Kunsthistorischer Einblick in die frisch restaurierte Cappella Paolina

Michelangelos Fresken erstrahlen in neuem Glanz

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ROM, 17. Juni 2009 (ZENIT.org).- Nach fünfjährigen Restaurierungsarbeiten öffnete am 4. Juli die Paulinische Kapelle erstmals wieder ihre Türen. Es handelt sich um die weniger bekannte der drei päpstlichen Privatkapellen im Apostolischen Palast. Nur durch die Scala Regia von der Sixtina getrennt, ist sie allerdings für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Sie diente bis 1670 als Sitz des Konklaves, als das Kardinalskollegium zu groß geworden war und in die geräumigere Sixtinische Kapelle umzog. Die Paulinische Kapelle ist stets ein Ort der Meditation gewesen, so versammeln sich dort heute noch die Kardinäle zum Auftakt der Papstwahl für die feierliche Messe „De Spirito Sancto“.



Die von Antonio da Sangallo d. J. (1538-40) errichtete Kapelle trägt den Namen ihres Auftraggebers Pauls III. Berühmt ist der Kultraum vor allem wegen zweier Fresken Michelangelos (1475-1564). Der 67-jährige kränkelnde Meister, der soeben das Jüngste Gericht in der Sixtina fertig gestellt hatte (1541), führte damit seinen letzten großen Freskoauftrag aus (1542-1550). Er dekorierte die beiden Seitenwände mit den zentralen Ereignissen aus dem Leben der beiden Märtyrer und Stadtpatrone von Rom, denen die Kapelle geweiht ist: auf der linken Wand die Bekehrung des Saulus auf seinem Weg nach Damaskus, auf der rechten die Kreuzigung Petri.

Der Christenverfolger Saulus liegt frontal zum Betrachter gedreht am Boden, nachdem er vom mächtigen Strahl Gottes geblendet vom Pferd gestürzt ist. Auf seine Blindheit spielen die geschlossenen Augenlider an. Auf der gegenüberliegenden Wand wird der Apostel Petrus auf ein Kreuz genagelt, das auf dem Kopf steht. Auch er blickt mit fragendem und gequältem Gesicht zum Betrachter, und zwar von unten, indem er Kopf und Schulter in aufbäumender Bewegung aus dem Bild dreht.

Petrus und Paulus seien Lehrmeister des Glaubens, die mit ihrem Zeugnis dazu einlüden, in die Tiefe zu gehen und in Stille über das Geheimnis des Kreuzes nachzusinnen und das Licht des Glaubens zu empfangen, sagte Benedikt XVI. im Vespergottesdienst anlässlich der Wiedereröffnung der Kapelle. „Die beiden Gesichter stehen sich gegenüber“, erläuterte der Papst. „Man könnte sogar meinen, dass der Blick des Petrus sich genau auf das Gesicht des Paulus richtet, der wiederum nichts sieht, sondern allein das Licht des auferstandenen Christus in sich trägt. Es ist, als suche Petrus in der Stunde seiner größten Prüfung dieses Licht, das Paulus den wahren Glauben schenkte. In diesem Sinn also können die beiden Ikonen als zwei Akte desselben Dramas betrachtet werden, des Dramas des österlichen Mysteriums: Kreuz und Auferstehung, Tod und Leben, Schuld und Vergebung.“

Die umfangreichen Restaurierungsarbeiten haben einige interessante Neuigkeiten ans Licht gebracht: Unter der über die Jahrhunderte entstandenen und nun entfernten dunklen Patina verbargen sich nicht nur die für Michelangelo typische Palette kräftiger Farben, sondern auch für jede einzelne Figur individuell herausgearbeitete ausdrucksvolle Gesichtszüge. Aufschluss gewann man ferner über die unterschiedlich angewandten Freskotechniken (Fresco, Halbfresco und Secco) und vor allem über den Schaffensprozess in einzelnen Tagwerken.

Im Vergleich zu seinen früheren Malarbeiten hat der Künstler ungewöhnlich lange, nämlich acht Jahre, an den knapp 40 Quadratmeter großen Wandflächen zugebracht. Dies kann teilweise sicherlich auf sein fortgeschrittenes Alter (67 bis 75 Jahre) und auf andere sich zeitlich überschneidende Aufträge zurückgeführt werden. In einem Brief bekundet Michelangelo allerdings seine eigene Unzufriedenheit über das Werk, das er nur angenommen habe, weil er Papst Paul III. nichts abschlagen könne. Das würde zumindest die über die Tagwerke nachgewiesene nur zögerlich entwickelte Figurenkomposition erklären und auch die heterogene Ausarbeitung von Details. Zwar erntete Michelangelo mit den Freskobildern der Paulinischen Kapelle nicht denselben Erfolg wie bei der sixtinischen Ausmalung – ja, im Gegenteil, es wurde im 16. Jahrhundert eher kritisch aufgenommen –, jedoch bedeutet das keineswegs, dass es sich um ein zweitklassisches Werk des Meisters handelt. Vielmehr zeigt sich hier der Künstler in einer gereiften Phase mit großen szenischen Kompositionen und neuen Impetus sowie stärkere Betonung des Gesichtsausdrucks der einzelnen Figuren.

Für den Chefrestaurator Maurizio De Luca steht jedoch eine andere Entdeckung im Mittelpunkt des Interesses: Er hat keine Zweifel, dass Michelangelo sich in dem bärtigen Reiter mit lapislazuli-blauem Turban im Hintergrund der Kreuzigungsszene selbst porträtierte. Turbane wurden in der Renaissance häufig von Bildhauern und Handwerkern bei der Arbeit zum Schutz gegen Staub getragen. In der Tat sind Ähnlichkeiten mit Bildnissen, die wir von Michelangelo besitzen, nicht von der Hand zu weisen. Doch ist diese Interpretation in Fachkreisen umstritten. Fraglich bleiben für den Direktor der Vatikanischen Museen, Antonio Paolucci, die jugendlichen Gesichtszüge des Reiters, die nicht vereinbar seien mit dem damaligen Alter des Künstlers.

Die 3.250.000 Euro teure Restaurierung wurde zum Großteil über Spenden der „Patrons of the Art“, dem amerikanischen Freundeskreis der Vatikanischen Museen, finanziert. Es wurde alles unternommen, um die Arbeiten pünktlich zum Ende des Paulusjahres abzuschließen und die Kapelle wieder ihrer liturgischen Bestimmung zu übergeben.

Von Tanja Schultz