Kurienkardinal Herranz über die beiden „Rebellen“ Johannes Paul II. und Josemaría Escrivá

Interview mit dem ehemaligen Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Interpretation von Gesetzestexten

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ROM, 26. Juni 2007 (ZENIT.org).- Papst Johannes Paul II. und der heilige Opus-Dei-Gründer Josemaría Escrivá de Balaguer, dessen Gedenktag heute begangen wird, sind in den Augen von Kurienkardinal Julián Herranz wahre „Rebellen“.



Der frühere Präsident des Päpstlichen Rates für die Interpretation von Gesetzestexten, der 1930 in Baena (Spanien) geboren wurde, hat im spanischen Rialp-Verlag das Buch „En las afueras de Jericó: recuerdos de los años con san Josemaría y Juan Pablo II“ („Außerhalb Jerichos: Erinnerungen an die Jahre mit dem heiligen Josemaría und Johannes Paul II.“) veröffentlicht, in der er Einblick in seine persönlichen Erfahrungen gewährt.

Gegenüber ZENIT erläuterte der Kurienkardinal, worin sich der Vorgänger Benedikts XVI. und der Gründer des „Werkes Gottes“ gleichen, was unter der so genannten „postkonziliaren Krise“ zu verstehen ist und was mit den kirchlichen Gesetzen bezweckt wird.

ZENIT: 26 Jahre lang durften Sie Seite an Seite mit Josemaría Escrivá verbringen. Waren Sie sich bewusst, dass Escrivá nicht nur ein Gründer war, sondern zudem ein Heiliger?

-- Kardenal Herranz: Ja, denn diese Dimensionen seiner Persönlichkeit waren untrennbar miteinander verbunden: Der Herr bediente sich seiner, um das Opus Dei zu gründen, gerade weil er ein kontemplativer, in Christus verliebter Mensch war – ein Heiliger.

Von der Betrachtung der heiligsten Menschheit Christi ausgehend, das heißt von der Liebe des Mensch gewordenen Gottes, „schwang sich“ der heilige Josemaría, wie er zu sagen pflegte, zu einem ununterbrochenen kindgemäßen Umgang mit dem Vater und dem Heiligen Geist auf, der uns beibringt, wie man mit beiden Beinen auf der Erde steht und gleichzeitig den Blick auf den Himmel richtet.

Vor ein paar Jahren, als ich in Jerusalem war, notierte ich mir in meinen persönlichen Aufzeichnungen: „Auf dem Weg nach Jericho steht ein Strauch, von dem ich einen kleinen Ast abgeschnitten habe. Ich möchte mit ihm die Urne berühren, in der die Überreste jenes geliebten Menschen liegen, der das Werkzeug war, dessen sich Gott bediente, damit meine Seele, die in der Finsternis gefangen gehalten war und nach Christus gerufen hatte, diesen schließlich finden, sich in ihn verlieben und ihm nachfolgen konnte.“

ZENIT: Von 1965 bis 1975 äußerte Escrivá immer wieder: „Was in der Kirche geschieht, tut mir weh.“ Was meinte er?

-- Kardinal Herranz: Er bezog sich auf die so genannte „postkonziliare Krise“: auf das schreckliche Paradox, dass just zu dem Zeitpunkt, an dem der Heilige Geist die Kirche gerade mit der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils reich beschenkt hatte, zahlreiche Menschen durch falsche Interpretationen des Konzils zu furchtbar traurigen und schmerzhaften Schritten veranlasst wurden.

Das äußerte sich zum Beispiel im Wunsch, den Glauben durch das Beiseitelassen Gottes und eine zeitlich bedingte Verkürzung der Heilsbotschaft zu aktualisieren; in der Infragestellung der Identität des Priesters, was viele verweltlichen ließ und zum Abfall vieler Priester und Ordensleute führte; in einem anarchischen und entweihenden Experimentieren mit der Liturgie, verbunden mit einer fortschreitenden Banalisierung der allerheiligsten Eucharistie usw.

Eng verbunden mit Paul VI., teilte der heilige Josefmaria den tiefen inneren Schmerz des Papstes über dieser Situation.

ZENIT: Sie haben Ihr Leben in den Dienst des Heiligen Stuhls gestellt und sind in erster Linie im Justizbereich tätig gewesen, der nur wenig bekannt ist und dessen Wert nicht immer erkannt wird: Welche Bedeutung haben die Gesetze, die Gerichte, das Kanonische Recht usw. im Leben der Kirche?

-- Kardinal Herranz: Sie bedeuten Liebe zu Christus und zur Kirche, dem Volk Gottes.

In der Konzilskonstitution „Lumen gentium“ werden wir daran erinnert, dass Christus die Kirche zugleich als geistige Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe und als irdische Gesellschaft gegründet hat, die mit hierarchischen Organen und Gesetzen ausgestattet ist, durch die die Rechte und Pflichten aller Gläubigen festgelegt werden.

Es handelt sich um Gesetze, die alle auf das Ziel der Kirche ausgerichtet sind, nämlich die Verbreitung der Botschaft Christi in der Welt und das ewige Heil der Gläubigen.

Die Gesellschaftsstruktur steht im Dienst der Gnade und der Gemeinschaft. Deshalb ist die demagogische Gegenüberstellung von Evangelium und Gesetz oder von pastoraler Gesinnung und kanonischer Anordnung, wie sie manche machen, sinnlos.

ZENIT: Unter Paul VI. haben Sie an der Vorbereitung der neuen Kirchengesetzgebung mitgearbeitet. Was könnten Sie uns über Paul VI. sagen?

-- Kardinal Herranz: Dass er ein heiliger Papst war, der die christlichen und priesterlichen Tugenden heroisch lebte; dass er das Zweite Vatikanische Konzil weise leitete und dass er es inmitten starker und schmerzhafter doktrineller Spannungen zu einem glücklichen Abschluss führte.

Ich bewundere seine große pastorale Klugheit, seine opferbereite Liebe zu Christus und seine leidenschaftliche Liebe zu einer Kirche, die – in Treue zu den Anforderungen des Evangeliums – einen fruchtbaren Dialog mit der modernen Gesellschaft unterhält. Deshalb ließ ich Johannes Paul II. im Mai 1992 auch mein schriftliches Ansuchen zukommen, den Seligsprechungsprozess zu eröffnen.

ZENIT: 26 Jahre lang arbeiteten Sie an der Seite von Papst Johannes Paul II., der damit gewissermaßen „Ihr“ Papst gewesen ist, wenn ich das so sagen darf. Was ist Ihnen diesbezüglich besonders lebhaft in Erinnerung geblieben?

-- Kardinal Herranz: Die Kraft, mit der er sich in der Predigt zur Heiligsprechung des heiligen Josemaría an die zahlreichen Gläubigen wandte, die ihn in Rom und der ganzen Welt zuhörten, und erklärte: „Er erinnert euch weiterhin daran, dass ihr euch nicht von einer materialistischen Kultur einschüchtern lassen dürft, die die innerste Identität der Jünger Christi aufzulösen droht.“

In diesem Augenblick hatte ich den Eindruck, als würden diese beiden großen „Rebellen“, Wojtyla und Escrivá, in meiner Seele eins werden: der Papst als unermüdlicher Verteidiger der Würde des Menschen angesichts der totalitären Utopie der „Gerechtigkeit ohne Freiheit“ und der agnostischen Utopie der „Freiheit ohne Wahrheit“, und der Gründer, der zur geistigen Rebellion gegen die so genannte „dreifache Welle“ aufrief, die sich gegen das Christentum und gegen die Menschheit richtete: die „rote“ Welle des marxistischen Materialismus, die „schwarze“ Welle des Neuheidentums im Gewand der Laizismus und die „grüne“ Welle des animalischen Pansexualismus.

ZENIT: Jetzt stehen wir mitten im Pontifikat von Benedikt XVI. Erwarten Sie bedeutende Änderungen, was das Verständnis der kirchlichen Disziplin angeht?

-- Kardinal Herranz: Im Bereich der Berufungsförderung und der priesterlichen Disziplin wird es wahrscheinlich zu Änderungen kommen, und zwar nach dem bekannten Pastoralprinzip: „Um mehr zu sein, gilt es, besser zu sein.“

Dazu wird es auch im Bereich der kirchlichen Leitung kommen: Sie wird dynamischer und apostolischer werden, um der wachsenden „Diktatur des Relativismus“ mit einer kraftvollen Neuevangelisierung entgegenzuwirken.