Lanciano: Das älteste und am besten dokumentierte eucharistische Wunder

Interview mit Pater Gianfranco Berbenni, Experte für Sindonologie und Kirchengeschichte

Rom, (ZENIT.org) Cuca Maset | 544 klicks

Pater Gianfranco Berbenni, Experte für Sindonologie und Kirchengeschichte, wird heute im Rahmen des Masters „Wissenschaft und Glaube“ am Päpstlichen Athenaeum Regina Apostolorum einen Vortrag über „Das eucharistische Wunder von Lanciano: Zwischen Wissenschaft, Glaube und Pastoral“ halten.

Unter allen eucharistischen Wundern ist das, das sich um 730-750 in Lanciano (Abruzzen) ereignete, das älteste und am besten dokumentierte; auch das einzige Wunder dieser Art, das von der wissenschaftlichen Welt ohne Vorbehalte anerkannt wurde (u.a. von der Kommission der Weltgesundheitsbehörde). Diese Anerkennung ist das Ergebnis akkurater Laboruntersuchungen. Um dieses interessante Thema zu vertiefen, hat ZENIT mit Pater Gianfranco Berbenni ein Interview geführt.

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Das Wunder von Lanciano ist das älteste eucharistische Wunder der Welt. Welche Folgen hatte es für den Glauben?

Pater Gianfranco Berbenni: Für den Glauben der Kirche war dieses älteste aller Eucharistiewunder jahrhundertelang ein Anreiz dazu, über die Realpräsenz unseres Herrn Jesus Christus in der heiligen Eucharistie, in der Substanz von Brot und Wein, nachzudenken und an der sakramentalen Gewissheit dieser Präsenz festzuhalten.

Was bedeutet dieses Wunder für die Pastoral?

Pater Gianfranco Berbenni: Das altehrwürdige eucharistische Wunder von Lanciano sollte den über die Welt verstreuten Ortskirchen neue Lebenskraft in der Eucharistieverehrung geben. Konkret sollte diese Lebenskraft in zwei Dingen zum Ausdruck kommen: einerseits in einem Wiederbeleben der Wallfahrten nach Lanciano aus allen Teilen der Welt, andererseits in einer tieferen Verehrung der heiligen Eucharistie im Alltag der einzelnen Pfarreien, Gemeinden und Familien.

Warum geschehen viele Wunder gerade während der sakramentalen Wandlung des Brotes und Weins in Leib und Blut Christi?

Pater Gianfranco Berbenni: Offensichtlich betrachtet der dreieinige Gott das Eucharistiesakrament als Quelle, Herz und Gipfel seiner Gegenwart in der Kirche (Shechinah). Denn sein Sohn, der Einzige, der Geliebte, ist der alleinige Weg zum Leben, das einzige Tor zur Herrlichkeit, der einzige Meister der Liebe, der sich mit Freude hingibt und für uns alle aufopfert. Davon legen die heilige Hostie und das heilige Blut in Lanciano Zeugnis ab.

Warum versucht die Wissenschaft, Wunder zu „erforschen“, wie es auch im Fall des Eucharistiewunders von Lanciano geschehen ist? Sind Wunder nicht Ereignisse, die weit über eine wissenschaftliche Erklärung hinausgehen?

Pater Gianfranco Berbenni: Die katholische Kirche unterstützt seit jeher wissenschaftliche Untersuchungen; in erster Linie deshalb, damit jede Möglichkeit einer Täuschung oder Fälschung, die für den Glauben der Kirche gefährlich werden könnte, ausgeschlossen wird. Außerdem ist eine wissenschaftliche Untersuchung nützlich, um die Eckdaten eines wunderbaren Ereignisses festzulegen; im Fall des Eucharistiewunders von Lanciano zum Beispiel, um zu beweisen, dass die aufbewahrten Reliquien auch tatsächlich Fleisch und Blut eines Menschen sind. Manche wissenschaftliche Studien beschäftigen sich mit Begleiterscheinungen des Wunders, zum Beispiel mit der Erhaltung anatomischer Teile durch so viele Jahrhunderte: Meistens kommen die Forscher angesichts der scheinbaren Immunität der Reliquien gegen biochemischen Zerfall an die Grenzen ihrer Erklärungsmöglichkeiten. Schließlich haben manche Wissenschaftler versucht, mit den Methoden der Gerichtsmedizin an den Reliquien Spuren der grausamen Qualen und des gewaltsamen Todes am Kreuz nachzuweisen, so wie sie in den Evangelien beschrieben sind.

Das Wunder von Lanciano, wie auch das Blutwunder von Bolsena, scheinen eine direkte Antwort auf einen Zweifel des Priesters und damit eine indirekte Antwort auf die Zweifel der Gläubigen zu sein…

Pater Gianfranco Berbenni: Glaube und Zweifel sind Vorgänge, die jeder Mensch erlebt, besonders wenn er sich dem Mysterium der Eucharistie gegenübergestellt sieht, von dem gesagt wurde: „Visus, tactus, gustus in Te fallitur“ (Die Sinne des Sehens, Fühlens und Schmeckens scheitern an Dir), bezogen auf Christus im Sakrament der Eucharistie. Sogar Mönche, wie in Lanciano, oder Priester, wie in Bolsena, können Schwierigkeiten haben, diese „latens Deitas“ (im Brot und im Wein verborgene Gottheit) zu akzeptieren. Die lateinischen Zitate stammen aus dem „Adoro te devote“ des heiligen Thomas von Aquin (13. Jahrhundert).

Warum brauchen wir Wunder?

Pater Gianfranco Berbenni: Wunderbare Ereignisse wie jenes sehr alte von Lanciano (8. Jahrhundert) zeigen uns den geduldigen Umgang der göttlichen Liebe mit einer Kirche, die in allen Epochen der Heilsgeschichte mit Glaubensschwierigkeiten zu kämpfen hatte. Es handelt sich also nicht um selbstherrliche Machtbekundungen Gottes, der schließlich immer den Weg der scheinbaren Schwäche und Sinnlosigkeit des Leidens am Kreuz, der Sakramente (in denen Gott im Verborgenen wirkt), der alles ertragenden, glaubenden, hoffenden, entschuldigenden Liebe (vgl. 1 Kor 13,7) gewählt hat. Der große Kirchenvater Augustinus von Hippo hat es gut verstanden, die paradoxe Weisheit des Wunders in all ihren Erscheinungsformen zu beschreiben.