Länder in der Armutsfalle und mögliche Auswege

Von Pater John Flynn LC

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ROM, 30. November 2007 (Zenit.org).- Die ärmsten Länder brauchen Hilfe, und die entwickelteren Länder müssen ihnen zu Hilfe kommen: Das bekräftigt der Vatikan in letzter Zeit mit besonderem Nachdruck. Fast zehn Millionen Kinder unter fünf Jahren sterben jedes Jahr an vermeidbaren Krankheiten, prangerte etwa Erzbischof Celestino Migliore, Ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen, vor kurzem in New York an.



In seiner Ansprache vor der UN-Generalversammlung am 9. Oktober sprach der Nuntius über den Fortschritt, der im Hinblick auf die so genannten Millenniums-Entwicklungsziele erzielt werden konnte. Unter anderem erklärte er allerdings auch: „Die globale Gemeinschaft scheint die Notwendigkeit aus dem Blick verloren zu haben, das Recht auf eine Grundversorgung hinsichtlich der Gesundheit für alle zu gewährleisten.“

Einige Länder hätten zwar Fortschritte gemacht, einige Staaten blieben jedoch hinter den übrigen Entwicklungsländern zurück. Erzbischof Migliore rief deshalb dazu auf, diesen Staaten größere Aufmerksamkeit zu schenken, ihnen mehr Anreize zu Investitionen zu bieten und ein günstiges wirtschaftliches und soziales Klima zu schaffen. Diese Bemühung müsse mit der Förderung des Friedens und der Gewährleistung von Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit Hand und Hand gehen.

Am 19. Oktober kam der offizielle Vertreter des Papstes noch einmal auf die Frage der wirtschaftlichen Entwicklung zu sprechen. Vor der UN-Vollversammlung, die über das Projekt der neuen Partnerschaft für die Entwicklung Afrikas (NEPAD) beriet, wies er darauf hin, dass Afrika begonnen habe, aus dieser Initiative Nutzen zu ziehen, und zwar zum Teil wegen der günstigen internationalen Wirtschaftsbedingungen. „Dennoch stehen diese positiven Zeichen in starkem Kontrast zu Konfliktsituationen und dem Tatbestand extremer Formen von Armut, die schwer auszurotten ist.“

Migliore rief zu erneuten Anstrengungen bei der Vorbeugung, Handhabung und Lösung der Konflikte in Afrika auf. Gerechterer Zugang zu den Weltmärkten, mehr Investitionen und Technologietransfer sowie bessere Bildungs- und Gesundheitssysteme gehörten ebenfalls zu den angesprochenen Punkten.

Die Armutsfalle
Warum es vielen armen Ländern nicht gelingen will, mit der Entwicklung Schritt zu halten, ist Thema eines Buches von Paul Collier, Professor der Ökonomie an der Universität Oxford. Es trägt den Titel: „The Bottom Billion: Why the Poorest Countries are Failing and What Can Be Done About It“ („Die untere Milliarde: Warum die ärmsten Länder scheitern und was man dagegen tun kann“) .Das Buch ist Anfang dieses Jahres bei „Oxford University Press“ erschienen.

Eine bestimmte Kategorie von Staaten, die in Afrika und Zentralasien beheimatet sind und in denen rund eine Milliarde Menschen leben, stehen bei ihrem Versuch, die Wirtschaft anzukurbeln, vor scheinbar unlösbaren Problemen. Bedauerlicherweise seien komplexe Schwierigkeiten dafür verantwortlich, schreibt der Autor. Es sei nicht einfach damit getan, ihnen mehr Geld zu geben. Diese Form der Entwicklungshilfe habe de facto – abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen – in diesen Ländern zu keinem Fortschritt beigetragen. Der Wandel müsse überwiegend von innen kommen.

Collier nennt verschiedene „Fallen“, in denen solche Länder stecken. In seinem Buch konzentriert er sich auf die vier wichtigsten:

1.) Die Konfliktfalle: Nicht weniger als 73 Prozent der Menschen in den Staaten der „Bottom Billion“, der Ärmsten der Armen, haben entweder bis vor kurzem einen Bürgerkrieg durchgemacht oder befinden sich noch in einem solchen. Bürgerkriege sind nicht nur blutig und zerrütten die Wirtschaft, sie neigen auch dazu, länger zu dauern als internationale Konflikte.

2.) Die Falle der natürlichen Ressourcen: Viele Länder, die auf den Export von Bodenschätzen angewiesen sind, verabsäumen es, sich in den anderen Sektoren ihrer Wirtschaft zu entwickeln und durchlaufen in der Regel aufgrund der Preisschwankungen einen Zyklus von Aufschwung und Bankrott. Außerdem begünstigen die leichten Gewinne aus den Exporten, besonders im Ölgeschäft, die Korruption, was leicht zu einem aufgeblähten Regierungssektor führt.

3.) Die Falle, von Nachbarn umgeben zu sein (die selbst schlecht dran sind) und keinen eigenen Zugang zum Meer zu besitzen: Ein Land, das keinen direkten Zugang zum Meer hat, muss mit höheren Transportkosten für Importe und Exporte rechnen. Wenn zu diesem Faktor auch noch die Tatsache hinzugesellt, dass die Infrastruktur in den Nachbarstaaten zu wünschen übrig lässt oder dass dort Konflikt im Gang sind, explodieren die Kosten sehr schnell.

4.) Die Falle, ein kleines Land mit einer korrupten Regierung zu sein: Eine schlechte Regierung und eine falsche Politik zerstören eine Wirtschaft schnell. Viele Politiker und höhere Funktionäre leben ein Leben voller Privilegien und sind immun gegenüber Armut und Chaos, die ihre Politik über den Rest der Bevölkerung bringt.

Collier schlägt verschiedene Maßnahmen vor, die dabei helfen können, aus diesen Fallen herauszukommen. Sie reichen von intensiveren internationalen Bemühungen, Konflikte und Bürgerkriege zu beenden, zum erneuerten Kampf gegen die Korruption und für die Einführung gesunder Wirtschaftssysteme. Weitre Vorschläge sind die Errichtung eines Rechtsstaates, größere Transparenz von Seiten der Regierungen und Reformen bei der Handhabung der Entwicklungshilfe.

Was hoffen lässt
Einige gute Nachrichten brachte der „World Investment Report 2007“, der am 16. Oktober von der Welthandels- und Entwicklungskonferenz UNCTAD vorgestellt wurde.

Nach diesem Bericht sind die globalen Auslands-Direktinvestitionen im Jahr 2006 zum dritten Mal hintereinander gestiegen, und zwar um 38 Prozent auf 1,306 Milliarden Dollar. Dies ist nahe der Rekordhöhe von 1,411 Milliarden Dollar im Jahr 2000. Diese Zunahme der Investitionen betrifft zudem alle drei Gruppen von Wirtschaftssystemen: die entwickelten Länder, die Entwicklungsländer und die Übergangssysteme Südosteuropas und des Commonwealth unabhängiger Staaten.

Eine besondere Ursache für den Zuwachs seien die steigenden Firmengewinne und die höheren Aktienkurse, zusammen mit dem höheren Wert der Fusionen und Erwerbungen von Gesellschaften über Staatsgrenzen hinweg. Aber auch die Neuinvestitionen in den Entwicklungsländern haben laut UNCTAD zugenommen.

Im Jahr 2006 gewann Afrika 36 Milliarden an Investitionen, doppelt so viel wie im Jahr 2004. Der Bericht führt dies auf das wachsende Interesse an Bodenschätzen zurück, bessere Gewinnaussichten für die Unternehmen und ein günstigeres Geschäftsklima.

Das geographische Muster der Investitionen ändere sich ebenfalls, heißt es in dem Bericht. Der Investitionsfluss von Entwicklungs- und Übergangs-Wirtschaftsystemen (zu den reicheren Staaten) nehme gegenüber dem traditionellen Muster der Investitionen von reicheren Staaten an ärmere Länder zu. So habe China seine Stellung als größerer Investor konsolidiert, und Indien sei dabei, rasch aufzuholen.

In einem anderen Bericht der UNCTAD mit dem Titel „Wirtschaftliche Entwicklung in Afrika“, der am 11. Oktober veröffentlicht wurde, wird die Situation Afrikas näher in den Blick genommen. Danach ist zwar die jüngste Wirtschaftsleistung in Afrika mit einer Wachstumsrate von 5,7 Prozent beachtlich, reiche jedoch noch nicht dazu aus, dass die afrikanischen Länder das erste Millenniumsziel, die Armut bis zum Jahr 2015 zu halbieren, erreichen. Dazu müssten die Wachstumsraten sieben bis acht Prozent betragen.

Unter den verzögernden Faktoren nennt der Bericht das Fehlen gesetzlichen Schutzes für die Investoren und hohe Steuersätze. Außerdem litten die afrikanischen Länder unter einer zu geringen Produktbreite bei ihren Exporten.

Im Bericht wird auch die dringende Forderung gestellt, dass jedes Land ein ihm angemessenes Wirtschaftssystem erhält, das für die jeweilige Situation dieses Landes maßgeschneidert ist, anstatt dass ihm eine Einheitsform nach dem Motto „Eine Größe passt für alle“ übergestülpt wird.

Eine moralische Verpflichtung
Die Armutsbekämpfung ist eine moralische Pflicht. Das betonte Erzbischof Silvano Tomasi, Ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls beim Büro der Vereinten Nationen und UN-Sonderorganisationen in Genf, in einer am 4. Juli abgehaltenen Sitzung des Wirtschafts- und Sozialrates der UN.

In mehreren Regionen Afrikas und Asiens sei die Lebenserwartung fast halb so hoch wie die in den reichen Ländern, und das Analphabetentum erreiche hohe Quoten. Entwicklungshilfe und Schuldenerlass hätten nicht alle erhofften Ergebnisse gezeitigt. Der Erzbischof empfahl angesichts dieser Entwicklungen, sich mehr auf Projekte zu konzentrieren, die Arbeitsplätze schaffen. Sie könnten eines der Mittel sein, die Armut zu reduzieren.

„Arbeit ist die einzige Möglichkeit für ein Gemeinwesen, seinen eigenen Mehrwert zu schaffen, mit dem es seine Schulden selber bezahlen und aus der Armut herauskommen kann.“

Der Heilige Stuhl, so betonte Erzbischof Tomasi damals, habe die ärmeren Länder wiederholt und mit Nachdruck an ihre Pflicht erinnert, selbst dafür zu sorgen, dass sie gut regiert werden, und alles in ihrer Macht stehende zu tun, um die Armut auszurotten. Nicht weniger wichtig sei indes die Hilfe anderer Länder, denen es besser gehe. Eine solche Hilfe, so bekräftigte der Vertreter des Heiligen Stuhls, sei eine ernste moralische Verpflichtung.