Lamm und Hirte zugleich

Impuls zum 4. Sonntag der Osterzeit

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 741 klicks

Im Evangelium des vierten Ostersonntags kommt uns – trotz der Kürze der Perikope – wieder einmal zu Bewusstsein, dass das Leben mit Gott vielfältiger und reicher sein kann als das zweidimensionale Leben der Menschen, die sich mit den sichtbaren Gegebenheiten dieser Welt begnügen.

Aus den Worten Jesu hören wir ja immer wieder heraus, dass er uns über den bloßen Anschein der Dinge hinausführen will. Die Welt ist viel tiefer als gedacht.

Andererseits ist sie aber auch viel einfacher als gedacht, wenn wir an das uns heute vorgestellte Bild vom Guten Hirten und den Schafen denken. Erstes Paradox.

In der Lesung aus der Geheimen Offenbarung des Johannes ist die Rede von den Heiligen, die ihre Gewänder im Blut des Lammes weiß gewaschen haben – geht das? Rot macht nicht weiß. Oder von dem Lamm, das die Menschen weiden will. Weitere Paradoxa.

Das größte Paradoxon, auch im Sinne von Widerspruch, finden wir in der Person Jesu Christi selbst. „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30), sagt er im heutigen Evangelium, und doch sind sie zwei.

Die menschliche Sprache ist einfach zu kurz, um die Geheimnisse Gottes adäquat auszudrücken. Erst recht im höchsten aller Geheimnisse: Gott ist einer in drei Personen.

Dieser vierte Ostersonntag wird auch „Sonntag vom Guten Hirten“ genannt. Im Tagesgebet heißt es nämlich: „Allmächtiger, ewiger Gott, dein Sohn ist der Kirche siegreich vorausgegangen als der Gute Hirt. Geleite auch die Herde, für die er sein Leben dahingab, aus aller Not zur ewigen Freude!“

Noch vor wenigen Wochen sahen wir Jesus als das „Lamm, das man zum Schlachten führt“. In jeder Hl. Messe beten wir: „Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt…“ Wie kann er denn gleichzeitig das Lamm und der Gute Hirt sein? Schließt das eine nicht das andere aus?

Scheinbar ja, in Gottes Wirklichkeit aber nicht. Er ist wirklich beides. Vieles wäre auch zu sagen über die anderen Vergleiche aus der Tierwelt, die einander scheinbar ausschließen, und doch alle wahr sind. Jesus ist der „Löwe aus Juda“, zugleich der „Pelikan“, der sein Herzblut opfert, um seine Jungen zu nähren, der „Fisch“ (Ichthys auf griechisch: Jesus Christus, Sohn Gottes, Erlöser). Um die himmlische „Menagerie“ zu vervollständigen sind da die Taube als Symbol des Heiligen Geistes, der Adler des hl. Johannes, der Hahn des hl. Petrus, ferner der Pfau als Symbol des ewigen Lebens und auch der Hase hat unvermuteterweise einen christlichen Bezug, ist er doch ein Symbol – besonders in der byzantinischen Kirche, - für die Auferstehung.

Aber schauen wir noch einmal auf den Guten Hirten.

Dieses Motiv zu gestalten, wäre sicher für jeden Künstler eine wahre Freude, denn es gibt kaum ein friedlicheres und anmutigeres Bild als das der ruhig weidenden Herde und des fürsorglich wachenden Hirten. Und das ist auch die Absicht des göttlichen Hirten, dass wir uns an dem Bild freuen.

Aber dann geht es weiter, nach der Freude (früher sagte man Erbauung) kommt eine Aufforderung. Natürlich wie immer bei voller Wahrung der menschlichen Freiheit. Christus verpflichtet uns nicht, sondern er lädt uns ein, und zwar, ihm zu folgen. Zuerst sagt er: „Ich stehe vor deiner Tür und klopfe an…“ (Off 3,20). Er tritt nur ein, wenn wir aufmachen. Dann etwas später erfolgt die nächste Einladung: „Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein“. (Joh 12,24). Und schließlich: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und so folge er mir nach“ (Lk 9,23).

Unsere Berufung als Christen ist also die Christus-Nachfolge, oder wie Thomas von Kempen es im Original seines berühmten Büchleins nennt: Imitatio Christi. Ja, wir sollen, wir dürfen Christus nachahmen, sein Leben auf Erden „imitieren“.

Das bedeutet also im Hinblick auf das Evangelium des heutigen Sonntags: auch wir sollen, so wie er, sowohl Lamm als auch Hirte sein. Ein Lamm, das auf die Stimme des Guten Hirten hört, wie auch auf die der von ihm eingesetzten Hirten auf Erden. Aber gleichzeitig sollen wir auch Hirt für andere sein, indem wir Christus auch darin so weit wie möglich nachahmen. Sein Tun als Hirt wird charakterisiert durch den Begriff „weiden“. So hörten wir es am vergangenen Sonntag, als er Petrus anwies, seine Lämmer und Schafe zu weiden. In der Nachfolge Christi werden wir die uns Anbefohlenen, Kinder, Schüler, Kollegen, Mitarbeiter etc. nicht befehligen oder gar reglementieren, sondern uns ihnen widmen, ihnen helfen und sie pflegen.

Mit der Hilfe der Gottesmutter wird uns ein solches scheinbar paradoxes „Doppelleben“ reich und froh machen: „Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren“ (Joh 12,26).