worte auf den Bereich der sakralen Kunst anzuwenden.

Unter Hinweis auf die Weihe der heiligen Chrisam-Öle hat Benedikt XVI. die Priester daran erinnert, dass sie durch ihre Weihe „in der Wahrheit geheiligt“ sind (Joh 17,19). Daraufhin begann er, einige grundsätzliche Fragen zu stellen: „Es geht darum, dass wir, dass ich mein Leben gerade nicht für mich selbst beanspruche, sondern es einem anderen Christus zur Verfügung stelle. Dass ich nicht frage: Was habe ich davon? sondern frage: Was kann ich für ihn und so für die anderen geben? Oder noch konkreter: Wie muss diese Gleichgestaltung mit Christus, der nicht herrscht, sondern dient; der nicht nimmt, sondern gibt - wie muss sie in der oft dramatischen Situation der Kirche von heute aussehen?“

„Ist Ungehorsam ein Weg, um die Kirche zu erneuern?“, so die Frage des Heiligen Vaters; und dann fuhr er fort, uns ins Gewissen zu reden, indem er hinzufügte: „Aber ist Ungehorsam wirklich ein Weg? Spüren wir darin etwas von der Gleichgestaltung mit Christus, die die Voraussetzung jeder wirklichen Erneuerung ist oder nicht doch nur den verzweifelten Drang, etwas zu machen, die Kirche nach unseren Wünschen und Vorstellungen umzuwandeln?“

Mehr noch: „Aber machen wir es uns nicht zu leicht. Hat nicht Christus die menschlichen Traditionen korrigiert, die das Wort und den Willen Gottes zu überwuchern drohten? Ja, er hat es getan, um den Gehorsam zum wirklichen Willen Gottes, zu seinem immer gültigen Wort neu zu wecken. Es ging ihm gerade um den wahren Gehorsam, gegen die Eigenwilligkeit des Menschen.“

Man könnte sicher behaupten, dass der Bereich der Kunst nicht im strengen Sinne an Fragen des Lehramts gebunden ist, doch in Wirklichkeit hat sakrale Kunst eine tiefe Pflicht, die Glaubenswahrheit darzustellen und von daher ist sie in die Frage des Gehorsams gegenüber der offenbarten Wahrheit tief mit einbezogen. „Lassen wir uns noch einmal fragen: Wird mit solchen Erwägungen nicht doch der Immobilismus, die Erstarrung der Traditionen verteidigt? Nein. Wer auf die Geschichte der Nachkonzilszeit hinschaut, der kann die Dynamik der wahren Erneuerung erkennen, die in lebendigen Bewegungen oft unerwartete Gestalten angenommen hat und die unerschöpfliche Lebendigkeit der heiligen Kirche, die Anwesenheit und die Wirksamkeit des Heiligen Geistes geradezu greifbar werden lässt. Und wenn wir auf die Menschen hinschauen, von denen diese frischen Ströme des Lebens ausgingen und ausgehen, dann sehen wir auch, dass zu neuer Fruchtbarkeit das Erfülltsein von der Freude des Glaubens, die Radikalität des Gehorsams, die Dynamik der Hoffnung und die Kraft der Liebe gehören“.

Von zentraler Bedeutung für den Bereich der Kunst scheint insbesondere die folgende Passage zu sein: „...Es bleibt dabei: Die Gleichgestaltung mit Christus ist Voraussetzung und Grund aller Erneuerung“. Auch im Bereich der Kunst bildet diese Gleichartigkeit Kern und Wesen der ganzen Angelegenheit: Alles hat in Christus seinen Ursprung, alles muss mit dem Geheimnis der Menschwerdung, des Todes und der Auferstehung Christi gleichgestaltet werden; alles muss die Herrlichkeit Christi preisen und ihm zu Diensten stehen.

Benedikt XVI. führt Beispiele glänzender Heiligengestalten auf; in Anlehnung daran könnte man an die Werke großer heiliger Künstler erinnern, die die Tradition der Kirche uns empfiehlt und ebenso an die Scharen von großen oder „ganz großen“ Künstlern, die mit ihrer Kunst gläubig „dem Herrn Lobpreis dargebracht“ haben. Auch sie sind für uns ein Modell und ein fruchtbares Beispiel.

„Die Heiligen zeigen uns, wie Erneuerung geht und wie wir ihr dienen können. Und sie lassen uns auch wissen, dass Gott nicht auf die große Zahl und auf die äußeren Erfolge schaut, sondern seine Siege im demütigen Zeichen des Senfkorns erringt.

Liebe Freunde, ganz kurz möchte ich noch zwei Stichworte aus der Erneuerung des Weiheversprechens berühren, die uns in dieser Stunde der Kirche und unseres eigenen Lebens zu denken geben sollten. Da ist zunächst die Erinnerung daran, dass wir wie Paulus es ausgedrückt hat „Ausspender der Geheimnisse Gottes sind“ (1 Kor 4, 1) und dass uns der Dienst der Lehre, der (munus docendi) obliegt, der ein Teil dieses Ausspendens von Gottes Geheimnissen ist, in denen er uns sein Gesicht und sein Herz zeigt, um uns sich selber zu schenken.“

Bei der Begegnung der Kardinäle anlässlich des letzten Konsistoriums haben verschiedene Bischöfe über ihre Erfahrung mit dem religiösen Analphabetismus gesprochen, der mitten in unserer so gescheiten Gesellschaft um sich greift: „Die Grundlagen des Glaubens, die früher jedes Kind wusste, werden immer weniger gekannt. Aber damit wir unseren Glauben leben und lieben können, damit wir Gott lieben können und damit recht auf ihn zu hören fähig werden, müssen wir wissen, was Gott uns gesagt hat; muss unser Verstand und unser Herz von seinem Wort berührt werden. Das Jahr des Glaubens, das Gedenken an die Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren, soll für uns ein Anlass sein, mit neuem Eifer und neuer Freude die Botschaft des Glaubens zu verkündigen.“

Die Kenntnis unseres Glaubens „finden wir natürlich grundlegend und zuallererst in der Heiligen Schrift, die wir nicht genug lesen und bedenken können. Aber dabei machen wir alle die Erfahrung, dass wir Hilfe brauchen, um sie recht in die Gegenwart zu übertragen; dass sie uns wirklich ins Herz trifft. Diese Hilfe finden wir zuallererst im Wort der lehrenden Kirche: Die Texte des II. Vaticanums und der Katechismus der Katholischen Kirche sind die wesentlichen Instrumente, die uns unverfälscht zeigen, was die Kirche vom Wort Gottes her glaubt. Und natürlich gehört der ganze, noch längst nicht ausgeschöpfte Schatz der Dokumente dazu, die uns Papst Johannes Paul II. geschenkt hat.

All unsere Verkündigung muss Maß nehmen an dem Wort Jesu Christi: „Meine Lehre ist nicht meine Lehre“ (Joh 7, 16). Wir verkündigen nicht private Theorien und Meinungen, sondern den Glauben der Kirche, deren Diener wir sind. Aber das darf natürlich nicht heißen, dass ich nicht mit meinem ganzen Ich hinter dieser Lehre und in ihr stehen würde.“ Das trifft noch viel mehr auf die Kunst zu: Die Lehre, die der Künstler bei seiner stillen Arbeit im Dienst der Kirche zum Ausdruck bringt, ist nicht „seine Lehre“, das was er denkt, seine Art zu fühlen, sondern es sollte ausschließlich das Wort unseres Herrn Jesus Christus sein.

„Ich werbe nicht für mich selbst, sondern ich gebe mich selbst“, bekräftigt der Heilige Vater; für den Künstler heißt das, dass dieser sich nicht selbst bestätigt, sondern dass er durch die Kunst das, was er dank des enormen Glaubensguts kennt und bekennt in vollkommener Übereinstimmung mit dem offiziellen Glaubensbekenntnis der Kirche weitergibt. Und im Falle der Kunst besteht das Glaubensgut aus dem unermesslichen ikonographischen Patrimonium der Tradition, über das die sakrale Kunst verfügt.

„Das letzte Stichwort, das ich noch anrühren möchte, heißt Seeleneifer (animarum zelus). Es ist ein altmodischer Ausdruck, der heute kaum noch gebraucht wird. Das Wort Seele gilt in manchen Kreisen geradezu als ein verbotenes Wort, weil es angeblich einen Dualismus zwischen Leib und Seele ausdrücke, den Menschen zu Unrecht zerteile“

„Natürlich ist der Mensch nur einer, mit Leib und Seele zur Ewigkeit bestimmt.“ Die Kunst, und insbesondere die sakrale Kunst, hat die Aufgabe, den Menschen in seiner Ganzheit aufzurichten, die Seele des Gläubigen durch Ermahnung und Zuspruch zu erbauen und jene Unruhe der Willkür zu überwinden, die für unsere „postmoderne“ Zeit auf typische Weise „menschlich, ja nur allzu menschlich“ ist. Nicht die Verweltlichung der sakralen Kunst wird uns den rechten Sinn für die Anpassung an die Zeit verleihen, sondern vielmehr ihr Gegenteil: Eine im Zeichen der ständigen Erneuerung vorangetragene Verchristlichung der Kunst kann nicht ohne eine lebendige Wiedergewinnung der Tradition stattfinden.

*Rodolfo Papa ist Kunsthistoriker, Dozent für Geschichte der ästhetischen Theorien an der Philosophischen Fakultät der Päpstlichen Universität Urbaniana, Rom; Vorsitzender der „Accademia Urbana delle Arti“. Maler, ordentliches Mitglied der „Pontificia Insigne Accademia di Belle Arti e Lettere die Virtuosi“ am Pantheon. Urheber von Bildzyklen der Sakralkunst in verschiedenen Basiliken und Kathedralen. Er interessiert sich für ikonologische Themen der Renaissance- und der Barockkunst, über die er Monographien und Abhandlungen geschrieben hat. Er ist Spezialist für Leonardo und Caravaggio und arbeitet mit zahlreichen Zeitschriften zusammen. Er hält seit dem Jahr 2000 eine wöchentliche Rubrik über die Geschichte der christlichen Kunst bei Radio Vatikan.

[Übersetzung des italienischen Originals von P. Thomas Fox LC]