„L’ erba santa – das heilige Kraut“: Die Päpste und der Tabak

Von Ulrich Nersinger

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ROM, 5. April 2008 (ZENIT.org).- Papst Benedikt XVI. wird vom 15. bis zum 20. April die USA besuchen. Im Vorfeld der päpstlichen Visite haben die „Physicians and Nurses Against Tobacco“ zu einer Petition an den Heiligen Vater aufgerufen. Die in Rhode Island beheimatete Organisation von Ärzten und Krankenschwestern, die sich dem Kampf gegen das Rauchen verschrieben hat, möchte erreichen, dass sich der Vatikan zum ersten tabakfreien Staat der Welt erklärt.

Die Beziehung der Päpste zum Tabak ist facettenreich und ein nicht uninteressantes Kapitel der Kirchengeschichte.

Im Sommer 2002 sorgte Papst Johannes Paul II. für leidenschaftlich geführte Diskussionen in der Ewigen Stadt. Diesmal aber ging es nicht um eine Frage des Glaubens oder der Moral. Eine „weltliche“ Entscheidung des Papstes hatte die Gemüter erregt. Im Vatikan war am 1. Juli eine Verordnung in Kraft getreten, die das Rauchen im kleinsten Staat der Erde erheblich einschränkte. Nichtraucher und Gesundheitsorganisationen begrüßten das neue vatikanische Gesetz und überschlugen sich in ihrem Lob für den Souverän des Kirchenstaates. Anhänger des Genußmittels, die über ein kirchenhistorisches Wissen verfügten, konnten jedoch darauf verweisen, daß die Päpste in den vergangenen 500 Jahren dem Tabak eher wohlwollend gegenüber gestanden und ihn oft mit Genuß konsumiert hatten. Ein hochstehender Kurienbischof empfahl eine Novene – ein neun Tage zu haltendes Gebet – zum seligen Pius IX. Dieser Papst hatte vor mehr als 150 Jahren ein Gesetz erlassen, das auch heute noch den Tabakfreund zu begeistern vermag: Er sprach 1851 das Verbot aus, das Tabakrauchen in den Päpstlichen Staaten zu behindern.

Rauchen ist kein Phänomen unserer jetzigen Zeit, keine Modeerscheinung. Schon in der Antike und im Frühmittelalter wurde der Rauch bestimmter Pflanzen als Heilmittel oder Stimulans eingeatmet. Herodot (484-425 v. Chr.), der Vater der Geschichtsschreibung, berichtet von dem Einatmen des betäubenden Hanfkrautes bei den Skythen. Über die Mesagten schrieb er: „Sie haben Bäume gefunden, die leicht brennende Früchte tragen, diese warfen sie in ein angezündetes Feuer, setzten sich dicht um dasselbe herum, und berauschten sich durch den Dampf wie die Griechen durch den Wein. Je mehr sie von den Früchten hineinwarfen, desto trunkener wurden sie, bis sie endlich in wildem Tanze ihrem Rasen freien Zügel ließen“. In seiner Naturgeschichte beschreibt Plinius der Ältere (23-79 n. Chr.) die heilsame Wirkung des Rauches glimmender Blüten und Blätter des Huflattisches (Tussilago farfara). So manch Kurioses ist in seiner Schrift nachzulesen: „Auch soll der durch ein Rohr eingezogene Rauch des getrockneten Mistes von einem im Grünen weidenden Stier gegen die Melancholie gute Dienste leisten“. Plutarch (46-120 n. Chr.) berichtet von einem nicht näher beschriebenen Gras bei den Germanen, das diese ins Feuer warfen, um sich dann an dem entstehenden Qualm zu berauschen.

Aber erst die Entdeckung Amerikas führte zu dem Genuß dessen, was wir heute als Tabak bezeichnen. Bartolomeo de Las Casas, der Bischof von San Cristobal, beschreibt in seiner berühmten „Historial general de las Indias“, was zwei Kundschafter des Christopher Columbus – Rodrigo de Xeres und Luis Vaez de Torres – auf Ferdinandia, dem heutigen Kuba, erlebten: „Unterwegs begegneten sie vielen Männern und Frauen, die ein kleines Feuer mit sich führten, das in den Blättern eines Krautes glühte, dessen Rauch sie einatmeten ... Die Indianer haben eine Pflanze, deren Rauch sie mit Entzücken und Wonne einatmen. Dieses Kraut wickeln sie in ein trockenes Blatt, zünden es an einem Ende an und saugen am anderen, um den Rauch mit ihrem Atem einzuziehen, wodurch eine Beruhigung im ganzen Körper entsteht ... Die Indianer behaupten, daß sie dadurch fast keine Müdigkeit mehr fühlen“. Das trockene Blatt, das als Rauchrohr diente – und nicht etwa den glimmenden Inhalt! – nannten die Indianer „tabago“.

Archäologische Funde in Mittel- und Südamerika legen nahe, daß der Tabak auf diesem Erdteil schon mehrere Jahrtausende vor Christi Geburt in Gebrauch war. Bei Grabungen entdeckte Plantagenfelder geben davon eindrucksvoll Zeugnis. Ein aus dem 6. Jahrhundert nach Christus stammendes Relief an einem Maya-Tempel in Palenque zeigt einen heidnischen Priester, der einen „tabago“ im Mund hält und raucht. Das Rauchen besaß kultischen Charakter. Im „Popol Vuh“, der Stammesgeschichte der Quiché-Maya, liest man: „Das Rauchen ist die ewige Freude der Götter, die, wenn es blitzt, Feuer schlagen, sich ihre ‚tabagos’ anzünden und Wolken in alle vier Winde blasen.“ Für den französischen Anthropologen Claude Levi-Strauß stand fest, daß der Tabak bei den Maya und Azteken der „Zwiesprache mit den Göttern“ diente.

Eine frühe Nachricht über den medizinischen Gebrauch des Tabaks findet sich in dem Bericht eines Eremitenmönches, Frà Romano Pane, an Papst Alexander VI. (1492-1503). Der Ordensmann war Christopher Columbus auf seiner zweiten Reise von dem Borgia-Papst mitgegeben worden. Auf der Insel Hispaniola, dem heutigen Haiti, hatte Pane beobachtet, wie die indianischen Priester und Medizinmänner den Tabak als Wundkraut benutzten.

Kardinal Prospero Pubblicola di Santa Croce (1513-1589) war der Botschafter des Papstes am portugiesischen Hofe gewesen. Als er von seiner diplomatischen Mission in Lissabon nach Rom zurückkehrte, brachte er Tabaksamen als Geschenk für Pius IV. (1559-1565) mit. Der Papst übergab das kostbare Pflanzgut den Zisterziensermönchen der Ewigen Stadt. Für eine Reihe von Jahren verblieb das sonderbare Kraut in den Kräutergärten der Ordensleute und diente ausschließlich als Heilmittel. Die Pflanze, für gewöhnlich „erba di Santa Croce – Heilig-Kreuz-Kraut“ oder „erba santa – heiliges Kraut“ genannt, erhielt später den lateinischen Namen „nicotiana rustica“, so benannt nach Jean Nicot, dem französischen Botschafter in Portugal, der zeitgleich mit dem Kardinal den Samen nach Frankreich brachte. Der aus Siena stammende Botaniker und Mediziner Pietro Andrea Mattioli beschreibt die Pflanze in seinen „Commentarii in sex libros“ (Venedig, 1568) ausführlich und sieht ihn ihr eine neue Variante des hochgiftigen Schwarzen Bilsenkrautes (Hyoscyamus niger), im Spanischen auch unter der Bezeichnung „veleno minore – minderes Gift“ bekannt.

1574 brachte ein Geistlicher, Monsignore Nicolò Tornabuoni, der sowohl als Botschafter des Papstes als auch des Großherzogs der Toskana am französischen Hofe gewirkt hatte, die neue Pflanze in die Toskana. Er schenkte den Pflanzensamen seinem Onkel Alfonso Tornabuoni, dem Bischof von Sansepolcro. Der Prälat säete ihn in seinem Garten aus, um die Pflanzen zu medizinischen Zwecken zu nutzen. Cosimo I. Medici, ein Freund des Bischofs, erhielt einige von diesen Pflanzen zum Geschenk und kultivierte sie in seinen Besitztümern bei Chitignano in der Provinz Arezzo. Die neue Pflanze wurde zu Ehren des Bischofs „erba Tornabuona“ genannt. Eine detaillierte Beschreibung des Krautes findet sich bei Andrea Cesalpino in dessen Werk „De Plantis“ (Florenz 1585). In dem herzoglichen Herbarium von Ferrara wird die Pflanze dann erstmals als „tabacho“ bzw. „nicotiana tabacum“ geführt.

Der erste Anbau von Tabak in den Päpstlichen Staaten, der nicht ausschließlich zu medizinischen Zwecken geschah, fand in den Marken statt, in Chiaravalle, einem Kloster des Zisterzienserordens. Die Mönche erzeugten aus den getrockneten Blättern der Pflanze mit primitiven Steinmühlen ein Pulver, aus dem Schnupftabak gewonnen wurde. Nur wenige Jahre nachdem Kardinal Prospero di Santa Croce die Tabakpflanze nach Italien gebracht hatte, sorgte ein anderer Purpurträger für einen weiteren Meilenstein in der Tabakgeschichte des europäischen Kontinents. Während eines Empfangs bei dem römischen Fürsten Virginio Orsini wurde Kardinal Cesario vom Hausherrn ein Gegenstand gezeigt, den der Adelige kurz zuvor in London erworben hatte. Das Objekt – unter dem Name „Pfeife“ bekannt – fand das Interesse des Geistlichen. Der Kardinal begeisterte sich so sehr für die Möglichkeit, den Tabak auf diese Weise zu genießen, daß er die Pfeife um das Jahr 1590 am päpstlichen Hof einführte – von dort aus fand sie Heimstatt und Verbreitung in Rom und im ganzen Herrschaftsgebiet des Papstes.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde erstmals ein kirchliches Rauchverbot ausgesprochen; es betraf jedoch nur den Mißbrauch in einigen Gotteshäusern und wandte sich nicht gegen das Rauchen generell. Papst Urban VIII. erließ am 30. Januar 1642 eine Bulle, die sich gegen bestimmte Ausuferungen in spanischen Kirchen wandte: „Da ja die Kirchen den Gottesdiensten geweihte Häuser des Gebetes sind und sich für sie daher jedwede Heiligkeit ziemt, kommt es mit vollem Recht Uns, denen die Sorge für sämtliche Kirchen des Erdkreises anvertraut ist, achtzuhaben, daß von diesen jedwede profane und unziemliche Handlung ferngehalten werde: So auch, wenn Uns von einem Teile des Dekanates und des Kapitels der Metropolitankirche zu Sevilla mitgeteilt wird, daß sich in diesen Gegenden der Gebrauch des Krautes, gemeinhin ‚Tabak’ genannt, derart eingenistet hat, daß Personen beiderlei Geschlechts, ja sogar Kleriker und Priester ... sogar während der Feier der hochheiligen Messe sich nicht scheuen, den Tabak mit dem Munde oder mittels der Nase zu sich zu nehmen, die heiligen Linnengewänder des Heiligtums zu besudeln und die vorgenannten Kirchen zum großen Ärgernis der Frommen unter Mißachtung der heiligen Handlungen mit dem ekelhaften Geruche zu infizieren. Daraus ergibt sich nun, daß Wir, damit solch ein schmählicher Mißbrauch aus unseren Kirchen ausgetilgt werde, es der Gesamtheit und allen Einzelpersonen beiderlei Geschlechts, sowohl der weltlichen wie der kirchlichen, verbieten und untersagen“.

Als der Papst als höchstmögliche Strafe die Exkommunikation, den Kirchenbann, nicht ausschloß und sogar eine Überantwortung der Übeltäter an den weltlichen Arm verordnete, erntete er den Spott der Römer. An der Statue des Pasquino war zu lesen: „Gegen ein Blatt, das vom Winde fortgerissen wird, gehst du mit Macht vor, und einen dürren Halm verfolgst du“. Der Spruch gefiel dem Papst und er versprach dem Verfasser großzügig fünfhundert Scudi Belohnung. Pasquino antwortete: „Gib sie dem Hiob“. Die Worte waren nämlich dem Buch Hiob, Kapitel XIII, Vers 25, entnommen. Die Bestimmungen der Bulle wurden nur in Spanien durchgeführt – dort aber rigoros: In Santiago mauerte man im Jahre 1692 fünf Mönche ein, weil sie sich während religiöser Zeremonien wiederholt nicht an das päpstliche Rauchverbot gehalten hatten.

1650 verfügte Innozenz X. (1644-1655) ein Rauch- und Schnupfverbot für St. Peter. Bei einem Hochamt in der Basilika hatte der Papst beobachtet, wie sich sogar hochstehende Mitglieder seines Hofstaates mehr an der Konsumierung des Tabaks erfreuten als an der feierlichen Liturgie. 1658 veröffentlichte der Jesuitenpater Jakob Balde ein Pamphlet gegen das Rauchen; es trug die Überschrift „Die trockene Trunkenheit“. Die Ansichten des Ordensmannes stießen jedoch bei der Geistlichkeit auf wenig Verständnis. Der Prediger Abraham à Santa Clara sah im mäßigen Genuß des Tabaks sogar die Förderung der Gesundheit. Denn Tabak wurde als Sud gegen Pest, Schmerzen, Gicht, Koliken, Schwerhörigkeit und Zahnschmerzen getrunken, Tabaktinktur auf Bettlaken gestrichen, um sie gegen Verunreinigung zu schützen, und Krätze mit einem Tabakmus bekämpft. Schon im Pestjahr 1614 hatte der englische Arzt William Barkley geschrieben: „Mäßig angewendet gibt es in der ganzen Welt kein dem Tabak vergleichbares Medikament; alles am Tabak ist heilsam“. Und in einem Kräuterbuch aus dem Jahre 1656 heißt es: „Der Tabak macht niesen und schlaffen, reinigt den Gaumen und Haupt, vertreibt die Schmerzen und Müdigkeit, stillet das Zahnweh und Mutteraussteigen, behütet den Menschen vor der Pest, verjaget die Läuse, heilet den Grind, Brand, alte Geschwüre, Schaden und Wunden“. Doch dann wurde Europa immer mehr vom Tabakrauch überzogen. Die Straßen waren gepflastert mit den schleimigen Auswürfen der Tabakkauer. Man wurde des Krautes überdrüssig. Abraham à Santa Clara nannte den Tabak nun nicht mehr eine Wohltat, sondern nur noch das „vermaladeyte Taback-Pulver“.

Am 17. Oktober 1711 regelte Papst Klemens XI. (1700-1721) durch eine eigens erlassene Bulle den Verkauf des Genußmittels durch die römischen Tabakhändler. Das Rauchen und Schnupfen nahm in der Öffentlichkeit wieder geordnetere Dimensionen an. Benedikt XIII. (1724-1730) hob im Jahre 1725 alle kirchliche Zensuren auf, die auf den Tabakgenuß (oder vielmehr auf dessen Mißbrauch) standen, inklusive der in bestimmten Fällen angedrohten Exkommunikation; er erlaubte zudem den Klerikern den Gebrauch von Tabak, ermahnte sie jedoch, „dabei keinen Anlaß zum Ärgernis zu geben“ und untersagte es, „die Tabakdose herumzureichen, während man ihm Chor sitzt und die Gebete verrichtet“.

1740 entstand im römischen Stadtteil Travestere eine Tabakmanufaktur. Für den Betrieb ihrer hydraulischen Mühlen nutzte die „manufattura“ das Wasser der Acqua Paola beim Gianicolo. Benedikt XIV. (1740-1758), ein begeisterter Raucher und Schnupfer, schuf am 21. Dezember 1757 die Tabaksteuer ab. Von diesem Zeitpunkt an war für einige Jahrzehnte die Aussaat, die Ernte und der Verkauf des Tabaks auch Privatleuten möglich. In Rom selber gab es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts drei große staatliche Manufakturen: In Santa Maria dell’Orto wurden leichte Zigarren hergestellt, im Hospiz von San Michele schwere Zigarren und im Convento di S. Margerita Schnupftabak.

Im Jahre 1779 erteilte Papst Pius VI. (1775-1799) dem deutschen Kaufmann Peter Wendler die Konzession für eine Tabakmanufaktur in Rom; in ihr wickelte man die berühmten „bastoni di tabacco – Tabakstäbe“. Eine Jahr später verfaßte Wendler eine vielbeachtete Anleitung für die Kultivierung des Tabaks im Kirchenstaat – die „Istruzione per la coltivazione del Tabacco nello Stato Pontificio“. Während der Okkupation des Kirchenstaates durch die Franzosen schufen die Besatzer in der Ewigen Stadt die „Regia dei sali e tabacchi“; sie erhielt ihren Sitz sinnigerweise in einem Ordenshaus, dem Convento S. Caterina a Magnapoli. Im Jahre 1815, nach dem Sturz Napoleons, bestätigte Papst Pius VII. (1800-1823) die Einrichtung und die Statuten der „Regia“.

Um das Jahr 1830 wurden in Cori bei Rom die Hersteller des „Moro di Cori“ verpflichtet, die Blätter als Schnupftabak an die Würdenträger des päpstlichen Hofs zu verkaufen; 1831 führte Papst Gregor XVI. (1831-1846) die Kultivierung dieses Tabaks in ein Staatsmonopol über. 1850 begann man in der päpstlichen Legation (Staat) von Umbrien mit dem Anbau des „Kentucky“; Versuche, dort auch die „Brasil“ und andere Sorten zu kultivieren, führten zu eher unbefriedigenden Ergebnissen.

1851 erließ Kardinalstaatssekretär Giacomo Antonelli im Namen des seligen Pius IX. (1846-1878) die Verordnung, den Tabakkonsum im Herrschaftsgebiet des Papstes nicht zu behindern. Der Tabakgenuß gehörte in Rom zum alltäglichen Leben – und wurde jederman gegönnt. Selbst zum Tode verurteilten Schwerverbrechern und Mördern verweigerte man den Tabak nicht; Mastro Titta (Giovanni Battista Bugatti), der legendäre Scharfrichter der Ewigen Stadt von 1796 bis 1864, pflegte, bevor er seines Amtes waltete, den Delinquenten eine Prise Schnupftabak anzubieten.

1852 später wurde in den Päpstlichen Staaten eine Aktiengesellschaft der „Regia del tabacco“ gegründet; die Leitung war einem Beamten der Kurie anvertraut worden, der als „Gestore“ die Geschäfte des Unternehmens führte. Die päpstliche Regierung hielt 65% der Aktienanteile der Gesellschaft. Acht Jahre später verfügte Pius IX. den Bau einer neuen großen Tabakmanufaktur in der Ewigen Stadt; noch heute dienen die Baulichkeiten der Generaldirektion der „Autonomen Verwaltung der italienischen Staatsmonopole“.

Die Vorliebe Pius IX. für den Schnupftabak war allerorts bekannt. So erhielt der Papst bei Audienzen und aus Anlaß seiner vielen Jubiläen unzählige Tabakdosen zum Geschenk. Daß der päpstliche Hoflieferant sehr oft „Nachschub“ an Schnupftabak in den Apostolischen Palast liefern mußte, lag jedoch nicht an einem übermäßigen Tabakgenuß Pius’ IX., sondern in dem Umstand, daß der Papst seinen Mitarbeitern und Gästen oft eine Prise anbot.

Sein Nachfolger Leo XIII. (1878-1903) hatte sich schon als Apostolischer Nuntius in Brüssel einen Namen als Schnupftabakexperte gemacht. Bei einem Botschaftsempfang in der belgischen Hauptstadt wollte man den damaligen Vertreter des Heiligen Stuhls in Verlegenheit bringen. So bot man ihm eine Schupftabakdose an, auf deren Innenseite des Deckels sich eine gewagte, ja als schlüpfrig zu bezeichnende Darstellung einer jungen Dame befand. Einige eingeweihte Diplomaten blickten auf Monsignore Pecci und warteten gespannt auf die Reaktion des Päpstlichen Gesandten. Der Nuntius öffnete die Dose, warf einen Blick auf das Bild, nahm genüßlich eine Prise zu sich, schloß das Behältnis, wandte sich dann dem Besitzer der Tabakdose zu und fragte mit freundlicher Miene: „Reizend! Die Frau Gemahlin?“

Auch als Pontifex Maximus bewahrte sich Leo seine Vorliebe für den „tabacco da fiuto“. Bei einer Audienz nahm der Papst eine Prise Schnupftabak zu sich. Dann hielt er die Dose seinem Gegenüber, einem Mitglied des Kardinalskollegiums, hin. „Danke, Eure Heiligkeit“, bekam er zur Antwort, „ich habe dieses Laster nicht“. Worauf der Papst den Kardinal lächelnd ansah und bemerkte: „Mein Lieber, wären Schnupfen oder Rauchen ein Laster – Sie hätten es!“ Die Leidenschaft des Papstes für dieses Genußmittel wurde sogar in der Weltliteratur verewigt. In seinem Roman „Rome“ berichtete Emile Zola, daß die Soutane, die der Papst trug, sich voll braunen Schmutzes zeigte, der längst den Knöpfen heruntergerieselt war; auf dem Schoße habe der Pontifex ein großes Schnupftuch gehabt.

Wie schon seine beiden unmittelbaren Vorgänger trug auch Pius X. (1903-1914) – ein leidenschaftlicher Schnupfer – Sorge dafür, daß es seinen Mitarbeitern und Besuchern nicht am Tabakgenuß mangelte. Zu bestimmten Anlässen ließ der Papst den Bediensteten seines Hofstaates Gratifikationen zukommen. Es handelte sich zumeist um Pontifikatsmedaillien, Geldzuwendungen oder auch Weindeputate. Bei einem seiner Spaziergänge durch den Apostolischen Palast, der ihn am Quartier der Nobelgarde vorbeiführte, bemerkte er, wie aus diesem ein feiner Tabakgeruch hinausdrang. Von diesem Tage an konnten sich die aristokratischen Leibwächter des Heiligen Vaters an einer alljährlichen päpstlichen Zigarrenspende erfreuen.

Über das Verhältnis Papst Benedikts XV. (1914-1922) zum Tabak ist recht wenig bekannt. Pius XI. (1922-1939) wußte eine gute Zigarre zu schätzen, er bevorzugte vor allem toskanische; er rauchte sie zumeist nach den Mahlzeiten. Pius XII. (1939-1958) nahm viele Jahre Schnupftabak zu sich, bis er bedingt durch eine schwere Lungenentzündung darauf verzichten mußte. Vom seligen Johannes XXIII. (1958-1963) ist bekannt, daß er bis zu einer Packung Zigaretten am Tag konsumierte. Auch der ansonsten eher asketische Paul VI. (1963-1978) rauchte. Der Montini-Papst bot bei Staatsbesuchen den Gästen während der Gespräche in seiner Privatbibliothek Rauchwaren an. Dem sowjetischen Präsidenten Podgorny offerierte der Papst höchstpersönlich eine Zigarette; eine Indiskretion verriet den Namen der Marke, es handelte sich um eine „Kent“. Papst Johannes Paul II. (1978-2005) galt als Nichtraucher – was möglicherweise ein wenig das Gesetz vom 1. Juli 2002 verständlich macht.

Auch unter den engsten Mitarbeitern der Päpste fanden sich überzeugte und leidenschaftliche Nikotinanhänger. Kardinal Jean Villot, der Staatsekretär des Vatikans unter Paul VI., war ein starker Raucher; als seine Lieblingsmarke galt die „Gauloise§. Mancher Mitarbeiter des Staatssekretärs tat sich schwer, Akten, die allzu lange auf dem Schreibtisch des Vorgesetzten gelegen hatten, zu bearbeiten – so stark drang aus den Blättern der Geruch von Nikotin. Nach dem Tode des Purpurträgers munkelte man im Vatikan, das Ableben Villots sei ursächlich auf dessen hohen täglichen Zigarettenkonsum zurückzuführen.

Monsignore Dino Monduzzi, der Regens und spätere Präfekt des Päpstlichen Hauses, konnte seine Leidenschaft kaum unter Kontrolle halten. Bei Audienzen und Staatsbesuchen verschwand der vatikanische Würdenträger immer wieder für kurze Zeit, um sich in einem mehr oder weniger einsehbaren Winkel des Apostolischen Palastes eine Zigarette anzuzünden und dann einige kräftige Lungenzüge zu nehmen. Beim dem Staatsbesuch von Bundespräsident Richard von Weizsäcker im März des Jahres 1994 war das Verhalten des Präfekten so auffällig, daß die Nachricht hierüber sogar über die Ticker der deutschen Nachrichtenagenturen verbreitet wurde.

Durch die Steuerfreiheiten, deren sich der Vatikanstaat erfreut, ist die „Anona“, der päpstliche Supermarkt, zu einem Mekka der Raucher geworden, auch wenn der Bezug von Tabak durch einen besonderen Ausweis, eine „tessera“, begrenzt ist und nur bestimmten Personen vorbehalten ist. Die anonymen Autoren des Enthüllungsbuches „Vatikan intern“ verrieten ihren Lesern im Jahre 1973: „Einige der begehrtesten Artikel im Deputat [der Anona] tauchen auf der ‚tessera’ gar nicht auf, die Tabakwaren. Die Tabakmagazine sollen die Angestellten niemals betreten. Sie werden wie eines der zahlreichen vatikanischen Geheimnisse gehütet. Die Tabakwaren werden einmal im Monat in den Büros oder bei höheren Herren auch in den Wohnungen abgeliefert. Es ist nicht gewünscht, daß die gesamte Stange Zigaretten nach Hause genommen wird, um den Weiterverkauf zu bremsen. Pro Tag soll höchstens eine Packung – und diese geöffnet – aus den Räumen exportiert werden. Diese Zigaretten sollen nicht einmal verschenkt werden. Pro Monat stehen den Angestellten 40 Päckchen ausländische und 15 italienische Schachteln zu. Falls einer Zigarren rauchen will, rechnet das fromme Zigarettendeputat vor, daß eine Zigarre gleich vier Zigaretten sei ... Zigaretten, die in Italien durch den Staat verteuert und deshalb begehrtes Handelsobjekt aller Koffer- und Bauchladenhändler sind, haben im Vatikan folgende Preise: die 20er Packung HB raucht der Monsignore für 290 Lire, der Duft der großen weiten Welt kostet ihn 10 Lire mehr. Eine Muratti-Packung 310 Lire. Italiens offizielle Tabakmonopolisten, die ‘tabaccai’, müssen für HB, Stuyvesant mindestens 450 Lire verlangen, für die Muratti 500 Lire“.

Für einzelne Einrichtungen des Heiligen Stuhls und des Vatikanstaates gab es schon in den Neunziger Jahren Rauchbeschränkungen, so zum Beispiel für das Personal der Vatikanischen Druckerei. Auf dem “Meeting on Tabacco and Religion” am 3. Mai 1999 in Genf (Schweiz) gab der Vertreter des Vatikans eine Initiative des Heiligen Stuhls und des Päpstlichen Gesundheitsrates bekannt; mit Blick auf das Heilige Jahr 2000 favorisiere man einen “Tabakfreien Tag zu Gunsten der Opfer von HIV und AIDS”. Im Jubiläumsjahr selber konnte man in Ansprachen und Predigten mehrfach den Aufruf zum Nikotinverzicht vernehmen. Für das Weltjugendtreffen in Toronto stellte der Päpstliche Laienrat besondere Verhaltensregeln auf; unter anderem beinhalteten diese auch ein Rauchverbot für die Jugendlichen.

Am 1. Juli 2002 trat durch ein von der Päpstlichen Kommission für den Staat der Vatikanstadt erlassenes Gesetz ein umfassendes Rauchverbot für den Kirchenstaat in Kraft; es gilt auch für vatikanische Dienstfahrzeuge und die exterritorialen Besitzungen des Heiligen Stuhls. Die Gendarmerie des Vatikans wurde damit beauftragt, die Einhaltung des Verbotes zu überwachen. Die Übertretung des neuen Gesetzes soll in der Regel mit 30 Euro geahndet werden. Die „multa“ (Geldstrafe) muß innerhalb von fünf Tagen in einem der Wachbüros der Gendarmerie beglichen werden. Widerstrebenden „Tätern“ und solchen, die sich weigern, die Geldstrafe zu entrichten, droht die Vorladung vor den „giudice unico“ (Einzelrichter) des Stadtstaates.

Das neue vatikanische Gesetz wurde in den italienischen Medien mit mancherlei Spott bedacht. Viele Vatikanjournalisten waren der Meinung, daß die mediterrane Mentalität genügend Auswege finden würde, das Rauchverbot zu umgehen oder erst gar nicht zur Anwendung kommen zu lassen – eine Meinung, die auch der Leiter der deutschsprachigen Abteilung von Radio Vatikan, der Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen, gegen über einem deutschen Fernsehsender zum Ausdruck brachte. Zudem stehen viel zu wenig Gendarmen zur Verfügung, um das Verbot „Flächendeckend“ durchzusetzen.

Unter denjenigen, die im Vatikan leben oder arbeiten, besteht die Hoffnung, daß ihre Obrigkeit letztendlich nicht jenem protestantischen Rigorismus verfällt, der sich im 17. Jahrhundert in der Schweiz gegenüber den Konsumenten des Tabaks gezeigt hatte. 1667 war in einem Kanton rückfälligen Rauchern angedroht worden, sie würden „entweder von statt und land verwisen oder mit ruthen ausgehauen oder mit einem Zeichen gebrennt”. Und Jahre zuvor (1661) hatten sich die Stadtväter von Bern ermächtigt gefühlt, den Zehn Geboten den Zusatz beizufügen: „Du sollst nicht rauchen!“